Zul-aer Anzeiger
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Nr. 222 — 1932___________________________________Fulda, Mittwoch, 21. September________________________________ 9. Jahrgang
Krieg im Frieden.
Hindenburg beim Herbstmanöver.
Jubelnder Empfang des Generalfe l d m a r s ch a l l s.
In Fürstenberg a. d. Oder traf Reichspräsident von Hindenburg in Begleitung eines kleinen Stabes mit einem fahrplanmäßigen Zuge ein. Der Reichspräsident in der Uniform des Generalfeldmarschalls machte einen außerordentlich frischen Eindruck. Nach kurzer Begrüßung durch Neichswehrkommandeure, Behörden und vaterländische Verbände, die einen großen Empfang vorbereitet hatten, begab sich der Reichspräsident im Auto unter dem Jubel einer nach Zehntausenden zählenden Menschenmenge zu den Truppen auf das Manöverfeld.
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Manöverbi1-er.
Pferde und Motore.
Bei den Herbstmanövern in der Gegend von Frankfurt a. d. Oder tritt immer klarer hervor, welche Überlegenheit in der Bestimmung der beiderseitigen Entschlüsse die Zusammenarbeit von K a v a l l e r i e und M o t o r i s i e - rung gegenüber der für die deutsche Wehrmacht festgesetzten Truppengliederung hat. Haben motorisierte Truppen eine Marschgeschwindigkeit von 20 bis 25 Kilo- meter je Stunde, so kommt die übliche Infanteriedivision auf höchstens 5 Kilometer. Dementsprechend hat das rote Kavalleriekorps, das durch Zusammenziehung fast aller motorisierten Truppenteile aus dem ganzen Reich einigermaßen moderne Aufklärungs- und Angriffsarbeit markieren kann, die blaue dritte Division bereits zur Änderung der Absichten gezwungen. Die flinke rote Aufklärung hatte auf beiden Oderufern bis kurz vor Frankfurt herangefühlt. Die Masse des Kavalleriekorps drückte einerseits im Bogen zwischen Oder und Warthe auf Küstrin, hatte hier aber etwa 20 Kilometer östlich Frankfurt die geschlossenen Formationen vor sich. Darum wurde gleichzeitig zur Auf- rollung des Odèrabschnitts bei Küstrin der Oderübergang bei Fürstenberg — nach der Annahme sind alle Brücken gesprengt — in Angriff genommen. Blau hatte bei dem Fehlen der Motorisierung auf die Absicht der Odersicherung zwischen der polnischen Grenze und Frankfurt verzichten müssen und bereitete eine für die marschierenden Truppen außerordentlich anstrengende Umgruppierung vor, um nach Brückenschlag bei L e b u s dem Gegner auch westlich der Oder im Süden Frankfurts entgegentreten zu können.
Gasmaske und Kompagnie-Troddel.
Der Eindruck hinter und in der blauen Front bestätigt auch die gewaltigen Unterschiede in B e w a f f n u n a und
Reichspräsident von Hindenburg fährt zum Manöver.
Hier sind die dem Frontsoldaten ge- Rücksichten der kriegsmäßigen Erleichterung % einzelnen Mann voll maßgebend. Zumal durch r le neue, zur Nnschadlichmachung moderner Gase bei Er- lelchterung des Atmens eingeführte G a s m a s k c sowieso cme zuiatzliche Belastung entstanden ist, wird um jedes Gramm Gewicht für den Infanteristen gekämpft; auch die Kompagnie-Troddel soll deshalb in Fortfall kommen.
„Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.«
Die Truppen, die auch nachts kriegsmäßig im Gelände bleiben, haben bei so plötzlichen Änderungen der Lage, wie sie der Kampf gegen motorisierte Kräfte bringt große Marschleistungen zu bewältigen, nach dem alten Manüvermotlo: /Jij n i n d Le K a rt o ffe ln, raus
aus die Kartoffeln". Dabei kann man die neue Marschordnung in Dreierreihen, jeweils drei Gruppen (im Gänsemarsch nebeneinander) beobachten, die sofortige Kampfentwicklung gestattet. Die Ausrüstung ist durch die vielfältig neue, meist schon im Laufe des Krieges eingeführte moderne Waffe vervollkommnet. Insbesondere gilt das bei allen Waffen, vor allem bei der Artillerie, von den Nachrichtenmitteln. Dazu hat die Truppe stets nicht nur Deckung gegen den Feind zu nehmen, sondern auch gegen die angenommenen Flieger, wobei jedes überhaupt zufällig das Gelände überfliegende Verkehrsflugzeug als feindlich zu betrachten ist.
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Begeisterte Schuljugend.
Für die Schuljugend aus der weiteren Um» gebung Frankfurts, die in Scharen unter Begleitung ihrer Lehrer dem Manöver zusieht, sind die Truppenübungen eine willkommene Unterbrechung ihres Unterrichts.
RWekpräfideKcmlihl durch Mmrdnq?
Wer Präsident Kerrl Hindenbnrg sagte.
Der Preußische Pressedienst der NSDAP, gibt Einzelheiten über den Empfang des preußischen Landtagspräsidenten Kerrl durch Reichspräsident von Hindenburg wieder. Neben der Frage des Neichskommissars wurde auch die Neuwahl eines Ministerpräsiden- ten besprochen. Landlagspräsident Kerrl hat den Reichskanzler gebeten, dem Reichspräsidenten den Erlaß einer Notverordnung vorzuschlagen, durch welche die Änderung der Geschäftsordnung des alten Landtages außer Kraft gesetzt werden sollte, daß zur Wahl des Minis 'terpräfidenten die absolute Mehrheit erforderlich sei. Diese Änderung verstoße gegen Artikel 45 der preußischen Verfassung, hätte also mit Zweidrittelmehrheit angenommen werden müssen.
Ferner wies der Landtagspräsident darauf hin, daß nach Einsetzung des Reichskommissars seine Bemühungen um die Bildung einer verfassungsmäßigen Regierung in Preußen insbesondere dadurch erschwert worden seien, daß über die Absichten der Reichsregierung hinsichtlich Preußens zuwenig Klarheit geherrscht habe. Nach den Zeitungsmeldungen mußte er annehmen, daß die Reichsregierung und auch der Herr Reichspräsident besonderes Gewicht daraus legten, eine Reichsresorm durchzuführen, durch welche der Dualismus beseitigt und eine Personalunion Preußen-Reich durchgeführt werden soll. Eine verfassungsändernde Mehrheit, die an sich dafür erforderlich sei, wäre im Landtag wohl kaum zu finden. Wohl aber könne sich im Einverständnis mit der Mehrheit der Vertretung des preußischen Volkes dem Landtage ein gangbarer Weg dadurch ergeben, daß ein vom Preußischen
Mißverstandene Ohrseigen?
„Man spricht vergebens viel, um zu versagen; der andere hört von allem nur das Nein!" Dieses Dichterwort kann man auf die Aufnahme der e n g l i s ch e n R o t e, die Deutschlands Forderung auf Gleichberechtigung ablebnt, in Deutschland sagen. Aus allen juristischen und politischen spitzfindigen Erwägungen, die in der Note angeführt werden, klingt allein die Mißbilligung des deutschen Schrittes ins deutsche Ohr. Es hat aber den Anschein, als ob man in englischen Regierungskreisen doch bereits das Gefühl hat, daß Außenminister S i m o n in Ton und Tendenz seine Erklärung über das Ziel hinausgeschossen hat. Die englische Presse jedenfalls, die sofort nach Bekannt- werden^ die Rote zu mildern suchte, fährt in ihrem Bestreben fort, es so darzustellen, daß die englischen Erklärungen nicht nur in B e r l i n, sondern auch in P a r i s m i ß v e r st a n d c n worden seien. Man erwartet erst bei dem Zusammentreffen des englischen Außenministers Sir John Simo n mit Reichsaußenminister Freiherr« v o n N e u r a t H eine Weiterentwicklung in der Frage der deutschen Gleichberechtigung. Die Rcichsregierüng könnte, so erklärt man, auch noch einmal erwägen, ob eine unmittel b a r e A n t w o ri auf die englische Note wirklich zwecklos sei. Die ersten Rückwirkungen der Note hätten enttäuscht. Merkwürdigerweise hätte Berlin noch nicht die weitgehende Anerkennung seiner Glcichbercchti- gungsansprüche in der englischen Note gemerkt. Dies sei auf die verzwickte Abfassung des englischen Vorschlages zurückzuführen. Die englische Nation wolle sich nicht mit den Deutschen u m d e r F r a n z o s c n w i l l e n, die nur ihre militärische Vormachtstellung in Europa aufrecht- erhalten wollten, überwerfen. Die englische Haltung ergebe sich nicht etwa aus Liebe zu den Deutschen, sondern aus dem Willen zum Frieden zu unseren Lebzeiten, soweit England in Frage fommc. Die Engländer wollten nicht wieder um einer europäischen Frage willen kämpfen.
Nach dem schroffen Ton der Note klingen die Erklärungen, .als ob man jemand eine Ohrfeige gegeben hat und nachher sagt: „Es war nicht b ö s gemeint!" Will man von hier aus Deutschland e i n e B r ü ck e bauen, auf der es doch noch an der Abrüstungskonferenz teilnehmen wird? Jedenfalls wird es in Völkerbundkreisen a^s feststehend angesehen, daß bereits Ende der Woche in.
Französische „Geländeübungen" und deutsche Manöver.
In krassem Gegensatz zu den deutschen stehen die französischen Manöver, die jetzt gleichzeitig bei Chalons sur Marne stattfinden. Obgleich der französische Kriegsminister kurz vor Beginn der Manöver darauf hingewiesen hatte, daß es sich gemäß seinem in der Kammer abgegebenen Versprechen lediglich um „Geländeübungen" handeln werde, weichen die Manöver in keinem Punkte von denjenigen der letzten Jahre ab. Jagd- und Bombenflugzeuge, Tanks und alles, was zu einer modernen Heeresausrüstung gehört, ist herangezogen worden und unterstützt die beiden Parteien bei ihren Übungen. Demgegenüber betrachte man — und diese Betrachtung sei angelegentlichst allen Mitgliedern der Abrüstungskonferenz empfohlen — die Ausrüstung des deutschen Heeres, das, aller modernen Rüstungsmittel durch das Diktat von Versailles beraubt, sich mit Tankattrappen, Modellgeschützen, „Annahmen" und Schiedsrichteranweisungen begnügen muß, um die fehlenden Kriegsmittel wenigstens manövermäßig zu ersetzen.
Landtag gewählter Ministerpräsident zum Reiöbskanzler ernannt werde. Reichskanzler von Papen hätte allerdings keine Aussicht, zum Ministerpräsidenten in Preußen gewählt zu werden. , . . ’
Nach dem Vortrag des Landtagsprassdenten fand eine Aussprache statt, an der sich sowohl der Herr Reichspräsident wie auch der Herr Reichskanzler lebhaft beteiligten.
Die preußischen Beamten und der Reichskommiffar.
Dèr Preußische Landtag hatte bekanntlich vor einiger Zeit mit den Stimmen der NSDAP, und KPD. einen kommunistischen Antrag angenommen, wonach die preußischen Beamten nicht verpflichtet seien, den Anordnungen des Neichskommissars Folge zu leisten. Wie von unterrichteter Seite verlautet, ist dieser Beschluß des Landtags auch beim Besuch des Landtagspräsidentcii Kerrl bei H i n d e n b u r g zur Sprache gekommen. Reichskanzler von Papen, der in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für Preußen der Unterredung beiwohnte, hat den Landtagspräsidenten auf diesen Beschluß hin- gewiesen und hat deutlich zum Ausdruck gebracht, daß die kommissarische Regierung sich mit diesem Beschluß nicht abfinden werde und seine Zurücknahme fordern müsse. Was Herr Kerrl dem Reichskanzler darauf geantwortet hat, ist nicht bekanntgeworden. Wie jedoch von unterrichteter Seite verlautet, soll der Landtagspräsideni zu erkennen gegeben haben, daß er sich der politischen Tragweite dieses Beschlusses durchaus bewußt ist.
Genf vertrauliche längere Besprechungen zwischen Frhrn. vonNeurath, Herriot und Baron Aloisi stattfinden werden. Die kommenden Verhandlungen werden an die Entschlossenheit und Ncrvenstärke der deutschen Vertreter die allergrößten Anforderungen stellen. Es ist jedoch nicht zu bezweifeln, daß die deutsche Abordnung fest bleiben wird.
Vor neuen Sparmaßnahmen.
In Ländern und Gemeinden.
Das Reichskabinett wird zur Wcitcrberatung der Wirtschafts- und finanzpolitischen Maßregeln erst am Freitag wieder zusammentreten. Im Reichsfinanzministc- rium fand eine Besprechung mit den Finanz- ministern derLänder statt.
Amtlich wird über das Ergebnis der Konferenz mitgeteilt: Die eingehende Aussprache ergab, daß bei den noch immer sinkenden Einnahmen und den steigenden Wohlfahrtsausgaben der Gemeinden die finanzielle Lage für viele Länder und Gemeinden in den nächsten Monaten selbst bei Annahme einer leichten Besserung der Wirtschaft noch äußerst schwierig werden wird und daher an weiteren VereinfachungS- und E r s par - n i s m a ß n a h m c n, wo solche noch bestehen, nicht vor- übergegangen werden kann. Zur Prüfung dieser Frage wird bereits in den nächsten Tagen ein kleiner Ausschuß im Rcichsfinanzministerium zusammcntretcn, dem ein Vertreter des Reichsfinanzministeriums und sieben Vertreter der Länder angchören.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Tic RcichstagSwahlcn sind endgültig auf den 6. November anberauint worden.
* Im Rcichsfinanzministerium fanden Besprechungen mi den Finanzministern der Länder statt.
* Reichspräsident v. Hindenburg nimmt an den Rei iowc Manövern bei Frankfurt a. d. O. teil. .
* In Berlin begann vor einem $ an dergcricht cm Lr 031 h wegen Totschlags aus politischen Gründen. Angeklagt ,.n. neun Kommunisten.