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Zul-aer Anzeiger

ffiÄSÄ Tageblatt für Rhön und Vogelsberg ÄTÄÄS §ulöa- unö Haunetal. Zulöaer Kreisblatt Ansprüche. Verlag: Christian Seipel, Fulda. Redaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 * Zernsprech-Rnsthlnß Nr. 2$$$ Druck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach i. H. Nachdruck der mit* versehenen Artikel nur mit (ltziellenangabe.ZulSaerFnzeiger'geflattet.

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Nr. 163 1933

Fulda, Samstag, 15. Juli

10. Jahrgang

Bauerntum als Lebensquelle.

Neubildung deutschen Bauerntums.

Reichsernährungsminister DarxS über seine Ziele.

Rcichsernährungsminister und preußischer Landwirt- schastsminister D a r r 4 sprach zur Presse und gab in einer kurzen Begrüßungsansprache der Erwartung Aus- dhicL daß alle Teilnehmer von diesem Abend etwas mit­nehmen würden, was die Arbeiten des kommenden Win­ters leitend durchdringe. Er selbst wolle die General­linie zeigen, in der zu marschieren sei.

Der kürzlich ernannte Sonderbeauftragte für bäuer­liches Brauchtum, für Sitte und Gesittung, Metzner, machte grundsätzliche Ausführungen, weshalb es notwendig gewesen sei, einen Sonderbeauftragten für diese Gebiete zu ernennen. Dem Landmann müsse die geistige und seelische Kraft zu seinem Lebenskampf ge­geben werden, um Kultur w schaffen und tragen zu helfen.

Reichsminister Darrë selbst führte dann u. a. aus: Die vergangene Zeit hat die Wirtschaft derartig in den Vordergrund geschoben, daß auch die Ministerien und Behörden nichts anderes tun konnten, als diesem Primat der Wirtschaft Rechnung zu tragen. Schließlich war

die Frage der Preisgestaltung

das ausschließliche Interesse eines Ministeriums. Das war auch notwendig, denn wenn eine liberalistische Welt­anschauung, die den Egoismus auf den Thron erhebt, den Staat durchdringt, bleibt nichts anderes übrig, als daß dieser Staat sich auflöst in eine Gruppe egoistischer Wirtschaftsverfechter, und daß dann die Hilfe ausschließ­lich über wirtschaftliche Gebiete geleitet werde. Wir müssen uns darüber klar werden: wenn wir heute dem Bauern helfen und ihm in irgendeiner Form eine Preisgestaltung ermöglichen, bei der er leben kann, können wir zwar schweres Unheil verhüten und das Bauerntum im Augen-

erhalten, aber ^aS bietet nicht die «cwäbr dafür, daß Deutschland

in Zukunft feinen Bauernstand behält.

Hier liegt der S ch w e r p u n k t d e s P r o b l e m s. Wir können mit dem festen Preismittel nicht wirtschaftliche Maßnahmen verhindern, die in zehn oder fünfzig Jahren das deutsche Bauerntum vor genau dieselbe Situation stellen, in der es eben steht und aus der es sich mühsam frei macht. Warum soll nun diesem einen Stande geholfen werden, warum ist es notwendig, daß der Bauernstand erhalten bleibt? Man könnte Sagen, was nicht rentabel ist, muß aus dem Wirtschaftsleben verschwinden. Vor noch nicht langer Zeit war dies die allgemeine Auffassung in Deutschland.

Die Frage deS Bauerntum» ist keine E t a n d er­frage. ES handelt stch um eine elementareFragc des deutschen Volkes. Ich möchte, daß man ver- stehen lernt: unser Kampf und Ziel, der Kampf, den ich zu führen habe, geht nicht darum, daß wir in die Preis blldung gestaltend eingreifen. Wir kämpfen um das.

Beschlüsse des Reichskabinetts

Neue Gesetze.

Amtlich wird mitgeteilt:

Das Reichskabinett begann seine Sitzung bereits mir 11 Uhr vormittags. Verabschiedet wurden ein Gesetz über die Einziehung Volks- und staatsfeindlichen Ver­mögens, ein Gesetz über den Widerruf von Ein- bürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit, ferner ein Gesetz, das die Neubildung von p o l i t i s ch e n Parteien unter Strafe stellen soll, und ein Gesetz über die Zulassung öffentlicher Spiel­banken. Eine solche ist zunächst nur für Baden Baden vorgesehen. Die Verwendung der Einnahme» aus dieser Spielbank darf nur zu gemeinnützigen Zwecken erfolgen.

Das Reichskabinett stimmte ferner einem Vorschlag des Reichsinnenministcrs zu, wonach für den Fall einer Befragung des Volkes neue gesetzliche Bestim­mungen zu erlassen sind.

Gegen 14 Uhr trat eine zweistündige Mittagspause ein.

*

, Das R c k ch s k a b i n c 11 trat um 16.30 Uhr zu einer weiteren Sitzung zusammen, die angesichts der außer­ordentlich großen Tagesordnung bis in die Nacht­stunden dauerte. Eine Reihe der vom Kabinett am Freitagabend beschlossenen Maßnahmen werden wegen der vorgeschrittenen Stunde erst am Sonnabend veröffent­licht werden können.

Das Kabinett beschäftigte sich u. a. mit dem Gesetz über das Rcichskonkordat. Die Reichsregierung nahm das Gesetz einstimmig an. Der Kanzler sprach dem Vizekanzler von Papen seinen und des Kabinetts besonderen Dank für die erfolgreiche Verhandlungsführung aus. Der Inhalt des Konkordats wird erst nach Unterzeichnung des Ver­trages veröffentlicht.

ferner verabschiedete das Reichskabinett den Entwurf es Gesetzes über die Verfassung der Deutschen Evange- ^rche und eine Verordnung zur Einführung des I e^tkeS der Deutschen Evangelischen Kirche.

Schicksal der deutschen Ratio n. In diesem Kampf erbitte ich die Unterstützung aller.

ORaümpotifif statt Wirtschafisillusion.

Die weiteren leitenden Gedanken des Reichsernäh- rungsministers erläuterte der Bevollmächtigte für Agrar­werbung im Reichsernährungsministerium und Referent im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propa­ganda, Karl Motz, in einem VortragB lut und B o d e n", der von zahlreichen eindrucksvollen Lichtbildern begleitet war. Der Vortragende führte u. a. aus,

die wachsende Volkszahl im gleichbleibenden Raum bedinge die Verminderung der Lebens- und Ernährungs­möglichkeiten. Es ergäben sich zwei Möglichkeiten: Raumer Weiterung auf dem Wege einer groß­zügigen Raumpolitik oder liberalistische Überindu­strialisierung und Ausfuhrpolitik. Den Beweis, daß das Bauerntum allein

der Lebensquell des deutschen Volkei

sein könne, biete als typisches Beispiel die Süd-Ost- Kolonisation der Banater Schwaben, deren Zahl sich in hundert Jahren versiebenfacht habe. Wohin die liberalistische Entwicklung führen müsse, zeige die Voraussetzung Burgdörffers, daß Deutschland bei den jetzigen Verhältnissen in 60 Jahren um 20 Millionen Menschen zurückgegangen sein werde. Allein aus diesem Grunde stelle die

Versailler Zerreißung des deutschen Ostens

eine drohende Lebensgefahr für das ganze deutsche Volk dar. Der Verlust oder Zusammenbruch des Ostens be­drohe den stärksten Blutsquell des deutschen Volkes. In ähnlich verheerender Weise habe sich die liberalistische Industrialisierung und Ausfuhrpolitik in bezug auf die

Sicherung der Ernährungsgrundlage

des deutschen Volkes ausgewirkt, Jedes Volk, Yas, um leben zu können, auf A u s! a n d s e i n f u h r an­gewiesen sei, befinde sich in direkter Abhängigkeit vom Ausland. Solange die deutsche industrielle Ausfuhr die Grundlage der deutschen Volksernährung sichern solle, baue die deutsche Volkswirtschaft auf Sand, und heute wanke der Boden dieses Gebäudes.

Eine radikale Umstellung der politischen Grundlinien sei die einzige Möglichkeit. Wolle das deutsche Volk nicht im Bolschewismus versinken» so bleibe lediglich der lebensgesetzlich richtige Weg des Nationalsozialismus übrig: Neuverwurzelung von Blut und Boden aus dem Wege der Neubildung deutschen Bauern­tums, Naumpolilik statt Wirtschafts - i l l u s i o n.

Der Redner schloß mit einem wirkungsvollen Hinweis an den starken Kampfglauben, den die Bewegung unter dem Führer Adolf Hitler seit Jahren aus diesen zwingen­den Notwendigkeiten der deutschen Eristcnzrettung stets beseelt habe rind weiter beseelen werde.

Weiter wurden folgende Gesetzentwürfe verabschiedet: Gcsetzzur Sicherung der Gemeinützigkeit im Wohnungswesen; Gesetzentwurf über die P v st a b s i n d u n g (bctr. Bayern und Württem­berg); ferner den Gesetzentwurf über die Einschränkung der Verwendung von Maschinen in der Zigarrenindustrie: Gesetzentwurf über die Errichtung von Zwangskartellen imb einen weiteren Entwurf über die Änderung der Kartellverordnung; weiter das Gesetz über die Über­tragung der Aufgaben und Befugnisse des Reichs- kommissars für Preisüberwachung. Die Aufgaben des Reichskommisfars werden aus den Reichswirtschafts- minifter bzw. auf den Reichsernährungsminister über­tragen. Weiter wurden verabschiedet ein Gesetz zur Er­gänzung des Gesetzes zum Schutze des Einzelhandels vom >2. Mai 1933; das Gesetz zur Gleichschaltung des Auf­sichtsrates der Bank für deutsche Jndustrieobligativnen und zur Abänderung des Jndustricbankqesetzes vom 31. März 1931.

Das Kabinett beschäftigte sich dann mit Richtlinien für die Vergebung öffentlicher Aufträge sowie mit Maß nahmen für das neue Getreidewirtschaftsjahr.

Angenommen wurde außerdem das Gesetz über die Förderung der Schaffung von Bauernhöfen, das Gesetz zur Ergänzung und Änderung der Vorschriften über Miet- und Rechtsstrcitigkeiten; eine Verordnung zur Durchführung der Gesetze über die Zulassung zur Rechts­anwaltschaft und Patenânwaltschaft; ein Gesetz zur Ände­rung der Verordnung über Maßnahmen aus dem Gebiete der Rechtspflege und Verivaltung vom 14. Juni 1932 und schließlich ein Gesetz zur Änderung einiger Vorschriften der Rechtsanwaltsordnung, der Zivilprozeßordnung und des Arbeitsgerichtsgesetzes.

Ehrentag des Handwerks in Zoppot.

u. â""È ^n Zoppm fand ein Festzug des Handwerks statt, Stillungen vollzählig vertreten waren beitoÄ S insbesondere aus Dem oeut|men Osten,, waren erschiene» Der riesige Westum wies Wagen aus, die von einer viellausend- kopsigen Menschenmenge jubelnd begrüßt wurden.

Im Wirbel.

Verdorbener Brei. Konferenz in Nebensälen. Fahrt im Nebel.

Die Ratten verlaßen das leck gewordene Schiff der Londoner Konferenz und geben sich nicht einmal Mühe, dieses Davonlaufen unter Innehaltung der doch jdnft so peinlich beobachteten diplomatischen Allüren zu vollziehen. Man schimpft vielmehr recht gröblich über die Entwicklung der Dinge. Nur kommt dabei noch weniger heraus als auf der Konferenz selbst. Will man hier und da auf heimlichen Umwegen wieder zurück zu dem Haupt- thema der Verhandlungen, zu jener Klippe, an der sich das Schiff der Konferenz das große Leck zugezogen hat, dann eilt der amerikanische Vertreter flugs herbei, um jede Leck- dichtungsarbcit zu verbieten. Nach der negativen Seite hin sind ja die bisherigen Ergebnisse der Konferenz über- aus reichhaltig; immer wieder wurde festgestelU, wie dieses oder jenes Problem, das zu behandeln auf der Tages­ordnung der Konferenz stand, nicht in Angriff genom­men oder gar erledigt werden durfte. Und wenn über diese in London unlösbaren Probleme gesprochen wird, wenn man sich in irgendwelchen Ausschüssen über die Schulden-, die Kredilfragen oder die Zollfragen unterhält, so weiß doch jeder, daß auch die schönsten Resolutionen, die vielleicht dabei heraus­kommen könnten, doch ohne jede Wirkung bleiben müssen. Überkluge Leute haben natürlich von Anfang an gewußt, daß bei einer Konferenz von 66 Nationen nichts Vernünf­tiges herauskommen könnte, weil ja schließlich doch immer viele Köche den Brei verderben. Es ist aber nicht mehr dazu gekommen, den Brei zu verderben, son­dern noch vorher stürzte Amerika den ganzen Topf um. Andererseits hat der französische Delegierte nicht ganz un­recht, wenn er behauptet, das einzige positive Ergebnis der Londoner Konferenz sei das Zusammentreten der an der Goldwährung festhaltenden Länder zumG o l d - block" geworden. Wenn man nun trivial wäre, dann würde man sofort an das schöne alte Wort denken:Es ist nicht alles Gold, was glänzt!" Heute, gestern und überhaupt schon seit längerer Zeit sind Überraschun­gen zu Alltäglichkeiten geworden, und zwar ganz be­sonders auf dem Gebiete der Währu n g. Erperimenle hierin sind ebenso überraschend aufgetreten, wie sie später bann ebenso überraschende Ergebnisse zeitigten, oft sehr gegen den Willen ihrer Urheber. Davon weiß jetzt auch der amerikanische Präsident ein Trauerliedchen zu singen. Es scheint fast so, als könne er der Dollar­inflation; die er selbst doch herbeigeführt hat, ebenso vergeblich Einhalt gebieten, wie es Goethes Lehrling mit dem Zauberbesen vermochte. Aus solcherkontrollier­ten Inflation" wird, wenn man die Pfade nicht ganz genau kennt, sehr schnell und sehr leicht ein Hinein­stolpern in den Sumpf, aus dem zu allerletzt das Irrlicht irgendeiner Index Währung herausführen kann.

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Ta die Diplomaten auf der Londoner Konferenz selbst also nur sozusagen negative Meisterstücke fertig­bekamen, weil sich alles vor der größten Öffentlichkeit ab­spielte, nämlich vor der ganzen Welt, so wandten sie sich lieber allerhand dunklen Pfaden zu, auf denen man dann zu weniger kontrollierbaren Ergebnissen gelangen kann. Man hat nicht ganz mit Unrecht darauf hingewiesen, daß Litwinow, Rußlands Delegierter, in den Nebensälen der Konferenz ganz außerordentlich viel erreicht hat. Er ist übrigens gleichzeitig der Leiter des Außenkommissariats der Sowjetregierung. Das Genfer Völkerbundsekretariat bekam viel zu tun, da plötzlich alle möglichen Nichtangriffspakte zwischen den Staaten des östlichen und südöstlichen Europas unterzeichnet wurden, deren nicht gerade geringe Kosten im allgemeinen Rußland trägt. Litwinow hat ferner den jetzigen Streit zwischen England und Rußland beigelegt, der infolge der bekannten Verurteilung englischer Ingenieure entstanden war und sehr scharfe Formen angenommen hatte. Und damit der Witz bei der ganzen Geschichte nicht völlig fehle: Litwinow hat erklärt, die Sowjetregierung würde industrielle Lieferungsaufträge im Betrage von einer Million Dollar Gold- oder Papierdollar? ver­geben, wenn man Rußland für diese Geschäfte einen ebenso langfristigen wie auch sonst entgegenkommenden Kredit in demselben Betrage gewähren würde! Aber vielleicht hat der Mann doch Glück mit seiner etwas seltsamen Zu­mutung! Denn wenn infolge des Währungskrieges der Kampf um den Absatz am Weltmarkt noch erbitterter wird als bisher, dann reißen sich die Verkäufer auch um den verdächtigsten" Abnehmer.

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Durch diesen Wirbel außen- und währungspolitischen Geschehens das deutsche Reichsschiff Hindurchzusteuern, ist um so schwieriger, weil die Blicke der Führenden sich förmlich hineinbohren müssen in einen dicken, schon die nächste Zukunft verhüllenden Nebel.Klug und vor­sichtig" zu verfahren, das verlangte Hitler kürzlich auch für die Behandlung der b i n n e n w i r t s ch a ft - l i ch e n F r a g e n in Deutschland. Und ebenso wie er damals forderte, man dürfe begründete wirtschaftliche Erfahrungen nicht aus irgendwelchenIdeologien" heraus einfach zum alten Eisen werfen, so wiederholte er jetzt vor den Gauleitern der Nationalsozialistischen Partei, was ihn, ben Führer, wirtschaftlich interessiere, sei allein die Z u k u n f t s a u f g a b e, das deutsche Volk wieder in Arbeit zu bringen und seine volle Konsumkraft wieder­herzustellen; er selbst kapituliere bei allem, was er tue, nur vor der Vernunft und habe dèn Ehrgeiz, ohne Rücksicht auf Augenblicksstimmungen etwas zu schaffen, was der Kritik der Nachwelt standhalte. Für die Aufbau-