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Kulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt

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Nr. 173 1934

Fulda, Freitag, 27. Juli

11. Jahrgang

Aufstand in Oesterreich niedergebrochen.

In Wien wieder Ruhe. In den Bundesländern noch blutige Kämpfe. Vizekanzler Starhemberg führt die Regierungsgeschäfte. Keine Aenderung des bisherigen Regierungskurses? Deutsche Stellen in keinerlei Zu­sammenhang mit den Wiener Ereignissen. Grenzsperre wieder ausgehoben.

Eine bittere Lehre.

Der Aufstand in Oesterreich, der in diesen Tagen fast die ganze Welt in Atem hielt, war ohne Zweifel eine Folge der gewaltigen innerpolitischen Spannungen dieses un­glücklichen Landes. Noch sieht man auch zu dieser Stunde nicht klar, was im einzelnen vorgegangen ist. Es kann aber kein Zweifel darüber bestehen, daß sich der Aufstand nur über das ganze Land ausbreiten konnte, weil weite Kreise gequälter Menschen sich durch das Mittel der Ge­walt Luft schaffen zu müssen glaubten. So erscheint dieses Geschehen begreiflich. Aber wir müssen die Gewalttaten, insbesondere den Mord an dem Bundeskanzler, scharf ver­urteilen, wie wir tiefes Bedauern empfinden müssen ange­sichts der Blutopfer, die der Putsch gefordert hat. Die Zu­kunft ist dunkel. Man kann nur wünschen, daß aus dem traurigen Geschehen bei den zur Zeit dort führenden Män­nern eine bessere Erkenntnis erwachsen. möge, die Er­kenntnis nämlich, daß der Ausweg aus dem verhängnis­vollen Wirrwarr nur über eine Befragung des österreichi­schen Volkes führen kann, das feine Zukunft selbst entschei­den will. Das österreichische Volk will nicht nur, es m u tz

Wie sich die Vorgänge im Bundeskanzleramt achpielten.

Aber die Vorgänge in Wien am Mittwoch ergibt sich aus den amtlichen österreichischen M c l d u n - gen folgendes Bild:

Um 11 Uhr vormittags trat im Bundeskanzleramt ein Ministerrat zusammen, während dessen dem Minister Fey von einigen Heimwehrleuten mitgeteilt wurde, daß sich in der Slebensternstraße Leute in Uniformen von Wachbeamten und Heeresangehörigen sammelten, die an­geblich eine Aktion vor hätten. Fey unterrichtete sofort von Bundeskanzler Dr. Dollfuß, der den Ministerrat unterbrach, um die notwendigen Erhebungen änznstellen. Der Bundeskanzler berief Minister Fey, den Staats­sekretär für die Landesverteidigung und den Staats­sekretär für das Sicherheitswesen in Zeine Kanzlei zu einer Beratung. Der Staatssekretär für die Landesverteidigung wurde beauftragt, im Landesverteidigungsministerium die nötigen Vorbereitungen zu treffen, während sich Staatssekretär Karwinsky mit dem Polizeipräsidium in Verbindung setzte, um ebenfalls Maßnahmen zu treffen

bin bei bett Kämpfen in Wien verletzter Polizist wird abtransportiert.

M Kstznstellen, was an den Mitteilungen richtig sei. -i'mftcr Fey veranlaßte die Alarmierung des Heimat- Ichuhes.

Während noch beraten wurde, erschienen plötzlich kuuge Automobile nist bewaffneten uniformierten Leuten in des Bundysk-mzleramisS. Sie drangen sofort in ''"Ew des Hauses ein, überwältigten die Wache und i lloßcn die im Bundeskanzleramt befindlichen Regie «ngLMitglieder und Beamten in ihren Kanzleien ein. luter den Einaes hloffenen befanden sich Bundeskanzler Minister Fei, und Staatssekretär K a r - '1 w Kiner der Eindriiiglinac gab auf den Bundes- Mler zwei Revölverschstsse ab, die diesen tödlich ver- sofortiges energisches Vorgehen gegen das fnrn^ wie es gegen das gleichfalls von Uni-

Cn Gebäude der Ravag stattgösunden aS "'Hl möglich, weil die Eingedrungenen zahl- w ^rwncu sestaenommen hatten. Es wurden daher

diese Frage selbst lösen, muß seine Zukunft selbst gestalten. Wie nicht anders zu erwarten war, haben deutschfeindliche Kreise des Auslandes schnell in blindem Haß Deutschland die Mitschuld für diesen Aufruhr zuschieben wollen. Aber die Haltung der amtlichen deutschen Stellen hat ganz ein­deutig und klar vor aller Welt belegt, daß das Deutsche Reich in keiner Weise mit den Vorgängen jenseits der öster­reichischen Grenze etwas zu tun hat. Denn wie neuerdings amtlich aus Berlin mitgeteilt wird, hat eine von der Reichsregierung angestellte Untersuchung ergeben, daß keine deutsche Stelle in irgend einem Zusammenhang mit den Ereignissen in Oesterreich stehe. Es ist weder vor noch nach Bekanntwerden der Vorfälle in Wien eine Grenzüber­schreitung von auch nur einer Person vorgekommen. Der Landesinspekteur Habicht ist seines Postens enthoben und zur Dispoji.tion gestellt worden, weil durch eine nicht gründlich genug erscheinende Kontrolle von Meldungen, die aus Oesterreich kamen und weiter verbreitet wurden, ein vielleicht gegenteiliger Eindruck hätte erweckt werden können.

Im übrigen geht aus den neuen Nachrichten aus Oester­reich klar hervor, daß der Aufstand als niedergebrochen zu betrachten ist.

Verhandlungen ausgenommen, die aber zunächst zu keinem Ergebnis führten. Schließlich wurde den Eindringlingen vom Minister Neustädter-Stürmer im Auftrage der Bundes­regierung mitgeteilt, daß sie bis 19.30 Uhr das Bundes­kanzleramt zu räumen hätten. Gleichzeitig wurden starke militärische Kräfte bereitgestellt, um nach Ablauf des Ultimatums mit Waffengewalt einzugreifen. Den Ein- gedrungenen wurde freies Geleit zur Ausreise aus Österreich in Aussicht gestellt, falls von den im Bundes­kanzleramt Festgenommenen

niemand ums Leben gekommen sei.

Daraufhin ergab sich die Besatzung des Bundeskanzler­amts gegen 20 Uhr. Bundeskanzler Dr. Dollfuß war vor der Übergabe seinen schweren Verletzungen erlegen.

Bei den Personen, die den Anschlag auf das Bundes­kanzleramt und das Gebäude der Ravag unternahmen, handelt es sich anscheinend meist um ehemalige An­gehörige des B u n d e s h e e r e s , die wegen poli­tischer Betätiauna aus dem Leere entlassen worden sind.

*

Die ungültigen Abmachungen über freies Geleit für die Aufständischen.

Der deutsche Gesandte Dr. Rieth wurde am Mitt­woch gegen Abend vom Bundesministcr Fcy, der noch im Bundeskanzleramt cingcschlvfscn war, telephonisch an- gerufen und ihm mitgeteilt, daß zwischen Vertretern der Regierung und der in das Bundeskanzleramt ein- gedrungcncn Truppe ein A b k o m m c n getroffen wor­den sei, wonach diese (entere mit zugefichertem freien Geleit unter militärischer Bedeckung auf ihren Wunsch an die d c u t s ch c G r e n z c gebracht werden solle.

Diese Truppe verlange, um die Gewißheit zu haben, tatsächlich nach Deutschland einreisen zu können, daß der deutsche Gesandte von den Vertretern der Regierung ent­sprechend in Kenntnis gesetzt werde. Infolgedessen bat Minister Feu, der Gesandte solle eine solche Erklärung von dem Minister Neustädter-Stürmer emgegennebmen. Der Gesandte Dr. Rieth erklärte, wenn er durch persön­liche Entgegennahme einer derartigen Erklärung des Ministers Neustädter-Stürmer die Durchführung des Ab­transports ermöglichen und so vielleicht Blutver­gießen verhindern könne, so sei er hierzu bereit. Diese Erklärung bat er daraufhin von dem Minister Neustädter Stürmer und Fev erhalten und dann noch auf Wunsch des Staatssekretärs Karwinsky, der zu diesem Zweck aus dem noch immer besetzt gehaltenen Bundes­kanzleramt heransgelassen wurde, auch von diesem die Bestätigung des getroffenen Abkommens entgegen- genommen.

Nach dem Tode des Bundeskanzlers Dollfuß mar die aufständische Bcsabung des Bundeskanzleramts mit den Mitgliedern des früheren Kabinetts Dollfuß in Unter­handln » g c n getreten. Beide Parteien wandten sich an den deutschen Gesandten in Wien mit der Bitte um Vermittln n g. Es kam zu der Abmachung, daß das Bundeskanzleramt wieder freigcgrbcn, die Ge- fangcngcfchtcn frcigelaffen und dafür der Besatzung freies Geleit an die Grenze zugesichcrt wurde.

Staatsbegräbnis für Dollfuß.

Starhemberg übernimmt die Führung der Regierung.

Bundespräsident M i k l a s hat seinen Sommer­aufenthalt in Velden am Wörther See abgebrochen und ist in einem Ertrazug in Wien eingetroffen.

Ebenso traf Fürst Starhemberg mit dem Flug­zeug aus Venedig kommend in Wien ein und begab sich unmittelbar in das Bundeskanzleramt.

Er übernahm verfassungsmäßig die Führung der Regierung bis zu dem Zeitpunkt, wo Bundespräsident Miklas den neuen Bundeskanzler ernennt und diesen mit der endgültigen Bildung des Kabinetts beauftragt.

Das Kabinett hat über die Beisetzungsfeierlichkeiten des ermordeten Bundeskanzlers beraten, dem ein Staatsbegräbnis bereitet wird.

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Die Leiche des Bundeskanzlers Dollfuß wird in die Volkshalle des Rathauses überführt, wo der Bevölkerung Gelegenheit geboten wird, an der aufgebahrten Leiche vorbeizuziehen.

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Deutschlands Stilett» zum Tode Dollfuss.

Reichspräsident von Hindenburg an

Bundespräsident Miklas.

Reichspräsident von Hindcnburg hat an dxn österreichischen Bundespräsidenten Miklas anläßlick des Attentats auf Bundeskanzler Dollfuß nachstehende- Beileidstelegramm gerichtet:

Tief erschüttert durch die Nachricht, daß Heu Bundeskanzler Dollfuß einem verabschcuungswürdèger Anschlag zum Opfer gefallen ist, spreche ich Eurci Exzellenz meine herzliche Anteilnahme aus.

Reichspräsident von Hindenburg."

Reichsaußcuminister Freiherr von Neurath hat bei österreichischen Bundesregierung zum Tode des Bundes fairster» Dollsuß telegraphisch das Beileid der Reichs regierung übermittelt.

Fürst Starhemberg wird die Führung übernehmen. Rach dem Tobe Dr. Dollfuß' hat Fürst Starhemberg, der sich während des 25. Juli in Venedig aufgehalten hatte, jetzt aber zurückgekehrt ist, die Führung der Rcgierungs- gefchäfte übernommen.

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Dr. Rintelen lebt.

Am Donnerstagabend fand im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz statt, in der Gesandter Ludwig die amtliche Mitteilung machte, daß Dr. Rintelen noch lebt. Die Mit­tagsmeldung von dem Tod Dr. Rintelens kam ebenfalls aus dem Bundeskanzleramt. Dort wurde den versammelten Diplomaten durch Minister Ludwig die Mitteilung gemacht, daß Rintelen gestorben sei. Eine ähnliche Auskunft hatte der Bundesprefsedicnst erteilt.

Ueber die widersprechenden Nachrichten bezüglich des Todes des Gesandten Rintelen erfährt man jetzt von amt­licher Seite folgende Aufklärung: Dr. Rintelen fiel um 13 Uhr in eine tiefe Agonie. Um 13.30 Uhr war kein Atem mehr erkennbar. Die Aerzte nahmen an, daß der letzte Augenblick gekommen sei. So kam es zu den Nachrichten von feinem Tode um die Mittagsstunde. Seine kräftige Natur überwand aber die Krise, und es ging ihm wieder besser. In den Abendstunden wurde er operiert. Sein Befinden soll im großen und ganzen befriedigend sein.