Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Iulöa- und Haunetal»Iulöaer Kreisblatt
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Nr. 196 — 1933
Fulda, Mittwoch, 23. August
10. Jahrgang
Die Lager der Kameradschaft.
Li» Amerikaner über den Arbeitsdienst
Was ist nicht alles über den deutschen A r b e i t s- dienst im Ausland zusammengefaselt und zusammengelogen worden! Politische und militärische Geheimnisse witterte man in den Arbeitsdienstlagern, und weil sie Kamerad schaftslager sind, und Kameradschaft end) im Krieg notwendig ist, hätte man ihnen am liebsten militärischen Charakter beigelegt, um sie so womöglich vor das „Forum der Abrüstungskonferenz" zu bringen. Aber Deutschland hat nichts zu verbergen, und hort, wo es voller Vertrauen aus eigene Kraft und Hofs- Mg auf bessere Zukunft seiner Jugend eine körperliche und seelische Ertüchtigung geben will ; ^t Die Arbeit des Friedens, da braucht es keine Zuschauer i zu icheuen und keine Kritik. Deshalb spielt sich auch das ! Mn unserer Arbeitsdienstwilligen in aller Öffentlichkeit el, und die Reichsleitung des Arbeitsdienstes hat schon mehrfach Ausländern Gelegenheit gegeben, die Lager p besichtigen oder sogar selbst Dienst in ihnen zu tun. Nachstehend geben wir die Aufzeichnungen eines amerikanischen Studenten wieder, der im Einver- ! nehmen mit der Reichsleitung des Arbeitsdienstes mehrere : Arbeitsdienstlager besuchte und in einem Lager einige -Wochen Dienst mit den deutschen Arbeitswilligen getan hat. Der Brief spricht für sich. Wir unterlassen daher jede weitere Bemerkung und geben hier nur feinen Hauptinhalt wieder:
„Von vornherein muß ich sagen, daß die mir seitens i der Führer und der Freiwilligen entgegengebrachte Ge- lâlligkeit auf der denkbar höchsten Stufe stand.
Das Wort Arbeit
Uhl Kennzeichen von dem, was in den Lagern getan i wird. Die Arbeit ist n i e zu lang und n i e zu schwer; per es ist wahr, daß man schwer arbeiten muß, um in liiwni Lager bleiben zu können, und ich bin nur zu froh, I ich ich diese Erkenntnis gefunden habe. Der Gedanke, r D schlafenzugehen und früh auszustehen, ist «ehr gut, Ab man könnte
keine gesündere Gruppe von Männern
I Men als die Freiwilligen in den Lagern. Die Sonnen- I Wune und Entwicklung der Muskeln ist für die I Schwächeren sehr gut und wird nicht von den Stärkeren I verschmäht. Die Kleidung ist sehr zweckmäßig und I Mt auch einen sehr guten Eindruck. Die Schlaf- I luti T t i e r e sind bequem und werden immer sauber I gehalten. Die Verpflegung ist einfach, aber nahr- IEs ist immer genügend vorhanden, und die Frei- I Billigen denken nie daran, Hunger leiden zu müssen. Der Isedanke, l,7o Mark von den 2 Mark, die der Staat täg- jedem für seine Unkosten innerhalb des Lagers auf- I Ander, auszugeben, und nur die restlichen 30 Ps. in bar I ^zuzahlen, ist sehr verständig. 30 Pf. ist nicht viel Geld, I ^r es genügt für einige Zigaretten oder ein Glas Bier, l Ad die psychologische Wirkung dieser Auffassung erscheint l M gerechtfertigt. •
I. Ich bin der Meinung, daß ich das bekam, was ich I "!K Eintritt in das Lager erwartete, nämlich eine Ein
Neue Erfolge der Arbeitsschlacht.
Meder 130000 BrbeMofe weniger.
Die Arbeitsmarktlage im Reich.
Die Arbeitsloscnzahl ging in der Berichtszeil weiter Ä und zwar in einer für diese Jahreszeit erheblichen Größenordnung — nämlich um rund 130 000 — gegenüber einem Rückgang von nur 9500 in der gleichen ^»ichtsperiode des Vorjahres. Bei den Arbeitsämtern ^"rden am 15. August 4 334 158 Arbeitslose gezählt, «mit ist erstmalig der Vorjahresstand um über 1 000 000 Rückschritten.
.. Vom Höchstpunkt der Arbeitslosigkeit im Februar .' '^ Jahres bis zum Stichtag ist die statistisch erfaßte Arbeitslosigkeit um rund 1 667 000 zurückgegangen. Die Risten absoluten Abnahmen batten die dicht- Wten und hochindustrialisierten Bezirken mit hoben ârbeüslosenzahlen wie Brandenburg (rund 2050 0, Ochsen (rund 168 000), Schlesien (runb 153 000), j'Uteldeutfchland (rund 179 000). Errechnet man I für jeden Bezirk den anteilmaß t y e n Ruck- h $ bon seinem Höchststand aus, dann sieben st- stutzen mit einem fast hundertprozentigen Rückgang . Pommern mit einem sechzigprozentigen Rückgang der Spitz?. . s
L fit Zahl der Hauptunterstützungsempsanger in der S ^ mna um runb 23 700 ta b« um rund 48 600 zurück. Die Wohlfahrts- I "bslosen werden für Mitte des Monats nicht gezahlt. . /-ach Berechnungen der Neichsanstalt auf Grund der ^^enkassenmitgliederstatistik ist die I siiâ ^" beschäftigten im Juni aus rund 13 307 000 ge- I t ?.e*i- Die vorläufigen Ergebnisse lassen für den Monat
BeschäftLnzah? von rund 13 500 000 was USt daß vom Tiefstand der Beschäftigung im & 1933 bis zum 31 Juli rund z w e i M N 1 i o c n K S in den Arbeitsprozeß eingeschaltet
sicht in die Dinge und aus erster Hand die Kenntnis bet Organisation eines Lagers.
Die Arbeitsgemeinschaft war viel besser, als man sich umstellen kann, und der Geist der Kameradschaft war bewundernswert.
Dieses Wort Geist
ruft einige der tiefen Eindrücke des Lagers wieder in mir wach, vor allen Dingen die Entwicklung des Geistes unter den Leuten aller Stände, Studenten und Arbeiter, die alle zu einem Ganzen zusammengeschmiedei werden. Meine Erfahrung bewies mir, daß das Lager tu Erreichung seiner Ziele sehr erfolgreich war. Worauf ist dieses zurückzuführen? Es sind verschiedene Gründe, und einer von denen ist:
die Leistung durch Handarbeit.
Jeder ist dasselbe wie der andere. Ob einer aus reicher Familie stammt oder seit Jahren ohne Arbeit ist, macht nichts aus, jeder muß mit dem Sparen und der Pike arbeiten. All diese Arbeit wird mit einem Lächeln, Gesangoder interessanter Unterhaltung verrichtet. Der Grundgedanke dieses Versuches ist, Zusammenarbeiten zu lernen, wie auch der Gesang beim Marschieren außerordentlich sinnreich ist. Die Lieder sind schön und werden sehr gut und gern gesungen.
Das Marschieren
hat vielen Menschen zu denken gegeben, und wer nicht im Arbeitsdienst war, muß auf diesen Gedanken kommen. Wenn einer jedoch in einem Lager geweilt hat, dann weiß er, daß ihm keine politische Bedeutung betzumessen ist. Gewiß werden militärische Kommandos gegeben, ohne die es nicht geht, wenn ordentlich marschiert, gehalten, nach links oder nach rechts gewendet werden soll, und da die Freiwilligen mit dem Wortlaut der Kommandos vertraut sind, werden sie, weil sie unentbehrlich sind, gebraucht. Das war das einzige Zeichen von militärischem „Drill" in dem ganzen Lager. Da die Lager sich selbst durch ihren Betrieb als solche kennzeichnen, sind sie weit davon entfernt, a l s militärische Übungslager bezeichnet zu werden.
Das soziale Leben
darf nicht vergessen werden. Feste werden gefeiert, und die Freiwilligen haben großes Vergnügen daran. Zu verschiedenen Gelegenheiten zeigen die Freiwilligen Theaterstücke und Spiele usw., die lehrreich sind, und gleichzeitig eine gute Übung.
Es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Freiwilligen zu finden, der mit dem Lagerleben nicht zufrieden war.
Im ganzen sind meine Eindrücke sehr gut, und die Pläne für die Zukunft scheinen sehr gesund zu sein. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, daß es Deutschland gelingen möge, den Unterschied zwischen Kapitalismus u n d Arbeiterklasse zu beseitigen und dadurch dazu beizutragen, das Land wieder aufzubauen, was soviel für die ganze Welt, wie es für Deutschland selbst bedeutet."
Weitere ReichszusKüffe für Znßand- setzungro und ÜmWen.
Der Reichsarbeitsminister hat aus den zur Gewährung von Reichszuschüssen für Jnsiandsetzungs- und Umbauarbeiten noch zur Verfügung stehenden Mitteln einen weiteren Betrag in Höhe von 5 2 3 0 0 0 0 Mark den Ländern zur Verfügung gestellt. Davon entfallen 5 Millionen Mark auf Ümbanzuschüsse, der Rest auf Jn- standsetzungs- und Umbauzuschläge für Wohn- und Wirtschaftsgebäude landwirtschaftlicher Betriebe.
Von dem neuen Reichszuschuß entfallen auf die einzelnen Länder folgende Beträge: Preußen 3 048 000 (davon für Wohn- und Wirtschaftsgebäude 230 000 Mark und für Umbauten 2 818 000 Mark», Bayern 506 000 Mark, Sachsen 800 000 Mark, Württemberg 175 000 Mark, Baden 160 000 Mark, Thüringen 100 000 Mark, Hessen 90 000 Mark, Lansburg 90 000 Mark, Mecklenburg-Schwerin 45 000 Mark, Oldenburg 30 000 Mark, Braunschweig 20 000 Mark, Anhalt 20 000 Mark, Lippe 15 000 Mark, Lübeck 10 000 Mark, Mecklenburg-Strelitz 5000 Mark, Schaumburg-Lippe 2000 Mark. Bremen werden besonders 60 000 Mark zugeteill.
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Auf Anregung des Reichsministers für Luftfahrt hat der Reichsarbeitsminister sich damit einverstanden erklärt, daß Arbeiten zum 91 usbau von Schuyrä u m e n ; u m Zwecke des Luftschutzes als „größere Hn- standsetzungsarbciten" im Sinne der Ziffer 12 der Bestimmungen vom 15. Juliz 1933 angesehen werden.
Verhaftungen von Kommunisten in der Schweiz.
Basel. In der Nähe von Locarno wurden mehrere aus Deutschland stammende Personen festgenommen, die um anarchistisch-kommunistisch betätigt haben. Auch in Ascona wurden mehrere Personen festgcnommen, die mit der An- gelegeNheit in Verbindung stehen.
Abrüstung und Wirtstbastsbelebung.
Am 12. Juni dieses Jahres traten in London die Delegierten von 66 Staaten zur Wellwirtschaftskonferenz zusammen. Auf die Arbeit dieser 66 Delegationen schauten in banger verzweifelter Sorge tagaus, tagein 6 0 Millionen Menschen, denn so groß ist im Laufe der Jahre die „Nation d e r A r b e i t s I o s e n" geworden, d. h. die Zahl der Erwerbslosen aller Industrieländer beläuft sich, wenn wir die Angehörigen mitrccbncn, auf nabetu 60 Millionen.
Die Hoffnungen und Wünsche dieser 60 Millionen sind abermals enttäuscht worden. Die Grundursache der wirtschaftlichen Erkrankung der Welt liegt klar und eindeutig in der politischen Ungerechtigkeit beschlossen, die den Namen des Diktats von Versailles trägt. Erst einmal muß der Kranke, muß Europa aus der modrigen Stickluft des erzwungenen Diktats von Versailles herausgeführt werden. Dann mögen die wirtschaftlichen Fachspezialisten das ihre tun, vorher aber ist ihre Arbeit sinnlos.
Noch ein Beispiel dafür, daß die Politik für den Gang der Wirtschaft entscheidend ist: Trotz des Scheiterns der Londoner Konferenz bat die geniale Staatsknnst unseres Führers Adolf Hitler es vermocht, im begrenzten Raume der nationalen Wirtschaft im Laufe von sechs Monaten die Arbeitslosigkeit um gut 25 Prozent herabzudrücken. Wenn die Politik der Weltmächte genau so zielklar, so sachkundig und so konsequent sein würde, wie es die deutsche Innenpolitik jetzt wieder ist, dann wäre anch eine entsprechende Bresche in die Weltarbeitslosigkeit zu legen.
Wenn wir von den wirtschaftspolitischen Konsequenzen des Diktats von Versailles sprechen, so denken wir dabei meist an die wirtschaftswidrige Ziehung der Landesgrenzen, an die Zerfleischung des deutschen Ostens, an die Zerschneidung des oberschlesischen Wirtschaftsgebietes, an die Enteignung der deutschen Kolonien, an die Errichtung der deutschen Tributpflicht. Das alles ist bedeutsam und wichtig, aber es ist nicht alles: das wirtschaftliche Elend der Welt wäre, wie Geheimrat Größer in einem Vortrag darlegte, unerklärlich, trotz allem Aufgeführten, wenn nicht noch die deutsche Wehrlosigkeit inmitten eines Waffen starkenEuropas hinzukäme.
Es ist wahrlich der Gipfelpunkt gewissenloser Heuchelei, wenn man im Auslande den traurigen Mut aufbringt, die neueste innere Entwicklung in Deutschland als Vorwand für den Nichtabrüstungswillen der anderen zu mißdeuten. Wir geben in Deutschland auf den Kopf der Bevölkerung rund 10,50 Mark je Jahr für Wehrzwecke aus, in Frankreich werden 76,5 Goldmark ausgegeben, in Großbritannien 34 Mark, in Polen etwa 17 Mark, in der Tschechoslowakei rund 15 Mark. Um aber die polnischen und tschechischen Ziffern richtig zu verstehen, muß folgendes ergänzt werden: In der Tschechoslowakei verschlingen die Mehrausgaben rund 2 0 Prozent des Gesamthaushaltes, in Polen gar 40 Prozent. Wir in Deutschland wenden knapp 8 Prozent unseres Haushaltes für Wehrmachtausgaben auf. Frankreich verfügt außerdem über eine Reserve (also über die Ausrüstung des aktiven .Heeres hinaus) von 16 000 leichten und 17 000 schweren Maschinengewehren, 800 Minenwerfern, 1500 leichten und 1000 schweren Geschützen, 1700 Kampfwagen und 3000 Flugmaschinen.
Der Versailler Vertrag untersagt im Artikel 171 die Herstellung oder Einfuhr von erstickenden, giftigen und anderen Gasen^ F r a n k r e i ch allein aber verfügt über sechs staatliche und 24 Privatwcrke, die man zusammen- faffcnb als G a s k a m p f i n d u st r i e bezeichnen kann. Der Artikel 178 des Versailler Vertrages verbietet uns alle organisatorischen Vorbereitungen für eine Mobilmachung. In Frankreich befiehl aber seit 1924 ein besonderes Gesetz über „Allgemeine Organisation des Volkes für den Krieg"
Der englische Ministerpräsident Macdonald hat gesagt: Daß'es gälte, das Vertrauen wiederhcrzu- stellen, wenn die Schlote wieder rauchen sollten. Wer soll denn in diesen Dingen eigentlich Vertrauen haben? Deutschland?
Die Praxis lehrt uns, daß auch die anderen kein Vertrauen haben, sie können es nicht haben, denn das böse Gewissen, das aus der Verewigung des europäischen Unrechts wächst, läßt ihnen keine Ruhe. Da folgt dann Nichtangriffspakt aus Nichtangriffspakt, Konferenz auf Konferenz, Ministerbesuch aus Ministerbesnch. Und das Resultat: Große Worte im Vordergrund, und die lähmende Anast im Hintergrund. . , ,
Was ist denn ferner die internationale KapUalsjlucht anderes als die Antwort der Wirtschaft auf das Mtßregimentvon Versailles? Der völlig ungesunde Zustand, daß die Banken der kleinen neutralen Länder sich mit Händen und Füßen gegen Mehreinlagen sträuben, daß aber Deutschland dreifach überhöhte Zinsen zahlen muß und mußte: Ist denn das etwas anderes als die rein rechnerische Auswirkung der deutschen Entmachtung? Ist es nicht eine politische Stickluft» wenn inmitten fieberhafter Rüstungen dem deutschen Volke eine völlige Wehrlosigkeit dnrch Diktat aufgezwungen wird? Glaubt man denn, daß die K a u f l e u t e der Welt diesen Zustand nicht sehen? Sie weigern sich daher, entweder Geld nach Deutschland zu legen, oder aber sie verlangen einen besonderen Risikozins.
Glaubt man, daß Deutschland weiter als Risikogebict gelten würde, wenn es i n völliger Gleichberechtigung mit den anderen großen Kulturnationen wirkliche Wehrfreiheit besäße? Das glaubt man doch wohl kaum, denn wenn Deutschland wirklich gleichberechtigt wäre, dann würde das Gespenst der Unruhe in Europa
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