Möaer Anzeiger
Erscheint jeden Werktag. Wockzenbeilage: Der Sonntag". Bezugspreis: monatlich 1,70 RM. Bei Lieferungsbehinderung durch „Höhere Gewalt" bestehen keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Königstraße 42. Rotationsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lauter- bach/H. Hauptschriftleiter Friedrich Ehrenklau, Fulda, Königstraße 42, Telefon 2989, —
Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg g^ Zulöa- unö Haunetal ♦ Zulbaer Kreisblatt _
z " Nachlag. — „TA." XII. 34. 910. — Zur Zeit
Neâaktion und DeschästssteUe: Königstraße 42 ♦ Hernfprech-Rrrkbluß ^ -y-g Preisliste Nr. 3 gültig. — Verantwortlich für den
Anzeigenteil Ferdinand Ehrenklau, Lauterbach-H.
enpreis: 1 mm Höhe in der 46 mm breiren Anzeigenspalte oder deren Raum 4 Ps., im Textteil (90 mm breit) 12 Pf. Bei Wiederholung wird Rabatt nach Tarif gewährt, bei zwangsweiser Beitreibung oder Konkurs erlischt jeder Anspruch auf
Nr. 11 — 12. Jahrgang
Fulda, Montag, 14. Januar 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Die Entscheidung ist gefallen!
Letzte Geduldsprobe.
Das Saarvolk hat entschieden, hat mit dem Stimmzettel in der Hand den Verfassern des Versailler Diktates einerseits und den landfremden Regierungen, besonders Herrn Knox, andererseits die gebührende Quittung für fünfzehnjährige Willkürherrschaft ausgestellt. Die Welt erlebte eine historische Stunde, die für den Frieden von entscheidender Bedeutung werden kann — sofern man auch auf der anderen Seite guten Willens ist.
Die Urnen sind unter militärischer Bedeckung aus den S3 Bezirken nach Saarbrücken transportiert. Sie stehen im großen „Wartburg"-Saal, bleiben auch dort ständig unter schärfster Aufsicht. Man darf annehmen, daß das fremde Militär seine Pflicht getan hat und bis zum letzten Augenblick tun wird. Nun sind die Zähler unter mehrfacher Kon- uolle an der Arbeit Die ist gering im Vergleich etwa zu einer Neichstagswahl in Deutschland, bei der die Stimmen von über 40 Millionen Wählern zu zählen sind — im Saargcbiei sind es nur rund 560 000. Daß man da das Ergebnis nicht schon am Sonntagabend bekanntgeben konnte oder wollte, wird unbegreiflich bleiben. Aber auch diese zweifellos vermeidbare Verzögerung erscheint klein nach 15 Jahren der Fremdherrschaft.
*
Wie der Abstimmungssonnlag vertief.
Der Abstimmungssonntag im Saargebiet selbst ist im großen und ganzen ziemlich ruhig verlaufen. Dank der Anordnung der Teutschen Front, enthielten sich die Wähler grundsätzlich jeglicher Kundgebungen, so daß nirgends für die Polizei Grund zum Einschreiten gegeben war. Tie Wahlbeteiligung war naturgemäß a u B e r 0 r d en t l t ch groß, da niemand versäumen 'vtlje, icme stimme abzugcbcu. Schon in den frühen .lcorgenilllnden standen lange Schlangen vor den Stimm- totalen. Hier machte jlch die langsame Abfertigung un- angenehm bemerkbar, zunial die Beisitzer der Status-quo- Parter immer und immer wieder versuchten, durch s c V ^ c P r 0 t c st e und Quertreibereien den Wahlgang aufzuhalten. So wurden beispielsweise in Budweiler von 341 Stimmen 10 für ungültig er- llärt, weil der Uni schlag nicht richtig zu - g e st c d t w a r. Teilweise war bereits mittags eine lOttprozentlge Wahlbeteiligung erreicht.
Eigenartig berührte die tiefe Ruhe bei der Ab- Inmmung. Durch die Maulkorb-Verordnungen des Herrn Knox sah sich jeder veranlaßt, möglichst auf der Straße und schon gar in den Wahllokalen kein Wort zu sprechen, 1 auch keine Stimme verlorenging. Da außerdem alles in tiefen Schnee gehüllt war, der die Geräusche der Straße dampfte, herrschte im ganzen Saargebiet tiefstes ^chtveigen. Wenn man aber in die Gesichter der Wählen- oen schaute, dann konnte man ihre tiefe Zuversicht
2r c u d e erkennen, mit der sie zu der Wahlurne m^Een, um für die Freiheit des Landes zu stimmen.
war, daß fast sämtliche Lokale im Inneren und schwarz-wciß-roten Fähnchen ge- ^"^^"' da diese Art der Kundgebung für die
1 itsche Heimat ja nicht verboten werden konnte.
7 r^^"chten gerade die alten und gebrechlichen ' mit Atzler Kraft zu den Wahllokalen zu L, ^^den. Hier taten die Schlcpperantos und die Wagen ^Kreuzes, die ständig unterwegs waren, gute Äu elnenl tragischen Vorfall kam es in l. d t.^Dort erlitt eine alte Frau vor dem Wahl- utlturj, versuchte aber trotzdeni, sich noch r dringen zu lassen. Kurz bevor sie ihren ' 'tzcttel anstretchen konnte, brach sic tot zusammen.
Erstes Gebot: „Maul hatten?"
Eine ungeheure Betriebsamkeit herrschte auf allen Landstraßen des Saargebiets. Mußten doch durch die Be- stimmung, daß jeder dort abzustimmen hätte, wo er 1919 ^.ufässig war, allein fast 1 0 0 0 0 0 E i n w 0 0 11 e r des ^aargebiets von ihrem Wohnsitz teilweise stundenweite Reisen machen, um ihre Stimme abacben zu
Eine drastische
Warnung.
Mit diesen Plakaten warnte die Deutsche Front bei der Saarabstimmung ihre Wähler, in den Wahllokalen gegen die Maulkorb-Verordnungen zu ver- stoßen, damit ihre Stimmen nicht für ungültig erklärt würden und so der deutschen Heimat verlorengingen. „Maul halten!" Der
Stimmzettel sprach ja auch allein genug: der Separatismus wurde am Sonntag vernichtend geschlagen.
können. Dazu kamen dann noch die 50 000 Stimmberechtigten, die von außerhalb der Saargrenzen zur Wahl kamen. So mußte natürlich jedes Gefährt eingesetzt werden. Die Eisenbahn reichte längst nicht aus. Diesen Umstand hatten sich die Kommunisten zunutze gemacht. Sie streuten teilweise auf die Straßen ch u h n ä g e l. Man hatte aber bei der Deutschen Front rechtzeitig davon Wind bekommen und setzte Abkehrkolonnen ein, die die Straßen wieder für die Autos benutzbar machten. Auch die Schwierigkeiten, die durch den Schnee und das Glatteis eintraten, wurden schnell beseitigt, da man überall Sand und Asche bereitgehalten hatte, die auf die gefährdeten Straßen gestreut wurden. Trotz der Schwierigkeiten herrschte überall bester Humor. So standen vor einzelnen Wahllokalen Männer mit großen Schildern, auf denen nichts weiter zu lesen stand, als: „Erstes Gebot: Maul halten!" Jeder Wähler wußte, daß er das zu befolgen hatte. Das Wahlsystem hatte seine Tücken. So wurde beispielsweise in Saarbrücken nach dem Alphabet abgestimmt. Das bedeutete, daß sämtliche Müllers aus der Stadt, über 1400 im ganzen, i n e i n e m W a h l l 0 k a l weit außerhalb der Stadt abstimmen mußten. Dort gab es natürlich bei der großen Zahl gleicher Namen oft Erschwerungen durch Verwechslungen. Im Rathaus Saarbrückens stimmten sinnigerweise die Wähler von „Adam" bis „Cohn" ab
*
Warndt und Gau: 100 Prozent.
Die Dörfer im Warndt und Gau, dem rechten Ufer der Saar, das Frankreich wegen seiner strategischen Lage besonders gern haben wollte, und wo daher die Separatisten besonders stark Propaganda gemacht hatten, hatten zum größten Teil schon bis zum Nachmittag lOOprozentig abgestimmt, obwohl die Bauern mitunter viele Kilometer weit durch den Schnee wandern mußten. Qft gab es in den Wahllokalen deshalb Schwierigkeiten und Aufenthalte, weil die neutralen Vorsitzenden der deutschen Sprache kaum mächtig waren. In Mettlach wurden zwei s e p a r a t i st i s ch e B e i s i tz e r aus dem Lokal gewiesen, der eine deshalb, weil er weder schreiben noch lesen konnte! Wenig war von den internationalen Truppen zu bemerken. Ihre Hauptaufgabe begann ja erst bei der Sicherung der Transporte der Urnen zu dem Sammelort. Es gab ja auch kaum Anlaß zum Eingreifen, nicht einmal dort, wo humorvolle Männer vor einem Emigrantenhaus in unmißverständlicher Aufforderung einen Besen und einen Koffer aufgestellt hatten. überall herrschte ja Ruhe. Gelächter erregte die Bemerkung einer alten aus dem Wahllokal kommenden Frau, die erklärte, sie habe ihr Kreuz dorthin gemacht, wo sie es nicht sagen dürfe. Ihre Stimme blieb natürlich gültig. Der deutsche Gesandte in Wien, Herr v. Papen, stimmte übrigens mit seiner Gattin im Laufe des Sonn- tagvormittag in Wallerfangen ab.
*
Frankreich sperrt die lothringische Grenze.
Wie die Regierungskommission des Saargebietes am Sonntagabend mitteilte, hat die französische Regierung bc- schlossen, daß vom 13. Januar, 15 Uhr ab, die Inhaber von saarländischen Reisepässen für deutsche Staatsangehörige (es gibt keine saarländische Staatsangehörigkeit!) zur Überschreitung der Grenze im Besitze eines b c - s o n d e r e n V is u m s sein müssen. Infolge dieser Maßnahme sind sämtliche von der Regierungskommissiou erteilten E i n r e i s e g e n e h m i g u n g e u f ü r F r a n k- reich, ungeachtet ihrer Geltungsdauer, hinfällig und müssen durch ein Visum des französischen Konsulats ersetzt werben. Jeder Saareinwvhuer, der sich künftig nach Frankreich begeben will, ist verpflichtet, sich in seinen saarländischen Reisepaß ein Visum beim französischen Konsulat eintragen zu lassen. Es heißt in der Mitteilung weiter, daß jede Person, die die Grenze ohne dieses Visum zu überschreiten versuche, sich der Gefahr einer Zurückweisung aussetze. Lediglich die augenblicklich noch in Kraft befindliche Regelung für Grenzkarten wird durch diese Bestimmung der französischen Regierung nicht berührt.
Das plötzliche Inkrafttreten dieser Verordnung, die erst bekanntgegeben wurde, n a ch d c m sie bereits in Kraft gesetzt war, zeigt, daß Frankreich sich über den Ausgang der Saarabstinimung vollkommen klar ist und nunmehr die Grenze zwischen dem Saargebiet und Lothringen als seine Grenze betrachtet. Bisher herrschte zwischen Lothringen und dem Saargebiet völlige Freizügigkeit. Alan will sich zweifellos durch diese Verordnung vor dem Emigrantenstrom retten, der nach Bekanntwerden dcs Wahlergebnisses ans dem Saargebiet nach Frankreich fluten wird. Frankreich hat kein Interesse an den Emi- grauten, und es sind in Frankreich bekanntlich in den letzten Tagen bereits zahlreiche Stimmen laut geworden, die sich gegen die zuwandernden Emigranten und Sepa ratisten energisch zur Wcbr setzen.
Solland verziwlel auf die Emigranten.
Wie aus amtlichen holländischen Kreisen verlautet, hat die Regierung die Grenzbehörden beauftragt, von Sonntag abend ab eine besonders scharfe Kon-
12000 Kilometer von Schanghai zur deutschen Saar. Frau Mondenach aus Saarbrücken, deren Mann, ebenfalls ein Deutscher, in Schanghai ein Geschäft betreibt, mache die beschwerliche Reise aus dem Fernen Cften nach ihrer Heimat, um ihre Stimme für das deutsche Vaterland ad- zugeben. Damit sie rechtzeitig zur Abstimmung im Saar- gebiet ankonimt, wurde ihr von Berlin auS ein Sonderflugzeug zur Verfügung gestellt, das sie zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Berliner SaarveremL Adams, nach Saarbrücken mr Abstimmung brache.
trolle gegenüber allen Ausländern auszuüben, die nach Holland cinzureisen beabsichtigen. Diese Maßnahme steht in engem Zusammenhang mit der Volksabstimmung im Saargebiet. Man erwartet hier nämlich, daß nach einem für Deutschland-günstigen Ausfall der Entscheidung sich ein großer Flüchilingsstrom aus dem Saargebiet ergießen wird. Diese F l ü ch t l i n g c sollen aber in Holland nicht zugela s f e n werden. In politischen Kreisen wird darauf hingewiesen, daß,für Holland keinerlei Notwendigkeit bestehe, weiteren Emigranten einen Zufluchtsort zu bieten, da sie in Frankreich und Belgien ein Unterkommen finden könnten.
3m Saarsonderzug geboren.
Aus Kirn (Rahe) wird gemeldet, daß dort in einem die Bahnstrecke passierenden Sonderzug nach dem Sa arge biet eine Frau einem gesunden Knaben das Leben schenkte. Mutter und Kind wurden in sorgfältige Pflege genommen, so daß die junge Mutter mit ins Saar- gebiet einreisen und a b st i m nt e n konnte
Riederträchttge Lügenmelbungen am Pranger.
Der Straßburger Sender hatte noch in letzter Stunde die Mitteilung verbreitet, daß der Völkerbund auf Grund einer Eingabe der Einheitsfront erklärt habe, er habe stärkste Bedenken für die Freiheit der Abstimmung, wenn der „Terror der Deutschen Front" nicht sofort unterbunden würde. Der Saarbevollmächtigte des Reichskanzlers setzte sich darauf sofort mit dem PräsideulenderA bstimmungskommission in Verbindung. Der Präsident versicherte, daß er keinerlei Grund zu einer derartigen Erklärung habe. Er betonte, daß das Verhalten der Deutschen Front sehr diszipliniert sei, und daß er bei dieser gegebenen Sachlage auch für dic Zukunft nicht die geringsten Befürchtungen hege.
Großer Munitionslager entdeckt.
Bei bem I üben Paul Levu in Saarlouis wurde uachts bei einer polizeilichen Haussuchung ein umfangreiches Munitionslager französischen Ursprungs entdeckt. Die Polizei konnte acht Sprengbomben, 200 Schuß Parabellummunilion und 30 Kilogramm Girant beschlagnahmen. Levy wurde sofort verhafte t. Es ist ganz offensichtlich, daß diese Funde auf die schon verschiedentlich beanstandete mangelhafte Abschließung der Grenze nach Sotbringen zurückzufüürcn sind. Über die^Her- kunft beJ Materials besteht kein Zweifel.