Luloaer Anzeiger
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^111 " 12> Jahrgang
Fulda, Dienstag, 14. Mai 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Ein Volk trauert
um einen großen Toten.
Verkündung der Nationaltrauer in Polen. — Tausende stehen in An-
mcht vor dem Schloß Belvedere
Tiefe Trauer hat sich über Polen gesenkt. Ein Volk tctraucrt einen Mann, dem die Ration alles zu verdanken der sein ganzes Leben in den Dienst seines Volkes âllt und dessen Hinschcidcn eine furchtbare Lücke ge- „1 hat. Die polnische Regierung hat National- 'liucr verfügt. Bis auf weiteres sind alle öffentlichen «kranstaltungen und Vorführungen abgesagt.
Lchon seit Monaten wußte man, daß der Gesund- jriiszustand des 68jährigen Marschalls nicht gut war, «daß cs so schlimm um Pilsudski stand, wußten nur milic. Nach der amtlichen Mitteilung ist die Todes- ilndK M a gen- und Leberkrebs. Am Sonnabend M infolge einer starken Magenblutung eine Vcrschlim imm eingctrctcn, die Herzschwäche nach sich zog. Die utebelubcn Militärärzte hatten noch Professor Wencke- Kch aus Wien Herbeigerusen. Beim Hinschcidcn des Kirschalls waren sein Leibarzt General Ruppert und die Ant Generale Slawoj Skladkowski und Wieniawa- klWszewski, der langjährige Flügeladjutant des Mar- lW, zugegen. Kurz vor bem Tode wurden dem Mar- Mil noch die Sterbesakramente gereicht.
Das Schloß Belvedere, in dem der Marschall lebte und starb, ist von Menschen dicht umsäumt, die enb blökten Hauptes dort stehen und des großen Toten ge- benten, der gerade am neunten Jahrestag des Mai- miMfes gestorben ist Am 12. Mai 1926 ist Marschall Witi an der Spitze einiger getreuer Truppen in MW einmarschiert, um dem damaligen System der ^.^Mißwirtschaft mit bewaffneter Gewalt ein Enoe i AM und dadurch den Weg für den Verfafsuugs- MM ju bahnen, der vor kurzem, am 23. April 193a, ^'lmahrne der neuen polnischen Verfassung zum Ab- Wfibracht worden ist.
die Töchter hielten die Totenwacht.
. 2er Marschall liegt in einem kleinen Salon inmitten inner Pnvatgemächcr im Schloß Belvedere aufgebahrt, «n Gesicht hat den Ausdruck des Friedens. Während M Gattin, die treue Lebensgefährtin und Mitkämpferin, Melbin her Revolution, die so oft um das Leben ihres gebangt hat, im Nebenzimmer mit ihrem schwe- ® Seib allein war, hielten während der Nacht nach dem 'Wieiben h^ Heiden Töchter Wanda und Jadwiga an Nre die Totenwacht. Nachdem Negierung und Staatspräsident das Trauerhaus verlassen hatten, waren noch einige Offiziere und die Mitglieder der Familie
Aufruf an das polnische Volk.
Auf die Nachricht von dem Tod des Marschalls trat 7 Regierung zu einer Kabinettssitzung zusammen. Der c-aatspräsident erließ dann eine Kundgebung, in der es heißt: „Marschall Joseph Pilsudski ist dahingegangen. "M seines Lebens große Mühsal hat er die Kraft im M aufgerichtet. Den Staat hat er durch den Genius M Gedanken und seinen eisernen Willen zum Leben v-ckt. Als Lohn für seine riesige Arbeit war es ihm ver- Mt, unseren Staat als lebendige Schöpfung und unsere ^"ruhmvoll und siegreich zu sehen. Dieser größte s "n der polnischen Geschichte hat die Kraft seines Geistes
I "^^ der nationalen Vergangenheit geschöpft und Zuknnft in übermenschlicher Gedankenanspannung vor- Mahnt. Er hinterließ dem Volke das Erbe seiner aus DÄ^und die Macht des Staates gerichteten Gedanken, isw ^^stament, uns Lebenden überliefert, haben wir zu und forlzufübren."
h gleichzeitig mit dem Aufruf wurde bekanntgegeben, den ^aatspräsidenl die beiden Ämter, die bisher in ben Wn des Marschalls lagen, neu besetzt, und zwar iny^’’0^ Rydz-Smigly zum General- ? der Wehrmacht und den bisherigen Ersten E "Kr des Krieges, General Kasprzycki, zum Kriegsministeriums ernannt hat. General "lprzhctl hat einen
Tagesbefehl an die Wehrmacht
dem er anorbnet, daß der Aufruf des Staats- datz ^en vor der Front aller Abteilungen verlesen wird, WrMal,nen und Standarten feierlich Trauerschletfen, und Unteroffzierskorps Trauerflor anlegen Wetzt Militaristen Gebäuden die Fahnen halbmast gleich. V?bciL Der Verband der Legionäre hat die -wuer für seine Mitglieder angeordnet.
1 Gattin des Verstorbenen schwer erkrankt.
^t Aon^lin des verstorbenen Marschalls Pilsudski er- savormittag einen schweren Herzschwäche- ^soraâ Die Ärzte sind der Ansicht, daß ihr Zustand zu Anlaß gibt.
Oer letzte Wille des Toten.
^ilfubffi ^ "Kurjer Poranny" berichtet, hat Marschall vor längerer Zeit verfügt daß das ü^ 1 einem Tode der anatomischen Wlsscnichaft
Seine Ämter bereits neu besetzt
überwiesen werden soll, weil der Marschall seine Verbundenheit mit der Wissenschaft zum Ausdruck bringen will. Das Herz aber soll in Wilna liegen, „dort, wo es immer war". Auch die Überreste seiner Mutter sollen nach Wilna übergeführt werden, und sein Herz soll zu ihren Füßen als letzte und ewige Huldigung des Sohnes niedergeleat werden. Pilsudskis Leichnam selbst
Scherl-Bilderdienst.
Der Marschall im Kreise seiner Familie. Ein früheres Bild Pilsudskis und seiner Angehörigen.
Der „rote Gürtel" um Paris.
Starkes Anwachsen des kommunistischen Flügels bei den französischen Gemeinderalswahlen Die erste Quittung für das Bündnis mit den Sowjets.
In Frankreich fanden am letzten Sonntag d i e Gemeinderatswahlen statt. Zwar liegt das amtliche Endergebnis noch nicht vor, doch läßt sich jetzt schon einwandfrei feststellen, daß sich allgemein ein Anwachsen des kommunistischen Flügels zeigt. In der französischen Hauptstadt hat sich die sogenannte nationale Mehrheit zwar halten können, viele Sitze aber an die Linkspartkien, besonders die Komm» - n i st e n abgeben müssen. Besonders auffallend ist der starke kommunistische Vorstoß im Seine-Departement. Der „rote Gürtel" um Paris verbreitert sich z u s c h e n d. In der Provinz sind viele G e - mein den unter eine sozialistische Verwaltung geraten, rkverall zeigte sich ein starkes Abgleiten nach links eine Erweiterung des kommunistischen Einflusses der vielen Kreisen große Besorgnis einflößt und bereits die Frage aufkommen läßt, ob die Regierung beim Wiedcrzusammèntritt des Parlaments diesem Wahl- eracbnis werde Rechnung tragen müssen.
Man kann sich überdies der Erkenntnis nicht verschließen, daß das f r a n z ö s i s ch - s o w j e t r u s s i s ch e Bündnis dazu beitragen wird, den kommunistischen Flügel in Subtilst noch weiter zu stärken; denn das eine ist gewiß daß in Frankreich in den kommenden Monaten die Propaganda des Kommunismus wachsen wird. Im Geiste des "neuen Bündnisses! .
Bei den Neuwahlen zu den Geinclnderaten in Elsaß-Lothringen richtete sich die Aufmerksamkeit besonders stark auf die frühere Landeshauptstadt Straßburg, wo es zu scharfen Kämpfen zweier klarer Fronten gekommen war. Akan zählte fest darauf, daß die Autonomisten und die mit ihnen in einer „Volksfront" zusammengeschlosfene Heimattreue Arbeiterpartei des bisherigen Bürgermeisters Hueber völlig ausgeschaltet werden könnten. Zur großen Enttäuschung der französi- swen Kreise hat aber trotzdem in zwei von vier Straß- w raer Kantonen die „Volksfront" einen klaren Sieg er- Ti Jen können. Sie bildet mit 16 von insgesamt 36 Mandaten auch im neuen Gemeinderat einen geschlossenen b eim attr eu e n B l ock, während die Mehrheit nkölae großer innerer Gegensätze in keiner Frage eine Mesch ostenhet ausweist. Zu dem französisch-nationalen Tin iea' in Straßburg haben auch die Marxisten dei betragen die in allen übrigen elsässischen Städten als Leinde des'Staates und der Ordnung vo^den gleichen vven bekämpft wurden, die ihnen in Straßburg zu verstärkter Vertretung im Gemeinderat verhalfen haben.
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Nu» französischen Gemeindewahlen. Das jetzt vom Innenministerium bekanntgegebene endgültige Ergebnis be- stätigt den Sieg der Kommunisten, d,e in 90 Gemeinden
soll im Dom der Krakauer Wawelburg im Gewölbe der Königsgräber beigesetzt werden, da er von Krakau aus 1914 mit seinen ersten Legionären ins Feld zog
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Trauerfeier in Warschau, Beerdigung in Krakau.
Voraussichtlich wird das Staatsbegräbnis des Marschalls am 1 6. M a i stattfinden. Der Leichnam wird im Schloß Belvedere, dem Wohnsitz des Entschlafenen, einbalsamiert und feierlich aufgebahrt werden. Der Bevölkerung wird dort Gelegenheit gegeben werden, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Die große Staats- trauerfeier wird in Warschau, die Beerdigung aber wahrscheinlich in Krakau erfolgen.
Die Hüter des Erbes
Was die politischen Auswirkungen des Ablebens des Marschalls Pilsudski anlangt, so hat der Staatspräsident in seiner Kundgebung bereits zum Ausdruck gebracht, daß das Erbe in die Hände derer übergeht, die die Verantwortung tragen. Das bedeutet also zunächst auf den Staatspräsidenten M o s c i c k i selbst, der ein erfahrener Staatsmann ist, dem in den weitesten Kreisen der polnischen Staatsbürger die größte Wertschätzung und Verehrung entgegengebracht wird. Moscicki stand dem gleichaltrigen Marschall seit fast vierzig Jahren nahe und wurde, als das Amt des Staatspräsidenten ausgeboten wurde, auf Vorschlag des Marschalls in das hohe Amt gewählt. Die Autorität des Staatspräsidenten wird noch durch die neue Verfassung erhöht, die alle Macht des Staates in seiner Person vereinigt. — Der Ministerpräsident Oberst Slawck besaß ganz besonders das Vertrauen des Marschalls. Man pflegt Oberst Slawe! geradezu als „das zweite Ich Pilsudskis" zu bezeichnen. — Auch in der Außenpolitik ist keine Änderung des Kurses zu erwarten. Außenminister Oberst Beck stimmte in der Linie seiner Politik stets mit den Direktiven des Marschalls überein. Die beiden Generale schließlich, die die Führung der Armee übernehmen, gehörten aus militärischem Gebiet zu den engsten Mitarbeitern Pilsudskis. Der neue Kriegsminister Kasprzycki ist einer der bedeutendsten Köpfe der polnischen Armee, General Rydz-Smigly ist einer der ältesten Legionäre schon vom Beginn des Krieges an
(über 5000 Einwohner) die Mehrhit errungen haben. Sie behaupteten sich in 38 Gemeinden, verloren in 9 und gewannen in 52. Alle übrigen Parteien bis aus die Rechts- kcmservativen verloren.
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Feierlicher Empfang Lavals in Moskau.
Die Sowjets überschütten den französischen Gast mit allen nur möglichen Ehren.
Der französische Außenminister Laval, der einen Tag vor dem Tode des Marschalls Pilsudski Warschau verlassen hat, traf am Montag in Moskau ein. Zu seinem Empfang hatten sich der Außenkommissar Litwinow, der Chef des Protokolls Krestinski, der Vorsitzende des Moskauer Sowjets Bulganin, der Kommandierende des Moskauer Militärkreises Kork und andere leitende Beamte des Außenkommissariats und des Volkskommissariats eingefunden. Die Bahnhofshalle war mit französischen und sowjeirussischen Fahnen geschmückt. Eine Ehrenkompanie war aufmarschiert. Als der Zug einlief, ertönte die französische und die Sowjethnmne. Unmittelbar nach dem Empfang begab sich Laval in die ihm von der Sowjetregierung bereitgestellte Wohnung im Repräsentantenhaus des Außenkommissariats.
Am Montagabend wurde, nachdem Laval am Grabmal Lenins geweilt hatte, im Außenkommiffariat zu seinen Ehren ein Empfang veranstaltet, an dem rund 500 Personen teilnahmen. Laval wird im Kreml von Stalin empfangen, und zwar in Gegenwart des französischen Botschafters Alphand und des Sowjetbotschafters in Paris, P o t e m k i n. Es folgt ein Frühstück im Kreml, zu dem auch Molotow gebeten worden ist. Am 15. Mai nimmt Laval das Gabelfrühstück bei Nikolai Bulganin ein und besucht am Abend die russische Staatsoper, wo ihm zu Ehren ein großes Ballett „Flammen in Pa- r i s" aufgeführt wird.
Fahrpreisermäßigung der Reichsbahn für Kleinsiedler verlängert. Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft hat die Tarifbestimmungen über die Fahrpreis ermüßiguNg für Kleinsiedler in dem zum 1. März 1935 neuherausgekommenen Deutschen Eisenbahn-, Personen-, Gepäck- und Expreßguttarif ausgenommen. Die Geltungsdauer der Bestimmungen ist hiernach zunächst bis zum 31. Dezember 1935 ausgedehnt worden. Die Muster der Anträge auf Fahrpreisermäßigung für Kleinsiedler sind gegenüber den bisherigen Mustern geringfügig geändert. Die alten Muster können jedoch aufgebraucht werden.