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Zul-aer /lnzeiger

«ML ML è r->,°dla«fiir KMn UN» vog-isb-v géKskys *"* r«â ^01?'^1" ^filetier: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 42. Redaktion UN- Geschäftsstelle: K-nisstraKr 42 Zernsprech-)lnschluß Nr. 2-3-

Anzeigenpreis: 1 mm Höhe in der 46 mm breiten Anzeigenspalte oder deren Raum 4 Pf., im Textteil (90 mm breit) 12 Pf. Bei Wiederholung wird Rabatt nach Tarif gewährt, bei zwangsweiser Beitreibung oder Konkurs erlischt feder Anspruch auf Nachlaß.DA." 1G00. Verantwort!, für den Anzeigenteil Ferdinand Ehrenklau, Lauterbach-H.

M, 216 1934

Fulda, Samstag, 15. September

11. Jahrgang

Axtschläge gegen den Versailler Vertrag".

Entrüstungssturm über die polnische Minderheitenerklärung. Unglaubliche Ent­hüllungen imMorro Castle"-Skandal. Vergtragödien im Wettersteingebirge und am Finsteraarhorn. Hundert neue Polizeibeamte für das Saargebiet.

Sine Angelegenheit von größter Zedentüng für den Iölkerbmd."

In der Vollversammlung des Völkerbundes sprach der englische Außenminister. S i m o n unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer. Simon erwähnte, daß er ursprünglich nicht die Absicht gehabt habe, zu sprechen. Er habe sich aber durch die Erklärung des polnischen Außenminister B e es verpflichtet gesehen, nun doch einige Feststellungen zu machen. Simon führte dann die wich- ligsten Sätze der Erklärung Becks an, insbesondere die Erklärung, daß Polen vom heutigen Tage ab seine Mit- arbeit an dem internationalen Garantiesystem ab« lehnc. Simon ist sich nicht ganz klar darüber, wie diese Atze konkret zu verstehen seien. Er müsse aber feststellen, daß sein Land die Minderheitenschutzverträge ebenso wie mdere Mächte unterzeichnet hätte. Aber auch Polen labe sie unterschrieben. Der Artikel 93 des Ertrages von Versailles könne nicht einfach außer acht gelassen werden. Polen habe außerdem auch noch eine gewisse Verfahrensordnung über die Art, wie die Garantien ausgeführt werden sollen, unterschrieben.

Kein Staat aber könne sich selbst von Verpflichtungen dieser Art lösen. Auf jeden Fall sei dies eine An- gelegcnheit von größter Bedeutung für den Völker­bund. Er habe es für seine Pflicht gehalten, das festjustellen: denn Stillschweigen ' würde die Miß Verständnisse nur noch vergrößert haben.

Unmittelbar nach dem englischen Außenminister gab mich der französische Außenminister Barthou eine kurze Erklärung ab, die sich auf derselben Linie wie die des britischen Außenministers bewegte. Es war ersichtlich, H sich die beiden Minister vorher verständigt hatten. As dritter Redner zu dem Antrag des polnischen Außen­ministers stellte sich der Vertreter Italiens, Baron Boisi, auf den Standpunkt, daß die Verträge so lange «1 Kraft bleiben müßten, bis sie etwa durch eine Revision «Wandert werden könnten.

Polen soll unter Druck gesetzt werden.

Das Eingreifen der drei Großmächte in die Minder- mienfrage wirkt in der Form, in der es zum Ausdruck Mn, doch einigermaßen überraschend. Die M i ß b i l l i - bung des polnischen Schrittes, allerdings «u aus moralischen als aus praktischen und politischen Mchtspunkten, war ganz offenkundig. Gleichzeitig war Pole, 5U Neunen, daß man durch diese Erklärung den

eine Brücke bauen wollte,

M der formellen Kündigung ihrer Mitarbeit beim nw "tonalen Minderheitenschutz wieder zurückzu- èn und sich hier mit einer informellen praktischen J9 )u begnügen. Viel bemerkt wird hier die in der » ^""9 Barthous deutlich zum Ausdruck kommende daß die selbständige Kündigung eines Vertrages Polen

gefährliche Rückwirkungen

; h- ^s ganze Vertragsgebäude haben könne. Zweifel- ff ^u starker Druck auf Polen ausgeübt werden, st ^uurelle Kündigung zu widerrufen, um dieser Ge- ^^^ Von polnischer Seite erklärt man, daß

1 "^uen Grund habe, seine Stellung zu ändern.

*

feien« zweiseitige KinderheiteRvertkäge bleiben bestehen.

k.J der Genfer Erklärung des Außenministers Beck AxT dle halbamtliche Iskra-Agentur u. a.: Die Rede ben VJn ^u entschlossener Schritt, der sich nicht nur aus tiefst», Mächten der Regierung ergibt, sondern auch dem »°>ni u,» Linden des polnischen Volkes entspricht. Die ben M?^ierung wird ihre Verpflichtungen gegenüber b i n , "Erhellen aus eigenem Willen weiter- » Nullen.

Rnqx,.,j°t"^^^^stSndniffen vorzubeugen, muß darauf eilte tM^ '"erden, daß sich die Erklärung Becks aus heiteul^!^, ^'". e i s c i t i g c r Verträge über den Mind- Son»" ' cht bezieht, die, wie z. B. die Genfer Eiupthst^''. weder der Souveränität noch dem nationalen

1 W Partner widersprechen.

® »dramatischer Knalleffekt".

Di? Blätter zur Erklärung Becks.

ad)uitg a»âk^^°" Blätter bringen in großer Auf- ?^ ^s volnir^ '^o Genfer Berichte über die Erklärun- ^Negfrg^ 'scheu Außenministers Beck in der Minder- Stamva" überschreibt ihren Bericht:

Artschläge gegen den Versailler Ver - t r a g". Die übrigen Blätter sprechen von der Erklärung Becks als einemdramatischen Knalleffekt". Übereinstimmend wird auf den tiefen Eindruck hin- ^ewiesen, den die polnische Stellungnahme besonders in französischen Kreisen ausgelöst habe. Aber auch die Revisionisten seien, meintPopolo d'Jtalia", sehr unzufrieden, denn sie könnten nicht zugeben, daß die inter­nationalen Verpflichtungen einfach zerrissen würden. All­gemein nehme man in Genf an, Polen, das mit Deutsch­land einig sei, suche nur einen Vorwand, um aus dem Völkerbünde auszutreten.

Der Säbelhieb des MWÄs plisudsti."

Die Erklärungen des polnischen Außen­ministers Beck über die Beseitigung der praktischen Wirksamkeit der internationalen Minder­heiten-Schutzverpflichtungen für Polen haben in den interessierten Genfer Kreisen große Bewegung und zum Teil starke Erregung ausgelöst. In neutralen Kreisen weist man darauf bin, daß noch niemals vor dem Völkerbund in dieser Form ein internationaler Vertrag offen als nnwirksam erklärt Wi rde. Man glaubt, daß damit der ganzen.kerbundsidee ein schwerer Schlag zugefügt worden ist. In neutralen Kreisen wird gleichfalls betont, daß Polens Erklärung

Hilflos im Flammenmeer.

As« Mm Morro-Lastle'-Skandal

Unglaubliches Benehmen der Schiffs-

b e s a tz u n g vor Gericht enthüllt.

In der gesamten amerikanischen Prcffc ist die Er­regung über den Skandal auf derM o r r v C a st! e" grenzenlos. Die Aussagen vor dem New-Yorker See- amt werfen immer schärfere Schlaglichter aus das ganz unglaubliche Benehmen der Schiffsbesatzung bei den Rettungsarbeiten.

Ein New-Yorker Polizist namens Price, der sich als Fahrgast auf dem Schiff befand, gab folgende er­schütternde Darstellung: Als er mit seiner Fran in ein Rettungsboot habe steigen wollen, das von der bren­nendenMorro Castle" hcrabgelasscn wurde, sei er von Matrosen z u r ü ck g c st o ß e n worden mit dem Be­merken, er möge dochüber Bord springen". Er, der Polizist, habe darauf seinen D i e n st r e v o l v c r ge­zogen, um für sich und seine Frau in dem Boot, das größtenteils mit Besatzungsangehörigen besetzt war, einen Platz zu sichern. Aber das Boot sei in­zwischen heruntergelassen worden. Unter Bedrohung mit dem Revolver habe er dann einen Matrosen zwingen müssen, ihn und seine Frau an einem Tau über Bord zu lassen. Schließlich habe ihn ein Rettungsboot aus­genommen. , . .

Seine Frau, deren Kräfte nicht ausgereicht hatten, sei ins Meer gestürzt. Trutz seines Flehens habe die Mann­schaft des Bootes seine Frau nicht an Bord genommen, so daß sie untcrgegangcn sei.

Die Passagiere altem gelassen.

Ein anderer Passagier, ein Fräulein Cullen, war bei Feuersausbruch im Rauchsalon. Ein Steward hätte, so sagte sie, den Passagieren bedeutet, daß es sichnur um ein kleines Feuer" handele. Später, als schon alle Fahrgäste völlig verzweifelt gewesen seien, habe sie einen anderen Steward gefragt, ob man die Rettungsringe be­nötige. Der Steward habe erwidert:R e i n." Die Passa­giere hätten Angst gehabt an Deck zu den Rettungsbooten zu gehen, da sie nicht wußten, wie sie ohne f a ch - m ä n nischen Rat durch die Flammen hindurchkommen sollten.Später", so sagte Fräulein Cullen,sprangen Wit­ins Wasser, da wir allein gelassen wurden und nicht wuß­ten, was wir tun sollten."

Völlig verspätete Hilfeleistung der RetLungs- dampfer.

Im Verlaufe der Untersuchung belasteten zwei weitete Offiziere des SchnelldampfersPresident C l e v e - land" den Kapitän dieses zur Hilfe geeilten Schiffes eben­falls schwer. Auch sie warfen ihm eine verspätete Ab­sendung der Rettungsboote vor. Ein M at r o se des President Cleveland" sagte aus, daß das Schiff vierzig Minuten bis zu einer Stunde in der Nähe derMorro

einer praktischen Revision der Friedensverträge gleich­zusetzen sei.

Besonders stark ist die Erregung in französi­schen Völkerbundskreisen. Der Genfer Berichterstatter desJournal des Debals" erklärt, der Vertrag sei durch einen Säbelhieb des Marschalls Pilsudski zerfetzt" worden. Glaube Polen wirk­lich, seiner Sache damit zu dienen? Was werde bei einem derartigen Verfahren aus der internationalen Disziplin, was aus den Bemühungen des Völkerbundes, den Frie­den zu organisieren und die Staaten durch feierliche Ver­pflichtungen zu binden? Was werde aus den Verträgen, wenn im Völkerbund ein Staat in irgendeinem Augen­blick erklären könne, daß er nicht mehr seine Verpflichtun­gen anerkenne? Wohin steuere der Völkerbund, wohin die Welt? Nicht minder gereizt zeigt sich dieInformation", die Polen derschwersten Verletzung des be­stehenden Rechts" anklagen möchte.

*

Die Kleine Entente schließt sich dem Stand­punkt Becks an.

Über die Konferenz der Kleinen Entente, die in Genf stattgefunden hat, erfährt man, daß die Ver­treter der Staaten den Standpunkt Polens zur Minderheitenfrage, wie er durch den polnischen Außenminister Beck dargelegt worden ist, sich im Prin­zip zu eigen gemacht haben, und daß sic sich aus­drücklich gegen jede Diskriminierimg eines Staates durch einseitige Minderheitcnfchubvcrpflichtungcn ausgesprochen haben.

Castle" gelegen habe, aber in dieser Zeit kein Ret­tungsboot herabgelassen worden sei.

Als schließlich endlich ein Boot abgefahren sei, habe seine Besatzung nicht einmal den Versuch gemacht, die brennendeMorro Castle" zu besteigen, obwohl sich zu dieser Zeit mehrere Personen aus dem Tampferdeck be­funden hätten.

Ein anderer Polizist, der ebenfalls als Fahrgast aus derMorro Castle" war, fand es unerklärlich, wes­halb die Rettungsdampfer nicht dieMorro Castle" u m- k r e i st e n , obwohl sich zur Zeit etwa t 5 0 Personen i m Wasser befanden. Die Untersuchung ergab ferner, daß sich in dem ersten der fünf Rettungsboote derMorro Castle" 92 Mann der Besatzung und nur sechs Fahr­gäste befände«.

Nach der Feuermeldung schlafengegangen.

Im weiteren Verlauf der Vernehmung vor dem Tee- amt in New York mußte der Erste Funker desPresident Cleveland" zugeben, daß er s o f o r t w i c d c r ^ch l a fcn- gegangen ist, nachdem ihm vom Zweiten Funker die Feuermeldung von derMorro Castle" vorgclegt wor­den war!

Der Staatsanwalt fragte dazu mit größter Schärfe: Wieviel Schiffe müssen eigentlich in Flammen ans gehen, bevor Sie aufstehen'?"

Durch die Aussagen der Offiziere ist ferner einwandfrei festgestellt worden, daß das Rettungsschiff an der falschen Seite der brennendenMorro Castle" an­gelegt hat, und daß der Kapitän kostbare Zeit vergehen ließ, bevor er die Rettungsboote niederließ. Tann schickte er sinnlos zwei Rettungsboote direkt zurMorro Castle", anstatt sie dortbin zu beordern, m o hilflose Schiffbrüchige i m Wasser trieben.

Den Mörder seiner Kran gedungen.

Zwei Todesurteile dcö Effèner Schwurgerichts.

Das Essener Schwurgericht hatte sich mit einer Mordtat zu befassen, die in ihrer A b s ch euli ch leit kaum zu überbieten ist. Angeklagt war der 24jâhrige südslawische Staatsangehörige Friedrich I s l a k a r aus Essen-Altendorf wegen Mordes, und der 29jährige Fritz Klischat aus Essen Vorbeck wegen Anstiftung zum Mord. Islakar hatte in der Nacht zum 8. April d. I. a u f A n st i f t u n g des Kkischar dessen Ehefrau m ihrer Wob Hung ermordet. Die zur Tat benutzte Pistole hatte Islakar von Klischat erhalten, der ihm für seine Tat die Hälfte der für Frau Klischat abgeschlossenen Lebensversiche- r u n g von 3000 Mark zusicherte. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Islakar wegen Mordes und den An­geklagten Klischat wegen Anstiftung zuni Morde rum Tode.