Zul-aer Anzeiger
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Nr. 115 — 1933
Fulda, Donnerstag, 18. Mai »MMMNAre^^
10. Jahrgang
Für Frieden und Recht.
Eine Gchicksalsstunöe.
Stimmungsbild aus dem Reichstage.
Nicht wie an jenem sonnenhellen Tage bei Frühlings- beginn war es, als der Reichskanzler Hitler und seine Negierung dein Reichstag und dem deutschen Volke, aber Mey dem Ausland gesagt hat, was er innen- und außenpolitisch wolle! Grau hängen heute die Wolken über Berlin, genau so griesgrämig, wie man im Ausland tadelt, angreift oder gar verleumdet, was die Negierung Hitler getan hat, tut und tun will. Aber trotzdem ballen sich die Menschen zusammen zwischen Wilhelmstraße und Km ehemaligen Kroll-Theater, wo nun der Reichstag des i März zum drittenmal zusammentrat. Der riesige Auto- park vor dem Gebäude schon gibt Kunde, daß drinnen ein „g r o ß e lT a g" bevorsteht.
Und es wurde ein wahrhaft großer Tag des Deutschen Reichstages und für das gauze deutsche Volk.
überfüllt die Tribünen hinter den Sitzen der .Minister und des Reichsraies, überfüllt die Ränge des Zuhörerraums, überfüllt die Diplomatenloge, wo ganz vorn rechts, als „Flügelmann" sozusagen, der englische Botschafter Sir § u r a c e R u iy b o l d der Reichstagssitzung beiwohnte, wie er es so oft getan hatte . . . Heute geschah es zum letztenmal. Seine Kollegen aus aller Herren Ländern sitzen neben, hinter ihm, Frankreichs und Polens Vertreter, Gesandte exotischer Staaten und andere Diplomaten. Nur einen Mann in Uniform sieht man dort: den Kronprinzen. Unten im Saal sammeln sich die Hunderte der Abgeordneten, nur auf der Linken zeigten sich viele Lücken.
Ein respektvolles Erheben und der Gruß seiner Parteifreunde empfängt den K a n z l e r , der zusammen mit dem Reichsminister Dr. Hugenberg den Saal betritt. Kurze knappe Worte des Neichstagspräsidenten eröffnen die Sitzung und — „das Wort hat unser Führer, des Deutschen Reiches Kanzler".
Hitler spricht jetzt nicht bloß zum Reichstag, nicht bloß zum deutschen Volk, sondern er wende^ sich darüber hinaus a n die ganze Welt. Das gibt nicht zuletzt den Grilnd ab für die eigenartige Stimmung, die über dieser Sitzung liegt und in jedes einzelnen Teilnehmers Herz und Sinnen mitschwingt. Der Reichskanzler bindet sich an den Wortlaut der Regierungserklärung, aber doch spürt man, daß diese Erklärung gegossen ist aus dem einheitlichen Willen der Reichsregierung. In dem raschen Überblick dessen, was an Unheil das Versailler Diktat über Deutschland und die ganze Welt gebracht hat, begründet die Erklärung das deutsche Recht auf Revision, weil der Grundsatz des Unterscheidens zwischen „Siegern und Besiegten" nicht bis in alle Ewigkeit zur Grundlage der europäischen Staats- und Gesellschaftsordnung gemacht werden kann. Scharf und herb sind die Worte, die sich gegen eine ebenso dauernde Diffamierung der Teutschen als der Kriegsschuldigen richten. Aber wenn mir eine Revision des Versailler Diktats wollen, so wir das nur im Rahmen bestehender Verträge, deren Ächtsgültigkeit der Kanzler wiederholt und ausdrücklich verkennt. Ebenso wie er betont — das geht gegen den englischen Pazifisten Lord Cecil —, daß Deutschland und der deutsche Rationalismus „von tiefem Verständnis beseelt ist für die begründeten Lebensansprüche der anderen Alker". Das unterstrich der lebhafte Beifall des Reichstages.
Nun steigert sich die Spannung, auch der Kanzler hebt die Stimme, denn jetzt kommt er zu dem, tvas man nur unvollkommen als „d i e Ä b r ü st u ngs - i r a g e" bezeichnen kann. Tosender Beifall antwortet dem Kanzler, als er scharf protestiert gegen die „armseligen Wieben und Ausflüchte, Deutschland hätte die Verträge uicht erfüllt". Das sei ebenso unwahr — Herr Boncour und Genossen — wie unfair — Herr Minister Heilsham! jedem Satz wendet er sich gegen das, was man beweis- 'vs gegen uns in Gens ins Treffen führt und jeder Satz findet laute Zustimmung. Jeder Satz ist ein Hammerschlag, der Unwahrheiten zertrümmert. ?anz klar, ganz unzweideutig sagt er, was Deutschland ui Genf erreichen will: Sicherheit für alle, den Frieden für Europa durch eine tatsächliche, allgemeine Abrüstung. Mit Dankbarkeit und Wärme begrüßt der deutsche Reichskanzler Weg, den Roosevelt in letzter Stunde doch noch der diinfcr Konferenz und damit der Wiederherstellung des Webens in Europa zeigen will. Immer wieder nach v.lcn Seiten hin stellt der Kanzler den Friedenswillen Deutschlands heraus, Und wenn man uns trotzdem vergewaltigen will, bann „ist es undenkbar und ausgeschlossen, daß ein solcher Akt von uns selbst durch ° ne Unterschrift Rechtsgültigkeit erhält". Das haben wir Wiai getan und — des Kanzlers Stimme bebt — das M "ns 240 000 Menschen gekostet, die die Rot nicht mehr ° 'fragen vermochten. Welt, höre das! Damit die Welt sich finde zur Verständigung auf dem ^den gleich,r Rechte. „ , , mW mni kam, war eine Steigerung besten und was kundtat, zu einer Kundgebung bc^ Volkes im Reichstag. Geschlossen von bis links, von den Nationalsozialisten bts zu 8an,?0iia!demokraten stellt sich der Reichstag hinter den lmb im brausenden Klänge des Deutschlandliedes alles mit tiefster innerster Bewegung ob des Erlebten
und Geschauten die Verse von unserem Deutschland, das sich durch alles Schwere hindurch kämpfen wird,
„wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich z u s a m m e n h ä l t!"
Dr. Pr.
*
Hitlers Appell an die Welt.
Großer Tag im Michsparlament.
Die Reichstagssitzung am Mittwochnachmittag gestaltete sich zu einer ungeheuer eindrucksvollen Kundgebung der Entschlossenheit deS ganzen deutschen Volkes, seine Gleichberechtigung in den Reihen der Rationen mit allen Mitteln zu verteidigen. Gleichzeitig wurde diese Sitzung zu einer machtvollen Vertraucnskundgebung für den Kanzler und für die gesamte nationale Regierung. Die Entschließungen, die der Reichstagspräsident verlas, wurden von sämtlichen Abgeordneten angenommen, auch sämtliche anwesenden Abgeordneten der Sozialdemokratie stimmten durch Erheben von den Sitten zu! Das Deutschlandlied beschloß die machtvolle Kundgebung. Die Nationalsozialisten verließen mit dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes den Saal.
Die Sitzung nahm folgenden Verlauf:
Michsla^spräsidsnt Göring
eröffnete die Sitzung/ Er begrüßte zunächst die Abgeordneten und fährt dann fort: Sie sind heute zu einer ernsten Stunde zusammengerusen worden. Es gilt eine Schicksalsfrage unserer Ration. Wohl kaum jemals vorher war der Reichstag zu einer so ernsten Frage und in einer so ernsten Stunde einberufen worden. Die deutsche Reichsregierung wünscht, ihre Absichten und ihre Ziele in dieser schwieriaen Frage dem ganzen deutschen Volke klarzulegen und hat deshalb beschlossen, zum deutschen Volke zu sprechen, indem sie diese Ziele und Absichten vor der Volksvertretung befanntgibt. Das Wort hat nunmehr unser. Führer des Deutschen Reiches Kanzler.
D§r Reichskanzler spricht.
„Abgeordnete, Männer und Frauen des deutschen Reichstages! Namens der Reichsregierung habe ich. den Reichstagspräsidenten Göring gebeten, den Deutschen Reichstag einzuberufen, um vor diesem Forum zu den Fragen Stellung zu nehmen, die heute nicht nur unser Volk, sondern
die ganze Welt bewegen.
Die Ihnen bekannten Probleme sind von so großer Bedeutung, daß von ihrer glücklichen Lösung nicht nur die politische Befriedung, sondern auch die w i r t s ch a f t- l i ch e Rettung aller abhängl. Wenn ich dabei für Die deutsche Regierung dem Wunsche Ausdruck gebe, ihre Bö- Handlung Der Sphäre jener Leidenschaftlichkeit zu entziehen, dann geschieht es nicht zum geringsten in der uns alle beherrschenden Erkenntnis, daß die Krise der heutigen
Adolf Hitler spricht.
Zeit ihren tiefsten Ursprung selbst jenen Leidenschaften zu verdanken hat, die nach dem Kriege die Einsicht und die Klugheit der Völker verdunkelt haben. Denn alle die Krisis verursachenden Probleme liegen in
den Mängeln des Friedenspertrages
begründet, der es nicht vermochte, Die wichtigsten und entscheidendsten Fragen für alle Zukunft überlegen, klar und . vernünftig zu lösen. Weder die nationale n noch die wirtschaftlichen oder gar die rechtlichen Angelegenheiten und Forderungen der Völker sind durch diesen Vertrag in einer Weise gelöst worden, daß sic vor der Kritik der Vernunft für alle Zeiten bestehen könnten.
Es ist daher verständlich, daß der Gedanke einer Revision nicht nur zu den dauernden BealHterscheinunaeu
und Auswirkutlgen dieses Vertrages gehört, sondern daß eine Revision schon von seinen Verfassern als notwendig vorgesehen wurde und daher im Vertrage selbst ihre rechtliche Verankerung fand.
Wenn ich tnrj auf die Probleme, die dieser Vertrag hätte lösen sollen, eingehe, dann geschieht es deshalb, weil durch das Versagen auf diesem Gebiete sich zwangsläufig die späteren Situationen ergeben haben, unter denen die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Völker seitdem leiden.
Die politisch nationalen Probleme
sind folgende: Durch viele Jahrhunderte entwickelten sich die europäischen Staaten lind ihre Grenzziehung aus Ausfassungen, die ausschließlich des staatlichen Denkens lagen. Mit dem siegreichen Durchbruch des Rationalitäten« Prinzips im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurden infolge der Richtberücksichtigung dieser neuen Ideale durch die auf anderen Voraussetzungen entstandenen Staaten die Keime zu zahlreichen Konflikten gelegt Es konnte nach Beendigung des großen Krieges keine höhere Aufgabe für eine wirkliche Friedenskonferenz geben, als in klarer Erkenntnis dieser Tatsache eine Neugliederung der europäischen Staaten vorzunehmen, die diesem Prinzip im höchstmöglichen Umfange gerecht mürbe Fe klarer durch eine solche Regelung die Volksgrenzen sich mit den Staatsgrenzen deckten, um so mehr konnte dadurch eine große Reihe künftiger KonfliktmögUchkeiten aus der Welt aefeftafft werden
Ja, diese territoriale Neugestaltung Europas unter Berücksichtigung der wirklichen V o l k s g r e n z c n wäre geschichtlich jene Lösung gewesen, die mit dem Blick auf die Zukunft für Sieger und Besiegte vielleicht Die Blut- opfer des großen Krieges nicht ganz vergeblich fW'e erscheinen lassen, weil durch sie Der Welt Die Grundlage für einen wirklichen dauernden Frieden genebcn worden wäre. Tatsächlich entschloß man sich aber, teils ans Unkenntnis, teils aus Leidenschaft und Haß zu Lösungen. Die Ben Keim neuer Konflikte schon in ihrer Nnlogik und Unbilligkeit trugen.
Folgendes waren
die wirtschaftlichen Probleme, die dieser Konferenz zur Lösung Vorlagen: Die gegenwärtig wirtschaftliche Situation Europas ist gekennzeichnet durch die Überfüllung des europäischen Westens und durch die Armut des Bodens dieser Gebiete an gewissen Rohstoffen, die gerade in jenen Gebieten mit alter Kultur dem Dort gewohnten Lebensstandard unentbehrlich sind.
Wollte man eine gewisse Befriedung Europas für menschlich absehbare Zeit hcrbeisührcn, Dann müßte man statt der unfruchtbaren und gefährlichen Begriffe Buße. Strafe, Wiedergutmachung usw Die tiefe Ertcnnlms ver- folgen und berücksichtigen, daß mangelnde Existcnzmvglich- teit immer die Quelle von Böllerkonflikten gewesen sind. ( Stürmischer Beifall.)
Statt den Gedanken der Vernichtung zu predigen, mußte man überlegen, wie eine Neuordnung der internationalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen vorgenommen werden könne, die den Eristenznotwendig- keiten der einzelnen Völker in höchst möglichem Umfange gerecht wurde.
Es ist nicht weise, die wirtschaftlichen Lebensmöglich- kciten einem Volle zu entziehen ohne Rücksicht daraus, daß die davon abhängige Bevölkerung Darauf angewiesen ist, in diesem Gebiete weiterhin zu leben. (Erneute Zustimmung).
Die Meinung, durch die wirtschaftliche Vernichtung eines 65-Millionen-Volkes werde anderen Völkern ein nützlicher Dienst erwiesen, ist eine unsinnige. Sehr bald würden die Völker, die so verfahren wollten nach den natürlichen Gesetzen von Ursache und Wirkung spüren, daß sie derselben Katastrophe zugeführt werben, die sie dem einen Volke bereiten wollten.
Der Gedanke der Reparationen und ihre Durchführung wird einmal in der Pölkergeschichte ein Schulbeispiel bafür sein, wie sehr die Außerachtlassung der internationalen Wohlfahrt allen schädlich sein kann. (Zustimmung.) Tatsächlich konnten die Reparationen nur vom deutschen Erport bezahlt werden. Im gleichen Ausmaß, wie Deutschland wegen der Reparationen als internationales Exportunternehmen betrachtet wurde, mußte aber der Export der Gläubigerstaaten leiden. Der wirtschaftliche Rutzen der Reparationszahlungen konnte daher in keinem Verhältnis zu dem Schaden stehen, der den E in z e l - Volkswirtschaften mit den Reparationen zugefügt wurde. (Sehr richtig!) Der Versuch, eine solche Entwicklung dadurch abzuwcnden, daß eine Beschränkung des deutschen Exports durch Kreditgewährungen zur Ermöglichung der Zahlungen ausgeglichen wurde, war wenig umsichtig und im Ergebnis falsch. Denn die Umschuldung der politischen in private Verpflichtungen führte zu einem Zmsendienst, dessen Ersüllung zu denselben Ergebnissen führen mußte. Das Schlimmste aber war, daß
Die Entwicklung des binnenwirtschaftlichen Lebens künstlich gefjemmt
unb vernichtet wurde. Der Kampf auf den Weltabfatz- markten durch dauernde Preisunterbietungen führte zu einer Überspitzung der Ratio nalisierung § - m a ß n a h m c n in der Wirtschaft. Tie Millionen unserer Arbeitslosen sind das letzte Ergebnis dieser Entwicklung.