Zulöaer Hnjeiget
Erscheint jeden Werktag. Wochenbeilage: „Der Sonntag". Bezugspreis: monatlich 1,70 RM. Bei Lieferungsbehinderung durch „Höhere Gewalt" 6e|tel)en keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Königstraße 42. Rotationsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lautcrbach/H. Hauptschriftleiter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 42.
Nr. 135 — 1934
Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zul-a- unö Haunetal ♦ Zulöaer Kreisblatt
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Fulda, Mittwoch, 13. Juni
11. Jahrgang
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Komplicen der Wessel-Mörder.
Sergettung für den Mord
an Horst Wessel.
Prozeß gegen drei Mittäter.
Während in Berlin der Prozeß wegen der Ermordung der Polizcihaiiptleute Anlauf und Send durch kommunistische Verbrecher noch verhandelt wird, begann vor dem Berliner Schwurgericht der neue Horst Wessel-Prozeß, für den drei Verhandlnngstage vorgesehen sind. Die Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes richtet sich gegen den 31jährigen Peter Stoll, den 27 Jahre alten Sally E p st e i n und den 32jährigen Hans Ziegler. Letzterer ist bereits dreizehnmal vorbestraft. Es ist festgeftcllt worden, daß die drei Angeklagten als Mittäter an der Ermordung des SA -Sturmführers Horst Wessel durch lommunistische Mordgesellcn am 14 Januar 1930 in Fsage kommen. Sie hatten sich, wie man erfährt. freiwillig znr Teilnahme an dem Überfall auf die Wohnung Horst Wessels gemeldet und erhielten von den Mördern Höhler und Rückert den Auftrag, den Fluchtweg vor dem Hause frei zu halten. Ziegler ist seit dem 12. Februar 1934 in Haft, die beiden anderen seit August vergangenen Jahres.
Aus eigenartige Weise (am die Polizei auf die Spur dieser drei. Eines Tages geriet der Angeklagte Stoll in betrunkenem Zustande in einem Lokal mit seiner Frau in einen wüsten Streit, der sich schließlich auf der Straße noch fortsetzte. Plötzlich rief die Frau des Stoll in höchster Wut ihrem betrunkenen Mann zu'
„Du willst es wohl mit mir genau io machen, wie du es mit Horst Wessel gemacht hast!" Diese Worte wurden gehört und Stoll wurde festgenommen.
In diesem Prozeß lautet die Anklage aus gemeinschaftlichen M o r d , während im ersten .Horst-Wessel- Prozeß die Verurteilung nur wegen gemeinschaftlichen .erfolgte. Me .Angeklagten, iru . ersten Horst- öesscl-Prozeß erhielten damals nur verhältnismäßig geringe Zuchthausstrafen. Die drei jetzt Angeklagten hatten sich jenem kommunistischen Mordtrupp angeschlossen, der zum Überfall aus Horst Wessel ausmarschiert war.
Bewußt und gewollt nahmen sie an dem Unternehmen teil. Sie wußten, daß Höhler und Rückert Schußwaffen bei sich führten und waren sich auch über die Folgen des Überfalls im klaren. Nach Auffassung der Anklage haben sie also bewußt und gewollt mit den .Haupttätern, die inzwischen verurteilt worden sind, zusammengewirkt.
Zu Beginn der Hauptverhandlung stellte sich heraus, daß der Angeklagte Stoll ichon einmal wegen Sittlichkeitsverbrechens vorbestraft ist. Für die Verhandlung sind von der Staatsanwallschasi 20 Zeugen benannt worden Außerdem ist ein Sachverständiger geladen Zunächst wird der Angeklagte Stoll vernommen.
Er will zur Kommunistischen Partei nur „durch Zufall" gekommen und in den Mordplan gegen Wessel nur „a u s Neugierde" verwickelt worden sein. Als der Vorsitzende ihm die Unglaubwürdigkcu seines Ableugnungsversuches aus den Kops zusagte, verstieg sich der Angeklagte zu der Äußerung: Ich weiß es nicht, so wahr ich hier stehe! Der Vorsitzende
verbat es sich mit schärfsten Worten,
oaß der Angeklagte, Der sich seiner Mordschuld bewußt sei, solche Beteuerungen überhaupt in Den Mund nehme. Auch aus der weiteren Vernehmung ging hervor, daß Stoll keinen Zweifel an dem Mordplan der Terrorgruppe haben konnte: den Selbstmordversuch im vorigen Jahre versuchte er Damit zu erklären, daß er „wegen einer solchen lumpigen Sache" . . . Hier mutzte der Vorsitzende ihm wieder mit einem scharfen Verweis ms Wort fallen; wenn er sich im übrigen wirklich unschuldig fühlte, habe er doch keinen Anlaß zum Selbstmordversuch gehabt
Auch der Angeklagte Epstein will angeblich von der ganzen Tat nichts wissen Er blieb dabei, nicht auf der Straße Schmiere gestanden zu haben. Ebenso versuchte er, sein
Geständnis in Der Voruntersuchung
wieder zu bestreiten, Daft er von Rückert, einem Der bereits abgeurteilten Täter, anfgesordert worden sei, zu pfeifen, w e nn P o l t z e i herannade
Der dritte angeflagte Kommunist, Ziegler, behauptete, im Lokal von Baer nur halb hingehörl zu haben, was Die aufgeregt hereinstürmende Wirtin Wessels, Frau Salm, mit dem Führer der kommunistischen Terrorgruppe besprochen hat Den Namen Horst Wessel will er nachher im Lokal von Baer zum erstenmal gehört haben, als Jambrowski erklärte, wer etwas verrate dem gehe es genau so wie Horst Wessel, Zu diesen Behauptungen hielt der Vorsitzende dem Angeklagten jedoch das polizeiliche Protokoll vor, wonach er bedeutend mehr von der Sache gewußt hat, als er heute zugab So hat er auch g c w u ß l, daß der Mieter der Frau Salm Horst Wessel hieß, und er wußte auch genau, daß Dieser Horst Wessel Nationalsozialist war
Die Salm — kochte Kaffee!
Dann wurde Die Vermieterin, bei der Horst Wessel zuletzt Mvohul hat, die Witwe Elisabeth S a 1 in , aus der Schutzhaft borge führt, Wie im ersten Prozeß war die Zeugin wieder lehr vorsichtig und zurückhallend. Sie gab erst dann Der Wahrheit etwas mehr die Ehre, als Der Vorsitzende ihr das Urteil des ersten Prozesses verhielt Im Januar 1930 tam es 8U Mielstreitigkeiten, und sie ist in das Lokal von Baer gc- Ungen, um einen Bekannten ihres Mannes zu ihrer Unter- Nutzung zu Polen Als sie dort von dem Streit erzählte, sagte möglich Mar I a m b r o w s k i:
_ „Das ist ja Der langgesuchte Horst Wessel!"
Daraus begleiteten mehrere Kommunisten Die Salm in ihre Wohnung. Sie habe sich nicht besonders um sie gekümmert, Umbern - Kaffee gekocht ,
M Vorsitzender: Eine rührende Geschichte. Die Sie uns M erzählen! Denken Sic Denn, wir glauben Ihnen, wenn ^? uns vormadten wollen, daß Sie Kaffee kochten wahrend
nebenan Ihr Alieier niedergeschossen wurde?
Die Zeugin will sich dann, nachdem Horst Wessel niedergeschossen war, um ihn gekümmert haben
Horst Wessel verlangte nach Wasser
und forderte sie auf. Die Polizei zu verständigen und einen Arzt zu rufen. Außerdem bat et um seine Papiere Wenige Alinuten später, als sie gerade einen Arzt hätte rufen wollen, trafen die Kameraden Horst Wessels ein.
Während Des Verhörs.
Unser Bild aus dem Verhandlungssaal zeigt links stehend den 32 Jahre alten Angeklagten Hans Ziegler während seiner Vernehmung.
Im Verlauf Der ..Beiueisau »nähme im neuen Horst-Wesiel- Prozeß wurden die drei Gebrüder Jambrowski aus der Schutzhaft als Zeugen vorgeführt, die bereits im ersten Horst-Wessel-Prozeß abgeurteilt worden waren. Der Zeuge M ar Ja in b r o w s k i gibt zu, nach der Mordtat im Lokal von Baer seine Genossen aufgefordert zu haben, den Mund über das Geschehene zu halten.
„Einem Verräter werde es genau so ergehen, wie
Horst Wessel."
Im übrigen will dieser Zeuge „nichts von dem Mordplan ge- lvußt" haben. Er verstieg sich sogar zu der Behauptn n'g. man sei „nur deshalb" in die Wohnung Horst Wessels ge- aaugen, um „die Streitfrage in einer Auseinandersetzung zu klären", die zwischen Frau Salm und ihrem Mieter Horst Wessel bestehen sollte.
Vorsitzender: Und darum drangen 15 Kommunisten abends um Ul Uhr in die Wohnung Horst Wessels ein?
Bezeichnend sind die Angaben des Angeklagten, die er über seine „Instruktionen" macht, die er von Rechts
Auf Verantwortung Frankreichs.
Frankreich verursacht Wettrüsten.
Die Folge des Genfer Fiaskos.
Kaum haben die Genfer Verhandlungen über die Frage der Abrüstung das einzige Ergebnis der erneuten Weigerung Frankreichs zur Erfüllung seiner vertraglichen Verpflichtungen gehabt, Da zeigen sich auch schon die unausbleiblichen Folgen seiner friedenstörenden Sabotage- Politik. Nach Meldungen aus London will die englische Regierung Die von Baldwin vor einem Monat für den Fall des Scheiterns der Verhandlungen ausgesprochene Erklärung wahrmachen und fünfzig neue Flugzeug- geschwader — also rund 6 0 0 Kriegsfl ugzeugc — in Auftrag geben. Gleichzeitig hat Italien Den Bau zweier Panzerschiffe von je 35 000 Tonnen, also Der größten Klasse, angeorDnet. Und aus Amerika summen Meldungen, die von ähnlichen Vorkehrungen sprechen.
Damit sind also die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden: Die Politik Frankreichs hat nun tatsächlich das Wettrüsten h e r b e i g e f ü b r t. Das ist genau das Gegenteil dessen, was die Abrüstungsartikel des Versailler Diktates besagen. Es ist bezeichnend, daß die italienische Presse im Hinblick aus Die Vergebung Der neuen Kriegsschiffsbauten ausdrücklich aus das Genfer Fiasko verweist und daß man in London im Hinblick auf Frankreich betont: „Es wäre unklug, andere Nationen über die Außenpolitik Englands in Zweifel zu lassen*. Um so verlogener wirken demgegenüber die Behauptungen der Pariser Presse, Frankreich habe seine „Dunkerque" (das größte Schlachtschiss der Welt von 42 000 Tonnen!), „einzig und allein dazu gebaut, um die deutschen 10 000= Tonnen-Panzerschiffe in der Nordsee in Respekt zu halten" (1), und Italien wolle Frankreich die Herrschaft im Mittelmeer streitig machen.
Der letzte Att der Genfer Komödie.
Begräbnis Der „AbrüstungS"-Konferenz in Ausschüssen. Noch zuletzt erhebliche Gegensätze.
Der H a u p t a u s s ch u ß der Abrüstungskonferenz hat in Übereinstimmung mit den Vorschlägen Hendersons die vier in der Einigungsentschlic-
anwalt Löwenthal von der Roten Hilfe im Untersuchungsgefängnis nach seiner Verhaftung erhielt.
Löwenthal habe ihm geraten, die ganze Sache auf das unpolitische Gebiet zu schieben.
Er sollte sagen, daß zwischen Ali Höhler und Horst Wessel „ein Streit wegen eines Mädchens" entstanden fei, der zu der Tat führte. Der Zeuge bekundet weiter, daß lange Zeit nach der Tat der jetzt angeklagte Epstein zu ihm gesagt habe:
„Ich bin nur froh, daß man mich damals nicht mitver hastet hat."
Der Zeuge Willi Jambrowski bekundete, nach der Tat sei Ali Höhler mit dem Ruse die Treppe herunier- gestürzt: „Erledigt! Türmt!" Als der Zeuge seine wetteren Aussagen sehr zurückhaltend macht, weist ihn der Vorsitzende energisch daraus hin, daß es noch heute möglich sei, ihn wegen Begünstigung unter Anklage zu stellen, wenn er
durch seine Aussage die Schuldigen decken wolle.
Erst auf diesen deutlichen Hinweis bequemte sich der Angeklagte zu näheren Angaben. Am Mittwoch wird die Beweisaufnahme fortgesetzt werden.
Die Angeklagten von 1930.
Von den Angeklagten des ersten Horst-Wesscl-Prozeffes aus dem September 1930 wurde die Wirtin des hingemordeten Sturmführers, die Kommunistin Salm, im vergangenen Jahre in ein K o nzenirationslager geschafft; sie hatte an jenem 14. Januar 1930 das kommunistische „Rollkommando" in ihre Wohnung geholt, hatte aber trotzdem nur anderthalb Jahre Gefängnis erhalten Auch einer ihrer Mitangeklagten ist nach Verbüßung seiner Sirase ins Konzentrationslager geschafft worden. Das >edem Gerechligkeitsempjinden Hohn- sprechende Urteil des ersten Prozesses kann unmöglich abgetan sein. Zwei weitere Angeklagte von 1930 verbüßen noch die ihnen damals zudiktierre Strafe, darunter der zweite Hauvt- täter, Rückert.
Der Mörder selbst, Höhler, ist während der Haft verstorben.
Wenn jetzt in dem zweiten Prozeß um den Mord an Horst Wessel mit wesentlich anderem Maße gemessen wird als 19-30, dann kann das Gericht der allgemeinen Zustimmung sicher sein. Es bedeutet schon einen entscheidenden Unterschied, wenn die Anklage gegen die drei Mittäter aus gemeinschaftlichen
Mord
abgestellt ist, während 1930 die Anklage bekanntlich nur aus Totschlag lautete, obwohl der Tatbestand völlig eindeutig war
Man erinnert sich aus Anlaß dieses neuen Prozesses bei Aufnahme, die das Urteil des ersten damals in der Breite sand. Während die Blätter der damaligen RcchiSopposition in der Ablehnung des Spruches völlig einig waren, konnte man etwa in einem damals vtelgelefenen linksdemokratischen Berliner Blatt, Der inzwischen eingegangenen „Vossischen Zeitung", lesen, das Urteil sei „Der blutigen Tat angemessen" — sechseinhalb Jahre Zuchlhaus erschienen also dem Blatt als eine ausreichende Sühne für einen mit voller Überlegung vor» bereiteten und ausgesührlen Mord! Aber auch dieses Blatt mußte wenigstens zugeben: „Eine ist dabei zu g u t _w e g • gekommen, die Vermieterin Frau S a l m." Daß das Kommunistenblatt „Die Rote Fahne" den Spruch des Gerichtes mit Den Worten überschrieb: „Ein brutales Zuchthausurteil", bedarf keines Kommentars.
tzung vom letzten Sonnabend vorgesehenen „Arbeitsausschüsse" eingesetzt bzw. bestätigt. Das Hauptinteresse wendet sich naturgemäß der Bildung des Sicherheilsausschusses zu, dem alle europäischen Staaten außerDeutschland angeboren werden.
Es zeigte sich aber sofort, daß auch innerhalb dieser europäischen Gemeinschaft in der Sichcrhcitsfragc erhebliche Gegensätze bestehen.
Ungarn wird sich in dem Ausschuß nur durch einen Beobachter vertreten lassen, da Dort, wie sein Vertreter betonte, offenbar nur das alte Regime der Allianzen hier wieder neubelcbt werden solle und das Problem der Abrüstung vollkommen ungelöst bleibe. Auch Italien ließ erklären, daß es in alle vier Komitees nur einen Beobachter entsenden werde.
Englands Erklärung
stellt fest, daß sich die britische Regierung zwar im Sicher- Heitskomitee durch ein Mitglied vertreten lassen werde, daß England aber seinen eigenen Beitrag zu dem System regionaler Pakte schon durch den Locarno-Vertrag geleistet habe.
Die Erklärung ließ weiter durchblicken, daß auf eine Beteiligung Englands an etwa abzuschlicßcnden sonstigen europäischen regionalen Pakten nicht gerechnet werden kann.
Frankreichs Vertreter behauptete, daß die „Arbeit" des Sicherheitsausschusses „gegen niemand gerichtet" sei und „keine Einkreisung" eines oder mehrerer Staaten bezwecke.
Nach ihm sprach noch Litwino lv. Er hatte Bedenken Dagegen, daß Die Sicherheitsfrage durch die Bildung eines aus europäischen Staaten bestehenden Ausschusses gewissermaßen als eine europäische Frage angesehen werde. Der Friede sei kein Privileg Europas. Das war offenbar ein Hinweis auf die Spannungen im Fernen Osten.
Präsident Henderson
beruhigte Litwinow dann mit dem Hinweis, daß an dem Sicherheitsausschuß später auch außereuropäische Staaten teilnehmen könnten, und erinnerte dann in seinem Schluß Wort noch an die in der grundlegenden Entschließung gewünschten Verhandlungen der Regierungen, als deren Ziel die Rückkehr Deutschlands in i^e Ab-