Zul-aer Anzeiger
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Nr. 4 — 1933
Fulda, Donnerstag, 5. Januar
10. Jahrgang
Riesenschiff
Der französische Dampfer' „Mantique" brennend im Kanal. Schiff wahrscheinlich verloren, Besatzung gerettet.
Der im französischen Südamerikadicnst stehende, 42 512 Tonnen große Dampfer „Atlantique" ist aus bisher unbekannter Ursache im Kanal zwischen Le Havre und Cherbourg in Brand geraten. An Bord des Ricsenschiffes, das nach Le Havre ins Trockendock gehen sollte, befanden sich etwa 260 Mann der Besatzung, die unter normalen Verhältnissen C>50 Mann betraut. Die übriaen 400 Mann
Ter Dampfer „L'Allantique".
der Besatzung und die Fahrgäste hatten das von einer Südamerikasahrt heimgekehrte Schiff in Bordeaux ver- lassen. Auf die SOS-Rufe des brennenden Dampfers eilte sofort
das H a p a g - M o t o r s ch i f f „R u h r' an die Unfallstelle. Zusammen mit dem englischen Dampfer „Ford Castle", der etwas später kam, hat das deutsche Schiff, wie verlautet, die gesamte Besatzung übernommen, so daß glücklicherweise keine Menschenleben zu beklagen sein dürften. Eine offizielle Bestätigung dieser Meldung liegt allerdings noch nicht vor. Das Schiff selbst gilt als vollkommen verloren.
Die „Atlantique" war eines der schönsten, größten und schnellsten Schiffe, die zwischen Frankreich und Südamerika verkehren. Als sie am 29 September 1931 ihre Jungfernfahrt antrat, hieß es in Frankreich allgemein, daß sie auf dem Südatlantik den
Wettkampf mit dem deutschen Dampfer „Cap Arcona" aufnehmen werde. Das Schiff war mit einem Kostenaufwand von etwa 65 Millionen Mark gebaut worden und konnte bei voller Ausnutzung 2000 Fahrgäste befördern. Das 226 Meter lange und 30 Meter breite Schiff zeichnete sich besonders durch eine außergewöhnlich lururiöse Innenausstattung aus. Im Schiffsinnern befand sich ein langer Gang, der eine genaue Nachbildung der berühmten Pariser „Rue de la Paix" mit allen ihren Läden und Schaufenstern darstellte.
Dank an Deutschland.
Das französische Handelsministerium veröffentlicht ein Kommunque, in dem die französische Marinebehörde aufgefordert wird, dem deutschen Motorschiff „Ruhr" für seine Hilfeleistung den Dank der französischen Regierung auszusprechen. , t _
Der Norddeutsche Lloyd hat der Direktion der Compagnie de Navigation Sud-Atlantiaue ein Beileidstelegramm gesandt.
Französische Schiffskatastrophen.
Die Katastrophe des Dampfers „L'Atlquliquc" erinnert an das furchtbare Brandunglück, durch das im vorigen Jahre der französische Passagierdampfer „G e o r * g es Philippa r" im Golf von Aden vernichtet wurde und bei dem 52 Personen den Tod fanden. Noch in frischer Erinnerung ist auch die Tragödie des französischen U-Bootes „P r o m e t h e u s", das am 7. Juli v. auf der Höhe von Cherbourg mit 66 Mann Besatzung unterging. Ferner sei erinnert an den Untergang de^ französischen Bäderdampfers „St. Philbcrt", der im Juni 1931 an der Mündung der Loire gesunken ist Mehr als 300 Personen, darunter zahlreiche Kinder und grauen, fanden den.Tod in den Wellen. „ ...
Das englische Blatt „Evening Standard schreibt: „Es ist eine besondere Ironie des Schicksals, daß das Schiff, das dem brennenden Schiff „L' Atlantique die größte Hilfe leistete, den Namen „R u h r" trägt, den Namen des deutschen Gebietes, das so eng mit der Repa- rativnsfrage verknüpft ist." Es könnte hinzugefügt werden, daß sich in diesen Tagen der Tag des Beginnes der französischen Ruhtbcfetzüng zum zehntenmal jährt.
Die Rettung der Vesatzung des brennenden Ozeanriesen.
Der Bericht deS ^Kapitäns der „Ruhr". „
Wie der Kapitän des Hapag-Motorschiffes „Ru h t" der Direktion der Hamburg-Amerika-Linie telegraphierte, hat er die „Atlantique" bei Guernfev angetroffen. Eine
in Brand. telegraphische Verbindung mit dem brennenden Schiff war nicht herzustellen. Die „Ruhr" hielt sofort auf die „Atlantique" zu und setzte sämtliche Rettungsboote aus. Es gelang, die imDunkeltreibenden vollbesetzten Boote des französischen Dampfers zu bergen und die Schiffbrüchigen an Bord zu nehmen. Es herrschte grobe See und hohe Dünung. Insgesamt konnten von der „Ruhr" 86 Mann gerettet werden. Die „Ruhr" setzte dann als letztes Schiff die Reise nach Cherbourg fort, um dort die Geretteten zu landen.
Wie jetzt bekannt wird, befanden sich insgesamt nur 170 Mann an Bord der „Atlantique". In Cherbourg traf ferner der holländische Dampfer „Achilles" mit einem weiteren Teil der Besatzung ein. Die französischen Matrosen hatten ihr Schiff nicht eher verlassen, als bis alle Möglichkeiten zur Bekämpfung des Feuers sich als nutzlos erwiesen. Die Tatsache, daß die Bordmittel nicht genügten, sei lediglich ein Beweis dafür, mit welcher Geschwindigkeit das Feuer um sich gegrisfen habe. Die „Atlantique" sei mit den allermodern sten Löscheinrichtungen ausgerüstet gewesen. Außer dreizehn sogenannten eisernen Vorhängen sowie einer Reihe feuerdichter Schotten sei das Schiff für die Bekämpfung des Feuers mit Wasser, Dampf und Schaum ausgerüstet gewesen. Vier Pumpen konnten auf einmal 208 Rohre bedienen, die an verschiedenen Stellen des Decks angebracht waren.
Die „Atlantique" endgültig verloren.
Der französische Südatlankttdampfer „Atlantique" kann als verloren gelt .. Fünf Flugzeuge, die das Schiff in den Nachmittagsstunden überflogen, haben sest- gestellt, daß es ein einziges Flammenmeer bildet und unmöglich gerettet werden kann. Die Hilfsschiffe, die von Cherbourg ausgelaufen waren, konnten überhaupt nicht eingreiscn, da es ihnen nicht möglich war, nahe genug an das brennende Schiff heranzufahren, um ihre Wasserrohre in Tätigkeit zu setzen.
Ein Vertreter einer englischen Zeitung schildert, wie er die brennende „Atlantique" mit einem Flugzeug überflogen hat. Es sei ein erschütternder Anblick gewesen, wie das Schiff von Flammen und Rauch eingehüllt, um 15 Grad geneigt, hilflos dahintreibe. Eine riesige Rauchwolke gehe von dem Wrack aus kilometerweit über den Kanal. Deck und Schiffsbrücken seien bereits vollkommen zerstört. Überall schössen Flammenzungen hervor. Die Farbe schäle sich in großen Stücken von der rotglühenden Schiffshülle ab.
(Weitere Nachrichten über die „Atlantique" siehe Seite 2 „^)
Reichstag am 24. Januar.
ZusMmenMdesReilhMrlalueuts
Beschluß des Ältestenrates: 24. Januar.
Der Ältestenrat des Reichstages hat in feiner Sitzung am Mittwochnachmittag die Einberufung des Reichstages zum 24. Januar beschlossen. Am 20. Januar wird der Ältestenrat nochmals zusammentreten, um die Tagesordnung für die nächste Reichstagssitzung festzulcgen.
über die Sitzung des Ältestenrats wird weiter bekannt, daß die Kommunisten die Einberufung des Reichstages für den 9. Januar, die Sozialdemokraten für den 10. Januar vorgeschlagen hatten. Diesen Anträgen wurde entgegengehalten, daß erst die Ausschüsse Zeil zur Fortsetzung ihrer Arbeiten haben müßten. Schließlich wurde ein Z e n t r u m s a n t r a g angenommen, den Reichstag zum 24. Januar einzuberufen Die Annahme dieses Vorschlages erfolgte mit allen Stimmen ^gegen die der Kommunisten und Sozialdemokraten bei Stimmenthaltung der Nationalsozialisten, die ihrerseits vorgeschlagen hatten, den Zeitpunkt der nächsten Vollsitzung des Reichstages entsprechend der vom Reichstag erteilten Ermächtigung dem Präsidenten weiterhin zu überlasten.
In der Sitzung des Ältestenrates, die von Vizepräsident Esser (Ztr.) geleitet wurde, wurde auch angeregt, in der nächsten Vollsitzung u. a. einige internationale Ab- kommen zu erledigen. Auch sonst liegt ein umfangreiches Beratungsmaterial vor.
Es ist damit zu rechnen, daß auf die Tagesordnung der nächsten Vollsitzung bereits
die Entgegennahme einer Regierungserklärung
gesetzt wird. Die Nationalsozialisten wünschten, daß in der nächsten Sitzung auch ihr M.tztrauensantraq gegen die Reichsregicrunq zur Abstimmung gebracht werden sollte, wobei allerdings betont wurde, daß sie damit nicht die Abgabe der Regierungserklärung vorweg verhindern wollten, sondern daß die Abstimmung ihres Mißtraucns- antrages im Anschluß an die Regierungserklärung oder die darauffolgende Aussprache stattfinden soll
Mit diesem Beschluß des Ältestenrates des Reichstages dürften die Gerüchte, die davon wissen wollten, daß mit einer baldigen Auflösung des Reichsparlaments zu
Der deutsche Dampfer „Pollux" an der norwegischen Küste gestrandet.
Kopenhagen. Der Orkan, der vor der norwegischen Westküste große Verheerungen anrichtete, hat die Strandung des 3000 Tonnen großen deutschen Dampfers „Pollur" aus Flensburg, der sich auf der Fahrt von Scrpsborg (Oslofjord) nach Kiel befand, verursacht. Der Dampfer war in der Nacht bei orkanartigem Sturm in schwere See geraten. Der Kapitän hatte aber die Geistesgegenwart, das Schiff vom Strand wegzu bringen, so daß es an einer nicht allzu gefährlichen Stelle strandete. Tas Schiff fand gegen Morgen Unterstützung durch einen norwegischen Dampfer, der den „Pollux", der bereits ein großes Leck hatte, ins Schlepptau nehmen konnte. Jetzt liegt das Schiff mit großer Schlagseite und Leck in der Nähe von Horten vor Anker.
Tas Motorschiff „Ruhr" der Hapag, das einen Teil der Besatzung des brennenden französischen Ozeanrieien rettete.
Was ist mit dem Eisbrecher „Malygin"?
über die Strandung des russischen Eisbrechers „M a I y g i n", des Schiffes, das seinerzeit die Überlebenden der Nobile-Erpedition rettete. und besten Begegnung mit dem „Graf Zeppelin" auf dem Polareise noch in aller Erinnerung ist, liegen nur spärliche Nachrichten vor. Der Eisbrecher befand sich auf der Fahrt von Archangelsk nach Spitzbergen. «Im Nördlichen Eismeer, drei Seemeilen von der Küste entfernt, bekam er
ein großes Leck.
Der ihn begleitende Eisbrecher „Svcdor" versuchte vergeblich, ihn wieder flott zu bringen. Beide Eisbrecher haben zusammen etwa 300 Grubenarbeiter an Bord sowie mehrere Forscher. Man hofft, daß alle in Sicherheit sind, weiß aber nichts Genaues.
In Moskau scheint man den „Malygin" bereits auf- gegeben zu haben. Ter Moskauer Rundfunk hat feierlich Abschied von dem Schiffe genommen. Der Sprecher erklärte: „Lebe wohl, braver ,Malygin'! Du hast Ruhm in deinem Leben geerntet und hast es jetzt verdient, zur Ruhe zu neben."
rechnen sei, vorerst nicht ihre Verwirklichung finden. Wenn keine besonderen Zwischenfälle eintreten, ist damit zu rechnen, daß die Aussprache, die sich an die Regierungserklärung schließen wird, noch mehrere Tage in Anspruch nehmen wird, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß die politische Debatte noch in den Februarmonat hineindauern wird.
Auch die bereits angedrohte Auflösung des Preußischen Landtages ist noch keineswegs sicher. Wie man hört, hat sich Ministerpräsident Braun in einer Sitzung des Vorstandes der sozialdemokratischen Landtagsfraktion wider Erwarten gegen eine Auflösung des Preußischen Landtages durch das sogenannte Drei- männerfonegium ausgesprochen. Auch das Zentrum wird keine große Lust verspüren, in eine Auflösung des Preußischen Landtages zu willigen, so daß der Präsident des preußischen Staatsrates, Adenauer, der ebenfalls Mitglied des Drcimännerkollegiums ist, und der dem Zentrum angehört, vor der Hand kaum für eine Auflösung des Landtages stimmen wird. Die Haltung der Nationalsozialisten ist noch ungewiß.
Wie weiter bekannt wird, hat Ministerpräsident Braun in der Sitzung lebhafte Klagen über die Personalpolitik der kommissarischen Preußenregierung vorgebracht und Abberufung der Reichskommissare in Preußen verlangt. Eine baldige Klärung der Lage in Preußen wird ja die demnächst ftattfinbcnhc Unterredung zwischen dem Reichskanzler von Schleicher und dem Ministerpräsidenten Braun bringen.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Ter Ältestenrat des Reichstags beschloß die Einberufung des Reichsparlaments zum 24. Januar.
* Im Kanal geriet der französische Ricscndampfcr „Atlanti- que" in Brand und wurde fast völlig vernichtet. Tie Besatzung wurde von dem Hapag-Motorschiffe „Ruhr" gerettet.
* Die Japaner haben nach ihrem erfolgreichen Einfall in China auch aus russischem Gebiet eine Grenzstadt besetzt.
* Unter dem Verdacht der Falschmünzerei lmirdc in Amerika ein deutscher Flieger verhaftet.