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Zul-aer Mzeiger

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg ^oäk. ää^'j «

Textteil (90 mm breit) 12 Pf. Bei Wiederholung

WiMSZ-ZM Jutta- und Quesal . Jutta« Mublatt «MKLLWZ HaupAristleiters: 'Fr Ehrenklaü, Lauterbach H. Neöaktion UnS Geschäftsstelle: Königstraße 42 0 Zernfprech-flnfthluß Nr. 2-r- Anzeigenteil Christian Seipel, Fulda, Konlgstr. 42.

iLrscheiut jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich 070 Mk. Bei Lieferungsbehinderung durchHöhere Bemalt" bestehen keine Ansprüche. Verlag Friedr, ffbrenklau, Fulda, Königstr. 42. Druck: Frn' Nbrenklau Lauterbach H. Hauptschriftleiter: CI Man Seipel, Fulda, Königstr. 42. Vertreter emuvkschristleiters: Fr. Ehrenklau, Lauterbach

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Nr. 37 1934

Fulda, Dienstag, 13. Februar

11. Jahrgang

Blutige Strabenkämpfe in Oesterreich.

Die gewaltige politische Spannung, die in den ganzen letzten Wochen auf dem öffentlichen Leben Wiens und des Landes lastete, ist Plötzlich zur Entladung gekommen. Die Wiener Sozialdemokratie Proklamierte zur Bekundung ihrer Sympathie mit den Linzer Genossen, deren Parteihaus von der Polizei gestürmt wurde, den Generalstreik und drohte den bewaffneten Kampf um die Macht im Staate an. Ueber Wien wurde vom Sicherheitsminister Fey das Standrecht, über Oberösterreich der Belagerungszustand verhängt.

Schweres Feoergesecht um das Linzer Sozialifienhaus.

Mit Maschinengewehren und Handgranaten.

In Linz (D o n a u) kam es zu einem schweren Zu­sammenstoß zwischen der Bundespolizei und dem Sozialistisch - Republikanischen Schutz­bund. Bei der Linzer Polizei waren bereits im Laufe des Sonntags Meldungen eingelaufen, daß in das Partei­haus des Schutzbundes erhebliche Mengen von Munition und Waffen gebracht worden seien.

Als die Polizei am Montag früh vom Schutzbund die Räumung des Hauses und die freiwillige Herausgabe sämtlicher Waffen verlangte, wurde vom Parteihaus aus mit scharfen Schüssen geantwortet. Die Polizei­beamten zogen sich zurück, gingen, nachdem Verstärkung ciiigetroffcn war, wiederum vor und verlangten erneut die Herausgabe der Waffen und die Räumung. Aus dem Parteihaus wurde abermals als Antwort auf die Polizei gefeuert.

Die Polizei schritt zusammen mit militärischer Ver­stärkung zum

Sturm auf das Parteihaus.

Von den Sozialdemokraten wurden Handgranaten auf die Polizei geworfen, worauf das Militär

Maschinengewehre in Stellung

brachte und die Fensterreihen bestrich. Ferner hatte die Polizei die Fenster der dem Parteihaus gegenüberliegen­den Häuserreihen besetzt und von dort aus das Feuer auf das Parteihaus eröffnet.

Vor dem sozialistischen Parteihaus waren zwei Alpenjägerkompagnien mit Maschinengewehren eingesetzt worden, die aus Dachböden und Luken heraus das Haus beschossen und den verschanzten Sozialdemokraten mit Handgranaten zu Leibe rückten.

Im Parteihaus wurden vier Polizeibeamte von den Sozialdemokraten als Geiseln gefangengchalten.

Über den weiteren Verlauf des Kampfes berichtet eine amtliche Mitteilung:

Unter Heranziehung von H e e r e s a b t e i l u n g e n wurde das Gebäude im Kampfe genommen, wobei ein Pundeswachbeamter getötet, mehrere Wachbeamte und Wehrmänner verletzt wurden. Die im Gebäude befindlichen Gewalttäter wurden abgeführt und den Gerichten über­geben. Auch an mehreren anderen Stellen in Linz gingen Schutzbundabieilungen mit bewaffneter Gewalt vor. Über Linz wurde das Stand recht verhängt.

Zahlreiche Todesopfer in Linz.

Nach heftigem Kampf hat das Militär das sozial­demokratische Parteihaus, das HotelSchiff", im Sturm genommen. Zunächst wurdest 15 Tote festgcstellt.

In der Umgebung von Linz ist es gleichfalls zu größeren sozialistischen Demonstrationen gekommen; die Polizei sah sich gezwungen, militärische Hilfe anzufordern.

Blutige Gtraßenkämpfe.

Der Kampf mit den sozialistischen Schutzbündlern in -istz nahm immer größere Ausdehnung an. In ver­schiedenen Stadtteilen kam es zu heftigen Straßenkämpfen.

Eine Polizeiwache im Inneren der Stadt wurde von oen roten Schutzbündlern mit M a s ch i n e n g e w e h r e u überfallen, jedoch nach längerem Kampf von Heimwehr und Polizisten wieder zurückgenommen. Ferner fand ein ^euergefecht auf dem oberhalb der Stadt gelegenen Freien ârge statt, wo sich die die Sozialdemokraten im Laufe der Nacht verschanzt hatten.

*

Generalstreik in Wien.

. Ein allgemeiner Proteststreik der Arbeiterschaft wegen der Vorgänge in Linz ist in Wien ausgebrochc». In den -betrieben erschienen kurz vor 12 Uhr die soziald e m v - 10 tischen Betriebsräte und teilten den Arbeit­gebern mit, daß die Arbeiterschaft einer allgemeinen Streik Partie folgend die Arbeit um 12 Uhr mittags medcrlegcn werde. Der gesamte Wiener Straßenbahnverkehr ist damit

R'ukt 12 Uhr zum Stillstand gehimmen. Die Elettri > und Gaswerke sind gleichfalls in den Proteststreik ««getreten. Punkt 12 Uhr setzte gleichfalls der elektrische -uvm in der ganzen Stadt aus.

h ilc Polizeidirektion hat eigene Strommaschinen für

' ^ücgrnMifdjen und telephonischen Polizeidicnst in 'knnl Fb, setzt. In dem lokalen Telephonverkehr sind gleich i us Störungen infolge der Ausschaltung des elektrischen Bromes eingetreten.

Standrecht über Wien verhängt. Militär durchzieht feldmarschmäßig die Straßen.

amtliche Meldung berichtet:

fiert« 5®, haben Teile der sozialdemokratisch organi

11 Arbeiter der städtischen Elektrizitätswerke die Arbeit

iiicdergclegt. Deshalb wurde in Wien das Standrecht ver­hängt. Die Bundesregierung hat unter Bereitstellung des gesamten Machtapparates alle Maßnahmen getroffen, um diese planmäßigen verbrecherischen Anschläge bolschewisti­scher Elemente im Keime zu ersticken."

Der Leiter des Sicherheitswesens, Vizekanzler Fey, erstattete dem Bundeskanzler Bericht über die von der Arbeiterschaft erlassene Streikparole. Polizei und Sicher­heitsbehörden befinden sich im Alarmzustand. Die öffent­lichen Gebäude sind von der Polizei besetzt worden. Durch die Straßen ziehen Abteilungen des Bundesheeres in feldmarschmäßiger Ausrüstung.

Das erste Todesopfer.

Infolge des Generalstreiks brachen in der Stadt Un­ruhen aus. Ein Polizeiinspektor, der einem be­waffneten Demonstrationszug entgegentrat, wurde von einem Demonstranten mit dem Karabiner erschossen.

*

Sie österreichische Sozialdemokratie droht mit Waffengewalt.

Die Sozialdemokratische Partei hat in der Nacht einen Aufruf an das österreichische Volk erlassen, der durch Flug­zettel in ganz Österreich verbreitet worden ist.

In diesem Aufruf heißt es, Vizekanzler Fey rede von einer Verschwörung des Republikanischen Schutz­bundes gegen die Sicherheit des Staates. Die Wahrheit sei, daß die Sozialdemokratie niemanden, weder Bürger noch Bauern, angreife.

Sie halte sich aber zum Kampfe mit der Waffe für den Fall bereit, falls Faschisten es wagen sollten, die be schworenc Verfassung der Republik vernichten zu wollen. Wenn der Eid und die Verfassung gebrochen würden und die Freiheit in Gefahr geriete, dann werde die Arbeiter schaft zu den Waffen greisen.

*

In der Mitteilung des Sicherheitsdirektors über die Verhängung des Standrechts in Wien wird angeordnet, daß alle Haustüren um 20 Uhr geschlossen werden müssen. Die öffentlichen Gast- und Schankstätten müssen um 20 Uhr von den Gästen geräumt sein. Die sozialdemokratische Parteizentrale im 6. Gemeindebezirk

Vizekanzler Fey.

in der sich auch die Schristlcitung derArbeiterzeitung" befindet, wurde von starken

Polizciabteilungcn mit aufgcpflanztcm Bajonett besetzt.

Auch das Bezirksarbeiterheim und das Verbandsheim der Krankenkassen, haben Polizeiliche Besatzung erhalten. Alle öffentlichen Gebäude in Wien sind von dich­ter! Polizeiketten umstellt. Der Verkehr der Fuß­gänger wird umgeleitet. Im 10. und 11. Bezirk kam es mittags zwischen Mitgliedern des sozialdemokratischen Schutzbundes und der Polizei zn Zusammenstößen.

Das Wiener Rathaus besetzt.

Im .Kriegsministerium in Wien trat ein außerordentlicher Ministerrat unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers zusammen, von dem man entscheidende Beschlüsse erwartet. Man erwartet allgemein, daß die Re­gierung jetzt zum Verbot oder zur Auslösung der Sozial- vcmokratischeu Partei schreitet, das Wiener Rathaus besetzt und damit die Zentralstelle der Sozialdemokratischen Partei in Österreich aufheben wird.

Das Wiener Rathaus ist von einem größeren Auf­gebot von Truppen, Polizei und Gendarmerie besetzt worden, ohne daß von sozialistischer Seite ernsthaft Wider­stand geleistet wurde. Hierbei ist eine Reihe von sozial­demokratischen Beamten, die nach einer amtlichen Erklä­rung in offenkundigem Zusammenhang mit den gegen­wärtigen Gewalttätigkeiten standen, verhaftet worden. Ebenso ist der Vizebürgermeister der Stadt Wien, Emmer­ling, der Leiter der gesamten städtischen Betriebe, ver­haftet worden.

Die Stadt biet einen durchaus kriegerischen Eindruck. Die großen Straßenzüge sind mit spanischen Reitern versperrt, überall patrouilliert Militär und Polizei nit aufgepflanztem Seitengewehr. Aus der Provinz treffen keinerlei Meldungen ein, da der lokale Telephonverkehr vollständig gesperrt ist. Am Polizeipräsidium wurden Maschinengewehre in Stellung gebracht. Die Wache des besetzten sozialdemokratischen Parteihaufes wurde am Nachmittag weiter verstärkt und gleichfalls mit Maschinengewehren ausgerüstet. Dagegen sind die marxistischen Arbeiterheime in den verschiedenen Bezirken bisher nicht besetzt worden. Die Marxisten haben sich in den Heimen verbarrikadiert.

Wie verlautet, sind Betriebsräte großer Industrie- werke verhaftet worden. Nach einigen sozialdemokra­tischen Nationalräten wird gesucht.

In den Abendstunden haben die Unruhen in den Wiener Arbciterbezirkcn wieder erheblich zu­genommen. Stärkere Schießereien sind in den Bezirken Ottakring, Simmering und in Dornbach im Gange.

Polizei und Truppen sollen bisher nicht stark genug sein, um dem

stündlich zunehmenden Widerstand der bewaffneten Sozialdemokraten gewachsen zu sein. Erhebliche Trnppenvcrstärkungen sind infolgedessen in die Vororte entsandt worden. Das S t a d 1 i n n e r e ist v o l l st ä n d i g in D u n k e l gehüllt. Brot und Gebäck wurde in den Kleinvcrkaussstellen nicht verkauft, da der Strom zum Backen fehlte.

Die Llnruhen in der Provinz.

Nach Berichten aus Graz liegt auch dort die Haupt­stadt im Dunkel. In einem Grazer Arbeiterviertel haben Schutzbündler eine Wachstube erstürmt und sich dort ver­schanzt. Sie werden gegenwärtig von Polizei und Militär belagert. Bei Kämpfen in Eggcnbcrg sind nach den bisher vorliegenden Berichten drei Personen g c tötet und 14 schwer verletzt worden. Auch der Kampf in B r u ck an der Mur gestaltet sich sehr blutig und dauert noch an. Auch aus Leoben und dem ganzen obcrsteicrischen Industriegebiet werden Zusammenstöße gemeldet, bei denen auch Militär cingrcifcn mußte. über Nicdcröstcrrcich ist nunmehr das Stand- recht verhängt worden.

In Linz Artillerie eingesetzt.

Der Sicherheitsdirektor von Oberösterreich erläßt eine amtliche Mitteilung, nach der bei dem Sturm auf das Parteibaus in Linz 40 Personen gefangen gen o m m en und Maschinengewehre sowie Spreng­körper beschlagnahmt wurden. Die sozialdemokratische Besatzung des Parkbades ergab sich auf die

Drohung der Einsetzung von Artillerie hin. Ein rasch aufflackernder Widerstand an verschiedenen Stellen wurde mit Gewalt gebrochen. Gegen eine S ch n l e, die zurzeit noch von S o z i a l d c m o k r a - t c n b e setzt ist, ist eine größere Aktion im Gange, bei der Artillerie eingesetzt worden ist. Trotz der starken Aus­breitung der Bewegung ist Militär und Polizei nach wie vor Herr der Lage. Die Lage in Linz wirb aber noch nicht als endgültig geklärt beurteilt. In Steyr ist es gleich falls zu heftigen Zusammenstößen zwischen Schutzbund­lern lind der Polizei gekommen.

-r-

Die Gesamtzahl der Toten noch unbekannt.

Wien, 13. Febr. (Funkmeldung.) Die Wiener Zei­tungen sind am Dienstag infolge des Streiks in wesentlich kleinerem Umfange erschienen. Die beiden sozialdemokra­tischen Blätter, dieArbeiterzeitung" und dasKleine Blatt", sind natürlich nicht erschienen.

In den Morgenstunden bietet die Umgebung der Poli- zeidlrektion das Bild strengster Absperrung und Be-