Fulda, Freitag, 15. März 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
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Das Nachspiel zum Zuliaufstand
Dr. R i n t e l e n
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Zul-aer Anzeiger
tob d'0'1^ Friedrich Ehren-
(lau, Fulda, Königstraße 42, Telefon 2989. —
Nr. 63 — 12. Jahrgang
Indizienbeweis geglückt"
MeiMMer Kerber sSr Dr. Wen
Das Urteil gegen den früheren österreichischen Gesandten in Rom
Der Wiener
Hochverrats
Prozeß gegen Dr.
Anton Rintelen, den früheren Gesandten Österreichs in Rom, der beschuldigt wurde, an den Ereignissen des 25.
Juli beteiligt gewesen zu sein, ist zu Ende gegangen. Das Urteil gegen Dr. Rintelen, das am Donnerstag- nachmittag gefällt wurde, lautete aus lebenslänglichen Kerker.
Nachdem der Gerichtshof den Saal zur Urteilsverkündung betreten hatte, erklärte der Ver-
hMdlungsleitcr, das? jede Äußerung des Mißfallens oder »eifalls streng verboten sei. Dann wurde das Urteil vcrliindet: Dr. Rintelen sei schuldig, im Jahre 1931 in Wien und Rom den ihm bekannten Anschlag aus das Bundeskanzleramt gebilligt zu haben. Er hab: damit das Verbrechen der Mitschuld am Hochverrgt begangett. Dieses Verbrechen sei besonders gefährlich. Mitteten werde daher zu lcbe»isrängltchem Kerker ouurteilt. Die Untersuchungshaft werde für den Fall kincr Begnadigung augerechnet.
Mign das Urteil lächelnd auf.
Dr. Hintelens Schlußwort: „Ich bin unschuldig^.
<?'vor sich das Gericht zur Urteilsfindung zurück- 'tjogen hatte, hatte D r. Rintelen gebeten, ein Schluß- halten zu dürfen. Darin führte er ans: „Ich bin 'nldig. Ich habe immer offen für meine Ideale mampst. 0$ wollte nie etwas anderes als ein gutes
^nehmen Österreichs mit Deutsch- an b. ^ch habe mich dabei in einer Linie mit dem größ- ^ichlschcn Staatsmann Dr. Seipel befunden. In czer Überzeugung sehe ich mit Ruhe Ihrem Urteilsspruch •«gegen."
Staatsanwalt vermied Festsetzung des
Strafmaßes.
^atsanwalt Dr. Tuppy hatte in seiner An- den Standpunkt vertreten, daß das zu Beginn geknüpfte Netz, obwohl es stellenweise wüch als fest und haltbar erwiesen habe und sei 2 I^ise von der Verteidigung durchstoßen worden öcn damaligen Beweisen seien noch die wichtigen °cn ber Zeugen Dr. Nipoldi und Dr. Reitlinger ^rhiHvn' ""^. denen hervorgehe, daß Rintelen in enger taurA mtt Dr. Weidenhammer alias Williams und auch mit den Verschwörern gestanden habe. brt ^"tsanwalt ging dann zum Strafantrag über, allgemeine Überraschung erregte, als der -,mj, 'i' "a.i bat, der Gerichtshof möge von der ihm leit ju, °'V ^lkitärgerichtshosgesetz gegebenen Möglich- o Strafantrag hinauszugehen und den An- Rädelsführer zu verurteilen (Strafsatz: Nen" r - Kerker oder Tod), keinen Gebrauch W’1 wohl als erwiesen auzunehmcn, daß Nro*™^ dem Nationalsozialisten Weidenhammer iinb hf.'? aade, über den Inhalt dieser Gespräche aber, ^nnt L Ui die Schuld des Angeklagten, sei nichts daran iS?r . Ursprünglich habe der Staatsanwalt aus l'lo^- ^"W Anklage von Nintelens Mitschuld aber, bi/s m ^cn einzuschränken. Durch die Wendung ^olbi Prozeß mit der Vernehmung des Zeugen gelten "men dabe, habe er diesen Gedanken fallen-
''Re seine ursprüngliche Anklage aus Mitschuld
Die aufrecht.
der St« JI5 setzung des Strafmaßes überließ L?alt dem Gerichtshof,
tontt sttl Jc” hielt der Staatsanwalt seinen Stand- t. $ j. , daß der Indizienbeweis g e g c n N krjm^ i e n geglückt sei. Sein Verhalten an Nen. 111 'Ne sei außerordentlich verräterisch ge
â^ruch vom Verteidiger beantragt. eruätf« Dr. Nintelens, Dr. Klee, hatte vor- A Mittelen sei nie Nationalsozialist gewesen; ethischen und wirtschaftlichen Gründen {Neibjflcr n u 811 dem Brudervolk bessern wollen. Der u^Ilait d^.^rauf auf die einzelnen Beweise ein.
t “8 die eittdrittglichste Vernebmung des ge- "etfchaftsverkonass nichts Belastendes es
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulda- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt
Re-aktion und Geschäftsstelle: Königstrabe 42 ♦ Zernsprech-Anfthluß Nr. IW
geben habe. Der Verteidiger entwickelte dann ein Bild von dem Angeklagten als Politiker und stellte fest, daß er ein armer Mann geblieben sei, was man nicht von allen Politikern sagen könne. Der Verteidiger erklärte schließlich, daß die Anklage zusammengebrochen sei und verlangte den Freispruch des Angeklagten.
Sie Seturteilttag Dr. Rintelen;
Wien, 15. März.
In der Begründung zu dem Urteil im Rintelen-Prozeß wird ausgeführt:
Der Militärgerichtshof hat als erwiesen angenommen, daß der Beschuldigte mit Dr. Weidenhammer im engen Verkehr gestanden und daß Dr. Weidenhammer den Beschuldigten im Hotel Imperial besucht hat. Aus dem Polizeibericht geht hervor, daß Dr. Weidenhammer am 25. Juli Wien fluchtartig verlassen hat? Danach ist einwandfrei festgestellt, daß der Beschuldigte mit Dr. Weidenhammer in enger Verbindung gestanden hat, und daß diese Verbindung nicht harmlos war, beweist der psycho- logssche Umstand, daß der Beschuldigte diese Bekanntschaft entschieden ableugnete. Es liegt nicht bloß ein passives Verhalten des Beschuldigten vor, sondern er muß diese Pläne gebilligt und seinen Namen den Putschisten zur
Der Prozeß gegen Dr. Rintelen ist eine innerpolitische Angelegenheit der österreichischen Republik gewesen. Das System, das heute in Wien regiert, trat als Ankläger auf und enthüllte peinliche Dinge, die zur Entthronung eines unbeliebt gewordenen Mitgliedes der Christlich- sozialen Partei geführt haben. Dr. Rintelen wurde beschuldigt, in die Ereignisse vom 25. Juli v. I., wo der Wiener Aufstand stattfand, verwickelt gewesen zu sein. Bei diesem Wiener Aufstand ist der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß ermordet worden.
Dr. Rintelen hat für den kritischen Tag ein einwandfreies Alibi erbracht. Er weilte auf Urlaub in Wien und wollte sich in einem Besuch bei Herrn Dr. Dollfuß abmelden. Interessant war nun in dem Prozeß, daß
Dollfuß feinen Gesandten Rintelen durch Detektive hat überwachen lassen. ohne daß Dr. Rintelen sich irgendwie verdächtig benahm.
In Dr. Rintelen kämpfte vor den Schranken des Gerichts ein kranker Mann um die Erhaltung seines guten Rufes. Er hatte sich nach seiner Verhaftung durch einen Schuß schwer verletzt, und eine Embolie, die dazu kam, hätte fast seinen Tod berbeigeführt. Für Rintelen traten sehr viele angesehene Zeugen auf, so der B i s ch o f von S e ck a u in der Steiermark, wo Rintelen lange Zeit Landeshauptmann gewesen ist, und der ungarische General L ö h a r , der seinerzeit von Westungarn aus den Sturz ocs bolschewistischen Bela-Khun-Regimes in Budapest betrieben hatte, bezeichnete Dr. Rintelen als seinen treuesten Buudesaenossen im Kampf gegen den Kommunismus, der
Trauerbeflaggung zu Ehren der toten Soldaten am 17. März.
Der Reichsminister für Bolksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hat zum Heldengedenktag folgenden Erlaß veröffentlicht:
„Am Sonntag, dem 17. März, gedenkt das deutsche Volk der Gefallenen des Weltkrieges. In allen Orten des Reiches werden würdige Gedenkfeiern stattfinden. Ich fordere die Bevölkerung aus, an diesem Tage zu Ehren der toten Soldaten Trauerbeflaggung zu zeigen."
Die Schlußplakeite des Mnlerhilsswerls.
Für das WinterhUfSwerk 1934/35 wird eine Schlußplakette herausgegeben Werbe*, die aus einem in Metall gefaßten echten Edelstein besteht. Sic wird in Id ar-Ober sie in a. b. Nahe hergestellt. Unvergänglich wie das Werk höchsten sozialen Gemein- schastsempfindcus wird auch der Edelstein sein und gleichzeitig eindrücklichst mahnen, in allem nur das Echte, Wahre und Gute zu erstreben.
111 Verhärtungen in Warschau
Warschau, 15. März. Die Warschauer Politisch« Polizei veranstaltete in den Büros des als radikal bekannten Warschauer Schneiderberussverbandes eine überraschende Haussuchung. Eine Fülle verbotener Broschüren, Flugblätter und Aufrufe staatsfeindlicher Art würde beschlagnahmt. .111 Personen wurden verhaftet.
Anzeigenpreis: 1 mm Höhe in der 46 mm breiten Anzeigenspalte aber deren Raum 4 Pf., im Textteil (90 mm breit) 12 Pf. Bei Wiederholung wird Nachlaß nach Preisliste gewährt, bei zwangsweiser Beitreibung oder Konkurs erlischt jeder An- ' soruch auf Nachlaß. — „DA.- L 85 910. — Zur Zeit ist Preisliste Nr. 3 gültig. — verantwort!, für den Anzeigenteil Ferdinand LhrenNcm, Lauterbach-H.
Verfügüng gestellt haben. Ein weiterer Grund 'für dië schuld des Beschuldigten an dem Putschplan ist sein Selbstmordversuch. Selbst wenn man annimmt, daß sein Abschiedsbrief nur in der Absicht geschrieben wurde, nicht aus dem Leben zu scheiden, sondern sich nur ernstlich verletzen zu wollen, so wäre seine Handlungsweise eine Flucht in die Krankheit aus einer Situation, die der Angeklagte als hoffnungslos ansah. Es kommen noch weitere Umstände in Betracht, so seine Gegnerschaft zu Dollfuß. Die Einwendungen des Verteidigers halten einer genauen Prüfung nicht stand. Es ist ohne Belang, daß der Beschuldigte seinen Aufenthalt ir Wien nicht geheim gehalten hat und nicht geflüchtet i> Auch seine sonstigen harmlosen Handlungen in den kritischen Tagen sind, so ist anzunehmen, eine geschickte Tarnung und Maskierung gewesen.
Als Erschwerungs gründ war der Bruch einer besonderen Treueverhältnisses durch den Beschuldigten, fer- ner die Tatsache, daß das Unternehmen den Tod des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß zur Folge hatte, anzunehmen. Mildernd war der Umstand, daß der Beschuldigte, wie zweifellos feststeht, sich hervorragende Verdienste uw die Steiermark und Oesterreich erworben hat, ferner auch seine Unbescholtenheit. Das Urteil ist rechtskräftig. Die Verhandlung ist geschlossen.
Haftunfähsg?
Dr. Rintelen erhob sich mühsam von seinem Sessel und drückte dem Verteidiger dankend die Hand. Das Urtéi'. wurde vom Publikum ohne Kundgebungen ausgenommen. Der Verurteilte wurde in einem Tragsessel in die Gefangenenabteilung des Landgerichtes gebracht. Da der An- geklagte durch den Schuß und den erlittenen Schlaganfall so hinfällig und linksseitig völlig gelähmt ist nimmt man an, daß er schon in den nächsten Tagen für haftunfähig erklärt und in ein Sanatorium überaefühn werden wird.
ramals auch das kleine Österreich bedrohte. In dem Prozeß ist ferner festgestellt worden, daß Dr. Rintelen irgendwelche Fühlungnahme mit den Nationalsozialisten nicht gehabt hat.
Dr. Rintelen hat nur erklärt, daß der Terror gegen
die Nationalsozialisten in Österreich falsch sei, weil man mit solchen Mitteln einer so mächtigen Bewegung nicht beikommen könne.
Ganz zum Schluß des Prozesses bat es noch so etwas wie eine Sensation gegeben. Der Schieber Camillo C a st i g l i o n e, der einmal die ganze Wirtschaft Österreichs zusammenkaufen wollte und als der reichste Mann des verarmten Landes galt, machte von sich reden, indem er Denunziationen gegen Dr. Rintelen richtete. Den Gaunereien des Rabinerfohnes aus Triest, Castiglione, der den österreichischen Staat zugunsten seiner eigenen Tasche beschwindeln wollte, hatte Dr. Rintelen als Landeshauptmann der Steiermark mannhaften Widerstand entgegengesetzt. Castiglione hatte nun
einen falschen Zeugen gedungen, um sich an Dr. Rintelen zu rächen.
Dr. Rintelen wollte sein Bestes für sein Vaterland Österreich. Er stand der nationalsozialistischen Anschauung fern. Er war nur im Gegensatz zu Dr. Dollfuß der vernünftigen Auffassung, daß man eine große Idee nicht mit Gewalt unterdrücken könne. Aber darüber ein Urteil zu fällen, was Dr. Rintelen für sein Land wollte, muß der Nachwelt überlassen bleiben.
30 neue Vauerndörfer in Ostpreußen.
Fertigstellung noch im Laufe dieses Sommers.
Der Reichsfachwart für Landeskultur, Staatsminister Riecke, gibt nach einer Meldung der „Nationalsozialistischen Landpost" einen Gesamtüberblick über die in Deutschland mögliche Gewinnung von Neuland für d i e landwirtschaftliche Nutzung. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß die Durchführung des gesamten Landeskulturprogramms einem Neulandgewinn von rund 8,9 Millionen Hektar gleichkornmen würde. In O st p r e u ß e n werden in den nächsten Monaten 3 6 Güter mit einer Gesamtfläche von rund 50 000 Morgen angesiedelt. Neben einigen Restgütern bis zu 300 Morgen werden
600 neue Bauernstellen , entstehen, die durchschnittlich 60 b i s 80 Morgen groß sein werden. Außer den Bauernstellen werden auch noch Handwerker und Landarbeiter angesiedelt. Die Handwerker erhalten Bodenflächen von 15 bis 20 Morgen und die Landarbeiter solche von 5 bis 10 Morgen. Die Bauten sollen bereits im Monat Juli, vorBcgi nn der Ernte, f e rt i g g e st c l l t sein, so daß in Ostpreußen im Laufe dieses Sommers 3 0 n e u e B a u e r n« b ö r f c r entstehen werden.
Fortführung der FettverbittigungSmaßnahmen.
Die Maßnahmen der Reichsregierung zur Verbilligung der Speisefette für die minderbemittelte Bevölkerung werden für die Monate April, Mai und Juni d. I. in dem bisherigen Umfange w e i t c r g e f ü h r 1.