Zul-aer Anzeiger
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Nr. 7 — 1934
Fulda, Dienstag, 9. Januar
11. Jahrgang
Frankreichs Rekordskandal.
Stavlslh schießt sich eine Kugel durch den Kops.
Sein Zu st and hoffnungslos.
Der Riesenbetrüger S t a v i s k y , der Hauptschuldige des Bayonner Finanzskandals, hat in einer von ihm gemieteten Villa in Chamonix einen Selbstmordver- s u ch unternommen, indenl er sich eine Kugel durch den Kopf jagte. Sein Zustand ist hoffnungslos.
Stavisky, dessen Spur in der Gegend von Chamonix ausgenommen wurde, hatte sich in dem Wintersportort eine Villa gemietet, die von den Pariser Polizeikommissaren ausfindig gemacht werden konnte. Beamte stellten sich in der. Villa ein und versuchten vergebens, sich Einlaß zu verschaffen. Auf mehrmaliges Klopfen hörten sie p l ö tz - lich in einem der Zimmer einen Schutz fallen. Als sie die Tür aufbrachen, fanden sie Staviskp mit einer Kopfwunde bewußtlos aus dem Fußboden liegend.
Stavisky tot.
Paris. Stavisky ist in der Nacht zum Dienstag der schweren Echußverletzung, die er sich beigebracht hat, erlegen.
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„Seit io Zähren streng überwacht."
Der Pariser Potizeiches über Stavisky.
Der Pariser Polizeipräsident C h i a p p e ist von einer Reise aus Florenz in Paris eingetroffen und hat sich sofort zum Ministerpräsidenten Chautemps begeben. Auf dem Bahnhof erklärte er, daß die Polizei Stavisky „schon seit zehn Jahren überwache" und daß diese Überwachung „so streng" (!!) durchgeführt worden sei, daß der Betrüger vor kurzem einmal bei ihm, dem Polizeipräsidenten, sich darüber beschwert habe.
-v
Wie „streng" muß diese Überwachung gewesen sein, wenn Stavisky den größten Finanzskandal der letzten fünfzig Jahre in Frankreich heraufbeschwören konnte!
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ISO Mitschuldig« Giaviskys?
Er schlägt Chautemps einen Kuhhandel vor.
Das Pariser Blatt „Action Franeaise" schreibt, ein Mittelsmann Stavisky s habe den Ministerpräsidenten Chautemps aufgesucht und habe diesem mitgcteilt, Stavisky sei bereit, sich gegen gewisse Zusicherungen dem Gericht zu stellen. Aber er habe gleichzeitig andeuten lassen, daß er im Besitze einer Liste kompromittierter Persönlichkeiten sei, die nicht weniger als l 8 0 N a m c n enthalte.
Nach Pariser Meldungen würde Chautemps im Fall eines formellen Rücktritts der Regierung sofort
ein neues Kabinett
bilden, und zwar nicht nur ohne den schwer belasteten Kolonialminister D a l i m i e r , sondern auch ohne den Außenminister Paul-Boncour und den Luftfahrtminister C o t. Chautemps, der sich bemüht, Herriot für das Außenministerium zu gewinnen, würde ein neues Kabinett schon in der Dienstagsitzung des Parlaments vorstellen können, in der die Anträge zur Bahnkatastrophe von Lagny und zum Stavisky-Skandal kurz behandelt werden sollen.
Wien, 8. Zan. Das Kabinett trat heute nachmittag unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers Dollfuh zu einem außerordentlichen Kabinettsrat zusammen, in dem ausschließlich neue Abwehrmaßnahmen gegen die anwachsende nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich erörtert wurden. Es wurde der Erlaß eines Aufrufes der Bundesregierung an das österreichische Volk beschlossen, der der Presse als „Pflichtnachricht" zum Abdruck übermittelt wird. '
Das Kabinett hat in der Sitzung, wie es in der amtlichen Mitteilung heißt, einen Bericht über die in den letzten Tagen besonders verschärfte und offensichtilch organisierte nationalsozialistische Agitationstätigkeit entgegengenommen, die mit zahlreichen Terrorakten verbunden war. Die hierdurch notwendig gewordenen Maßnahmen hätten die einhellige Billigung des Ministerrats gefunden.
Der Aufruf „An Oest e r r ei chs Volk" spricht davon, daß sich die Bundesregierung bisher auf eine maßvolle Abwehr beschränkt habe, in der Hoffnung, es werde endlich „Vernunft über Wahnsinn den Sieg davontragen". Aus dieser Erwägung sei in den Weihnachts- und Neujahrstagen auch eine Reihe von Gnadenakten vorgenommen worden. Die daran geknüpften Hoffnungen seien vergeblich gewesen. In den letzten Tagen seien nicht weniger als 140 „SprengstoffanMägy" f« cât DSMe bey NundV- MksG WriiB
Bayonnes Bürgermeister im Gefängnis.
Die vom Untersuchungsrichter in Bayonne ange- rrbnete Verhaftung des Bürgermeisters von Bayonne, des Abgeordneten G a r a t, erfolgte nach einem Verhör.
Der Untersuchungsrichter hat gegen Garat folgende Anschuldigungen erhoben: Diebstahl, Fälschung, Verwendung gefälschter Dokumente, Unterschlagung von Schriftstücken bzw. offiziellen Mitteln, Betrug oder Mithilse, Vertrauensmißbrauch und Hehlerei. Garat ist bereits ins Gefängnis eingeliefert worden.
Das Echo von Bayonne.
Die Bankaffäre von Bayonne füllt weiterhin lange Spalten der englischen Presse und wird als größte politische und finanzielle Sensation seit einem halben Jahrhundert bezeichnet. Ein hochstehender französischer „Beobachter" erklärte dem Reutervertreter gegenüber: Selbst wenn Chautemps eine neue Regierung bilde, würde die Untersuchung der Bayonneaffäre ihm einen s ch w e r e n M ü h l st e i n um den Hals legen. Jede neue Enthüllung würde den Mühlstein um eine Tonne schwerer machen. Er gebe dem neuen Kabinett nur zwei Monate lang Zeit. Aus die Frage des Reutervertreters: „Und was soll nachher geschehen?", erwiderte der Beobachter: Das Ende des Regimes oder eine nationale Regierung.
Die französische Regierungsumbildung.
Paris. Der durch den Rücktritt Dalimiers freigewordene Posten des Kolonialministers wird nach allgemeiner Auffassung dem Arbeitsminister Lamoureux übertragen werden, während der Minister für die Handelsmarine Frot das Arbeitsministerium übernehmen und durch den Unterstaatssekretär Bertrand ersetzt werden dürfte.
Einer der Hauptschuldigen im Bayonner Finanzslandal. Unser Bild zeigt den verhafteten Direktor des Leihhauses von Bavonne, T i s s i e r, der als einer der Hauptschuldigen im Finanzskandal des Hochstaplers Stavisky ins Gefängnis eingeliefert wurde.
Die Bundesregierung sei entschloßen, nunmehr mit allen, auch den schärfsten Mitteln diesen Akten des Terrors ein für allemal ein Ende zu setzen. Mit dem heutigen Tage seien daher starke Abteilungen des Freiwilligen Schutzkorps ausgeboten worden, die gemeinsam mit der Polizei und Gendarmerie alle Versuche, dieses „verbrecherische Treiben" fortzusetzen, zunichte machen würden.
In einer Pflichtnachricht der „Politischen Korrespondenz" zu dem Aufruf heißt es: Mit Beginn des neuen Jahres habe eine verstärkte Terroraktion eingesetzt, die bis heute unvermindert anhalte. Wiederum wird von nicht weniger als über 140 Sprengstoffanschlägen in allen Bundesländern gesprochen, in die offenbar auch alle Knallfrösche und Papierböller eingerechnet worden sind. Dazu käme eine große Zahl von Aktionen gegen Vergnügungslokale und Gaststätten, Geschäfte, wo Tränengasbomben geworfen worden seien, und mehr als hundert größere Einzelfälle „bübischer Überschreitungen" durch Beschmieren von Gebäuden, Hissen von Hakenkreuzfahnen, Ausstreuen von Hakenkreuzen, Propagandaschriften usw.
Alles in allem eine Auslese, die das Verhältnis zwischen der Regierung Dollfuß und der österreichischen Bevölkerung nur Ul klar beleuchtet.
Hungerstreik im österreichischen Konzentrationslager Woellersdorf.
Sämtliche Insassen des Konzentrationslagers Woellersdorf sind in den Hungerstreik getreten.
Diese Tatsache wurde dadurch bekannt, daß von dem Krankenhaus in Wiener-Neustadt an die Wiener Psychiatrische Klinik das Ersuchen gerichtet wurde, 90 Plätze freizumachen. Es wurden jedoch nur sechs Personen auf dem Umwege über das Krankenhaus in die Klinik ein- geliefert, und zwar drei Nationalsozialisten und drei Kommunisten. Nur diese Klinik hat Praxis in der Zwangsernährung.
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Als der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß mit seiner Familie in Gaming sNiederösterreich) weilte, wurde die Lichtleitung unbrauchbar gemacht und die Wasserleitung des Ortes in die Lust gesprengt. Zu gleicher Zeit erplodierten zahlreiche Papierböller. Als es schließlich nach mehreren Stunden gelungen war, eine Notbeleuchtung einzurichten, sah man, daß in sämtlichen Straßen gestanzte Hakenkreuze ausgeschüttet waren. Der Bundeskanzler verließ bald daraus den Ort.
„Der schöne Sascha" oder „Monsieur Alexandre".
Das abseits des großen Verkehrs liegende französische Städtchen Bayonne hat es sich nicht träumen lassen, daß es einmal der Ausgangspunkt einer finanzpolitischen Springflut sein würde, die die Regierung einer Weltmacht allen Ernstes gefährdet. Bayonne kannte man bisher lediglich als die Stadt überaus geschätzter Schinken und außerdem als Sitz tüchtiger Waffenschmiede, die vor mehr als 200 Jahre das nach diesem Ort benannte Bajonett erfanden. Heute ist die stille kleine Provinzstadt nicht nur im Munde aller Franzosen, sondern ihr ebenso fataler wie neuer Ruhm füllt schon seit einer ganzen Reihe von Tagen die Spalten der Weltpresse. Zur Zeit sind bie Dinge soweit gediehen, daß im Zusammenhang mit den ungeheuren Hochstapeleien des Großbetrügers Stavisky das noch sehr junge Kabinett Chautemps unter Führung seines Ministerpräsidenten zurückzutreten entschlossen ist, wenn nicht das am meisten belastete Kabinettsmitglied, der Kolonialminister D a l i m i e r , in letzter Stunde doch noch „freiwillig" feinen Posten aufgibt.
Wer ist dieser fast geniale Gauner Stavisky? Wie war es möglich, daß ihm Veruntreuungen gelangen, deren Gesamtsumme vom Pariser Sachverständigen heute bereits auf 6 4 0 Millionen Franc veranschlagt wird, wobei sie hinzufügen, daß die Möglichkeiten einer weiteren Abrundung dieser Summe nach oben durchaus offenstehen.
A l e r a n d e r Stavisky ist der Sohn eines russischen Zahnarztes aus dem südrussischen Städtchen Sobotka bei Kiew. Er war bereits mit 30 Jahren „ein gemachter Mann", insofern, als es dem „schönen Sascha", wie er in Halbweltkreisen genannt wurde, immer wieder gelang, schöne Frauen mit großem Vermögen an sich zu fesseln. Er wurde schnell als ein Lebemann und Vcrf^chwcn - der größten Stils bekannt. In den Lpielsälen von Monte Carlo war er ebenso zu Hause wie in zweifelhaften internationalen Bankkreisen. Nach vorübergebenden „Betriebszwischenfällcn", die ihm wiederholt die Verpflegung auf Staatskosten in französischen Gefängnissen einbrachten, wußte er seinen zahlreichen neuen Unternehmungen, wie die Gründungen von ZeitungsunVernehmungen, Banken und Juweliergeschästen ein seriöses Mäntelchen umzuhängcu und sehr schnell zu Reichtum zu gelangen. Er nahm nicht nur sein altes Verschwender- leben wieder auf, sondern drang sogar in Kreise der Diplomatie und der Hochfinanz ein und vermochte durch seine Beziehungen auf der Wirtschaftskonferenz von S t r e s a hinter den Kulissen beträchtliche Geschäfte zu tätigen.
Zweifellos hat er die Gelegenheit dort in Stresa dazu benutzt, um sich weitere einflußreiche Beziehungen zu Politikern und Finanzmännern zu schaffen, die bann teils mit teils ohne ihr Wissen seine dunklen Finanzgeschäfte decken helfen mußten. Anders ist cs jedenfalls nicht zu erklären, daß „Monsieur Alerandre", wie er sich seit einiger Zeit zu nennen beliebte, einen öffentlichen Skandal nach dem anderen entfesselte und trotzdem nicht gefaßt wurde, auch dann nicht, als er in einem bekannten südfranzösischen Badeort der eleganten Welt nach ungeheuren Gewinnen im Spielsaal mit falschen Karten erwischt wurde. Es geschah ihm weiter nichts, als daß ibm die französische Polizei für den ganzen französischen Staatsbereich das Betreten von Spielsälen verbot. Es ist tlar, daß ein Hochstapler großen Formats, der zu wiederholten Malen die Polizei- und Justizbehörden beschäftigt batte, der im elegantesten Hotel von Paris eine prunkvolle Zimmerflucht besaß, stets in den teuersten LurusamoS zu sehen war, und der doch bei alledem mit Bild- und Fingerabdruck das V e r b r e ch e r a l b u in der fran - z ö fischen Kriminalpolizei zierte, daß ein solcher Mann nicht ohne hohe Protektion jahrelang sein Handwerk treiben kann. Der Meistgeschädigic ist bis jetzt das Städische Kreditinstitut der Stadt Bayonne selbst, mit dessen Direktor Tissier „Monsieur Alerandre" in Zeiten der Kreditnot feine gewinnbringendsten Geschäfte tätigte. Daß der bereits genannte Kolonialminister D a l i m i e i schon in den ersten Anfängen der Untersuchung des Riesen - skandalis Maffei war, ist bekannt. Inzwischen sind noc'