Zul-aer Mzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 5 — 1933
Fulda, Freitag, 6. Januar
10. Jahrgang
Politische Kulissengeheimnisse.
Wichtige Anierhaltungen
Papen— Hitler, Schleicher—Strasser.
Der vom Ältestenrat für den 24. Januar in Aussicht genommene Zusammentritt des Reichstages wirft bereits jetzt feine Schatten voraus. Es ist nämlich bekaunt- geworden, daß in den letzten Tagen wichtige politische Gespräche stattgefunden haben sollen, die dazu bestimmt waren, eine Klärung über die Stellung des Reichstages zum Kabinett Schleicher herbeizuführen.
Großes Aufsehen erregte in der politischen Lfsentlich- keit eine Meldung der Täglichen Rundschau, der besonders gute Beziehungen zum Reichskanzler Schleicher nachgesagt werben. Das Blatt will nämlich erfahren haben, daß am Mittwochmittag in Köln in der Wohnung des Barons Roeder
eine geheime U n t e r r c d u n g z w i s ch e n Adolf Hitler u nd dem früheren Reichskanzler von Papen
^ttgefunden habe. Adolf Hitler sei in Begleitung seines neuen Generalsekretärs Rudolf Heß und des obersten SS.-Führcrs Himmler und seines Wirtschaftsberaters Keppler erschienen. Die Unterredung habe etwa anderthalb Stunden gedauert. Bei der Unterredung seien dieMöglich- keiten erwogen worden, noch einmal den Versuch einer Kanzlerschaft Hitlers zu unternehmen. Angesichts der guten persönlichen Beziehungen des Herrn von Papen zum Reichspräsidenten hofften die Beteiligten anscheinend, daß Herr von Papen den Reichspräsidenten dazu umstimmen könne, seine bisherigen Bedenken gegen eine Kanzlerschaft Hitlers faüenzulasscn.
Wie weit diese Meldung der Täglichen Rundschau den Tatsachen entspricht, ist natürlich schwer festzustellen. Man weiß allerdings, daß Hitler, aus der Richtung Köln kommend, Mittwoch Mitternacht in Detmold eingetroffen ist, wo er sofort in einer Wahlversammlung der Nationalsozialisten das Wort ergriffen hat. In dieser Persammlung erklärte Hitler, daß es der NSDAP. nicht auf die Regierung ankomme, soüdern auf höhere Ziele. Er erstrebe Deutschland „in vielleicht fernerer Zukunft" zu retten und baue dafür jetzt Stein auf Stein auf. Hitler erklärte wieder, er werde sich treu bleiben und auf seine Stunde warten.
Der gegenwärtig in Lippe geführte Wahlfeldzug gilt der Neuwahl des Lippischen Landtages,
die am 15. Januar stattfinden soll. Für diese Neuwahlen haben die politischen Parteien sehr umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Sowohl die Nationalsozialisten wie die Kommunisten halten im ganzen Lande zahlreiche Versammlungen ab. Die Nationalsozialisten haben außer Hitler noch andere führende Männer der Partei nach Lippe beordert, damit diese dort in den Wahlkampf eingreifen können.
Viel beachtet in politischen Kreisen wurde ferner eine' Meldung der Kölnischen Zeitung, die sich aus Berlin berichten läßt, daß Gregor Strasser in der Reichshauptstadt eingetroffen sei, offenbar in der Absicht, dort Verhandlungen zu führen. In politischen Kreisen, so heißt es in dem Blatt weiter, wird verlautet, daß
Gregor Straffer bereits eine Besprechung mit dem Reichskanzler gehabt habe oder noch haben werde. Die Unterredung zwischen Schleicher und Strasser wird au amtlicher Stelle vorläufig nicht bestätigt. Die Nachricht von der Unterredung Schleicher-Strasser geht auf Gerüchte zurück, die davon wissen wollen, daß es Strasser gelungen sein soll, eine Anzahl nationalsozialistischer Ncichstagsabgeordneter für eine Unterstützung oder Tolerierung der Schleicher-Regierung zu gewinnen. Wieweit alle diese Nachrichten und Gerüchte den Tatsachen entsprechen, wird sich ja bald
Die „Atlantique"-Katastrophe.
Todesopfer des Schiffsbrandes auf dem Kanal.
Noch keine Klarheit über die Ursache des Brandes.
Während man nach den ersten Nachrichten über den Brand des französischen Nicsendampfers „Atlantique" an- nehmen konnte, daß die furchtbare Schiffskatastrophe keine Opfer an Menschenleben gefordert habe, besagten spätere Meldungen, daß dem Brandunglück etwa dreißig Mann d e r B c s a h u n g zupt Opfer gefallen seien. Diese Nachricht wurde dann jedoch wieder berichtigt. Akan kann jetzt jedoch annehmen,Jmß
18 oder 19 Mätrosen ums Leben g e l o m m e n
sind. Sie werben einstweilen als „vermißt" gemeldet, und man hofft noch, daß sie irgendwo an Land gekommen sein könnten; aber diese Hoffnung dürfte sich leider wohl als trügerisch erweisen.
Der Kapitän der „Atlantigue" berichtete nach seiner Ankunft in Cherbourg einiges über den Ausbruch des Brandes. Er erklärte, daß er gegen 3^ Uhr morgens auf eine außerordentlich starke Rauchentwicklung aufmerksam geworden fei, die aus den unbe
zeigen müssen, da der Reichstag Ende Januar bestimmt zusammentreten und die Reichsregierung den Reichstag daun vor die Frage stellen wird, ob er mit ihr zusammenarbeiten will oder nicht. Dann wird der Augenblick gekommen sein, au den: alle Abgeordneten Farbe bekennen müssen.
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ASK. bestätigt Zusammenkunft Hitler— Papen.
Die Münchener Nationalsozialistische Korrespondenz bringt folgende Notiz: „Auf der Durchreise Adolf Hitlers nach Lippe fand am Mittwoch im Hause eines Freundes Der NSDAP, in Köln eine kurze Begegnung Adolf Hitlers mit dem früheren Reichskanzler von Papen statt. Es handelt sich dabei lediglich um eine zwanglose Unterhaltung über die politischen Fragen der letzten Wochen."
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Eine parteiamtliche Auslassung der ASDAp.
Die NSK. schreibt: Die Regierung von Schleicher befindet sich heute bereits mitten in einer Krise, die ihr Ende vielleicht noch vor dem 24. Januar, dem Tage des Neichstagszusammentritts, herbeiführen kann. Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß der Margarineerlaß das Kabinett schon heute stärker erschüttert, als es andere, nach außen hin wichtiger erscheinende Fragen, wie z. B. solche außenpolitischer Natur oder auf anderen aktuellen Gebieten, sonst zu tun pflegen. Innerhalb des Kabinetts von Schleicher herrschen schon heute außerordentlich scharfe Gegensätze, die sich von Tag zu Tag noch mehr zuspitzen. Diese Gegensätze dürften sich aber noch wesentlich verstärken, wenn am 10. Januar der Haushaltsausschuß und der Sozialpolitische Ausschuß des Reichstages zusammentrcten. Daher ist es nicht ausgeschloffen, ^d aß der Bruch, der heute durch die Reichsregierung geht, während dieser Verhandlungen bereits zu einem endgültigen Spalt aufklaffen und die erwartete „Klärung der politischen Lage", von der im Ältestenrat Staatssekretär Planck sprach, vielleicht in erstaunlich kurzer Zeit erfolgt sein wird.
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Mamarineverorönung bleibi.
Von zuständiger Berliner Stelle wird anläßlich gewisser Pressegerüchte noch einmal betont, daß die Reichs- regierung an ihrer Verordnung über den Butterbeimischungszwang bei der Margarineherstellung festhalte. Auch in anderen Ländern habe sich der Butlerbeimischungszwang bewährt. Eine Verteuerung der Margarin durch Beimischung von Butter sei im Hinblick auf die V-"-^enst- syanne der Margariuefabrikanten nicht notwendig. Im übrigen sei es selbstverständlich, daß das Reichsernährungsministerium vor Erlaß der Ausführungsbestimmungen maßgebliche Sachverständige hinzuziehe, was aber nur für und nicht gegen die Durchführung der Verordnung spreche.
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Die Vorbereitungen für den Rcichsetat 1933.
Die endgültige Gestaltung der Arbeitsbeschaffung berührt auch die Vorbereitungen für die Aufstellung des neuen Reichsetats. Die Berichte der einzelnen Ressorts liegen sei einiger Zeit vollzählig vor. Jetzt sind die Einzelbesprechungen mit den Referenten im Gange. Sie werden noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Auf keinen Fall wird es möglich sein, so wird versichert, bereits am 10. Januar dem Haushaltsausschuß den angeforderten Überblick über den neuen Reichsetat zu geben.
setzten Kabinen erster Klasse aufstieg. Die Besatzung habe sofort alles unternommen, um den Brandherd ausfindig zu machen und ihn zu bekämpfen. Es habe sich aber bald gezeigt, daß alle Bemühungen nutzlos seien. Gegen 5 Uhr morgens hatten die Flammen bereits die Taue erreicht, mit deneu die Rettungsboote fcstgemacht waren, und eine Stunde später habe er der Mannschaft Befehl erteilen müssen,
das brennende Schiff zu verlassen.
Erst in diesem Augenblicke habe er festgestellt, daß Matrosen fehlten; sie seien entweder verbrannt oder erstickt oder durch herabstürzende Eisenteile erschlagen worden. Es sei auch möglich, daß einige Leute im Wasser den Tod gefunden hätten, da alle Mann über Bord gesprungen seien.
über die mögliche Ursache des Brandes
hält nmn in Fachkreisen vorläufig noch mit Erklärungen zurück, da die Uutersuchung saunt begonnen hat. Die Ingenieure der Schiffsbauwerft betonen übereinstimmend, daß gerade die „L'Atlantique" alle Garantien vollkommener Sicherheit auf sich vereinigte und in bezug auf Bekämpfung eines Feuers mit den allermodernsten Ein- rlchtungen der Technik ausgerüstet war. Der Ingenieur, der mit der Überwachung der Sicherheitseinrichtungen an Bord des Schiffes beauftragt war, bezeichnete es als sehr merkwürdig, daß gerade moderne Schiffe'der französischen
Handelsmarine in den letzten Monaten ein Raub der Flammen geworden seien.
Ter französische Minister der Handelsmarine erklärte jedoch, daß
ein verbrecherischer Anschlag
als ausgeschlossen gelten dürfe. Die geretteten Seeleute wußten über die Entstehung des Brandes auch nichts Bestimmtes zu sagen; sie gaben in ihren Aussagen hauptsächlich dramatische Einzelschilderungen. Alle Berichte stimmten darin überein, daß das Feuer sich mit auffallen*
„L'Atlanlique" in Flammen.
Dieses Bildtelegramm des französischen Ozeanriesen wurde von einem Sonderflugzeug aus ausgenommen und zeigt, daß der Dampfer mit starker Schlagseite lichterloh brennend hilflos auf dem Kanal treibt.
der Geschwindigkeit verbreitet habe: irgendwelche.Schlüsse sollen aber auch daraus nicht gezogen werden dürfen. Ein großer Teil der Geborgenen, unter denen sich übrigens
auch drei Frauen vom Dienstpersonal befinden, ist von den Anstrengungen der Löscharbeiten und des Rettungswerkes sehr erschöpft. Einige Matrosen haben fast zwei Stunden im Wasser schwimmen müssen, ehe sie von Rettungsschiffen ausgenommen wurden. Das Schwimmen war ungemein schwer, weil auf dem Wasser dichte Rauchwolken lägen.
Die Versicherung des Schiffes.
Die Last der Versicherung für die „L'Atlantique" verteilt sich auf Londoner Gesellschaften. Das Schiff war für mehr als zwei Millionen Pfund versichert, wovon 1,2 Millionen Pfund bei Llohds in London untergebracht sind. Die Verluste, die bei Lloyds in letzter Zeit aus Schiffsbränden entstanden, sind außerordentlich groß, so daß wahrscheinlich die neue Schiffskatastrophe zu einer Erhöhung der Persicherungssätze für Brandgefahr führen dürfte. Man überlegt, ob man nicht neben dem Begriff „Seetüchtigkeit" für die erste Versicherungsklasse einen neuen besonderen Begriff „Feuertüchtigkeit" einführen soll.
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Oie „Atlantique" vor der englischen Küste.
Die „Atlantique" nähert sich, von sechs Schleppern gezogen, langsam der englischen K ü st e. Man will versuchen, das Wrack nach Weymouth zu bringen. Tie Taue konnten nur am Heck der „Atlantique" befestigt werden, da das vordere Schiff noch teilweise in Brand steht Die drei Schiffsschlote und der Vordermast stehen noch Tie Schlagseite des Schiffes, das sich jetzt um beinahe 20 Grad geneigt hat, ist noch größer geworden. Die „Atlantique" hat seit dem Augenblick, wo sie von bet Besatzung verlassen worden war, eine Strecke von annähernd 100 Kilometer zurückgelegt.
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Frankreichs „Dank".
Preffehetze gegen Deutschland wegen des Brandes auf der „Atlantique".
In der P a r i s e r Presse wird übereinstimmend eine scharfe Untersuchung des Brandes auf der „Atlantique" gefordert. Man hebt die eigentümliche Übereinstimmung
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Kleine Zeitung für eilige Leser
* In Köln soll eine Zusammenkunft zwischen Papen und girier stattgcsnnden haben.
* Bei dem Brande des französischen Nicsendampfers „Atlantique" haben, nach neueren Meldungen, 13 bis 19 Personen den Tod gefunden.
* Ein neuer Angriff fapanischer Truppen ist auf die chine- sisctze Provinz Dsc^hol erfolgt.