Iulöaer /lnzeiger
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Nr. 137 — 1933
Fulda, Donnerstag, 15. Juni
10. Jahrgang
Bonzenkrieg.
Der Zerfall der Sozialdemokratie.
In ein paar Tagen jährt sich der 20. Juni 1932 zum erstenmal, ist es ein Jahr her, als in kurzem, aber festem Stoß in Preußen die Sozialdemokratie aus ihren wichtigsten Machtpositionen hinausgeworfen wurde, daß sich die Ersetzung der Braun-Severing durch den Reichs- lommissar v. Papen vollziehen konnte, ohne daß diese Männer selbst, ohne daß ihre Partei und deren „stärkster" Heerbann, die Freien Gewerkschaften, den geringsten Widerstand leisteten; daß vielmehr alles zerbrach, was sie an Macht besaßen, bewies mit grellster Deutlichkeit, wie morsch die Sozialdemokratie geworden war. Wie politisch bedeutungslos gegenüber dem. was in rasend schnellem Werden und Wachsen war! Wie hilflos gegenüber dem Neuen, was auf sie einstürmte! Die Fassade wurde mit hartem Griff weggerissen, und es zeigte sich, daß dahinter nur noch ein paar Trümmer standen, die aber auch sehr bald ins Wanken gerieten.
Was dann noch kam, war nur noch ein kurzes Nachspiel, das sehr schnell zur Komödie, ja zur Groteske wurde. Man braucht nur an die traurig-lächerliche Rolle zu denken, die jenes Ministerium Braun eine Zeitlang neben den preußischen Kommissaren gespielt hat. Aber man hatte sich auf den solange besessenen, sooft mißbrauchten Ministersesseln geradezu festgeleimt. Was wußten denn diese Bonzen noch vom Volk und seiner nationalen, seiner geistigen 9lot! Aus ihren eigenen Reihen war ihnen oft genug gesagt worden, daß sie die Fühlung mit dem Polk, besonders mit der Jugend, längst verloren hätten und daß ihre Macht auf tönernen Füßen stände. Der 20. Juni hatte selbst jenen, die mit dem Munde noch sehr tapfer gewesen waren, den Beweis dafür geliefert, daß „die Füße jener, die euch hinaustragen werden, schon vor der Tür stehen". Aber das deutsche Volk, unter der Führung Hitlers, hat diese vom Urteil des 30. Januar Zerschmetterten nicht hinausgetragen, sondern sie hinausgeworfen. Wie Spreu vor dem Winde, vor dem brausenden Sturm der nationalen Erneuerung zerstoben sie, die die schon vermoderten äußerlich und innerlich ganz unwahr gewordenen „Grundsätze" des Klassenkampfes und dee Internationale in .i,toB.J*^
Diese politischen Fossilien waren trotz Krieg und Nachkriegszeit immer noch nicht von diesen gefährlichen Phantastereien kuriert, und nun gab ihnen das deutsche Volk die drastische -Quittung auf den Satz eines ihrer Führer: „Ich kenne kein Paterland, das Deutschland heißt."
Man darf sich wohl den grausamen Spott leisten: die Sozialdemokratie war schon damals tot, sie — wußte es bloß nicht! Sie ist, wenn man so sagen kann, heute noch viel „töter", aber ihre „Führer" wissen dies anscheinend auch jetzt noch nicht. Und um zu beweisen, daß sie noch da sind, zanken sie sich gründlich. Hüben jene Sozialdemokraten, die in Deutschland blieben, wo ihnen niemand was tat: drüben jene roten „Prominenzen", die es nicht über sich gewannen, eine ihnen gar nicht zu- gemutete Märtyrerrolle zu spielen, sondern ins Ausland abreisten, um dort als „verfolgte" Zeitgenossen sich gütigster Jnteressennahme angelegentlichst zu empfehlen. Vor allem geschah das in Prag, wo man in tfen dortigen deutschen Sozialdemokraten Genossen fand, die ja erst vor kurzem deutsche Abgeordnete der politischen Strafverfolgung durch die tschechischen Behörden ausgeliefert hatten, weil es sich dabei um Nationalsozialisten handelte. Dort passen die Herren Webs, Breitscheid, Kuttner, Stampfer usw., zu denen doch Millionen Deutscher, einst als „Führer" aufgeschant hatten, also auch wirklich und ganz ausnehmend gut hin!
Niemand weiß, wo die Sozialdemokratische Partei geblieben ist; niemand weiß aber auch, wo denn eigentlich der richtige Parteivorstand der SPD. steckt. In Prag, wo sich jene Herren des ehemaligen Vorstandes von neuem konstituierten, oder in Berlin, wo unter Vorsitz des früheren Reichstagspräsidente,» Löbe ein Rumpfvorstand sitzt und Reden gegen die Prager Konkurrenz hält, außerdem theaterdonnernde Beschlüsse faßt? Es war eine Komödie, als Wels, der Vorsitzende dieser Partei, seinen Sitz im Vorstand der Zweiten Internationale niederlegte, nachdem diese an wüsten Beschimpfungen gegenüber Deutschland im allgemeinen und der widerstandslos aus der Macht gewichenen SPD. im besonderen nicht gespart hatte. Jetzt aber erfährt man, daß dieses Abrücken von Wels im Einverständnis ui i t se i n e m P a r t e i v o r st a n d d e s w e g e n erfolgte, um der Hitler-Regierung jeden „Vorwand" zum Zupacken zu nehmen. Sie spielten also nur Theater, Herr Wels und sein Parteivorstand, und dieser Herr Wels ist jetzt so freundlich, es auch ganz offen zu sagen. Er nimmt deswegen auch seine damalige Austritts- krklärung zurück und wirft sich hilfeflehend der Zweiten Internationale um den dürrgewordenen Hals.
Wir Deutsche sehen dieser Groteske mit vollendeter Gleichgültigkeit zu. „In Schönheit sterben", wie Ibsens Hedda Gabler verlangt, ist doch nur für jenen «möglich, der noch eine gewisse Kraft, eine innere „Haltung" besitzt. Kein Diogenes hätte diese Haltung oder jene Kraft bei der Sozialdemokratie finden können, unb wenn er sich für die Suche auch noch so viele Laternen mitgenommen hatte! Aus dem Pfuhl des Hoch- und Landesverrats heraus kam die Sozialdemokratie zur Macht; M ist sie in den gleichen Pfuhl wieder zurückgesunken. Wlr Deutsche aber überlassen sie diesem Aufenthaltsort, tnr dürfen verächtlich sagen:
„Unb ihres Keifens übler Schall Beweist nur, daß wir reite n."
Deutsche Vergeltungsmaßnahme.
Der österreichische Presseattache ausgewiesen.
Die deutsche Antwort auf die Verhaftung Habichts.
Amtlich wird mitgeteilt: „Die österreichische Regierung hat sich völkerrechtlich schwer dadurch inS Unrecht gebracht, daß sie die in korrekter Weise gemachte formelle Notifikation über die Zuteilung des Herrn Habicht an die deutsche Gesandtschaft in Wien einfach beiseite« geschoben hat.
Sie hat ein noch schwereres Unrecht dadurch begangen, daß sie, während noch die Auseinandersetzung über diese Frage mit der deutschen Regierung schwebt, mit Gewalt- mastnahmen, Haussuchung und Verhaftung gegen den deutschen Presseattachè Herrn Habicht vorgegangen ist. Sie hat diese völkerrechtswidrige Maßnahme trotz wiederholten schärfsten Protestes bisher in keiner Weise befriedigend bereinigt, insbesondere die Verhaftung noch nicht rückgängig gemacht. .
Die deutsche Regierung hat unter diesen Umstanden sich gezwungen gesehen, von der österreichischen Gesandtschaft zu verlangen, daß i h r Preyeattache s o f o r t daS deutsche Reichsgebiet v e r l ä ß t."
Wie dazu noch aus Wien verlautet, dürfte der ö st e r - r e i ch i s ch e Gesandte in Berlin, TanschiH, nach Wien zur Berichterstattung berufen »er; b e n.
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Schwarz-Weiß-Rol in Tirol verboten.
In Tirol werden die behördlichen Maßnahmen gegen jede Bekundung des nationalen Willens der Bevölkerung fortgesetzt. So wurde Gastwirten in Innsbruck. die nach den» Verbot der Halenkreuzfahne mit schwarz-weiß-rotèn Kähnen geflaggt hatten, das Aushängen d e r d e u t-
Zwischenfall in London.
Londoner Demonstration für Dollfuß
Nach einem Ausfall des Bundeskanzlers gegen Deutschland.
Am Mittwochvormittag kam cs auf bcr Londoner Weltwirtschaftstonfcrenz zu einer ostentativen Kundgebung für bic Politik der österreichischen Regierung Dollfuß. Die Kundgebung, die vor überfüllten» Saal erfolgte, und an der sich entgegen jeder Gepflogenheit auch die anwesende frenibe Presse beteiligte, war anscheinend planmäßig vorbereitet.
, Nachdem der Präsident der Konferenz, Ministerpräsident Macdonald, mitgeteilt hatte, daß die Verlängerung des Zoll Waffen stillstandes bis zum 31. Juli beschlossen sei und daß er nach Ablauf dieser Frist nur noch einmal um einen Monat verlängert werden könne, hielt der österreichische Bundeskanzler Dollfuß eine Rede, in ber er zunächst die vermeintlichen Leistungen der österreichischen Regierung auf finanzpolitischem und wirtschaftlichem Gebiet pries.
Außerordentliches Aufsehen aber erregte der Schluß der Rede, wobei Dollfuß das bekannte Dichter- wort zitierte: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es bem „böse u Nachbar n" nicht gefällt!
Zweifellos ist die Tatsache, daß dieser Bemerkung geradezu stürmischer Beifall bei gewisse» Teilen der Konferenz folgte, darauf zurückzuführen, daß diese Beifallsspender jene Bemerkung des österreichischen Bundeskanzlers als eine wohlbeabsichtigte Spitze gegen Deutschland nahmen.
Es ist nicht weniger bezeichnend, daß der englische Schatzkanzler Neville C h a m b e rl a i n , der dann entgegen der allgemeinen Abmachung über die viertelstündige Redezeit einen sehr langatmigen Vortrag über die englische Wirtschaftspolitik und die Frage des Goldstandards hielt, noch eine rednerische Extraverbeugung vor dem österreichischen Bundeskanzler machen zu müssen glaubte, indem er erklärte, er freue sich, daß Herr Dollfuß entgegen seiner ursprünglichen Absicht noch nicht abgereist sei und seine Rede noch vor der Konferenz habe halten können.
Auch die offiziellen Delegierten lassen jetzt bereits offen merken, daß die allgemeine S t i m m u n g dieser Weltwirtschaftskonferenz bereits auf einen solchen Tiefpunkt gesunken ist, wie er sonst aus den internationalen Konferenzen des Redens und der Tatenlosigkeit meistens erst nach ein bis zwei Wochen einzutreten pflegt.
Der amerikanische Staatssekretär H u I l hielt eine Rede, die keinerlei greifbare Vorschläge enthielt Er erklärte u. a., es wäre eine Katastrophe, wenn die Konseren; fehlschlage und die seit dem Kriege verfolgte Wirtschaftspolitik fortgesetzt werde. Selbstsüchtige Interessenvertretung bürfe es auf der Konferenz nicht geben.
Österreich wendet sich an England.
Aus Wien waren am Mittwoch Gerüchte verbreitet worden, daß in London zwischen dem R eich sau ß e n>
s ch e n R e i ch s f a r b e n verboten. Wegen dieser Maßnahmen hat der d e u t s ch e G e n e r a l k o n j u l in Innsbruck entsprechende Schritte bei der Landesregiernng in die Wege geleitet.
Gleichzeitig gehen die Verhaftungen nationalsozialistischer Funktionäre in verstärktem Maße weiter. In Innsbruck befinden sich zur Zeit insgesamt 44 nationalsozialistische Führer und Funktionäre in Haft. In Kufstein wurden neun nationalsozialistische Führer feft- genommen. Weitere Verhaftungen erfolgten in Zillertal, in Hallern und im Oberinntal.
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Salzburger Landeshauptmann zurückgetreten.
Offene Absage an das Kabinett Dollfuß.
Der Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Rehrl, hat dem Vizekanzler Winkler mitgeteilt, daß er ein Amt als Landeshauptmann von Salzburg nieder- , e l e g t und die Dtcnstgeschäfte bereits übergeben habe.
Den Grund für den Rücktritt Rehrls bildet bie, Ernennung des Sicherheitsdirektors, durch die die Funktionen des Landeshauptmanns stark eingeschränkt sind. Der Rücktritt des Landeshauptmanns bildet bei der her- oorragenden Stellung, die er innerhalb der Christlich- Sozialen Partei einnimmt, den denkbar schärfsten Protest gegen die I n n enp o l i 1 i k der Regierung Dollfuß.
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Habicht kehrt nach Deutschland zurück.
Nach den in Berlin vorliegenden Nachrichten hat der Presseattache bei der deutschen Gesandtschaft in Wien, Habicht, um 17 Uhr Linz im eigenen Kraftwagen verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren.
minister und dem österreichischen Bundeskanzler Besprechungen über den dentsch-öster- reichischen Konflikt stattgefunden hätten. Diese Gerüchte sind anscheinend daraus zurückzuführen, daß der österreichische Bundeskanzler Dollfuß es für geschmackvoll gehalten hat, die Aufmerksamkeit der englischen Regierung auf die deutsch-österreichischen Ereignisse zu lenken. Daß er dabei eine direkte Vermittlung Englands in dem Konflikt nachgesucht habe, wie von verschiedenen Seiten gemeldet wird, wurde am Mittwoch in österreichischer» Kreisen der Londoner Konferenz bestritten.
Man muß allerdings vom deutschen Standpunkt aus betonen, daß es kaum tragbar erscheinen würde, wenn ein dritter Staat sich in die deutsch-österreichische Angelegen- heit einmischen wollte.
- «rr
Nach London versetzt.
Der Presseattachè bei der österreichischen Gesandtschaft in Berlin, Dr. Wasserböck, der bekanntlich das Gebiet des Deutschen Reiches verlassen muß, wird aus Berlin am Donnerstag abreisen. Er ist an die österreichische Gesandtschaft in L o n d o n versetzt worden.
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Moskau auf der Wirtschastskonferenz.
Großes Lieferungsangebot gegen Krcdithergabcn.
Auf der Londoner Weltwirtschaftskonferenz erklärte der sowjetrussische Außenkommissar Litwinow, Rußland widersetze sich trotz seiner zu- ueDmettben Jndustrieerzeugung nicht der Einfuhr ausländischer Waren. Rußland ziehe in der Regel seine Wareneinfuhr unter Berücksichtigung seiner Ausfnhrmög- lichkeiten und der gewährten Krediterleichterung auf. Die russische Abordnung könne sich jedoch vorstellen, daß durch Kredite eine so große A u s d e h n u n g der russischen Einfuhr erfolge, daß dadurch eine erhebliche Minderung der Weltwirtschaftskrise eintreten würde. Nach den Berechnungen der russischen Abordnung könnte die Sowjetregierung auf diese Weise Aufträge in Höhe von rund einer Milliarde Dollar nach dem Auslande vergeben.
Kleine Leitung für eilige Leser
* Infolge der Verhaftung des deutschen Attaches Habicht in Linz hat die Reichsregierung verlaiint, daß der Presscattachè der österreichischen Gcsandlschast in Berlin Deutschland sofort verläßt.
* Der Landeshauptmann von Salzburg, Dr. Rehrl, ist zum Protest gegen die Innenpolitik des Kabinetts Dollfnß von seinem Posten zururlgctretcn.
* Der amerikanische Wcltflicgcr Mattern, der schon zur Fortsetzung seines Weltflugs nach Alaska ausgcstiegcn Ivar, ist nach bhnbarorvsl zurückgclchrt. Er »vill »vcgcn schlechten Wetters leinen Wcltslug abbrechen