Zul-arr /lnzeiger
Erscheintjeden Werktag. Vezugsprcis:monatlich ^DaUa# fiU W^^tt ttnA ttArttfahd»^ Anzeigenpreis: Für Behörden, Genossen- 1.70RM. Bei Licferungsbehinderungen durch ^U^^MN ^^VU UiW VPg^lW^t^ schäften, Banken usw. kostet die Kleinzeile „Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Äh|Aa. hmA Ep^t^^^^ 0.30 Mark., für auswärtige Auftraggeber 0.25
Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine QMWU- W«W AUIwlUU Mk., für alle anderen 0.15 Mk. Die Reklame-
Ansprüche. Verlag: Christian Seipel,Fulda. Ne-aktion und Geschäftsstelle: köntgftraße 42 ♦ Zernsprech-slnschluß tir. 2989 zeile kostet 0.90 Mk. / Bei Rechnungsstellung Druck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach i, H, Nachdruck der mit * versehenen flrtikel nur mit Quellenangabe.Zuldaer fln^elger'geflaaet hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen.
Nr. 175 — 1932
Fulda, Donnerstag, 28. Juli
9. Jahrgang
Deutschland in Trauer.
Der Uniergang der „Niobe".
69 Menschenleben vernichtet.
Mit tiefster Trauer hat das ganze deutsche Volk die Meldung von dem furchtbaren Unglück, das die Reichs- martne betroffen hat, ausgenommen. Auf einer Fahrt von Kiel nach Warnemünde ist in der Nähe der Insel Fehmarn
das deutsche Segclschulschiff „Niobe" in einer Gewitterbö gekentert und in wenigen Minuten gesunken. 69 junge Menschenleben sind bei dieser entsetzlichen Katastrophe vernichtet worden. Unser aufrichtigstes Mitgefühl gilt den jungen Männern, die auf dem Schulschiff ausgebildet werden sollten, gilt ihren Angehörigen im ganzen Reiche. Das Unglück ist um so erschütternder, als es sich in fast unmittelbarer Nähe der Küste zutrug. So nahe das rettende Land und doch keine Rettung! Die Fahnen senken sich und cs neigen , sich die Häupter vor diesen Toten. Sie sind versunken, aber sie werden nie vergessen werden. Mitten im Frieden sind sic gestorben für das große deutsche Vaterland!
Geeflugzeuge suchen die Llnglücksstelle ab.
Von der Seeflugstation Holtenau sind sofort nach Bekanntwerden der Nachricht vom Untergang der „Niobe" zwei Seeflugzeuge unter der Führung des bekannten Fliegers Osterkamp zur Unglücksstelle geflogen. Schon von weitem wurde
ein riesiger Olsleck auf der glatten See beobachtet. Obwohl die Maschinen mitten in dem Olfleck wasserten und die gesamte Umgebung systematisch ab- suchten, war nicht mehr die geringste Spur von dem unlergegangenen Schiff und den Opfern zu entdecken. Auf einem der beiden Flugzeuge befand sich auch der K o m - Mandant des Flugschiffes „Do X", Kapitän Christiansen, der sich sofort zur Teilnahme am Rettungswerk zur Verfügung gestellt hatte. Die Flugzeuge sind nach längeren ergebnislosen Bemühungen nach Holtenau zurückgekehrt.
Was der frühere Kapitän der „Niobe" sagt.
Korvettenkapitän Kümpel, der bis zum 1. April ds. Js. Kommandant der „Niobe" war, teilt zu dem Untergang mit, das Schiff sei in jeder Weise voll seetüchtig und in allerbester seemännischer Führung gewesen. Allem Anschein nach habe der Kommandant alles getan, was im Falle eines solchen Unglücks notwendig aewesen sei. Bei plötzlich auftretenden Raturaewalten
Die Unglücksstelle, an der das Schulschiff kenterte.
!seien Segelschiffe immer in besonderer Gefahr. Daß die 'Niedergänge des Schiffes bei dem Unglück offen gewesen [seien, sei völlig richtig; nur so hätten die im Zwischendeck befindlichen Personen sich retten können.
Das Beileid des Reichspräsidenten.
Reichspräsident v. Hindenburg hat an den Chef bet Mariucleitung, Admiral D r. h. c. R a c- dcr, nachstehendes Beileidstelegramm gerichtet: „Zu dem schweren Verlust, der die Marine betroffen hat, sende ich tief erschüttert den Ausdruck herzlichster Teilnahme, der in gleicher Weise in warmem Mitempfinden allen Hinterbliebenen gilt. Das Andenken der in treuer Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes dahingegangenen Kameraden wird stets in hohen Ehren gehalten werden.
gcz. von Hindenburg."
Dr. Bracht, der Stellvertreter des Reichskommissars, brachte dem Rcichswchrministcr die Anteilnahme des preußischen Staatsministerin m s zum Ausdruck. Auch die s ä ch s i s ch c S t a a t s r c g i c - r u n g richtete ein Beileidstelegramm an den Reichswehr- minister. Der Mariucleitung sprach der Evangelische
Oberkirchenrat in einem Telegramm sein Beileid aus. Auch von vielen anderen Seiten sind Beileidskundgebungen eingetroffen.
Kiel und Hamburg flaggen halbstock.
Der Oberbürgermeister von Kiel hat angeordne^ daß sämtliche städtischen Dienstgebäude aus Anlaß des „Niobe"-Unglücks halbstock flaggen. Ebenso wurden auf vielen Privatgebäuden die Fahnen auf halbstock gesetzt Auch in H a m b u r g wurden auf Anordnung des Senat! die Flaggen auf halbmast aeietzt.
Das Schulschiff „Niobe".
Dänemarks Teilnahme.
Die Nachricht vom Untergang der „Niobe" hat in Dänemark den tiefsten Eindruck gemacht. In der Presse wird erklärt, man teile den Schmerz Deutschlands, da Dänemark selb st den Verlust zweier Schulschiffe zu beklagen hatte. Im Jahre 1905 ging das Schulschiff „Georg Staye" mit 22 Kadetten unter, und im Jahre 1928 ist das Schulschiff „Kjöbenhavn" mit 60 Kadetten und den Offizieren auf der Reise von Buenos Aires nach Ostasien spurlos verschwunden.
Die politische Sensation.
Das Echo der Schleicher-Rede.
Die Rede des Reichswchrministers Schleicher hat sowohl im Inland wie im Ausland ein starkes Echo gefunden. In der Berliner Presse wird den Ausführungen des Generals von Schleicher größte politische Bedeutung beigelegt.
Die rechtsstehende Deutsche Allgemeine Zeitung stellt fest, daß dieses Debüt des Reichswehrministers einen ausgezeichneten Eindruck gemacht habe; besonders bemerkenswert sei die Ankündigung gewesen, Deutschland werde, um sich die unbedingt notwendige Sicherheit zu verschaffen, zum Umbau seiner Wehrmacht gezwungen sein. Der staatsparteiliche Politik vertretende Börsen- courier hebt hervor, entscheidend bliebe die Versicherung, daß der Wehrminister es nie zulassen werde, daß die Reichswehr eine Parteitruppe werde. Das sei um so beruhigender, als die Rede beweise, daß dieser Mann wisse, was er wolle, und wiederum die Kraft in sich fühle, cs zu verwirklichen. Die Vossische Zeitung betont, die Stelle am Schluß der Rede, wo von der Ablehnung des Schutzes irgendwelcher Klassen oder Interessenten und die Deckung überlebter Wirtschaftsformen oder unhaltbarer Bcsitzverhältnisse gesprochen werde, werde man ernst zu bewerten haben. Die Deutsche Zeitung bezeichnete die Rede als außenpolitisch wie innenpolitisch bedeutsam. Außenpolitisch seien noch niemals aus dem Munde eines Ministers so treffende Hiebe gegen Frankreich und die Abrüstungsheuchclei gefallen. Das Zentrumsblatt Germania, die den Wortlaut der Rede nicht veröffentlicht, spricht von einer enttäuschenden Ministerrede und meint, sie habe an einzelnen Stellen jene überparteiliche Vornehmheit und Sachlichkeit vermissen lassen, die man bei Ministerredcn unbedingt voraussetzen müsse.
Die pariser Blätter
halten sich besonders an die Stelle der Rede, in der der Minister den Umbau der deutschen Wehrmacht ankündigt, für den Fall, daß Deutschlands rechtlich und moralisch begründete Forderung auch in Zukunft unerfüllt bleiben sollte. Besonders aufgebracht zeigt sich das „Echo de Paris" darüber, daß der Reichswehrminister den grotesken Gegensatz zwischen dem erneuten Verlangen Herriots nach Sicherheit und der Erklärung des Abgeordneten Lamoureux festgestellt hat, der nach einer eingehenden Bereisung der riesigen, vom Kaital bis an die schweizerische Grenze hinunter reichenden französischen Anariffsfront an Frankreichs Ostgrenze öffentlich erklärt
Fünf Schiffe der dänischen Kriegsmarine und mehrere Flugzeuge haben sich sofort nach dem Eintreffen der Hiobsbotschaft nach der Unglücksstelle begeben, um nach Überlebenden zu suchen. Auch fünf Unterseeboote wurden an die Unglücksstelle beordert, ebenso das Jnspektionsschiff „Islands Falk". Die Schiffe mußten berichten, daß keine überlebenden gefunden werden konnten.
Der dänische Verteidigungsminister Rasmussen und der Kommandierende Admiral Rechuitzer haben dem deutschen Gesandten Freiherrn von Richthofen das Beileid der dänischen Regierung ausgesprochen, ebenso das Bedauern, daß die Rettungsarbeiten der sofort zur Unglücksstelle entsandten Schiffe und Flugzeuge der dänischen Marine ohne Erfolg geblieben sind.
*
Das Schulschiss „Niobe".
Tws Schulschiff „Niobe" war eine Dreimastschonerbark. Es war in Dänemark gebaut worden und ursprünglich als Viermasischonerbar' „Tyholm" für die norwegische Handelsmarine in Betrieb. Im Kriegsjahre 1916 wurde das Schiff als Prise aufgebracht und erst nach dem Kriege umgetakelt. Die Werft Wilhelmshaven baute dem Schiff einen Zweizylinder-Glühkopfmotor ein, der mit 160 Pferdestärken, dem Schiff eine Geschwindigkeit von sieben Seemeilen gab. Unter Segel war die „Niobe" oft viel schneller. Erst im April 1923 wurde die „Niobe" von der Reichsmarine übernommen. Die normale Besatzung des Schiffes war 34 Mann einschließlich der Offiziere, des Arztes und des Zahlmeisters. Dazu traten dann die Kadetten des Jahrganges und oft auch noch abkommandierte Leute und Offiziere, vor allem die Lehrer der Anwärter, die auch in See Unterricht erteilten.
*
Der Untergang der „Niobe" ruft die Erinnerung wach an andere untergegangene Schulschiffe der deutschen Marine. Am 14. November 1861 verlor die preußische Marine in der Nähe der holländischen Küste das Kadettenschulschiff „A in a z o n e". Die gesamte Besatzung, fünf Offiziere, ein Arzt, 19 Kadetten und 120 Mann fanden den Tod. Am 16. Dezember 1900 strandete das Schulschiff Z8 neisenau" vor dem Hafen von Malaga nach einer Schießübung, indem es gegen die Außenmole des Hafens geschleudert wurde. Der Kommandant, der erste Offizier und 38 Seekadetten, Heizer und Schiffsjungen kamen in den Wellen um.
und geschrieben hat, daß Frankreichs Sicherheit durch jenes Bcfestigungsmonstrum vollständig gewährleistet sei. Die an die Adresse Frankreichs gerichteten Sätze in der Ministerrede veranlassen den „Matin" in einem Kommentar, der auch in der Form ungewöhnlich ausfallend ist, zu der dreisten Behauptung, General Schleicher habe eine „Hatzrede gegen Frankreich" gehalten.
Es ist übrigens nicht unwahrscheinlich, daß die Rede des Generals von Schleicher noch
diplomatische Folgen
haben wird. Die Erklärungen des Reichswchrministers sollen zum Gegenstand eingehender Beratungen zwischen dem Ministerpräsidenten und den Ministern der Landesverteidigung werden und auch im Kabinettsrat zur Sprache kommen. Von den Beschlüssen, die dort gefaßt werden, hängt es ab, ob Herriot den französischen Botschafter in Berlin beauftragen wird, um Erklärungen über die Rede des Rcichswehrministers zu bitten.
Die englische Presse
berichtet ebenfalls ausführlich über die Rundfunkrede des deutschen Rcichswehrministers. Die „Times" erklärt u. a., die Rede müsse ein Echo Hervorrufen, das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus gehört werde. übergehend auf die Erklärung Schleichers, daß die Reichswehr auch gegen die Nationalsozialisten Vorgehen würde, wenn diese mit Gewalt die Macht ergreifen wollten, sagt die „Times", daß die Worte des Wehrministers von großer Bedeutung und viel wertvoller seien als die Aussprüche nationalsozialistischer Führer über einen Marsch auf Berlin. Die wirkliche Macht in Deutschland liege in den Händen einer Klasse, die sich seit langem bewußt sei, die Macht behalten und sie nicht an die Nationalsozialisten abgcben zu wollen.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Auf einen Brief Hugenbergs an den Kanzler mit der Forderung nach Aufhebung der letzten Notverordnungen im Reich und in Preußen hat der Kanzler seine grundsätzliche Bereitwilligkeit dazu erklärt.
* Die Rede des Reichswchrministers von Schleicher hat im In- und Ausland größte Beachtung gefunden und stärkstes Echo auSgelöst.
* Der RrichSkommiffar in Preußen hat eine ItnterfudjuntT über die Verwendung von StaatSgeldern zu StWjwettcK durch die frühere preußische Regierung anacordnet.
Vier nicht zum Stimmzettel greift, der gleicht einem Patienten, der zwar gesund werden möchte, sich aber scheut die Arznei zu nehmen, weil er ’ ", diese könne vielleicht eine Verschlimmerung seines Leidens bewirken.