Zul-aer Hnzeiger
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Nr. 165 — 1932____________________________________Fulda, Samstag, 16. Juli__________________________ 9. Jahrgang
Die Gläubiger als Schuldner.
Attes in der Schwebe!
Während der Vertrag von Lausanne vorläufig ohne jede sichtbare politische Wirkung geblieben ist, verstärken sich die weltpolitischen Folgen der Lausanner „N e b e n a b k o m m e n" von Tag zu Tag und geben Veranlassung zu immer schärferen Auseinandersetzungen. Die „Vereinbarung unter anständigen Leuten" — so etwa darf man „G e n t l e m e n -A g r e e m e n 1" übersetzen ,— zwischen England, Frankreich, Italien und Belgien ist jetzt auch euglischerseits formell veröffentlicht worden, und es findet seine ausdrückliche politische Ergänzung durch den Hinzutritt Italiens und Belgiens zu dem englisch-französischen Freundschaftsbündnis. Über das „Gentlemen - Agreement" ist Deutschland erst nach der Einigung in Lausanne unterrichtet worden, obwohl es damals schon acht Tage bestand.
Jene beiden Parallelvereinbarungen haben — das ivar ihre erste weltpolitische Wirkung — in A in c r i k a einen mehr als peinlichen Eindruck gemacht, besonders da ihre Veröffentlichung von Äußerungen Herriots begleitet war, die die Schuldenregelung der europäischen Schuldnerstaaten gegenüber Amerika als die Absicht einer Gemeinsamkeitsaktion dieser vier Mächte erscheinen ließen. Die Amerikaner hatten daher die Empfindung, als sollten sie von Europa her in der Kriegsschuldenfrage unter Druck gesetzt werden. Deutschland hat sich schon ein paar Tage nach Lausanne selbst von dem Anschein distanziert, als wisse es von einem solchen Druck oder wolle ihn gar mitmachen. Auch der englische Außenminister Simon nahm sofort nach seinem Eintreffen in Genf sehr scharf Stellung gegen jene angebliche Frontbildung Europas. England fühle sich — trotz des Freundschaftsbündnisses — völlig frei für seine Schuldenverhandlungen mit Amerika. Viel genützt hat es nicht. Denn in MMwSchrMep an den bekannten -Senator.Borah et» närte Hoover, daß Amerika durch die verschiedenen Ab- kommen in Europa in keiner Weise berührt und beeinflußt werde, man der Washingtoner Regierung auch nicht etwa mit einem gemeinsamen Vorgehen der Schuldner kommen solle.
Die Ratifizierung des Lausanner Abkommens ist also durch das „Gentlemen-Agreement" abhängig gemacht von der „befriedigenden Lösung" der Kriegsschuldenfrage. Diese ist nun aber ebenso unsicher wie demzufolge auch die Ratifizierung des Lausanner Abkommens selbst; daher ist das Hauptziel und die Hauptaufgabe der Konferenz in Lausanne nicht erreicht worden: Ruhe, Sicherheit und damit neuesVertrauen endlich auch der Weltwirtschaft zu bescheren. Denn es ist ja noch gar nicht abzusehen, ob überhaupt und wann es zur Ratifizierung des Lausanner Vertrages kommt. Alles schwebt bis auf weiteres in der Luft. Dafür ist aber die nach Lausanne jetzt eingetretene Zuspitzung des Verhältnisses zwischen Amerika und seinen Schuldnerstaaten ganz unverkennbar, und gerade dies wird für die deutsche Regierung wichtigster Grund dafür sein, sehr genau zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen es der Aufforderung Folge leisten soll, dem cnglisch-französisch-belgisch-italienischen „Freundschaftsbündnis" beizutreten.
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Amerika läßt sich nicht die Pistole auf die drust setzen.
Gegen eine europäische Schuldnersront.
Der Brief des Präsidenten Hoover an Senator Borah liegt jetzt im Wortlaut vor. Hoover schreibt:
Lieber Senator Borahs Das amerikanische Volk ist natürlich erfreut, wenn eine Regelung der rein europäischen Reparativnsfrage oder irgendwelcher anderer politischer und Wirtschaftsfragen erfolgt ist, die bisher eine Gesundung Europas verzögerten. Ein solcher Vorgang zusammen mit einem wirklichen Fortschritt in der A b r ü st u n g s f r a g e wird erheblich zur Beruhigung der Welt beitragen.
Ich wünsche aber vollkommen klarzustellen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten wegen keines der Abkommen, die nach Pressemeldungen in Lausanne abgeschlossen wurden, befragt worden ist und deshalb selbstverständlich durch keines der Abkommcn in irgendeiner We i s e gebunden i st.
Indem ich nicht annehme, daß es die Absicht irgendeines dieser Abkommen ist, ein gemeinsames Vorgehen unserer Schuldner zu erzielen, wünsche ich aus- zusprechen, daß, falls irgendein Abkommen so ausgelcgt werden sollte, ich cs ablehne, daß dem amerikanischen Volk irgendeine Haltung a u f g e z w ungc n wird oder daß cs in irgendeiner Weise durch eine solche Kombination entweder offen oder versteckt beeinflußt wird.
-i-
Was wird, wenn das Lausanner Tribut- abkommen nicht in Kraft tritt?
In dem nun bekanntgewordenen Geheimabkommen von Lausanne haben sich Frankreich, England, B e l g i e n und Italien gegenseitig verpflichtet, das Lausanner Tributabkommen ihren Parlamenten erst dann vorzulegen, wenn sie eine gemeinsame Regelung ihrer Schulden mit Amerika erzielt haben. Unter dieser Sckuldenrèaeluna »erstehen diese Mächte natürlich eine
mögliche Beseitigung aller Verpflichtungen. Die Amerikaner sind über dieses Geheimabkommen außerordentlich verärgert und lehnen es ab, irgendwie sich dadurch beeinflussen zu taffen. Die Aussichten auf eine baldige Schuldenregelung haben sich damit also nicht verbessert, sondern verschlechtert, und damit sind auch die Aussichten für das Lausanner Tributabkommen äußerst trübe. Es ist selbstverständlich, daß man sich nun in der Öffentlichkeit die Frage st eilt, was denn geschehen soll, wenn der Lausanner Vertrag von den Parlamenten in Paris, London, Rom und Brüssel abgelehnt wird. Was soll dann geschehen? Vorerst gilt für Deutschland das Abkommen über einen Zahlungsaufschub vom 16. Juni, vom Beginn der Lausanner Konferenz. Dieses Abkommen gilt so lange, bis es sich entschieden hat, ob ratificiert wird oder nicht. Aber was dann? Der französische Ministerpräsident Herriot hat in der Kammer darüber gesprochen und man hat seine Worte allgemein so gedeutet, daß die französischen Staatsjuri sten den Do ung-Plan wieder lebendig machen wollen. Gegen diese Befürchtungen wenden sich die zuständigen Berliner Stellen mit allem Nachdruck. Man verweist auf die Frage, die der Reichskanzler am 8. Juli abends in einer Sitzung der Delegationsführer der Lausanner Konferenz an den Konferenzpräsidenten Macdonald ganz offiziell gerichtet hat. Die Frage nämlich: was geschieht, wenn die Parlamente der Gläubigermächte das Lausanner Abkommen ablehnen. Daraus hat Macdonald als Präsident der Konferenz und als Sprecher der Gläubigermächte geantwortet: „Dann wird eine neue Konferenz zusammentreten." An dieser Antwort Macdonalds werde auch durch die Geheimabkommen von Lausanne nichts geändert, so wird an Berliner zuständiger Stelle nachdrücklich betont. Es sei auch falsch, anzunehmen, daß bei einer neuen Konferenz der Voung- Plan gewissermaßen auf den Tisch gelegt und als Ausgangspunkt für die neuen Verhandlungen dienen werde. Auch bei den letzten Beratungen in Lausanne sei man nicht vom Aoung-Plan ausgegangen, sondern vom Baseler Bericht der internationalen Finanzsachverständigen. Ausdrücklich wird auch au zuständiger deutscher Stelle betont, daß man sich unter keinen Umständen in eine Front gegenüber Amerika hineindrängen lasse. Die Franzosen hätten zwar in Lausanne versucht, die Schuldenregelung mit Amerika in das Tributabkommen hineinzubringen, die deutschen Delegierten haben sich aber mit Erfolg dagegen gewehrt, und würden dies auch künftig tun.
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Die Steine des Anstoßes.
Die Sondcrabmachungen neben dem Lausanner Vertrag.
Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hinauf hingewiesen. daß es sich bei den in Lausanne aetroffenen
Wie lange noch?
Die Zusammenstöße des Tages.
Mit Revolvern gegen einen Polizei- st r e i f e u w a g e n.
Die Chronik der täglichen politischen Zusammenstöße wird immer umfangreicher. Diesmal sind zu melden Zusammenstöße in H a m b u r g, in A l t o n a, in W i t t e n, im Rheinland und dazu noch Erwerbslosenunruben in Weimar.
In Hamburg
wurden aus einem Hause der Peterstraße und von dem Balkon eines Hauses in der Schlachterstraße auf die Besatzung eines P o l i z e i st r e i f e n w a g e n s mehrere Revolverschüsse abgegeben. Polizeibeamte wurden nicht verletzt. Die Beamten machten in beiden Fällen von ihrer Schußwaffe Gebrauch. Ob jemand getroffen worden ist, konnte noch nicht ftftgeficfit werden. Die sofort vorgenommene Durchsuchung der fraglichen Wohnungen blieb erfolglos, da die Inhaber geflüchtet sind.
In Altona
kam es zu Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Reichsbanncrlcuten, wobei es auf beiden Seiten Verletzte gab. Gegen 3 Uhr nachts wurde von unbekannter Hand in der Lammstraße aus dem Fenster eines Hauses ein mit Pulver gefüllter Pappkarton auf die Straße geschleudert, wo er mit lautem Knall explodierte. Verletzt wurde niemand.
In Witten a. d. Ruhr
ram cs zu Schlägereien zwischen Nationalsozialisten und Mitgliedern der Eisernen Front. Dann fielen mehrere Schüsse. Ein Reichsbannermann erhielt einen Schuß durch den linken Oberschenkel. Ein Nationalsozialist erhielt einen Bauchschuß.
Bei Walsum in der Rheinprovinz
gab cs anläßlich eines nationalsozialistischen Umzuges schwere Zusammenstöße zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Um den Zug der Nationalsozialisten zu behindern, hatte man schwere Zementröhren, die zu Kanalisationszwecken in der Nähe lagen, auf die Straße gerollt und hieraus eine Art Barrikaden gebildet. Sius einem Gebüsch heraus wurde auf den Zug geschossen. Es gab einen Schwer- und mehrere Leichtverletzte. Der Schwerverletzte ist Komtzttmist.
Sondervèrembarunge'n um folgende Abmachungen Abmachungen handelt:
Das ^Gentlemen-Agreement^.
Dieses Abkommen besagt, daß keine der ihm beige- tretenen Mächte, nämlich England, Frankreich, Belgien und Italien, das Lausanner Abkommen über die Regelung der Tribute vor dem Zustandekommen einer zufriedenstellenden Regelung der Frage der interalliierten Schulden an Amerika ratifiziert.
Was ist ein „Gentlemen-Agreement"?
Gentlemen-Agreement ist ein Begriff, der aus dem Englischen in die Diplomatensprache übergegangen ist. Unter einem Gentlemen-Agreement versteht man ein Abkommen, das nicht völkerrechtlich verbindlich ist, wohl aber die Diplomaten, die es abschließen, persönlich „als anständige Menschen" (Gentlemen) bindet und im allgemeinen auch ihre Nachfolger, die ja auch den Anspruch erheben, Gentlemen zu sein.
Der „Konsultativpakt" (Vertrauensabkommen).
Dreses Abkommen ist in Lausanne nur zwischen den Engländern und Franzosen getroffen und von Herriot bekanntlich als die Wiedergeburt der Entente C o r d i a l e bezeichnet worden. Inzwischen haben auf Einladung Italien und Belgien ihre Bereitwilligkeit erklärt, dem Abkommen beizutreten. Deutschland, dem der Beitritt ebenfalls nahegelegt worden ist, hat noch nicht Stellung genommen. Der englische Außenminister Simon hat im Unterhaus ZweckundBedeutung dieses Abkommens wie folgt umrissen: Die unterzeichneten Mächte verpflichten sich, keinerlei Maßnahmen in wesentlichen Fragen der europäischen Politik zu treffen, ohne sich vorher gegenseitig unterrichtet oder befragt zu haben. Das bezieht sich nach den Andeutungen Simons sowohl auf politische als auch auf wirtschaftliche Dinge. Darunter fallen die A b r ü st u n g s f r a g e ebensogut mi« Fragen der Handelspolitik. Ob und inwieweit auch die Revision des Versailler Vertrages hiermit gemeint ist, geht aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht eindeutig hervor.
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über Unterbringung der Lausanner
Schuldverschreibungen.
Ausschluß fremder Garantien.
Amtlich wird mitgeteilt: Um ausdrücklich sicherzu- stellen, daß die Unterbringung der Schuldner- schreibungcn des Lausanner Abkommens nicht durch Garantien fremder Länder oder auf ähnliche Weise ermöglicht oder erleichtert wird, ist am 8. Juli in Lausanne von den Sachverständigen der sechs einladenden Brächte protokollarisch feftgeftent worden, daß
jede Ausgabe deutscher Regicrungsschuldvcrschreibun- gen ausschließlich auf der Grundlage des deutschen
Kredits erfolgen muß.
In Düren
fielen bei einer Schlägerei zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten gleichfalls mehrere Schüsse. Drei Personen wurden verletzt. Verhaftet wurden sechs Nationalsozialisten und zwei Kommunisten.
Schwere Erwerbslosenunruhen
spielten sich in Weimar ab, als bei der Auszahlung der Wohlsahrtsuntcrstützung allen ledigen Personen und den Verheirateten mit weniger als vier Kindern auf Anordnung der Stadtverwaltung 10 Prozent abgezogen wurden. Mehrere hundert Erwerbslose zogen
vor das Haus des Oberbürgermeisters
Dr. Müller, zerrten den Oberbürgermeister auf die Straße und mißhandelten ihn. Zu neuen Ansammlungen kam cs dann vor dem städtischen Wohlfahrtsamt, wo der Dezernent für das Weimarer Wohlfahrts- wesen geschlagen, verschlossene Räume erbrochen, Akten hcrausgerisscn und vernichtet sowie Möbel zertrümmert wurden. Polizei vertrieb schließlich die Erwerbslosen aus dem Wohlfahrtsamt.
Kommunistische Überfälle auf Nationalsozialisten in Darmstadt.
Darmstadt, 14. Juli. Nachdem bereits am Mittwochabend die Polizei wiederholt bei Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten eingesetzt werden mußte, kam es auch heute abend nach dem Propaganda- marsch der Nationalsozialisten zu neuen Zusammenstößen. Der Propagandamarsch selbst verlief vollkommen ruhig, als aber dann der Spielmannszug der SA. nach der Turnhalle
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Im Juni haben sowohl die Einfuhr wie die «u-fuhr Deutschlands eine leichte Steigerung gegenüber dem ~ ormon
* Bei einer ErwerbSlosenkundgebung in
Weimarer Oberbürgermeister Dr. Mueller schwer mißhandelt.
* Schwere Unwetter wüteten in Thüringen, in Ostpreußen, in Banken und in Berlin. Mehrere Personen wurden vom Blitz getötet.