Soldner Mzeiger
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Nr. 136 — 1933
Fulda, Mittwoch, 14. Juni
10. Jahrgang
Deutschland in London.
Der Reichsaußenminister
an die Weltkonserenz.
Ernste Mahnungen Deutschlands.
Aus der Londoner Weltmirtschaftskonfercuz hielt am Dienstag der deutsche Delegationsführer, Rcichsaußen- ministcr Freiherr v. R e u r a t h , eine Rede, in der er nach einem Dank an den englischen König und an die englische Regierung u. a. folgendes ausführte:
„Wir müssen die Aufgaben der Konferenz darin erblicken, praktische Arbeit für die Zukunft zu leisten. Als Vertreter der deutschen Regierung sehe ich deshalb auch ganz davon ab, über die besonder« Notlage Deutschlands Ausführungen zu machen. W i r müssen uns jedenfalls auf den Standpunkt stellen, daß nur die richtige Einsicht in die Lage des um Wiedergesundung im eigenen Haus ringenden deutschen Volkes die zutreffende Einstellung für die Wahl der Mittel geben kann, die erforderlich sind, um die Notlage bei uns zu meistern.
Für die Generaldebatte möchte ich den allgemein anerkannten und auch in dem Bericht der Experten aufgenommenen volkswirtschaftlichen Grundsatz erneut be tonen, daß internationale Schulden letzten Endes n h i durch Waren- und Dienstleistungen ab^ getragen werden können. Dieser Grundsatz wird für uns bei der heutigen Lage der deutschen Wirtschaft den Ausgangspunkt bilden müssen. Es ist klar, daß zwischen den die Konferenz beschäftigende» finanziellen und wirtschaftlichen Problemen eine innere Verbundenheit besteht. Immerhin liegt mir daran, schon jetzt mit aller Deutlichkeit aus folgendes hinzuweisen: Nach unserer Auffassung werden die wirtschaftlichen und insbesondere die haudels- politischen Probleme erst dann einer Lösung zugeführl werden können, wenn man sich zuvor über die fundamentalen Grundsätze der Kredit- und Finanzfragen befriedigend verständigt hat.
Diese Konferenz, in ihrem überwältigenden Willen zur Erkenntnis der gemeinsamen Interessen, ist der schlagende Beweis dafür, daß'es sich bei allen Gegensätzen
nur um scheinbare Gegensätze handelt. Die Industrie kann nicht leben, wenn die Landwirtschaft nicht lebt, und umgekehrt. Der Gläubiger kann nicht leben, wenn der Schuldner nicht lebt. Die Goldwährung hat keinen Sinn, wenn die Freizügigkeit des G o l d e s nicht gewährleistet ist.
Nachdem diese Konferenz der lebendige Ausdruck dieser Einsicht ist, werden wir auch den Mut aufbringen müssen, die sich daraus ergebenden Lösungen durchzuführen.
Freilich werden die Völker und Regierungen sich dazu nur durchringen, wenn das Vertrauen auf ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben der Völker wiederhergestellt wird, wenn die großen politischen Aufgaben geregelt werden, die immer noch der Lösung harren. Der Herr Präsident hat auf eine der politischen Aufgaben bingewiesen. Daß dieses große politische Problem, um dessen Lösung wir seit Jahren ringen, vor dieser Konferenz nicht mehr gelöst werden konnte, war eine herbe Enttäuschung.
Die deutsche Regierung kann von sich sagen, daß f i e ihr Teil dazu bcigetraaen hat. das Vertrauen wiederher- zustellen. Selten wohl ist eine Regierungserklärung in der Welt mit gleicher Spannung erwartet worden wie die kürzliche Erklärung des Reichskanzlers Hitler vor dem Deutschen Reichstag. Selten wohl ist eine Regierungs- erklârung mehr geeignet gewesen als diese, B e • ruhigüng zu schaffen und der Wiederkehr des Vertrauens die Wege zu ebnen. Der Wert dieser Regierungserklärung kann nicht dadurch gemindert werden, daß gesagt wird: dâs sind Worte, wir wollen die Handlungen aü- warten.
Oie deutsche Regierung hat gehandelt,
sie hat ihr volles Teil dazu beigetragen, um die große von staatsmännischer Weisheit ehigcgcbene Initiative des italienischen Regierungschefs zu verwirklichen und den Pakt von Rom zu schaffen. Sie hat der Abrüstungskonferenz in Genf einen neuen Impuls gegeben, indem sie den Plan des Herrn Macdonald als Grundlage der zu- künftigen Konvention angenommen hat. Sie hat das getan, obwohl die Erfüllung der Versprechungen, auf die Deutschland einen Anspruch hat, noch nicht sichtbar ist.
Vergessen wir nicht, daß ohne eine Lösung der großen schwebenden politischen Fragen die Beratungen dieser Konferenz zu keinem befriedigenden Ergebnis rühren können!"
*
Schlecht besuchte erste Vollsitzung.
Der englische Ministerpräsident Macdonald er- ossneie die erste Vollsitzung der Weltuurlschafts- onfercnz am Dienstagvormittag um 10M Uhr v o i halbleerem S a a l. Wie auf allen Konferenzen scheml Nch auch hier das- Hauptgewicht der Verhandlungen in Besprechungen von Delegation zu Delegation bzw. 11 die Ausschüsse oder in Besprechungen zwischen einzelnen Persönlichkeiten zn verschieben. Macdonald begann au$ die Sitzung angesichts des schwachen Besuches 11111 einer Mahnung an die Delegierten zur Pünktlichkeit.
Um uferlosen Reden von vornherein einen Damm "tsegenzusetzen. Hat man die
Redezeit aus eine Dauer von .15 Minuten begrenzt.
Trotzdem dürfte man, wollten alle Delegationen, nämlich 86 an der Zahl, Reden halten, doch noch insgesamt fünfeinhalb Tage allein für die grundsätzlichen Erklärungen brauchen, da die Sitzungen am Vormittag erst um 10.30 Uhr beginnen und nachmittags von 3—6 Uhr dauern.
Als erster Redner betrat der Führer der französischen Delegation, Ministerpräsident Daladier, die Tribüne. Er führte bewegliche Klage über die Arbeitslosigkeit. über die Verwüstung der Weltmärkte, über den Tiefstand der Preise — aber er sprach natürlich mit keinem einzigen Wort davon, daß es gerade sein Land, Frankreich, ist, das durch seine wahnwitzige Tributpolitik und die ungeheure Anhäufung von zwei Fünfteln des gesamten Goldbestandes der Welt, die dadurch dem
Das erste Originalbild von der Eröffnung der Welt- wirtschaftskonfcrenz.
König Georg V. von England während seiner Eröffnungsrede — der zweite von links neben ihm ist Premierminister Macdonald, der Präsident der Konferenz — rechts: Sir Eric Drummond. Unten, in der ersten Reihe links, Reichswirtschasisminister Geheimrat Hugenberg — neben ihm Neichsbankpräsident Dr. Schacht.
Umlauf entzogen werden, die Weltwirtschaftskrise mit in erster Linie verursacht hat.
Der i t a l i e u i s ch e Finanzminister Fung erklärte das Problem der internationalen Schulden für eine der Grundfragen der Weltwirtschaftskrise und betonte, daß reine Währungsmanöver überhaupt nichts helfen, sondern die Krise nur verschlimmern würden.
Schon während der Rede des italienischen Vertreters hatte sich der Saal noch mehr geleert, was während der Darlegungen der Vertreter Südafrikas und Japans noch mehr der Fall war.
Inzwischen hat Reichsbankpräsident Dr. S ch a ch t die Verhandlungen mit den deutschen Gläubigern auf- genommen.
Die englisch-amerikanischen Verhandlungen in der Schuldenfrage haben in London zu einer Einigung über die eitglische Teilzahlung am 15. Juni geführt.
*
Französisches Zwischenspiel in London.
Macdonald, Englands Ministerpräsident, einst Führer der englischen Gewerkschaften und partel-ortho- dorer Sozialist, jetzt das Haupt eines fast nur noch aus Konservativen bestehenden Kabinetts, hat sein Ziel er- reicöt auf das er in unzähligen Reisen und Konferenzen hinwirkte: Der englische König G e o r g V. hat per,änlich die so lange vorbereitete, von so vielen Schwiertg- keiten behinderte Eröffnung der Weltwirtschaftskonferenz höchstpersönlich vollzogen, nachdem ihn Macdonald tn den Konferenzsaal hineingeführt hatte, wo die Vertreter von 66 Staaten der Erde dieser Feierlichkeit entgegeuharrten; in der ersten Reihe saßen die deutschen Delegierten.
Ein kleines, aber doch recht bezeichnendes Intermezzo ereignete sich, als der englische König seine Rede verlas, die natürlich in englischer Sprache verfaßt war: Ein paar Sätze darin sprach der König franzosi, ch und er blieb s o l a u g e i in S a a l, bis feine Ausführungen nun auch von Dolmetschern ganz i n s F r a n z ö fisch e übertragen worden waren; dann erst verließ Georg V der bekanntlich reinsten — deutschen Blutes ist. die Konferenz, r ort wird offiziell nur Englisch oder Französisch geiprochen, anders als in Genf beim Völkerbund, wo uch w Deutsche nach mühsamem Kampfe schließlich als dritte Konferenzsprache durchsetzen konnte.
Weit' verbreiteter als das Französische ist die deutsche Sprache in der Welt und — wenn der Konferenz in London das sogenannte Gewohnheitsrecht der französischsprechenden Diplomatie auferlegt wurde, dafür aber daS Deutsche als „offizielle" Konferenzsprache nicht zngelassen ist, so berührt es uns Deutsche doppelt veinlich, daß der englische König seine überraschende Verbeugung vor Frankreich machte, aber längst seine deutsche Abstammung vergessen zu haben scheint und dies so deutlich zum Ausdruck gebracht hat, daß sich die politischen Auguren anzulächeln begannen. „Blut ist dicker als Wasser", hieß es einmal vor dem Krieg: aber das ist auch einer der Irrtümer gewesen, in die wir hineingestolpert sind und die sich so verhängnisvoll ausgewirkt haben, obwohl König Georg V. noch ein Jahr vor Kriegsausbruch als Gast am Hofe seines Vetters, Kaiser Wilhelms II., geweilt hat!
Drei Minuten aber, nachdem der König den Saal verlassen hatte, konnte Macdonald den stolzen Triumph durchkosten, die Arbeiten der Weltwirtschaftskonferenz von London unter dem Klatschen der Versammelten für eröffnet zu erklären. Und hier kam eine zweite Überraschung: sehr deutlich und kräftig berührte der englische Ministerpräsident eine ganz besonders kitzlige Seite dieser Konferenz, nämlich die K r i e a s s ch n l d e n f r a a e , die „ohne Verzug von den beteiligten Mächten geklärt werden" müßte. Wie ungeklärt sie ist. weiß man ja sehr genau aus den hitzigen Debatten zwischen Washington einerseits, London und Paris andererseits. Weder Macdonald noch Herriots Amerikareise scheinen hier die Dinge erfolgreich vorwärtsgetrieben zu haben und — am 15. Juni ist der nächste Zahlungstermin für eine Rate dieser interalliierten Schulden an Amerika! Das ist also für die Arbeit und die Aussichten der Konferenz ein tüchtiger Klotz am Bein. Immerhin ist für Deutschland der Hinweis Macdonalds nicht unwichtig, daß die Erledigung dieser „leidiaeu" Kriegsschuldem'rage, und zwar ein für allemal. im Licht der gegenwärtigen Weltbedinaungen geschehen sollte, nm „L a u f aun e z n vollenden".
Diè dortige Konferenz hat bekanntlich eine Regelun- der deutschen Tribute in einem Sinne gebracht, der, sehr zu unseren Ungnnsten, kaum noch nOt ..den gegenwärtigen Weltbedingungen" in Einklang tu brngen ist, aber doch auf alle Fälle einen Punkt barftefit, hinter den unsere ehemaligen Tribntgläubiger auch dann nicht zurückgehen können, wenn ihnen als Schuldnern eine befriedigende Einigung mit Amerika nicht gelingen sollte. Von einer solchen Einignng sind die Lausanner Beschlüsse formell allerdings abhängig, da nach ihr die Ratifizierung, also die Inkraftsetzung der damaligen Vereinbarungen erfolgen wird. Es mag aber, abgesehen natürlich von den Unverbesserlichen in Frankreich a la Tardieu und Herriot, niemanden geben, der jenem Formellen „im Licht der gegenwärtigen Wcltbedingnngen" noch irgendwelches Gewicht beilegt; die Weltkrise hat noch ganz andere Verern- barungen, hat „Treu und Glauben" unzählige Male zerstört und dabei vieles auch in seiner überholten „papier- nen" Unstimmigkeit enthüllt! Das hat übrigens den Franzosen kürzlich einmal selbst einer ihrer treuesten Freunde, der frühere englische Außenminister Austen Chamberlain, ganz unzweideutig gesagt.
Auch Macdonald läßt in seinen Worten b eutlid) durchblicken, daß es fid) in der Kriegsschuldenfrage nur um die „Vollendung" von Lausanne handeln kann. An eine Zerstörung des damals Beschlossenen ist also nicht zu denken. Weniger erfreulich ist es allerdings für uns Deutsche, daß diese gauze, so außerordentlich wichtige Frage nicht in, sondern neben der Konferenz behandelt werden wird, und zwar von den „beteiligten Nationen". Daß hier ein wirklicher Gefahrenpunkt für die Konferenz liegt, dürfte allgemein bekannt sein, unb nur wenn er schnell und energisch überwunden wird, hat sie Aussicht, mit den ihr gestellten schweren Aufgaben fertig zu werden und endlich das zu erreichen, was bisher immer noch ein fernes Ziel war: die wirkliche finanziell-wirtschaftliche Liquidierung des Weltkrieges.
llnzweckmâßige LetsnMimgen.
Von zuständiger Berliner Stelle wird mitgeteilt: „Anläßlich des katholischen Gesellentages in München hat sich herausgestellt, daß zur Zeit die Abhaltung derartiger Ver- anftaltungeu nicht als zweckmäßig angesehen werden kann.
Daß die katholischen Gesellen auf den Sunbgebungw dieser Tagung das Bekenntnis zum neuen Staat uub Reich zum Ausdruck gebracht haben, sei dabei gern anerkannt. Wenn trotzdem der Verlauf der Tagung die Bedenken gerechtfertigt hat, die gegen ihre Genehmigung bestanden, so hat sich damit gezeigt, daß die Zeit für solche Veranstaltungen noch nicht reif ist."
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Auf der Londoner WeltwirtschaftSkonfercnz gab Reichs- außenministcr Freiherr von Neurath eine grundsätzliche Er- ltärung ab.
* Im Hof der Strafanstalt Plötzcnsce (Berlin) wurden bfc Deiden Chauffeurmörder Paul Rohrbach und Hermann Wittstock hingcrichtct.
* Große Waffcnlaâcr wurden von der Polizei in Schleswig. Holstein und bei Haniburg aufgedeckt,..