Zulöaer Mzeiger
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Nr. 158 — 1932
Fulda, Freitag, 8. Juli
9. Jahrgang
U-Boot-Unglück in Frankreich
66 Todesopfer?
Aus Paris wird gemeldet: Eines der neuesten französische» Unterseeboote „PromLthèe ist auf der Höhe von Cherbourg nach einigen Manövern an der Wasseroberfläche aus bisher unbekannten Gründen plötzlich gesunken. 68 Mann der Besatzung sind voraussichtlich ertrunken. Der Kapitän und einige Ingenieure, die sich im Turm befanden, konnten gerettet werden. Das Boot ruht in fünfzig Meter Tiefe auf dem Meeresgrunde.
Paris, 8. Juli. (Eigene Funkmeldung.) Wie zu dem Untergang des U-Bootes Promèthèe ergänzend berichtet wird, sind, wie erwähnt, 66 Mann, und zwar 49 Mitglieder der Besatzung zuzüglich 17 Marinebeamten und Arsenalarbeitern vermißt. Gerettet wurden bisher her U-Boot-Kommandant, ein Fähnerich zur See, drei Deck-Offiziere und drei Matrosen. Das U-Boot hatte eine Raumverdrängung von 1550 Tonnen über Wasser und 2000
Neue Forderungen Frankreichs.
3m Gestrüpp des Dokumentenurwaldes.
Nach einer ausgedehnten Nachtsitzung in Lausanne, die abgebrochen werden mutzte, weil die Teil- V nchmer so erschöpft waren, datz sie nicht mehr folgen konn-
ten, erklärte der französische Ministerpräsident, man sei, jetzt jgjM"®»*»^ dabei, gewisse Wege in dem Urwald der Dokumente zu bahnen. Den nächsten Versuch dieser Pfad- findcrarbeit machte eine zweistündige Besprechung zwischen Papen und Herriot in den frühen Morgenstunden. Über das Ergebnis wird von deutscher Seite mitgeteilt, daß ausschließlich die p o l i t i s ch e «Fragen zur Verhandlung gelangt sind. Die endgültige Festsetzung der ziffernmäßigen Höhe der Abschlagszahlung ist vorläufig hinter diesen Fragen stark in den Hintergrund getreten. Eine Einigung über die politischen Fragen konnte jedoch noch nicht erzielt werden.
In der Besprechung wurde festgestellt, daß die gesamten politischen Fragen kaum mehr restlos infolge der Kürze der Zeit auf dieser Konferenz gelöst werden können. Es hat sich weiter ergeben, daß jetzt von französischer Sette gewisse politische Forderungen in bezug auf die Hal- tung Deutschlands in der Zukunft geltend gc- macht worden sind.
Diese Forderungen sollen im Zusammenhang mit dem von der Gegenseite vorgeschlagenen Konsultativpakt stehen, nach dem sich die Mächte verpflichten sollen, in Zukunft über die großen grundsätzlichen internationalen Fragen sich zu verständigen. ^te Schwierigkeiten, die bereits zu Anfang der Konferenz in diesen Fragen entstanden waren, sind jetzt von neuem aufgetaucht. Auf der Gegenseite ist verlangt worden, daß in diesem Konsultativpakt eine Vereinbarung getroffen wird, die für Deutschland aus eine Festlegung des g c g e n wärtigen ZustanWs hinauslaufen würde und die deshalb abgelehnt worden ist.
Das Dickicht des Dokumentenurwalds wurde also noch vergrößert durch neue Bedingungen und Forderungen, die Frankreich in die Verhandlungen einbringt. Der Konsultativpakt, mit der Festlegung Deutschlands auf den gegenwärtigen Z u st a n d ist jedenfalls für Deutschland ebenso unannehmbar wie die zahllosen Würgebändcr, die Frankreich bisher immer wieder hervor- geholt hat. Es hat den Anschein, als ob alle Bemühungen Herriots jetzt nur noch darauf Hinausläufen, d i c S ch u l d für einen eventuellen erfolglosen Koufcrcnzausgang von sich abzuwälzen und ihn Deutschland in die Schuhe 311 schieben. Wenn aber das G e st r ü p p im Dokiimcnten- urwald jetzt so dick geworden ist, daß cs nur noch mit k r ä f t i g c n A x t h i e b e n gelichtet werden kann, so liegt die Schuld Frankreichs daran klar vor aller Augen.
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öie „politischen Bedingungen".
Die politischen Bedingungen, um die in den letzten Tagen in Lausanne ein so erbitterter Endkampf ausgebrocheu ist, sind im Teil V und Teil VIII des Ver- f st i IIer Vertrags enthalten.
Teil V enthält die Bestimmungen über Landheer, Seemacht und Luftfahrt und beginnt: „Um die Einleitung einer allgemeinen R ü st u n g s b e s ch r ä nk u n g nllcr Rationen zu ermöglichen, verpflichtet sich Deutschland, die im folgenden niedergelegten Bestimmun- gen über das Landhcer, die Seemacht und die Luftfahrt genau innezuhalten." ES folgen die einseitigen 9t nstuugsbcschränk u n g e n für Deutschland in den Abschnitten: „Stärke und Einteilung des deutschen Heeres", „Bewaffnung, Munition ' und Material", „Heeresergänzung und militärische Ausbildung", „Befestigungen", „Bestimmungen über die Seemacht", „Bestim- mungen über militärische und Seeluftfahrt" und über „ te mt^ralfnexfxn ÜbcrwMunasausschüssc".
Tonnen unter Wasser und war 90 Meter lang. Es ist im Oktober 1930 von Stapel gelaufen. Das Boot befand sich auf einer Versuchsfahrt über Wasser, bei der gewisse Konstruktionseinzelheiten noch besser eingestellt werden sollten. Aus diesem Grunde befanden sich außer der vermißten Besatzung auch mehrere Ingenieure und Arbeiter an Bord. Die Geretteten befanden sich im Augenblick des Untergangs auf der Kommandobrücke. Die Unglücksstelle ist 50 Meter tief. Die Rettungsarbeiten find wegen der Meerestiefe und der Strömung sehr schwierig. Der Lageort des U-Bootes war big jetzt noch nicht genau festzustellen.
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Wenig Hoffnung auf Rettung.
Paris, 8. Juli. (Eigene Funkmeldung.) Heute früh versuchten Flugzeuge, den genauen Lageort des gesunkenen U-Bootes festzustellen. Man hat nur geringe Hoffnung auf Rettung der 66 Vermißten.
Teil VIII enthält den ganzen Komplex der Wiedergutmachungen (Rèparations) und beginnt mit dem Artikel 231:
„Die alliierten und assoziierten Regierungen klären, und Deutschland erkennt au, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assozi- iertey Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und /einer Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben."
Da der ganze Teil VIII bei einer Einigung auf eine Endzahlung außer Kraft gesetzt würde, entfiele damit gleichzeitig Artikel 231, der die „Kriegsschuld" feststellt. Dem deutschen Wunsch, in dem neuen Vertrag von Lausanne die Schuldbestimmung des Artikels 231 noch einmal ausdrücklich zu annullieren, wurde von französischer Seite heftiger Widerstand entgegengesetzt.
Die Ostreparalionen.
Die Verhandlungen über die Regelung der osteuropäischen Reparationsfrage sind zu einem gewissen Abschluß gelangt. Es wurde vereinbart, daß auf der Lausanner Konferenz ein Protokoll der sechs an diesen Fragen interessierten Mächte Rumänien, Südslawien, Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Griechenland ausgelegt wird, nachdem diese Mächte Übereinkommen, einen Sonderausschuß für die
endgültige Regelung der gesamten Rcparations- fragcn dieser Mächte einzusetzen. Der Ausschuß soll nach Möglichkeit gleichzeitig mit der kommenden Weltwirtschaftskonferenz und am .gleichen Ort wie diese tagen.
Von tschechoslowakischer Seite ist gefordert worden, daß die Richtlinien des beabsichtigten Lausanner Repa- rationsabkommens als maßgebend für die endgültige Regelung der 0 st europäischen T r i b u 1 f r a g c erklärt werden. Eine neue Regelung sei im Hinblick auf die in Angriff genommene Neuregelung der deutschen Tributsrage notwendig, da die bisherigen Haager Abkommen über die osteuropäischen Reparationsfragen »hierdurch als erledigt angesehen werden.
5 476 000 Arbeitslose in Deutschland.
Nach dem Bericht der Rcichsanstalt für die Zeit vom 16. bis 30. Juni zeigte die zahlenmäßige Entvicklung des Arbcitsmarktes seit Mitte Juni ein günstigeres Bild als in der ersten Hälfte des Monats. Die Besorgnis, daß die sommerliche Entlastung bereits zum Stillstand gekommen sei, hat sich nicht bestätigt. Nach einem
Rückgang um rund 93 000
betrug die Zahl der bei den Ämtern gemeldeten Arbeitslosen am 30. Juni rund 5 476 000. An dieser Abnahme waren die Saisonaußenberuse und die überwiegend von der Konjunktur abhängigen Bcrufsgruppen in ungefähr gleichem Maße beteiligt. Auf eine Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage kann jedoch aus diesen Zahlen nicht geschloßen werden.
Die Abnahme der Arbeitslosenzahl seit dem Höchststand im Winter (Mitte März) beläuft sich jetzt aus rund 653 000 gegenüber rund 1037 000 im Vorjahre (seit Mitte Februar).
Von der Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen befanden sich rund 2 485 000 in den Untcrstützungscinrich- tungen der Reichsanstalt und rund 2163 000 in der gemeindlichen Wohlfahrtsuntcrstützung, deren Belastung damit gegenüber Ende Mai um rund 72 000 angenommen hat. Unter den von der Rcichsanstalt betreuten Arbeitslosen waren rund 941 000 Hauptuntcrstützungsempfängcr in der Arbeitslosenversicherung, d. h. um etwa 61000 wenig« als am vorigen Stichtag, und rund 1544 000 Hauptunterstützungsempfänger in der KrisenMrforge nach einem Rückgang um etwa 29 000,
Der „Dorischritl des Zchrhünderis"
»Oh yes, wir haben zum Flug über den Atlantischer Ozean mit der „Century of Progres" nur knapp elf Stunden gebraucht." Und in achtzehn Stunden, also in weniger als einem Tage, gelangten sie von Amerika bis nach Berlin, in einem Tage sind sie vielleicht schon halb um den Erdball herumgeflogen, und wenn ihnen das Glück hold ist, Material und Energie ausreichen, dann drücken sie — einen Weltrekord.
Was bekanntlich „höchstes Glück der Erdenkinder" im Olympiajahr 1932 ist, obwohl man ja für 1932 auch die Bezeichnung Goethejahr gebraucht! Die alten Griechen haben sich allerdings bei ihren Olympischen Spielen durchaus nicht etwa allein auf die körperlichen Rekordprüfungen beschränkt, sondern stellten dort auch noch andere Ansprüche; nicht minder als den siegreichen Athleten zierte den Dichter der olympische Lorbeer. Dieses Vorbild sollten die Heutigen nicht ganz vergessen, dem „Olympia" von heute beim
sollten in und gegenüber : Rekord auch der Geist der
— Menschen achten. Jetzt aber wird ein viel zu großer Teil der deutschen Jugend genauer um den Stand der Weltrekorde Bescheid missen als etwa darum, was nun z. B. im Arttkel 231 des Versailler Friedensdiktats geschrieben steht und was jetzt Gegenstand heftigsten Streites in Lausanne ist, — damit wir nämlich das „Jahrhundert des Fortschritts" nicht bloß am Rumpf der von Amerika nach Europa herübergesausten Flugmaschine lesen müssen, sondern in Lausanne ein kleines wirkliches Stückchen Fort
schritt gegenüber der Zeit unmittelbar nach dem Kriege doch endlich einmal auch erleben können! Allerdings meinen wir mehr einen — geistigen Fortschritt gegenüber der Zeit von 1919.
Die beiden Flieger Griffin und Mattern haben ein Paar Stunden weniger für den Flug von Nordamerika bis Berlin gebraucht als ihre Vorgänger; ihre Nachfolger werden vielleicht noch schneller fein. Denn Fortschritt heißt: Weltrekordcbrechen. Wozu ja übrigens durchaus nicht immer und überall eigenes allerbestes Können, sondern recht häufig die allerbeste — Maschine gehört. Oder der stärkste Motor.
Aber in dieser „leblosen" Maschine scheint fast mehr „Geistigkeit" zu stecken als dort, wo man sich gegen einen geistigen „Fortschritt des Jahrhunderts" aufs ärgste sträubt. Die beiden Europaflieger haben sich genau so wenig um Grenzen, Hoheitsrechte und sonstige „Hemmnisse" europäischer Staats„kunst" und Staatenkünstelei gekümmert, wie das auch sonst so ein Weltenbummler tat, der oben in der Luft vielzuwenig Zeit hatte, um sich die Versailler Grenzziehungen genau einzuprägen. Hier unten freilich spüren wir sie brennend genau, und während hoch droben der Flugzeugmotor das brausende Lied des Fortschritts erdröhnen läßt, Zeit und Raum allmählich zu „relativen Größen" werden, steigt von unten, von Genf und Lausanne her, das Lärmen von Leuten aus, die alles daransetzen, um das Rad der Geschichte sich nicht weiterdrehen zu lassen und neben dem „gehemmten Fortschritt" sich auch gleich noch in „gefördertem Rückschritt" zu betätigen, wie jene beiden „Rossebändiger" es tun, die in erzenen Figuren vor dem Berliner Stadtschloßbrunnen stehen und so eigenartige Deutungen durch den Volksmund fanden.
Auf die Frage einiger Journalisten, ob auf der Nachtsitzung der Lausanner Konferenz am Mittwoch etwas erreicht worden sei, antwortete Herriot mit einem bezeichnenden Wort: „Wenig — das wäre zuviel gesagt!" Man hat sich ja dort drei Wochen hindurch nicht in einer fortschrittlichen, sondern in einer — Kreisbewegung geübt. Und wenn von Deutschland vor den Wagen ein paar neue Rosse gespannnt wurden, die ihn vorwärts- und heraus reißen sollten, dann führte die französische Gegenpartei rasch ein Gespann für das Hintere Ende dieses Wagens heran. So nutzte natürlich alles Peitschenknallen und Antreiben des Konferenzkutschers Macdonald herzlich wenig.
„Relativ" — wie das Tempo dieses Fortschrittes wird dieser s e l b st. Wird sein Weg, sein Ziel von stärkeren Zweifeln überwachsen und versperrt — trotz aller „fortschrittlichen" Raturerkenntnis und Raturansnutzung! Bezieht sich doch letzten Endes glich sie nur auf den . schen, — auch die gebändigte Naturkraft zwischen den Flügeln und Motoren, zwischen den Hebeln und Schaltern des Flugzeuges! Man mag ja daher fast auch kaum von einem „Fortschritt" reden, wenn zu diesem dahinjagenden Rekordflugzcug Millionen und aber Millionen Beschäftigungsloser hinaufstarren rings um den Erdball. Sie stehen müßig, weil ihnen ein falscher technischer Fortschritt die Arbeit nahm. Sie stehen da, weil eben noch so mancher unter den politischen „Maßgebenden" sich nicht geistig von dem Gestern und Vorgestern loslösen kann und mit allen Kräften das vorwärtsstrebcndc, sich hochaufbäumende Roß an den Zügeln zurückreitzcn will. Und — leider — halten die „Maßgebenden" diese Zügel vorläufig noch fest in der Hand.
„Die Dinge ändern sich", — gewiß, diese Hälfte des bekannten Sprichworts stimmt unbedingt, weniger allerdings die andere Hälfte, wonach mit diesen Dingen auch „diè Menschen sich ändern". In Lausanne jedenfalls mühen sich allzuviele seit Wochen, diesen letzten Teil des Sprichworts Lügen zu strafen.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Gegen die polnische Boykotthetze wendet sich erneut die Danziger Regierung in einer Note an den diplomatischen Vertreter Polens in Danzig und an den Bülkerbundkommifsar.
* Das schwere Unwetter, das über Füssen int Allgâu nicdcr- gegangen ist, hat ungeheuren Schaden verursacht.
* Tie Ankunft des deutschen Kreuzers „Karlsruhe" in Ha. bana gab Anlaß zu begeisterten Kundgebungen für unsere Marine.