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Nr. 3 — 1933 Fulda, Mittwoch, 4. Januar 10. Jahrgang
Sprung über die
Offener Kriegsausbruch in Gina?
Peting von den Japanern bedroht.
Die japanischen Truppen haben mit ihrem Sturm auf S ch a n h a i k w a n zum erstenmal in den mandschurischen Wirren den Fuß in das eigentliche China gesetzt. Bisher waren ihre militärischen und politischen Maßnahmen aus das mandschurische I n t e r c s s e n g e b i e t Chinas beschrankt geblieben.
Diese offene Grenzverletzung rief naturgemäß den erbitterten Widerstand der chinesischen Truppen hervor, und die Kämpfe um die Grenzstadt Schanhaikwan sollen nach den vorliegenden Meldungen, die infolge der Unterbrechung der telegraphischen Verbindung zwischen Schanhaikwan und Peking und Tientsin zunächst noch spärlich und unklar waren, außerordentlich heftig und blutig gewesen sein.
Der japanische Angriff auf die Stadt wurde nach Hinzuziehung zweier Regimenter mit großem Truppeneinsaü und mit Unterstützung von Bombengeschwadern und Feldartillerie durchgeführt.
Außerdem hat in Zusammenhang mit den Ereignissen bei Schanhaikwan das Japanische Marineministerium angeordnet, daß die Vierte To rp e d o s lotti lle in Sasebo sich zum Auslaufen bereitmachen solle. Die in Tsingtau liegenden japanischen Kriegsschiffe fallen verstärkt werden und zum Schutz der japanischen Staatsangehörigen in Tientsin Kriegsschiffe eintreffen.
Durch die japanischen Maßnahmen in Schanhaikwan iinb Tientsin ist die chinesische Hauptstadt Peking bedroht.
Über den A u s b r u ch der Kämpfe besteht noch keine Klarheit. Die I a p a n e r sagen, daß chinesische Truppen mehrere japanische Gebäude in Schanhaikwan bombardiert hätten, worauf japanische Truppen zum Schutze ihrer Staatsangehörigen vor die Stadt gerückt seien. Amtliche chinesische Kreise in Peking behaupten, daß das Feuer von den Japanern auf chinesische Kasernen eröffnet werden sei. Vorstellungen eines chinesischen Offiziers seien ergebnislos verlaufen.
Schanhaikwan, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, liegt bereits innerhalb der Großen Mauer. Die Chinesen lehnen die Behauptung ab, daß die Stadt irgend etwas mit der M a n d s ch u r e i zu tun hat. Auch in Genf haben sie erklären lassen, daß ein Angriff auf rein chinesisches Gebiet für sie einen Kriegsfall bedeuten würde. "
Schanhaikwan von den Japanern MC!.
Die amtliche Bestätigung.
Das japanische Kriegsministerium erklärt, daß es ein Telegramm von dem Stabschef der japanischen Armee in China, Nakamura, erhalten habe, in dem mit- geteilt wird, daß die japanischen Truppen am 3. Januar um 3,20 Uhr Schankhaikwan besetzt haben. Die japanischen Truppen sind in die Stadt eingerückt und haben sämtliche staatlichen Gebäude besetzt. Die chinesischen Truppen, die ohne Widerstand Schanhaikwan verlassen, werden von der japanischen Armee weiter verfolgt. Wie mctier halbamtlich mitgeteilt wird, sind in Schanhaikwan mehre tausend chinesische Truppen von der japanischen Infanterie entwaffnet worden.
Internationale Verwicklungen?
Die Befehlshaber der ausländischen Truppen in Tientsin sind nach einer japanischen Meldung zu einer dringenden Konferenz im Hauptquartier der japanischen Garnison zusammengetreten, um sich mit der Lage zu befasse«, die nach der Sprengung einer Eisen- bahnbrücke drei Kilometer westlich von Schanhaikwan, die angeblich von chinesischen Truppen herbeigeführt wurde, entstanden ist. In der japanischen Meldung heißt es weiter, daß die Eisenbahnlinie Schanhaikwan — Peking auf Grund des Boxerprotokolls von ausländischen Truppen g e s ch ü tz t werde.
Im Kriegsministerium in Tokio fand eine Konferenz über die Lage in Schanhaikwan statt. Kriegs- - minister Araki erklärte nach der Besprechung, die Ereignisse seien so weit getrieben worden, daß Japan nichts weiter übrigbleibe, als sie ihren Lauf nehmen zu lassen. Die japanische Regierung habe genug gewarnt und erklärt, daß Marschall Tschanghsueliang die Verantwortung für die politische Lage trage,, da er durch seine Truppen- zusammenziehungeu die japanische Armee „provoziert" habe.
*
Meldungen aus zuverlässiger chinesischer Quelle zufolge bestehe Schankäikwan nur noch aus rauchenden Trümmerhaufen, unter denen die verkohlten Leichen von 500 Soldaten und zahlreichen Zivilisten liegen. Nach weiteren chinesischen Meldungen sollen noch 3 japanische Kriegsschiffe in Tschingwangtau eingebrochen sein.
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Japan und China.
Die Kunde von einem nachträglichen, aber überaus unerfreulichen „Neujahrsgcschenk" durcheilt die Welt: Neuer japanischer Angriff im Fernen-Osten, und zwar auf ein Gebiet, das man selbst in Tokio nicht mehr zum japanischen Interessengebiet oder auch nur zu der Man«
Mauer
dschurei rechnen kann." Die ausgesprochen chinesische Provinz Jehol ist von den Japanern attackiert worden, und gleichzeitig erfolgte auch das übliche Ultimatum an die chinesische Regierung, das in einer ebenso üblichen kurzen Frist die Räumung des „strittigen" Gebietes verlangte. Um dieses Ultimatum wirksam zu gestalten, wurde diese „diplomatische Aktion" durch Bombenabwürfe und Artilleriebeschießung unterstützt.
Damit ist das neue Jahr im Fernen Osten ebenso begonnen worden, wie man dort das alte beschloß. Bisher war aber das. was sich wenigstens in der Mandschurei
abspielte, doch mehr eine lokale Angelegenheit trotz der Größe des in Frage kommenden Gebietes. Was sich aber jetzt aus diesem Angriff und diesem Ultimatum entwickeln kann, ist viel gefährlicher noch, als selbst der große japanische Angriff auf Schanghai einzuleiten schien. Davon spricht ja heute — wenigstens in Genf — außer der chinesischen Delegation kaum noch ein Mensch, und der Lhtton-Bericht über die Kämpfe um die Mandschurei ist nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt wurde, geschweige denn die Kosten, die die Reise dieser zahlenmäßig
Neuwahlen in Sicht?
Geforderte Entscheidungen.
Politische Kämpfe im Reich und in Preußen.
In der politischen Öffentlichkeit wird in letzter Zeit wieder vielfach die Frage von Neuwahlen in den kommenden Wochen erörtert. Diese Gerüchte haben ihren Ausgangspunkt gefunden in der bereits seit einigen Wochen geplanten Aussprache zwischen dem Reichskanzler von Schleicher und dem preußischen Ministerpräsidenten Brau n, in der neben anderen Möglichkeiten der
Lösung der Preußensrage
besonders die Frage der legalen Wahl eines neuen Ministerpräsidenten für Preußen und demzufolge die Beendigung der kommissarischen Regierung erörtert werden soll. Ministerpräsident Braun hat übrigens ein ausführliches Schreiben an den Reichskanzler gerichtet, in dem er alle schon mit dem. früheren Reichskanzler von Papen und dem Reichskommissar Dr. Bracht erörterten Forderungen und Beschwerden des preußischen Staatsministeriums wiederholt hat. Ein genauer Zeitpunkt für die Unterredung ist allerdings noch nicht festgesetzt. Sollte bei der Aussprache zwischen Braun und Schleicher eine Neuwahl des preußischen Ministerpräsidenten gemäß den gesetzlichen Bestimmungen nicht zustande kommen, so darf mit der
Auflösung des Preußischen Landtages
zu rechnen sein. Diese Landtagsauflösung ist in Preußen auf zwei Arten möglich: entweder wird sie mit Mehrheit vom sogenannten Drei-Männer-Kollegium beschlossen, dem der Ministerpräsident Braun (Soz.), der Landtagspräsident Kerrl (Nat.-Soz.) und der Präsident des Preußischen Staatsrates Adenauer (Ztr.) angehören, oder aber, der Landtag beschließt mit Mehrheit selbst die Auflösung.
Die Frage, ob es zu einer Landtagsauflösung in Preußen kommen wird oder nicht, wird im wesentlichen auch beeinflußt sein von den weiteren Vorgängen im Reich. Reichskanzler von Schleicher hat ja wissen lassen, daß er den Reichstag bald vor die Vertrauensfrage seinem Kabinett gegenüber stellen mirb. Eine neue Gefahrenquelle für die Reichsregierung scheint die vor kurzem erlassene
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zu sein, die bei den Reichstagsparteien starke Gegnerschaft gefunden hat und deren Aufhebung man im Reichstag beantragen will Wie die Reichsregierung sich zu einem solchen Aufhebungsbeschlutz stellen würde, ist noch nicht
nicht gerade kleinen Kommission nach dem Schauplatz dieses chinesisch-japanischen „Konfliktes" verursacht hat.
Natürlich ist an dem neuen „Konflikt" auch wieder „niemand" schuld bzw. immer die Gegenseite, die zuerst „angegriffen" hat. Das war so, ist so und wird vermutlich immer so bleiben, solange der Krieg zwar schon dreimal feierlich geächtet wurde, aber selbst dadurch noch immer nicht aus der Welt verbannt worden ist. Man wird also wieder ein D i s k u s s i o n s th e m a in Genf beim Völkerbund darüber haben, und bis dies entschieden ist oder vielmehr sein sollte, gehen die Dinge im Fernen Osten weiter, ganz unbekümmert darum, ob im Völkerbundstatut, im Kellog-Pakt eine erst vor einem halben Monat ganz frisch abgeschlossene Nichtangriffsvereinbarung besteht oder nicht.
Wenn die Japaner noch weiter gespannte Pläne verfolgen und die Furcht der Chinesen vor einem Angriff gar auf Peking berechtigt sein sollte, dann hat sich die Regierung in Tokio den Augenblick zum Vorstoß diplomatisch nicht ungeschickt ausgesucht. Die fortgesetzten Vertagungen jeder klaren Stellungnahme des Völkerbundes in Genf, dessen Rat ja auch im Laufe des Januar zu einer Sitzung zusammentritt, wird in gewisser Beziehung dadurch „ergänzt", daß die amerikanische Außenpolitik noch bis März infolge des Präsidentenwechsels so etwas wie auf das tote Gleis geschoben wurde. Man hält es in Tokio nicht einmal für notwendig, den von Japan offiziell als Sonderbotschafter in Washington angekündigten früheren Außenminister Jshi nun auch wirklich nach Amerika fahren zu lassen, weil die jetzige Regierung Hoover doch keine entscheidenden Beschlüsse mehr zu der Politik Japans im Fernen Osten fassen würde. Es ist schon eine Art „Diplomatie in Hemdsärmeln", die sich die Japaner nun auch sogar den Amerikanern gegenüber leisten! Von ihren heimlichen Freunden und eifrigen Waffenlieferanten in Europa haben sie ja auch weiter nichts zu befürchten.
Nach der sowjetrussischen Seite herüber, also dem unmittelbaren Nachbarn der Mandschurei im Norden, droht den Japanern auch keinerlei Gefahr, obwohl sich die bis in letzter Zeit recht intimen Beziehungen etwas ab- gekühlt haben: .der Nichtangriffspakt, über den zwischen Moskau und Tokio verhandelt wurde, ist nicht zustande gekommen, weil die Japaner immer wieder die offizielle Anerkennung ihres Mandschureistaates forderten und die Russen denn doch nicht sich dadurch in einen offenen Gegensatz ^u China stellen wollen. Vielmehr sind in Genf durch die russischen und chinesischen Delegationen die „diplomatischen Beziehungen" wieder offiziell ausgenommen worden, — aber was hat China in seiner Not gegenüber Japan davon! Etwa ebensoviel wie von den uns sicher wieder bevorstehenden Verhandlungen des Völkerbundes. Also: Nichts. Weil auch heute noch Macht vor Recht und Angriff vor Schwäche geht.
bekannt. Jedenfalls weiß man, daß Reichskanzler Schleicher jetzt den Reichstag möglichst schnell vor die Entscheidung stellen will. Sollte es dabei zu einer Reichstagsauflösung kommen, so ist es nicht ausgeschlossen, daß dann zu gleicher Zeit in Preußen Neuwahlen stattfinden werden. Die Frist für Neuwahlen im Reiche solle dann so abgekürzt werden, daß
die Wahlen eventuell noch im Februar vor sich gehen könnten.
Der Ältestenrat, der am Mittwoch, den 4. Januar, Zusammentritt, soll ja nunmehr Beschluß darüber fassen, wann der Reichstag für seine Januartagung zusammen- kommcn soll. Man rechnet allgemein damit, daß dies Mitte Januar der Fall sein wird, und dann werden auch die großen politischen Entscheidungen, denen man im Dezember in Anbetracht des bevorstehenden Weihnachtsfestes mit Absicht ausgewichen ist, bald fallen.
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Scharfe Angriffe Rosenbergs gegen den Kanzler.
Im Völkischen Beobachter wird Reichskanzler von Schleicher wegen seiner Rede beim offiziellen Neujahrsempfang sehr scharf angegriffen. Schleicher hatte u. a. erklärt: „Meinen beiden Vorgängern im Kanzleramt ist es gelungen, Deutschland von der Last der Reparationen zu befreien". Rosenberg stellt dazu fest, daß Deutschland nach wie vor 410 Millionen Goldmark Jahrestribute leiste, und schreibt: Dieses unverantwortliche Neuiahrswort des Nbergangskanzlers wird in der ganzen Welt gelesen werden. Alle Völker werden es von jetzt ab als ausgemacht hinnehmen, daß Deutschland von allen Lasten befreit sei, daß es somit die besten Aussichten besitze, sich wirtschaftlich zu erholen. Und alle werden dann mehr als erstaunt sein, wenn deutscherseits der Kampf um tiic Streichuna doch noch be-
Kleine Zeitung für eilige £efer
* Der Reichskanzler a. D. und Generaldirektor der Hamburg- Amerika-Linie, Geheimrat Cuno, ist in Hamburg gestorben.
* I» der politischen Öffentlichkeit sind Gerüchte im Umlauf, daß eine baldige neue Auflösung des Reichstags und des Preußischen Landtags nicht ausgeschlossen ist.
* Japanische Truppen haben bei Schanhaikwan die chinesische Grenze überschritten und bedrohen Peking.