Zulöaer MZeiger
$T' L'k^ durch ^Höhere G Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
■Ö^T^^^ Iulöa- unö Haunetal »Zulöaer Kreisblatt Nau" Fuld'^L^iw^ Edeson ^osV - Re-aktion unü Geschäftsstelle: Königstraße 42❖ Zernfprech-Rusthluß Nr. 2989 iBcnnüiD. fürjieit-anöalt. fr e rjij^eiin , Fulda. Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Mellenangabe .Zulüaer finzeiger'geftattet.
Nr. 132 — 12. Jahrgang
Fulda, Samstag, 8. Juni 1935
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Kabinett der Ueberparteilichkeit.
Der Regierungswechsel in London. — Abrücken von Frankreich?
England steht im Zeichen «crUmbildung des Kabinetts. Ramsay MacDonald ist nach genau sechsjähriger ununter- drochener Amtstätigkeit als Ministerpräsident von der Führung der nationalen Regierung zurückgetreten und hat seinen Platz dem Führer der Konservativen Partei, Stanley B a l d w i n, eingcräumt. Die Umbesetzungen sind so vorgenommen worden, daß der Charakter der „nationale n", d. h. alle Parteiströmuttgen um- sasscnden, Regierung
gewahrt bleibt. Die wich- Baldwin,
tiijfte Änderung besteht Wagenborg-Bildarchiv, darin, daß ein K o n s e r - vativer anstatt eines Arbeitcrparteilers an der Spitz e d e r Nation steht.
Die neue Regierung ist im großen und ganzen nur durch Auswechselung einiger Ministerposten entstanden. Bon der Möglichkeit einiger Änderungen abgesehen weist das Kabinett Baldwin folgende Namen auf:
Ministerpräsident: Baldwin;
Lordpräsident des Geheimen Rates: Ramsay Mac- Donald;
Tchatzkanzler: Neville Chamberlain (wie bis- H her);
Lordkanzler: Lord H ailsham;
Innenminister und Stellvertreter des Ministerpräsidenten im Unterhaus: Di r J.o H n Simon;
U ^ßenminister: Sir Sa m u e i H o a r e ; ^minienminister: Thomas (Ivie bisher);
Aonialminister: Mal c o l m MacDonald;
Der Lord der Admiralität: Sir Bolton Eyres M o n - feil (wie bisher);
iustfahrtminister: Sir Philipp Cunliffe L i st e r; Ünterrichtsminister: Oliver Stanley; ^rbeitsminister: E r n e st B r o w n.
Die übrigen Ministerposten bleiben in denselben Anden wie im Kabinett MacDonald.
Neben dem Wechsel in der Spitze ist
vor allen Dingen die Umbesetznung im Außenministerium von Bedeutung.
Hoare.
Der neue Außenminister Sir S a- m u e l Hoare, bisher Staatssekretär für Indien, ein Mann Anfang der Fünfziger, hat sich in jahrelanger Arbeit um die Konservative Partei verdient gemacht und seine außenpolitische Befähigung bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Vor allem ist er, was Englands Haltung gegenüber .Deutschland anlan-t, ein „un
Aufnahme Weltlnld.
beschriebenes Blatt". In keiner seiner politischen Acn hat er sich bisher außenpolitisch irgendwie gelegt, was vom Standpunkt der englrichen Regie- WZesonders im Hinblick auf die bevorstehenden ebenso AUgen wie schwierigen Verhandlungen stark ms Ge- fällt. Seine Wahl soll hauptsächlich auch dadurch seinen Gunsten beeinflußt worden fern daß die beiden Ederen Favoriten für den Außenmmrsterpostcn, Sir ^'sten Chamberlain und Lordsiegelbewahrer e,n. außenpolitisch bereits zu sehr ab gestempelt Md. K konservativen Kreisen ist vor allem in den letzten 9cii geltend gemacht worden, daß
Eden in seinem Eintreten für Völkerbund und
,. Kvllektivsicherhcit zu weit gegangen
'5 Die Kollektivsicherheit sei ein Ideal, dessen Erreichung «Her V^ k"ncr Zukunft liege. Hoares höheres
L sowie seine älteren Ansprüche an die Konservativ« gaben ihm von vornherein ein gewisses Teuber Eden, der im übrigen tu felner bisherigen ÄbenA ols Lordsiegelbewahrer zum Nollmlmstei
Der neue Mann. _.. h _ wosAechs Jahre hat At a.c Donald an der Spitze des w?n Kn Kabinetts gestanden. Das soll tn einem parla sich agierten Staate allerlei bedeuten. E. hat ^ehrlich Mühe gegeben, alle Gefahren, die an me
Nation yeramraten, zu bannen und sie aus dem wirtschaftlichen und sozialen Tiefstand herauszuführen. Aber er hat sich a u s die Abwehr beschränkt und deshalb eine Reihe wichtiger Fragen dem neuen Kabinett ungelöst hinterlassen. Ob das nun das Arbeitslosenproblem oder die unwürdigen Zustände auf dem Gebiete des Wohnungswesens, oder die Rüstung ist. Kam hinzu, daß MacDonald durch ein schweres Augenleiden sehr behindert war und in manchen Dingen einfach nicht die körperliche Kraft besaß zur Durchführung straffer Maßnahmen. Er ist ein I d e a l i st und nicht so sehr ein Mann der Tat. Aber er will stets das Beste für sein Volk und deshalb wollte auch das neue Kabinett Baldwin seinen Rat nicht gerne missen.
MacDonalds Nachfolger, Baldwin, ist dagegen eine robuste frische Natur, sehr ehrgeizig, sehr tatkräftig, und gewöhnt, sich auch gegen Widerstände durchzusetzen. Er wird aus der Defensive des Kabinetts MacDonald in die Offensive übergehen. Das entspricht auch ganz seinen Charakteranlagen. Zum dritten Male ist er jetzt Ministerpräsident, und wieder knüpfen sich die Hoffnungen weiter Kreise an seine Arbeit. Er ist auch außenpolitisch sehr interessiert und wird auf diesem Gebiet der Regierung die Richtung weisen. Da kann er manches gutmachen, was sein Vorgänger versäumt hat. Denn MacDonald, der zweifellos stets den Frieden Europas erstrebt hat, hat doch die Zügel manchmal sehr schleifen und in vielen Dingen sich das Heft aus der Hand reißen lassen. Wenn Baldwin hier eine bewußtere Linie einschlägt, so wird er gerade im jetzigen Augenblick eine historische Mission erfüllen können, denn England hat es in der Hand, den Frieden Europas zu fördern und den Tritt anzugeben.
ErWWß deutscher Sonera durch die Sorojets.
Unglaubliches Urteil. — Weil sie in Briefen um Hilfe baten.
Vor wenigen Tagen ist, wie das Deutsche Nachrichten- vüro mitteilt, der deutschstämmige Bauer Michael Röhrich aus dem Dorfe Straßburg, Bezirk Odessa, durch Erschießen hiugerichtet worden. Mit ihm sollen vier weitere Verhaftete, darunter der deutschstämmige Bauer Simon Sebastian Klein, er fd) offen worden sein.
Röhrich, Vater von sieben Kindern, ist ebenso wie Klein katholischen Glaubens. Er wurde nach Mitteilung in einer Sonderairsgabe der Sowjetzeitung „Kollektivwirtschaft" vom 5. Januar 1935 als „Hitler-Agent" zum Tode verurteilt, weil er „über 500 Lügenbriefe an faschistische Organisationen in Deutschland, Polen, der Schweiz u. a." geschrieben habe, in denen er um Hilfe bat.
Wie festgestellt werden konnte, hat die neunköpfige Familie Röhrich in der Zeit vom Januar bis Mai 1934, also noch während der mit Kenntnis der Sowjetregierung verlaufenden Hilfsaktion „Brüder in Not", zusammen sechs Geldüberweisungen aus Deutschland über insgesamt 49,90 Mark auf dem sowjetamtlichen Torgsinweg erhalten.
Simon Sebastian Klein wurde nach der Sowjetzeitung „Neues Dorf" vom 18. Dezember 1934 in Landau, Bezirk Odessa, zum Tode verurteilt, und zwar als „Agent faschistischer Organisationen in Deutschland und Litauen", der lügenhafte Bettelbriefe nach dem Ausland geschrieben habe. Obwohl Klein im März 1935 zu sieben Jahren Gefängnis begnadigt war, muß leider angenommen werden, daß er nun trotzdem erschossen worden ist. Klein hat aus Deutschland und der Schweiz je eine Torgsinüberweisung von insgesamt 18,40 Mark erhalten, und zwar im März und Mai 1934.
Von beiden Bauern liegen mit ungelenker Hand geschriebene Briefe vor, die von s ch w e r st e r persönlicher Not zeugen, aber keine Kritik über die tatsächlichen Zustande enthalten. Aus eigenen Zeugnissen der Sowjets ist jedoch hinlänglich bekannt, daß im Winter 1933 und im Frühjahr 1934 in Südrußland schlimmste Hungersnot herrschte. *
Das Genfer Blatt „I o u r n a l de Genève", das kürzlich bereits über die sowjetrussischen Todesurteile gegen die deutschen Pastoren Seib und Deutschmann berichtet hatte, erfährt jetzt, daß der Pastor Simon K l u d t in Novonikolajewsk — ein Vater von neun Kindern — gleichfalls zum Tode verurteilt worden ist. Weiter ist der Pfarrverweser der protestantischen St.-Anna-Kirche in Leningrad, Oskar Wilhelm Simon, in Strellna verhaftet und seine Kirche, die ein wichtiges Zentrum des Protestantismus bildete, geschlossen worden.
Volksgenosse, der Du Deinen Wald liebst, rauche und locke nicht in» Walde ab, nur zu leicht kann hierdurch ein Waldbrans entstehen!
Am Freitagnachmittag stellte Ministerpräsident Baldwin im Buckinghampalast dem König die neuen Minister vor. Bemerkenswert ist, daß
Eden in dem Kabinett Baldwin den Posten eines Ministers ohne Portefeuille für Völkerbundsfragen bekleidet.
Kriegsminister wurde L o r d H a l i f a x. Er ist also der Nachfolger des durch seine franzosenfreundliche Politik festgelegten Lord Hailsham geworden. Weiter gehören dem Kabinett an: Staatssekretär für Indien: Marquis of Zetland; Lordsiegelbewahrer: Lord Londonderry; Landwirtschaftsminister: Walter Elliot; Gesundheitsminister: Kingsley Wood; Handelsminister: Walter Runciman; Postminister: Major Tryon; Staatskommissar für öffentliche Arbeiten: Sir Ormsby Gore, und Minister ohne Portefeuille: Lord Eustace Percy.
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Pfingstpause bei den Londoner Flottenbesprechungen.
Die deutsch-englischen Flottenbesprechungen in London haben bisher einen zufriedenstellenden Verlauf genommen. Wegen des Pfingstfestes wurden die Besprechungen bis zum 15. Juni vertagt. Die letzte Besprechung fand ant Freitag statt.
Nach der Besprechung am Freitag haben die deutsche und die englische Flottenabordnung folgende gleichlautende Mitteilung an die Presse ergehen lassen:
„Die deutsch-englischen Flottenbesprechungen haben einen zufriedenstellenden Verlauf genommen. In einer allgemeinen Aussprache hat die britische Delegation Aufklärungen über die gegenwärtige Lage gegeben. Es wurden weiterhin einige technische Punkte erläutert. Die Verhandlungen werden nach der Pfingst pause am 15. Juni wiederaufgenommen."
Wie noch ergänzend verlautete, haben die Besprechungen am Freitag knapp zwei Stunden gedauert. Die deutsche Abordnung wird während der Besvrecdunas- Pause nach Deutschland zurückkehren.
Rasputins Sekretär lampst um 5 Millionen
Nach Meldungen einer Warschauer Zeitung soll es der polnischen Polizei gelungen sein, ein Bankguthaben ausfindig zu machen, das die Entscheidung über ein Vermögen von zwei Millionen Dollar bedeutet, um welches in New Dark seit einiger Zeit ein sensationeller Prozeß spielt. Interessant ist auch die Persönlichkeit, um deren Vermögen es sich dabei handelt, nämlich der frühere Sekretär von Rasputin namens Sjemojanow. Sein Bruder, der vor bem Kriege als reicher und bekannter Russe in Amerika lebte, soll angeblich eine Summe in der genannten Höhe auf einer amerikanischen Bank deponiert haben. Der Sekretär Rasputins wußte bavou und suchte als Erbe seines Bruders in den Besitz des Geldes zu kommen. Alle Bemühungen schlugen aber fehl, da die Bank behauptete, daß dieses Guthaben nichr bestehe. Immerhin kam bei den Ermittlungen dafür yt den Tag, daß der Besitzer des Vermögens
das Guthabenbuch während des Weltkrieges einem Kellner in Stanislav übergeben
hatte. Bei Nachforschungen nach dem Kellner stellte sich heraus, daß dieser inzwischen gestorben war. Die Polizei machte aber eine Tochter von ihm, eine gewisse Frau Berger, in Warschau ausfindig, bei der sich auch das wertvolle Buch, dessen Bedeutung die Frau überhaupt nicht kannte, befand. Damit ist das nötige Beweismaterial für die Wiederaufnahme des Prozesses und die Erlangung eines Vermögens gegeben, das nach den Eintragungen des Buches etwa fünf Millionen Mark beträgt. Die Anwälte des Sjemojanow haben keinen Zweifel, daß die amerikanische Bank jetzt das Guthaben herausgeben muß. Sie haben der Frau Berger, die bisher in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte, bereits eine Belohnung von 10 000 Dollar ausgezahlt.
Benesch in Moskau.
Der tschechische Außenminister Benesch ist ?n Moskau zu seinem angekündigten Besuch eingetroffen. Der Aufenthalt Bcneschs soll etwas länger dauern als die Besuche Edens und Lavals. Vom 8. bis 10. Juni ist ein offizielles Programm ähnlich wie bei den vorhergegan- genen Staatsbesuchen vorgesehen. Anschließend daran will sich der tschechoslowakische Außenminister noch mehrere Tage in inoffizieller Weise Studien- und Besichtigungen widmen.
Zu den Programmpunkten des offiziellen Teiles gehören Unterredungen mit den führenden Persönlichkeiten der Sowjetunion, Besprechungen über politische und wirtschaftliche Fragen sowie die Ratifikation des Handelsvertrages und des gegenseitigen Beistandsvertrages.