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sßernntw- für den Inhalt: Bernd Heim, Fulda. Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit <ßuellenangabe ,$ulda« Fnzetger'gestattet.
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 125 — 12. Jahrgang
Fulda, Freitag, 31. Mai 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Regierungskrise in Frankreich.
Die Kammersitzung in Paris.
Paris, 31. Mai.
In fieberhafter Spannung und unter ungeheurem Andrang der Zuhörer wurde am Donnerstagnachmittag die Kammersitzung eröffnet, in der der Generalberichterstatter teS Finanzausschusses, Narety, den Beschluß des Ausgusses bekanntgab, der Regierung die verlangten Vollmachten zu verweigern. Er bezeichnete den G o l d a b f l u h iE nicht beunruhigend; trotzdem sei aber die Gefahr nicht außer acht zu lassen wegen möglicher Rückwirkungen ms die Lage des Schatzamtes. Am 28. Mai seien nicht Uuiger als IV2 Milliarden Gold abgewandert. Es handele ich um eine Vertrauenskrise, die in erster Linie mit dem Haushaltsfehlbetrag zu begründen sei. Dieser betrage ßr 1935 7 Milliarden Franken, während das Schatzamt nur noch über 6 Milliarden flüssige Mittel bis Ende 1935 derfüge.
Anschließend hielt der frühere Finanzminister Reynaud eine aufsehenerregende Rede, in der er sagte, baffo âohl er selbst Anhänger einer Abwertung sei, heute im Zeichen der Panik, von einer solchen Maßnahme keine Ne sein könne. Die einzige Rettung für das Land bleibe, daß in der kommenden Nacht eine neue Regierung ms Mitgliedern aller Parteien gebildet werde, der man mrgen die Vollmachten nicht verweigern würde.
Ministerpräsident Fl and in bestieg sodann die Red- Mtribüne, um die Vorlage zu verteidigen. Er verbreitete Ich im einzelnen über die Umstände, die den Angriff gegen dril Franc im Inlands und im Auslande veranlaßt hätten, , md betonte, daß sie Kammer sich heute für oder gegen bi» Abwertung werde aussprechen müssen.
Zum Schluß seiner Rede kündigte der Ministerpräsident m, daß Finanzminister Germain-Martin eben kitten Rücktritt angeboten und er diesen angenom- mnhaöe. Er selbstwerde neben dem Ministerpräsidium das Finanzministerium übernehmen.
$t Ankündigung des Rücktritts des Finanzministers MW sonderlich überrascht. Nach der Rede Flandins Wie Weiterberatung auf einige Stunden vertagt.
*
^Rücktritt des Finanzministers Germain-Martin ist, Ser selbst erklärte, auf die Angriffe zurückzuführen, h Ährend der Aussprache gegen ihn persönlich gerichtet toten sind. Flandin hatte sich zunächst geweigert, den I stritt anzunehmen, sich aber schließlich dazu ^entschlaf- I ft als die Führer mehrerer Gruppen ihm erklärten, der I stritt Germain-Martins könnte den Ausgang der I ^mm e r a u s s p r a ch e wesentlich erleichtern.
Neuer außenpolitischer Kurs Englands?
Zusammengehen Ler angelsächsischen Mächte? - Grösstes Interesse am West-Lnstpa«.
ammen-
ein, wobei
Der englische Lordfiegelbewahrer Eden hielt vor der Hreskonserenz des Konservativen Frauenaustchujscs 2 Rede, die sich zum Teil auffällig mit der Rede des vertretenden Ministerpräsidenten Baldwm deckte. Wie trat auch Eden für ein enges Zus ammen* ° ende r angelsächsischen Mä ch t e ein wobei ^sonders betonter Form auf die Gemeinsamkeit der Minteressen, dèr völkerrechtlichen Anschauungen und der ^spräche der beiden angelsächsischen Lander hm- 8eMen wurde.
di-k a? politischen Kreisen Londons haben beide Reden Küsschen erregt, weil man darin so etwas tote
blc Ankündigung des außenpolitischen Kurses des neuen Kabinetts Baldwin
k „sehen glaubt, der dem besonderen Verlangen der ^onvertreter entsprechen würde. Dieser „neue Kur^ den Mittelweg steuern zwischen den Zielen der Leuten „Isolationisten", denen, die sich von jeder Be- hJ^ an der europäischen oder Weltpoltttt fernhaltètt & und der franzosenfreundlichett Tradition des Aus- Amts. Voraussetzung dafür aber sei, jede Fest- M?6 zugunsten einer bestimmten Mächtegruppe auf dem Y zu vermeiden.
Krüdens Rede findet in einem Teil der englischen griffe
Iw?1! 'vollen keine kontinentalen Verwicklungen mehr!"
■ Svende konservative Provinzblatt mit Em- und gibt damit abermals dem Wunsch der in Mehrheit Ausdruck, so schnell wie möglich len dweschen greifbaren Ergebnissen zu kommen und Änlichen Luftpakt und damit die England $n u interessierende Frage zum Abschluß zu bringeil. Kreisen verlautet, daß der englffche " Paris in diesem Sinne bei der sranzosi chen vorstellig geworden sei. Wie es heißt, hat die ^Merima zunächst Bedenken gegen die von N £ vorgeschlagene „Etappenlösu n g Of "1^ "'n iii M dahin Ausdruck gegeben, den Luftpakt Ahrend ^rudung mit Ost- und Donaupakt abzuschließen,, UlkMu^ugland diese Fragen einer im Haag geplanten ’^n Konferenz überlasten möchte.
Rücktritt des Kabinetts Flandin.
Die Regierung Flandin ist bei der Abstimmung in der
Kammer über das Ermächtigungsgesetz inderMinder- heit geblieben und demgemäß zurückgetreten. Die
Kammer hat der Regierung die Ermächtigung mit 353 gegen 202 Stimmen versagt.
Paris, 31. Mai. Nach der Abstimmung in der Kammer begaben sich die Negierungsmitglieder zum Ministerpräsidenten Flandin in dessen Wohnung. Der Ministerpräsident unterzeichnete das Nücktrittsschreiben selbst und blieb wegen seines Gesundheitszustandes zu Hause, während die anderen Mitglieder sich gegen 2 Uhr nachts ins Elysèe begaben, um dem Präsidenten der Republik Lebrun das Nücktrittsschreiben zu überreichen.
Um 1.40 Uhr nachts, als die Sitzung der Kammer zu Ende war, hatte aber der Präsident der Republik bereits den Kammerpräsidenten Bouisson zu sich gerufen» mit dem er noch verhandelte, als die Mitglieder des zurückgetretenen Kabinetts erschienen.
Der Präsident der Republik dürfte dem Kammerpräsidenten den Auftrag der Kabinettsbildung anbieten und den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß die neue Negierung möglichst rasch gebildet werde, damit keine große Pause in der Ausübung der Regierungsgewalt eintrete.
Regierungsbildung durch Bouisson
Kammerpräsident Fernand Bouisson hat sich heute vormittag in seiner Unterredung mit dem Präsidenten der Republik bereit erklärt, ein Kabinett der „Franken-Union" zu bilden.
Kammerprästdent Bouisson ist Abgeordneter von Marseille und steht im 61. Lebensjahr. Er ist aus Konstantine gebürtig und von Beruf Industrieller. Im Jahre 1909 wurde er zum ersten Male zum Abgeordneten gewählt. 1924, als er auf der Liste des Linkskartells wieder zum Abgeordneten gewählt wurde, trat er der sozialistischen Partei bei. 1927 wurde er zum Kammerpräsidenten gewühlt, ein Amt, in dem er sich einen Ruf schuf. Vor etwa zwei Jahren vollzog er ohire ersichtlichen Grund und ohne großes Aufsehen seinen Austritt aus der sozialistischen Partei und ist seitdem keine parteipolitische Bindung mehr eingegangen.
Austausch der Ansichten.
Die englische Mitteilung über die deutsch englischen Flottcnbcsprechungen.
Das Auswärtige Amt in London bestätigt die erste Zusammenkunft zwischen den deutschen und englischen Flottenvertretern am Dienstag, dem 4. Juni, morgens, in London. In der amtlichen Verlautbarung heißt es weiter: „Wie bei den früheren Verhandlungen mit den Vertretern anderer Mächte, ist es auch der Zweck dieser informellen Besprechungen, Informationen und Ansichten auszutauschen als Vorbereitung für irgendwelche formelleren Verhandlungen, die später im Hinblick auf den Abschluß eines internationalen Abkommens für die Begrenzung der Flottenrüstungen stattfinden können."
SanktionsaussHuß aus 24. Juli vertagt.
Der Sanktionsausschuß des Völkerbundes hat die enalffchcn Vorschläge über die Einsetzung eines jnristischen und eines wirtschaftlich-finanziellen Unterausschusses an- aenommen und sich hierauf bis zum 24. Juli v er- t a a t In dem juristischen Unterausschuß, der am 24. Juni feine Arbeiten beginnen soll, sind England, Frankreich, Italien Sowjetrußland, Holland, Polen, die Türkei und Südslawien vertreten. Den beiden Unterausschüssen sind entsprechend den englischen Vorschlägen verschiedene Fragen gestellt worden.
Ein Musoleum für das Herz Pilsudslis.
Die Urne mit dem Herzen des Marschalls Pil- . .. 1 wurde von Warschau nach Wilna übergc- und in die berühmte Ostrabranakapelle gebracht.
Herbst soll auf dem Wilnaer Friedhof, der die Sntb^ aus dem Kampfe um Wilna birgt, ein A^soleum errichtet werden. In diesem Mausoleum Az dann die endgültige feierliche Beisetzung des Sarges der Mutter des Marschalls und der Urne mit seinem Herzen erfolgen.
Die Seemacht der anderen.
Aufschlußreiches Zahlenmaterial zu den Londoner Flottenbesprechungen am 4. Juni.
Der englische Marineetat für 1934 sah mit 53 560 000 Pfund Sterling, zu deutsch rund 700 Millionen Mark und Ersatzbauten im Umfang von etwa 140 000 Tonnen, die umfassendste Ersatztonnage seit dem Kriege vor. Dazu gehören allein zwölf leichte Kreuzer von 5200 bis 7000 Tonnen, von denen man einen schamvoll in der australischen Marine versteckte. Auch drei Flottillenführer (große Zerstörer) und nicht weniger als 25 Zerstörer stehen auf der „Speisekarte" der Admiralität. Die üblichen Neubauten an U-Booten, Kanonenbooten und Hilfsschiffen sowie ein großes und modernes Zerstörerbegleit- und Mutterschiff runden das Bild.
Frankreich bezifferte seinen Etat für 1°34 auf rund 2,7 Milliarden Franc, was bei einem Durchschnittskurs von 16,40 Mark pro 100 Franc auch ein ganz nettes Sümmchen ergibt. Die Neubauten bewegen sich ähnlich wie bei England um 120 000 Tonnen herum. Das Paradestück wird das Linienschiff „Dünkirchen" („Dunkerque"), das, mit seinen 26 500 Tonnen gegen die 35 000 der britischen Großlinienschiffe zwar klein zu nennen ist, aber das acht 35-Zentimeter-Geschütze tragen wird und dabei eine Geschwindigkeit von 30 Seemeilen entwickeln wird (1 Seemeile gleich 1852 Meter). Überdies trägt die „Dünkirchen" vier Flugzeuge an Bord. Sieben leichte oder kleine Kreuzer liegen gleichfalls auf Stapel, sieben Zerstörerführerschiffe, sechs Hochseeunterseeboote, vier U-Boote sogenannter „II. Klasse" und das übliche Nebenmaterial. Ein völlig neuer Typ sind sogenannte Escor- leurs oder Geleitkanonenboote, von denen man zunächst ein knappes Dutzend in Auftrag gegeben hat.
Italien mit seinen 1,3 Milliarden Lire Etatskosten für 1934 (286 Millionen Mark) und seinem Bauprogramm von rund 58 000 Tonnen vatzt sein Flottenmaterial seinem Nachbarn an der Mittelmeerküste an. Sechs Kreuzer, vier Zerstörer, zehn U-Boote und zwei Torpedoboote werden verzeichnet, dazu noch einige weitere Bauten, über die Einzelheiten verschwiegen werden.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben 1934 220 000 Tonnen an Neubauten in Auftrag gegeben. Der Etat beläuft sich auf 276 000 000 Dollar. Vier Neubauten entfallen auf die Kreuzer der leichten Gruppe und acht auf die der schweren; die Zerstörerbauten beziffert man mit etwa 32, die U-Bootbauten mit sechs. Teilweise sind die Schiffe — wie auch bei den anderen Mächten — schon in den Dienst gestellt, teilweise erst projektiert, auf alle Fälle sind die erforderlichen Mittel jedoch in der einen oder anderen Form noch im Etat 1933/34 enthalten.
Japan gab seinen Etat für 1934 mit 372,6 Millionen Nen an. Die Neubauten wurden mit 151000 Tonnen beziffert. (Sechs Kreuzer, 34 Zerstörer und Torpedoboote, 15 U-Boote, zwei Flugzeugträger und Spezialschiffe.) Die Neubauten dürften aber kaum mit einer Tendenz in Auftrag gegeben sein, die sich gegen Deutschland richtet. Leider richtet man gerade die früheren deutschen Schutzgebiete in der Südsee als geeignete Stützpunkte für die Pazifikflotte ein.
„Wo alles baut, kann Moskau es nicht lasten!" Obwohl man gewiß nicht weiß, gegen wen, hat man 1934 vier neue Kreuzer auf der Liste, vier Zerstörer und Hilfsschiffe, wobei man nicht vergessen darf, daß schon zwei der modernisierten Großlinienschiffe „Oktoberrevolution" („Oktjabrffaja-Revoluzia"), „Michael Frunse" und „Marat", den gesamten deutschen sogenannten Linienschiffen an Armierung weit überlegen sind.
Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben! So geht es beim Flottenbau der Mächte zu, wo jeder Neubau bei den Nachbarländern entsprechende Ersatz- und Konkurrenzbauten auslöst. Nur Deutschland verwehrt man die nötigen Mittel, um die eigenen Küsten sichern und schützen zu können. Eine einzige Zahl beweist das: Die gesamte aktive im Dienst befindliche Flotte des Reiches umfaßt 113 000 Tonuen. Und das Neubauprogramm eines einzigen Jahres für England — 140 000, für Frankreich 121 000 und für Japan 151 000 Tonnen!
Weitere Verstärkung des italienischen Heeres?
London, 31. Mai.
Gewisses Aufsehen erregt in der englischen Presse ein Reuter-Bericht, wonach Mussolini weitere 200 000 Mann unter die Waffen berufen will. Reuter berichtet, daß diese neue Mobilisierung damit begründet werden solle, daß es notwendig sei, Befürchtungen, die man bei auswärtigen Mächten bezüglich der Brennergrenze habe, zu zerstreuen. Nach Reuter werde Mussolini, wenn die weitere Mobilisation durchgeführt sei, 1,1 Millionen Mann unter den Waffen haben.
„Eveuing Standard" schreibt zu dieser Meldung, daß Mussolinis Entscheidung auf Vergrößerung des stehenden italienischen Heeres zum Teil auf französischen diplomatischen Druck zurückzuführen sei. Die Franzosen befürchteten, daß das Interesse des Duce für Abessinien zu einer Schwächung derjenigen Kräfte führen könnte, die in Europa zur Aufrechterhaltung des Status quo bereitständen. Mussolini habe erklärt, daß er Mann für Mann die Kräfte ersetzen werde, die er nach Abessinien schicke.