Zulöaer Anzeiger
rSÄÄ ^ Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 141 — 12. Jahrgang
Fulda, Donnerstag, 20. Juni 1935
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Echo des Flottenabkommens.
Befriedigung in England. — Mißstimmung in Frankreich. Interesse in Italien. — Zustimmung in Polen und USA.
Das deutsch-englische Flottenabkommen hat, wie nicht anders zu erwarten, ungeheures Aufsehen in allen Staa- ten der Welt, namentlich aber Europas, erregt. Es gibt nur ein Thema in der Weltpresse: Das Flottenabkommen. Interessant ist es, dabei die Einstellung der einzelnen Ztaatcn zu beobachten, denn aus den Äußerungen wird ihre Stellung zur Befriedung Europas, für die ja das Abkommen abgeschlossen ist, erkennbar.
England spricht in einer halbamtlichen Verlautbarung von einem „Beitrag von sehr großer Bedeutung für die ganze Zukunft der Flottenbegrenzung". Mit wenigen Vorbehalten begrüßt auch die gesamte englische Presse das Abkommen als Beitrag zur Be- sncdung Europas. „T i m e s" schreiben, das Abkommen sei endgültiger und umfassender, als man es anfangs hätte vermuten können. Das Ergebnis schaffe einen viel befriedigenderen Zustand, als er vor 1914 vorhanden war. Damals habe der deutsche Flottenbau das Tempo angegeben. Jetzt bestimme England seine eigenen Flotten- crfordernisse, und Deutschland regele die seinigen in einem Verhältnis von 35 : 100. Die nächste Absicht der britischen Regierung sei es jetzt, ohne Zögern das mit dem deutschenglischen Flottenabkommen begonnene gute Werk fort- zusetzen und Frankreich und Julien sowie Sowjetrußland ebenfalls zu Besprechungen einzuladen, um die deutsch-englische Verständigung in ein allgemeines Ab- kommen für die Begrenzung der Flotten einzupassen. Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" betont, in britischen Kreisen messe man dem von Deutschland gemachten Zugeständnis, daß es an dem festgesetzten deutsch-englischen Flottenverhältnis ohne Rücksicht auf den Flottenbau anderer Länder festhalten werde, große Bedeutung bei. Das bedeute, -gß Deutschland nicht zu einer Verstärkung seiner eigenen Flotte berechtigt wäre, Enn die englische Regierung ein Anfrüstungsprogramm uer anderen Regierung außer acht lassen werde.
Die liberale „News C h r o n i c l e" nennt das leutsch-englische Abkommen
einen Markstein in der Weltgeschichte.
Es entspringe Deutschlands eigener Initiative und. sei Mj einem Gebiete abgeschlossen, auf dem vor dem Kriege Mc deutsch-englische Rivalität am stärksten und gefährlichsten gewesen sei. — „Daily Herald" meint, vom juristischen Standpunkt sei verschiedenes an dem Abkommen auszusetzen, aber vom praktischen Standpunkt besitze ks einen unzweifelhaften Wert. Es sei ein sehr greift barer Beitrag sowohl zur Rüstungsbegrenzung wie auch zur allgemeinen Besriedung. - Die „Morning P o st" nennt das Abkommen einen unzweifelhaften Fortschritt in der Sache des Friedens, da es die Lage kläre und die Stärke der deutschen Flotte bauernb- festsetze. Im übrigen habe das Abkommen aber gewisse weniger gun- nige Seiten; denn England habe zum Beispiel diesen Schritt unternommen, ohne vorher seine Vertragspartner zu befragen.
Frankreich nimmt aus Anlaß des Flottenabkommens einen scharfen Ton gegenüber England an, wie er fett
Die Unterzeichner des Flottenabkommens.
Der Außerordentliche Bevollmächtigte Botschafter des Deutschen Reiches, von Ribbentrop, und der eng- ''leite Außenminister Sir Samuel Hoare (lifSL (Wagettborg-Bilderd ienst —
kKn Jahren nicht in der sranzösischen Presse zu Men war. Der halbamtliche „P et it t
uM sich noch gemäßigt aus, wenn er f 9» dor Me Regierung habe, nachdem sie kaum die Dinge Frankreichs und Italiens gewesen sei, d e -Dinge Mich W«Ä ES !-i â ««* ln,(E »•«tWen A« z» jammern dm "an E Aim. eern könne denn jede Ration bleibe frei in der - ! ZUM ihrer Zukunft unter den Bedingungen, dre^lhttm ÄUerhaltungstrieb am günstigsten ^nen. □ Mästende „M a t i n" fragt, was man kunsttg von tz^ berzlichen Zusammenarbeit erwarten „Neitsfront Aland in einem Augenblick, n dem di sei 5 ^u Kriegsverbündeten die beste F ^att des ' «nen solchen Solotanz auffubre. —
Generalstabs und der Rüstungsindustrie, „Echo de Pari s", sagt, der Flottenvertrag bedeute
das Ende der in London und Stresa verkündeten englisch-französischen Politik.
Nach dem Vertrag von London würden weitere Entscheidungen notwendig. Vor allem müßten französisch - englische Flottenbesprechungen, wenn sie überhaupt stattfänden, in Paris und nicht in London geführt werden. Frankreich erkenne eine Schiedsrichterschaft nicht weiter an, die ohne Rücksicht auf seine Interessen geführt werde. Ferner dürfe der Lu ft Pakt nicht mehr gesondert verhandelt werden, sondern es müsse erneut der Grundsatz der Unteilbarkeit des Friedens aufgestellt werden. — Der konservative „F i g a r o" meint, die Haltung Englands habe vielleicht lobenswerte Beweggründe gehabt. Aber es sei ins Auge springend, daß die Lage für Frankreich und Italien nur peinlich geworden sei. Beide Nationen sähen sich mit lässiger Geste einer vollendeten Tatsache gcgenübergestellt.
Italien schenkt dem Abkommen sehr lebhaftes Interesse. Die „G a z e t t a d e l P o p o l o" schreibt, seit einiger Zeit segle England mit Volldampf auf Deutschland zu. Es kehre zu seiner traditionellen Politik der Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichts zurück, indem es sein eigenes Gewicht nach hier und dort verlagere, um Herr der Lage zu bleiben. — England wußte, so hebt die „S t a m p a" hervor, daß das Verschwinden der deutschen Flotte nach dem Weltkriege nur eine vorübergehende Erscheinung gewesen sei.
England habe seinen wirklichen Frieden mit Deutschland heute geschloffen
Eden unterrichtet Frankreich.
Der Zweck der Reise des englischen Ministers nach Paris.
Der Minister für Völkerbundsfragen im englischen Kabinett, Eden, hat die Aufgabe erhalten, Frankreich übe* den Zweck und den Wert des deutsch-englischen Flottenabkommens 31t unterrichten. Edens Auftrag wird dahin gehen, die Franzosen zu beruhigen und davon zu überzeugen, daß das Abkommen weder überstürzt abgeschlossen ist noch eine Spitze gegen Frankreich enthält.
Der Londoner „Daily Telegraph" erklärt, Eden werde Paris klarmachen, daß England das deutsch-englische Flottenabkommen als einen sehr wichtigen Schritt zu einer allgemeinen europäischen Rege- l u n g betrachte, die von England nicht weniger als von Frankreich gewünscht werde. Seine weiteren Besprechungen in Paris würden sich u. a. mit folgenden Punkten .befassen:
1. die gemeinsame Antwort, die die Locarnomächte auf das Schreiben, das die deutsche Auffassung von den Auswirkungen des französisch-sowjetrussischen Paktes auf den Locarnovertrag enthielt, abgeben müßten;
2. ob es jetzt möglich sei, die Aushandlung eines Locarno-Luftpaktes vorwärtszutreiben;
3. welche weiteren Schritte zur Erzielung einer friedlichen' Regelung des italienischen Streites mit Abessinien getan werden könnten;
4. welche Fortschritte int Zusammenhänge mit bei geplanten Donaukonferenz gemacht worden seien
Ferner will das Blatt wissen, daß die französische Note an England eine „leichte Entrüstung" Frankreichs zum Ausdruck bringe, daß England die alleinige Verantwortung übernommen habe, den Umfang der deutschen Flotte mitzubestimmen. Nach englischer Ansicht sei jedoch das Abkommen mit Deutschland nicht nur für England, sondern auch für Frankreich vorteilhaft.
Reuter meldet, der Reise Edens nach Paris werde wahrscheinlich baldigst ein Besuch französische, Flottensachverständiger in London folgen, um nicht nur die Frage der deutschen Flottenaufrüstuncs sondern das ganze Gebiet der Flottenbegrenzung in Vor- bereitung auf die internationale Konferenz zu erörtern.
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EngliMe MnMmg an Frankreich
Eden am Freitag in Paris.
London, 20. Juni. Wie Preß Association erfährt, ist bie französische Regierung zur Entsendung von Flotten- kackvcrstandiqen nach London eingeladen worden, um Vorbesprechungen für die noch in diesem Jahre stattfindende ^tottenhanptkonferenz zu führen. Es sei anzunehmen, daß anschließend ähnliche Besprechungen mit italienischen und sowjetrussischen Sachverständigen statifinden würden.
Der Minister für Völkerbundsangelegenheiten Eden wird am Freitag in Paris eintreffen, wo er mit dem Ministerpräsidenten Laval frühstücken wird. Die geplanten Erörterungen über Flotten- und Luftfahrtfragen werden im Verlaufe des Nachmittags beginnen.
mit einem offiziellen Kommunique in dem es heißt, daß eine vollständige Einigung zwischen den beiden Mächten erzielt worden sei. — „P o p o l o d ' Italia" sieht in dem Abschluß der deutsch-englischen Flottenverhandlungen einen willkommenen Anlaß, wieder einmal den Völkerbund anzugreifen. Ein ganz ähnlicher Hinweis findet sich übrigens auch in der „G a z e t 1 a del P o - p o l o", die sich darüber beklagt, daß man den Völkerbund heranziehe, wenn es sich um den italienisch-abessinischen Streit drehe, daß man aber nicht vom Völkerbund rede, wenn England, Deutschland und der Versailler Vertrag in Frage kämen. „P o p o l o d ' I t a l i a" betont, Italien habe früher als irgendeine andere Macht erkannt, daß die Verträge nicht ewig seien. In diesem Falle handele es sich aber um internationale Verpflichtungen, die Amerika, England, Japan, Frankreich und Italien angingen.
Polen wertet das deutsch-englische Flottenabkommen als einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der europäischen Abrüstung. Die halbamtliche „Gazeta P o l s k a" gibt aber in einem längeren Artikel aus Berlin der Befürchtung Ausdruck, daß die negative Haltung Frankreichs das Abkommen in Frage stellen könnte. Andererseits betrachte die englische Admiralität den Augenblick für günstig, um dem Wettrüsten wenigstens auf dem Gebiete zur See Einhalt zu gebieten. Deshalb sei anzunehmen, daß London einen starken Druck auf Paris geltend machen werde, damit Frankreich auf seine unerreichbaren Abrüstungspläne verzichtet und sich mit der etappenweisen Rüstungsbegrenzung Europas begnügt.
In Amerika wurde der Abschluß und der Inhalt des deutsch-englischen Flottenabkommens am Dienstag spät abends bekannt. In den maßgebenden Kreisen erklärt man, daß die amerikanische Regierung dieses Abkommen grundsätzlich billige. Man gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der deutsch-englische Vertrag die Möglichkeit einer neuen Rüstungsbeschränkung oder Rüstungsherabsetzung der hauptsächlichsten Flottennationen möglich machen werde.
3m Kriegsmarineausschuß der französischen Kammer fand am Mittwoch ein Meinungsaustausch über das deutsch-englische Flottenabkommen statt. Der Ausschuß beschloß, den Außenminister und den Kriegsmarineminister um Erläuterungen zu bitten.
Fortsetzung der Londoner Vesprechungen
London, 20. Juni. Die Verhandlungen der Flottensach- verstândigen nahmen am Mittwoch ihren Fortgang. Es wurden hauptsächlich technische Fragen erörtert. Botschafter von Ribbentrop hatte am Mittwoch eine längere Aussprache mit dem ständigen Anterstaatssekretär im Foreign Office Sir Robert Vansittart.
Sensation in Genf
Genf, 20. Juni. Das deutsch-englische Flottenabkommen wird in Genfer internationalen Kreisen als ein wichtiger Beitrag wenn nicht zur Abrüstung, so doch zur Rüstungsbegrenzung betrachtet.
Bezeichnend für den starken französischen Einfluß im Völkerbund ist es, daß schon die Tatsache einer den französischen Wünschen nicht ganz entsprechenden deutsch-englischen Einigung wie eine Sensation gewirkt hat und daß dementsprechend die Kauptaufmerksamkeit auf die Rückwirkungen in anderen Ländern, insbesondere in Frankreich, gelegt wird. Man sieht in der Haltung Englands eine Durchbrechung der Stresa-Front und ein unerwartet rasches Beifeiteschieben der Genfer Entschließung vom 17. April.
In der schweizerischen Presse ist man seit Tagen bemüht, die inneren Gründe für das Verhalten Englands aufzuzeigen, wobei die Meinungen und Vermutungen recht weit auseinandergehen. Man könne Englands Mittel kritisieren, aber es sei nicht zu bezweifeln, daß es seinen Einfluß im Sinne der Befriedung ausüben werde.
Amerikanischer Kriegsschiffbesuch in Bremen.
Deutschland hat amerikanischen Flottenbesuch bekommen. Der amerikanische Zerstörer „A ylwi n", der im Laufe einer längeren Übungsfahrt in europäischen Gewässern auch in der Nordsee Übungen ausgeführt hatte, lief als einzigen deutschen Hafen Bremen an. Als deutscher Verbindungsoffizier begab sich Kapitänleutnanl Wegener an Bord, um den Kommandeur des Zerstörers, Commander Gulbrauson, zu begrüßen. Das Hafenhaus hatte das amerikanische Sternenbanner gehißt.
Der Zerstörer „Avlwin" ist eines der j ü n g st e n Schiffe der amerikanischen Kriegsflotte. Er wurde am 1. März 1935 in Philadelphia in Dienst gestellt und ist 1500 Tonnen groß Die aus 170 Mann bestehende Besatzung des amerikanischen Kriegsschiffes wird in Bremen Besichtigungen vornehmen. Ein Teil der Besatzung ist außerdem von der deutschen Kriegsmarine zu einem Besuch nach Wilhelmshaven eingeladen worden.