Iul-aer /lnzeiger
Erscheint jeden Werktag. Wochenbeilage- „Der Sonntag". Bezugspreis: monatlich 1,70 RM. Bei Lieferungsbehinderung durch „Höhere Gewalt" bestehen keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda Königstraße 42. Rotationsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach/H. Haupt- schriftleiter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 42.
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg §ul-a- un- Haunetal *Zul-aer Kreisblatt
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Nr. 148 — 1934
Fulda, Donnerstag, 28. Juni
11. Jahrgang
In den Spuren Clemenceaus.
Hartes Urteil über Barthous Politik.
Anläßlich feiner Balkanreise bekommt der französische Außenminister Barthou von der französischen oppositionellen Presse harte Worte zu hören: Die Oppositionspresse sagt voraus, daß die Politik Barthous, die in den Spuren eines Clemenceau s wandele, Frankreich zur verabscheu testen Nation machen werde. Die Negierung Doumergue versuche, den Block der Sieger von 1918 gegen die Besiegten von 1918 wieder zustandezubringen In Oppositionskreisen verzeichnet man ausdrücklich die Tatsache, daß Berlin, Rom, Budapest, Wien und Sofia aus dem Reiseprogiamm des französischen Außenministers ausgelassen worden sind.
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Enirüsiungssiurm in Ungarn.
über die französisch-rumänische Herausforderung.
Über die gegenüber Ungarn geradezu herausfordernde neue französisch-rumänische Verbrüderung in Bukarest befindet sich die gesamte ungarische Öffentlichkeit in starker Erregung. Die dem ungarischen Oberhaus übermittelte schriftliche Protesterklärung des ungarischen Ministerpräsidenten G ö m b ü s , die als ungarische Gesamtmeinung aufzusasscn ist, hat in ganz Ungarn starken Widerhall gefunden. Aus dem ganzen Lande werden außerordentlich stark besuchte Protestvcrsamm- lungen gemeldet.
In der Schlußsitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses haben die Abgeordneten sämtlicher Parteien gegen die Stellungnahme Barthous zur Revisionsfrage feierlichst und geschlossen protestiert.
Der französische Außenminister Barthou ist durch Budapest durchgereist. Die Budapester Polizei hatte um- -fangreiche Maßnahmen getroffen, um jede Kundgebung zu verhindern. Auf dem Bahnhof befand sich ein großes Polizeiaufgebot, das den verschlossenen Wagen des
französischen Außenministers dicht umstellte.
Der Bahnhof war durch große, zum Teil berittene Polizeiaufgebote, abgesperrt. Auch in den Zufahrtsstraßen patrouillierten große Polizeiabteilungen. Barthou, der feinen Wagen nicht verließ, empfing niemanden. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen.
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Barthou hatte sich in Bukarest u. a. die skandalöse Bemerkung erlaubt, Frankreich und Rumänien hätten in den Friedensverträgen nichts gewonnen, was ihnen nicht „schon immer gehört" hätte. Die Erregung in Ungarn ist angesichts dieser schamlosen Lüge um so begreiflicher, als Ungarn durch das Diktat von Trianon bekanntlich volle zwei Drittel seines Gebietes verlor, größtenteils an Rumänien.
Rumänische Ausrüstung durch Frankreich.
Die Londoner „Morning Post" meldet aus Bukarest, infolge des Besuches Barthous habe Rumänien eine französische Anleihe von annähernd 8 Millionen Pfund Sterling in Form langfristiger Kredite von französischen Rüstungsfirmen erhalten. Die rumänische Armee werde mit modernem Material ausgestattet werden.
Göring-Besuch in Köln.
r Überreichung des Ehrenbürgerbriefes.
Der preußische Ministerpräsident und Reichsminister Hermann Göring stattete zum ersten Male seit der Machtergreifung Köln einen offiziellen Besuch ab. Die ganze Stadt prangte in einem Flaggenmeer. Zausende und aber Tausende hatten sich auf dem Flugplatz und auf den Straßen eingefunden, durch die der Mlnistcr- Präsident kommen sollte.
Im Rcgierungsgcbäude fand die feierliche Eiufüh- rung des neuen Regierungspräsidenten und früheren
Leiters der Geheimen Staatspolizei, Diels, statt. Nach kurzer Begrüßungsansprache durch den Ober- Präsidenten der Rheinprovinz ergriff der Ministerpräsident das Wort zu einer kurzen Ansprache, in der er u. a. aus- führte: „Die Rheinprovinz hat wie keine zweite Provinz in Deutschland durch die Tat bewiesen, daß sie in schwerster Zeit zu Reich und Volk gestanden hat. Das Volk war es, das damals am Rhein die Front gehalten hat, obwohl ihm von der Reichsregierung keine Rückendeckung gewährt wurde. Es seien immer die besten Beamten, die er in die Provinz, besonders in die Grenz- Provinzen, schicke. Damit erledigten sich von selbst alle böswilligen Gerüchte über eine Strafversetzung Diels. Der preußische Beamte muß, so fuhr Göring fort, stets dem Volke ein Vorbild und durchdrungen sein von der Weltanschauung des Nationalsozialismus. Wie der Führer sehe ich nicht auf Mitgliedsnummer und Partei- buch, sondern darauf, wie der Beamte sein -eben gestaltet und ob er nicht nur äußerlich vom Nationalsozialismus' gestreift ist. Zu dem neuen Regierungspräsidenten gewandt, sprach Göring: Ich habe Sie heute als Ihr oberster Chef ausgesucht, um der Rheinprovinz zu zeigen, daß ihre Sorgen und Mühen auch bei uns bekannt werden,.
Barthou fährt nach London.
Im Unterhaus teilte Simon auf eine Anfrage mit, der französische Außenminister Barthou werde England vom 8. bis 10. Juli besuchen. Dieser Besuch werde „eine Gelegenheit bieten, mit ihm Fragen gegenseitigen Interesses zwischen Frankreich und Großbritannien zu erörtern'. Den „vorläufigen Vorkehrungen" zufolge seien keine Besuche britischer Minister im Auslande geplant
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„Frankreich eine Korrumpiionsmachi"
Ein Pariser Blatt über die französische „Arbeit" an der Saar.
Die Pariser Zeitung „Le Franciste", ba§ Organ der französischen faschistischen Bewegung, veröffentlicht einen längeren Artikel über die Saarfrage, in dem die Korruptionsversuche Frankreichs, die Unterdrückung der Saarbevölkerung und die im Innern Frankreichs verbreitete Lügenpropaganda über das Saargebiet angeprangert werden. Der Artikel gipfelt in der Feststellung, daß die Saar ausschließlich deutsch ist und deutsch bleiben will.
Die französische Saarvereinigung, die ihren Hauptsitz in Paris hat, so heißt es in diesem Artikel, lüge ganz gemein, wenn sie behaupte, daß die Mehrheit der Saarbevölkerung den gegenwärtigen Zustand beizubehalten wünsche. Sie lüge ferner, wenn sie von „150 000 Franzosen" im Saargebiet spreche, obgleich sie wisse, daß das nur eine Legende sei.
Die ganze Heuchelei komme aber in der Haltung des offiziellen Frankreich zum Ausdruck, das in Gens eine freie und ehrliche Abstimmung fordere, während in Wirklichkeit durch die frauzösischc Saarvereinigung, die von ihr unterhalten werde, eine Propaganda betrieben werde, die gegen den Faschismus im allgemeinen und gegen den deutschen Reichskanzler im besonderen gerichtet sei. Alle Untcrdrückungsmethodcn seien den Franzosen recht.
Frankreich habe ernstlich versucht, an der Saar für die Abstimmung eine sogenannte Wahlgeneration zu schaffen. Zu diesem Zweck seien die französischen Domanialschulen geschaffen worden, die aber im letzten Jahr nur etwa 7 0 0 Schüler aufwiesen, obwohl ihr Unterhalt mehr als 12 Millionen Francs gekostet habe und obgleich man
wahre Rekrutierungsbüros organisiert
und zu Weihnachten Kinder und Eltern reichlich beschenkt habe. Diese Schulen, die von den französischen Grubenverwaltungen abhingen, hätten aber auch die Eltern sofort ihrer Stellung beraubt, wenn sie die Kinder aus der Schule genommen hätten und sie teilweise sogar aus ihren Wohnungen vertrieben. Alles in allem könne man Frankreich als eine Korrumptions- m a ch t bezeichnen.
Während die französische Saarvereinigung sich darin gefalle, von „nationalsozialistischem Terror" im Saargebiet zu sprechen, müsse man sich in Wirklichkeit über die Engelsgeduld wundern, die die jungen Nationalsozialisten der Deutschen Front an den Tag legten und die aus Anordnung ihrer Führer ihre innere Begeisterung bremsten. Es sei die Frage, ob die französischen Faschisten einer derartigen Disziplin fähig seien» wenn sie von einer gleich starken Entrüstung ergriffen wären.
Regierungspräsident Diels dankte dem Ministerpräsidenten für feine Worte und gab die Versicherung ab, daß er im Einvernehmen mit der politischen Leitung seine ganze Kraft einsetzen werde, um eine nationalsozia- listische Gesinnung preußisch-deutscher Prägung in dem ihm anvertrauten Befehlsbereich durchzusetzen.
Besuch bei Kardinalerzbischof Schulte.
Im Anschluß daran suchte Ministerpräsident Göring den Kardinalerzbischof Schulte auf, mit dem er eine kurze Besprechung hatte. Der Ministerpräsident begab sich sodann zum Rathaus, wo er von dem Oberbürgermeister der Stadt Köln begrüßt wurde, der ihm zum Zeichen der Dankbarkeit und Freude der gesamten Bevölkerung das Ehrenbürgerrecht der Stadt Köln übertrug und ihm als Geschenk ein uraltes keltisches Schwert überreichte. Der Ministerpräsident dankte und trug sich dann in das Goldene Buch der Stadt ein. Anschließend an den Emp- sang im Rathaus nahm der Ministerpräsident den Vorbeimarsch der Formationen der SA., SS., HJ., der Landespolizei, der PO. und des Arbeitsdienstes ab.
Am Nachmittag begab sich der M i n i st e r p r ä s i - deut nach B o n n, wo er dem Museum Alexander König einen Besuch abstattete.
Ein Panzerzug von chinsischen Banditen zum Entgleisen gebracht.
36 Opfer.
Mulden, 28. Juni. (Funkmeldung.) Bei Kinschau wurde ein mandschurischer Panzerzug von Räubern zum Entgleisen gebracht. Die Lokomotive und 5 Wagen sind völlig zertrümmert. Bisher wurden 36 Tote und Verwundete gezählt.
Die Wahrheit über denThâlmann-prvzeß
Eine Unterredung mit dem Oberreichsanwalt.
Kommunistische Kreise im Ausland versuchen in einer groß aufgezogenen Propaganda den früheren Führer der KPD., Ernst Thälmann, als unschuldiges Opfer eines in Deutschland gegen ihn geführten Strafverfahrens hinzustellen. Um die Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt unterrichten zu können. hat sich die Schriftleitung der „Berliner Börsen-Zeitung" an den Oberreichsanwalt mit der Bitte gewandt, einem ihrer Mitarbeiter eine Unterredung zu gewähren. Der Herr Oberreichsanwalt hat dieser Bitte entsprochen.
Aus die Fage, was Thälmann vorgeworfen werde, und wie das Verfahren gegen ihn stehe, erwiderte der Oberreichsanwalt, daß bei ihm gegen Thälmann schon
feit Jahren umfangreiches Material vorliege, aus dem sich der Verdacht der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens ergebe. Erst der Wegfall der Abgeordneteneigenschaft habe den Weg für eine Strafverfolgung frei gemacht. Die Voruntersuchung sei noch nicht abgeschlossen, es dürfe indessen mit einem baldigen Abschluß gerechnet werden. — Die Frage, welche Strafe Thälmann zu erwarten habe, und ob insbesondere die Meldungen eines Teils der in- und ausländischen Presse zutreffen, daß mit einem Todesurteil zu rechnen sei, beantwortete der Oberreichsanwalt dahin, daß die
Straftaten, die der Antrag auf gerichtliche Voruntersuchung Thälmann zur Last lege, nach den gesetzlichen Bestimmungen mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren bedroht seien.
Die Hauptverhandlung werde vor dem Volksgerichtshof stattfinden, der im Juli d. I. in Berlin errichtet würde. Es müsse gegenüber hetzerischen Äußerungen eines Teiles der Auslandspreise mit allem Nachdruck daraus hingewiesen werden, daß nach dem in der ganzen Welt bekannten Auftreten der Verteidiger im Reichstagsbrand- orozeß nur noch böswillige Verleumder die Behauptung aufstellen könten, daß Mitglieder der deutschen Rechtsanwaltschaft in politischen Prozessen gehindert seien, die ihnen anvertrauten Verteidigungen völlig frei uni unabhängig
zu führen und dabei ausschließlich ihrer rechtlichen Überzeugung und ihrem Gewissen zu folgen.
Halbmast die Flaggen!
Zur 15. Wiederkehr des Tages von Versailles.
Vom Reichsministerittm für Volksaufklärung und Propaganda wird mitgeteilt:
Am Donnerstag, dem 28. Juni, werden sämtliche öffentlichen Gebäude wegen der Wiederkehr der vor 15 Jahren erfolgten Unterzeichnung des Versailler Vertrages halbmast flaggen. Die Bevölkerung wird auf. gefordert, sich dem Vorgehen der Regierung ânzuschlicßcu.
Kurze politische Nachrichten.
Die deutsch - englischen Verhandlungen über das deutsche Transfermoratorium haben im Londoner Schatzamt begonnen.
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Im Berliner Hirtsiefer-Prozeß erklärte der frühere Staatssekretär Schmidt gegenüber dem Vorwurf, er habe private Kraftwagenfahrten dienstlich liquidiert, der von ihm benutzte Wagen sei sein Privateigentum gewesen und fast ausschließlich für Dicnstzwccke benutzt worden. Das Ministerium habe abmachungsgemäß 80 Prozent, er selbst 20 Prozent der Betriebsunkosten getragen.
In der H a m b u r g c r L a n d e s p o l i z c i erfolgten unter starker Anteilnahme der hamburgischen Bevölkerung im Namen des Bundesführers des Deutschen Kolonialkriegerbundes, Reichsstatthalter Ritter von Epp, die feierliche Verleihung der K i a u t s ch o u l r a d i t i o n an die Neunte Hundertschaft.
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Um die Einheit von Partei und Staat auch im Post dienst nach außen hin Ausdruck zu verleihen, bat der Rcichspostminister im Einverständnis mit dem Stellvertreter des Führers bestimmt, daß die L a n d e s k o k a r d c am oberen Mützenteil der uniformierten Postbeamten durch das unveränderte Hoheitszeichen der NSDAP, in Silber zu ersetzen ist.
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Die „D a n z i g e r V o l k s st i m m e" ist nun auf sechs Monate verboten worden, da sie in zwei Artikeln die Maßnahmen der Danziger Regierung in gehässiger Form kritisiert und verächtlich gemacht hat.
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AuchBulgarienhat jetzt eine Ausfuhrsperre für sämtliche Futtermittel ungeordnet, nachdem schon am 7. Juni ein Ausfuhrverbot für Getreide ergangen war
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Danzig und P o l e n haben eine Verein barung unterzeichnet, durch die jede Einflußnahme des aus Vertretern beider Staaten gebildeten Hafenausschuffes auf die Danziger Polizei im Hafen und im Freibezirk völl- kommcn beseitigt wird.
Deutsche Kinder aufs Deutsche Landi Deutschen Volkstums Unterpfand.