Zul-aer Anzeiger
MLLL. 95 e r°gâ« für «HS» in» Oogctobcry È6KBSB Sul»«- uns 6aun«al.$ul»a« Rrttabla« schriftleiter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 42. Rrâaktion und Geschäftsstelle: Köntgftraße 42 ❖ Zernsprech-/!nschluß Nr. 2989
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Nr. 138 — 1934
Fulda, Samstag, 16. Juni
11. Jahrgang
Begeisterungsstürme in Venedig.
Große Parade vor Hitler und Mussolini.
Die Absperrungen von der begeisterten Menge durchbrochen
Schon am frühen Morgen des Freitag stand Venedig im Zeichen der faschistischen Verbände, die sich überall in der Stadt sammelten, um sich dann auf dem Markusplatz und in den angrenzenden Straßen zum Vorbeimarsch am Duce und am Führer zu formieren. Tausende festlich gestimmte Menschen an den Hunderten von Fenstern, die den Platz umrahmen.
Marschmusik in südlicher Färbung, helle Fanfaren, schmetternde Hörnerklänge revolutionären Tempos: Die Kapelle der 9. Legion San Marco aus Venedig marschiert an. Darauf der Stab und dann die einzelnen Formationen aller Waffengattungen.
Mit gezücktem Dolch die Abtcilungsführer, mit erhobener Hand die Unterführer, so ging der Marsch der feldgrau-schwarzen Miliz vorbei. Neben dem Campanile, dem hohen Glockenturm, war das Podium für Mussolini errichtet, geschmückt mit Purpur und Fahnen.
Neben Mussolini, der im Schwarzhemd und selb« grauer Milizuniform erschienen war, stand der F ü h r e r, den Mussolini wiederum sehr herzlich begrüßte, wie überhaupt eine Atmosphäre großer Herzlichkeit diesen Besuch kennzeichnete.
Neben dem Führer Staatssekretär S u v i ch, dann der Generalstabsches der Miliz, T e r a z z i, Gruppenführer B r ü ck n e r , der Generalsekretär der Faschistischen Partei, Starace, Reichsaußenministec von Neurath, Botschafter v. H a s s e l l. Mussolini wendet sich zum Führer und erklärt ihm die einzelnen Abteilungen, wie überhaupt die führenden Männer der Faschistischen Partei sich um die deutschen Gäste außerordentlich bekümmern und be- m,Ä,Ä
ihnen beginnt der Vorbeimarsch der Giovani Fascisti, der Fungfaschisten, das sind diejenigen, die der Balilla entwachsen sind, im Lebensalter von 18 bis 21 Jahren. Auf ihrem Schwarzhemd tragen sie ihr gelb-rotes Halstuch, die Farben Roms Als sie Mussolini und den Führer sehen, klingt ihr
„Eja!" - „Wir find da!"
Einzelne Abteilungen schwenken begeistert die bunten Halstücher, so daß man plötzlich fast ein wogendes Kornfeld mit rotem Mohn zu sehen vermeint.
Nach den Jungfaschisten beginnt dann der Marsch der A v a n t g u a r d i st e n , jenes Teiles der Balilla, der die Lebensalter von 14 bis 18 Jahren umfaßt und etwa unserer Hitler-Jugend entspricht. Auf dem Schwarzhemd leuchtet die weiße Schnur, die ihre Formation kennzeichnet. Gerade die Avantguardisten haben einen ganz besonders guten Eindruck gemacht. Allein das Menschenmaterial war ganz ausgezeichnet. Den Beschluß deS Vorbeimarsches machten die Marinaretti,
die Marinejugend,
in blau-weißen Matrosenanzügen. Taktmäßig klang das Links-Rechts, Links-Rechts der einzelnen AbteilungS- führer, die einen ganz besonders strammen Vorbeimarsch leisten wollten.
Als nach dem Vorbeimarsch Mussolini und der Führer die Tribüne verließen, um sich durch die Prokurazien wieder zur Motorbootanlegcstcllc zu begeben, brachen plötzlich alle Schranken und Absperrungen, und ein wogendes Menschenmccr, darunter eine Fülle faschistischer Jugend, brachte Mussolini und dem Füh-er spontane Huldigungen dar. Im Chor erklang das „Hitler! Hitler! Hitler!", ein Zeichen wie auch die italienische Jugend die geistige Verwandtschaft mit dem Nationalsozialismus und seinem Führer empfindet.
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Gegenbesuch Mussolinis beim Führer.
Eine Stunde nach der Rückkehr des Führers ins Grand-Hotel in Venedig machte ihm der Duce dort seinen Gegenbesuch. _
Begleitet von Parteisekretär Starace, Unterstaats- sekretär Suvich dem Chef der Miliz, Peruzzi, und seinem Schwiegersohn Ciano fuhr Mussolini vor dem Grand- Hoiel int Motorboot vor und trat auf die Landungsbrücke. Genau im Eingang zum Hotel traf er mit dem Führer zusammen, der ihm entgegengekommen war.
Mit einem freundlichen Lächeln begrüßten sich die beiden Staatsmänner und schüttelten sich die Hände.
Dann schritten sie in lebhaftem Gespräch die Treppe hinaus zu den Räumen des Führers. Nach kurzem Beisammensein verließ dann Mussolini, vom Führer wieder bis zum Ausgang begleitet, das Grand-Hotel. Bei der Abfahrt rm Motorboot wandte er sich dann noch einmal lebhaft um, mit den Augcn den Führer snchend, der unter der Tür stchcngebliebcn war.
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„ Geschenk w Znlernalionalen Kunstausstellung.
Beim Besuch deS Führers.
n .Freitagvormittag begab sich der Führer zur Be- uchllgnng' der Biennale, der alle zwei Jahre in Venedig
staltsindenden I n i e r n a i i o n a 1 e n KunftauS - st e l l u n g. Er wurde dort vom Präsidenten der Ausstellung, Grafen Volpi, und dem italienischen Botschafter in Berlin, Cerruti, empfangen und geführt.
Zuerst besichtigte der Führer den deutschen Pavillon sehr eingehend, wobei er sich besonders vor ben Plastiken von Kolbe und Wackerle und vor Bildern von Pöstzelberger und Heise aufhielt. Dann folgte noch ein kurzer Besuch des Hauptgebäudes, in dem die italienischen Künstler ausgestellt haben. Vor dem Bismarck-
Biidleiegraiiim von der Begrüssung Hitler— Mugouni.
Dieses Bildtelegramm berichtet von Der herzlichen Begrüßung des Reichskanzlers durch Den’ italienischen Regierungschef in Venedig.
bilde Lenbachs verweilte der Führer längere Zeit. Graf Volpi bat sodann den Führer, sich
ein Bild veS italienischen Malers Bagaggini als Geschenk auszusnchen, der in der Villa Romana in Florenz (Klingerstiftungl wohnt. Nachdem der Führer gewählt hatte, stellte sich heraus, daß König Viktor Emanuel dasselbe Motiv von demselben Maler angekaust hatte.
Der Führer empfing im Hotel eine Reihe von Amtsleitern der Auslandsorganisation der NSDAP., Landesgrnvpe Italien, sowie die Politischen Leiter der Ortsgruppe Venedig der NSDAP. Der Führer ließ sich die einzelnen Parteigenossen persönlich vorstellen und unterhielt sich mit jedem einzelnen. Nach Schluß gab ihnen der Führer den Auftrag, den auslandsdeutschen Parteigenossen der einzelnen Ortsgruppen seine Grütze zu übermitteln.
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Riesige faschistische Kundgebung.
Mussolini spricht in Gegenwart des Führers zu 70 000 Italienern.
Venedig, 15. Juni. Am Freitag nachmittagsxegen 6~ Uhr veranstaltete die Faschistische Partei auf dem Sanct Marcus- Platz zwischen den Prokuratien eine große Kundgebung, auf der Mussolini sprach. Zu der Kundgebung waren aus Venedig selbst und aus der ganzen Umgebung etwa 70 000 Menschen zusammengeströmt, die den weiten monumentalen Platz bis in den letzten Winkel füllten. Die Kundgebung bot ein Bild außerordentlicher Geschlossenheit und Wucht.
Die Rede Mussolinis war im Hauptteil ihres Inhaltes eine Aufforderung an die Stadt Venedig, die er seit 11 Jahren nicht gesehen hatte, möglichst aktiv und lebendig am modernen faschistischen Staatsleben teilzunehmen. Heute gälte die Arbeit. Es sei, wie er sehe. durch den Faschismus schon viel für die Stadt geschehen. Er sage aber selbst, daß es noch nicht genüge. Als sich der Duce mit der Zusammenkunft dieser Tage befaßte und den Namen Hitler erwähnte, brach das Volk in Beifall aus.
„Wir haben uns zusammengetan", sagt«^ Mussolini, „nicht um die Landkarte der Welt gewaltsam zu ändern, sondern um dem Freden zu dienen. Wir wollen nicht die Schwierigkeiten im heutigen Augenblick verm hren, sondern wir haben uns vereint, um zu versuchen, die Wolken zu zerstreuen, die den Himmel Europas umgeben. Wie ich schon früher gesagt habe, stehen wir vor der furchtbaren Alter
native: Entweder findet Europa ein Minimum von einheitlichem Handeln und Verständnisbereitschaft, oder es geht unwiederbinglich zugrunde."
Der Führer empfing im Hotel am Abend eine Reihe von Vertretern der deutschen Kolonie in Venedig und unterhielt sich einige Zeit mit ihnen.
Abschied von Venedig.
Die letzte Zusammenkunft des Führers mit Mussolini.
Venedig, 16. Juni. Am Freitag um 20.30 Uhr fuhr Mussolini mit seinem Gefolge im Motorboot vor dem Grand-Hotel vor, um an dem Abendessen teilzunehmen, das ihm der Führer in seinen eigenen Räumen gab. Am Essen nahm nur ein kleiner Kreis von Personen teil. Gegen 10 Uhr verließ der Duce das Hotelzimmer; kurze Zeit daraus folgte der Führer. Beide Staatsmänner trafen noch einmal im Garten des Exelsiorhotels am Lido zusammen. Gegen Mitternacht war der Führer wieder im Grand-Hotel eingetroffen.
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Abflug des Führers aus Venedig.
Venedig, 16. Juni. Um 8 Uhr vormittags hat der Führer mit seinem Gesolge in drei Flugzeugen Venedig verlassen. Auf dem Flugplatz war Mussolini bereits etwas früher mit seinem Gesolge eingetroffen. Er besichtigte mit großem Interesse die Maschine des Führers. Der Abschied zwischen den beiden Staatsmännern gestaltete sich sehr herzlich. Nach mehreren großen Schleifen entschwanden die Maschinen in Richtung nach Norden.
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Echo aus aller Welt.
Die Besprechungen, die die beiden führenden Staatsmänner Europas in Venedig miteinander haben, füllt in allen Teilen der Welt die Spalten der Presse. Der Ansturm der Journalisten nach der Lagunenstadt hat sich seit der Ankunft des Reichskanzlers noch verstärkt. überall in der großen Weltpresse werden die Berichte über die Tage von Venedig in breitester Form ausgezogen und mit teilweise ungewöhnlich großen Funkphotos illustriert. Welche Bedeutung man allenthalben gerade dieser Zusammenkunft der beiden Staatsmänner bei. mitzt, geht u. a. daraus hervor, daß sogar die japanische Press« den Berichten aus Venedig breiten Raum gibt und die dortigen Verhandlungen als einen gewichtigen Schritt bezeichnet, um endlich den Wirrwarr in der europäischen Politik zu beenden.
Naturgemäß sind die Berichte in der italienischen Presse besonders ausführlich. So überschreibt z. B. das führende faschistische Blatt „Popolo di Roma" seinen Leitartikel:
„Mit offenen Herzen."
Das Blatt verweist darauf, daß Hitler und Musiolini gerade in dem Augenblick Zusammentreffen. in Dem Die Abrüstungskonferenz gescheitert ist und Die Aufrüstung sich beschleunigt. Das Blatt schließt mit Den bedeutsamen Worten:
„Zwei Böller wie das deutsche und das italienische haben cs nicht notwendig, zur Berstellungskunst und zur Heuchelei der Diplomatie Zuflucht zu nehmen. Männer wie Mussolini und Hitler stehen außerhalb und über diesen „Künsten" der Diplomatie. Sie sprechen mit offenen Herzen zueinander, Auge in Auge, denn das Schicksal zweier großer Völker liegt in ihrer Hand — vielleicht das Schicksal Europa S."
Die Blätter betonen u. a„ daß das faschistische Italien Deutschland die Rechte zu erkennt die feiner historischen Bedeutung zukommen, und heben hervor, daß sich die Gespräche zwischen den beiden Staatsmännern in einer
„Atmosphäre stärkster Herzlichkeit und Wärme" bewegen. Auf die Bedeutung Der inneren Beziehungen zwischen dem Nationalsozialismus und Dem Faschismus weist besonders Der folgende Absatz bin: „Die Tatsache, daß Der Faschismus und der Nationalsozialismus die Samenkörner einer neuen Kultur aufkeimen lassen. Die zu einem durchgreifenden Wiederaufbau Der inneren Beziehungen führt, ist
die beste Garantie
für den Friedenswillen des faschistischen Italien und des nationalsozialistischen Deutschland."
Die englische Presse hält gewohnheitsgemäß mit politischen Kommentaren noch zurück, läßt aber keinen Zweifel an der Tragweite Der Begegnung von Venedig So überschreibt etwa der „Daily Erpreß" seinen Bericht über das erste Gespräch zwischen Hitler und Mussolini: „Die modernen Napoleons sind allein in Napoleons Villa"
Die Pariser Presse ist zwar - wenigstens zum Teil — bemüht, die ernste Bedeutung der Tage von Venedig zu erkennen, sie ist aber überwiegend nicht imstande, wenigstens bei dieser Gelegenheit das Schüren zu unterlassen. Man kann da etwa lesen, daß Pariser Blätter allen Ernstes verhieben Mussolini vor den finsteren Absichten Deutschlands zu warnen«!) und dergleichen mehr.
In der polnischen Presse spricht man von dem
„ungeheuren Interesse der ganzen Welt" an dem Ereignis und erörtert Die Möglichkeit einer Vermittlerrolle Mussolinis zwischen Deutschland und dem Völkerbund.
Hinsichtlich Österreichs ist es sehr bemerkenswert, daß angesichts Der Tragweite der Besprechungen von Venedig zum erstenmal Die bisher täglichen A n arlsse aus Die natio nalsozwlisiischc Bewegung und Die Münchener LandeSleitung der NSDAP, in Den österreichischen Regierungsllläueru eingestellt worden sind.