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Erscheint jeden Werktag. Wochenbeilage: Der Sonntag". Bezugspreis: monatlich 1,70 NM. Bei Lieferungsbehinderung durchHöhere Ge­walt" bestehen keine Ansprüche. Verlag Fried­rich Ehrenklau, Fulda, Königstraße 42. Rotationsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lauter- dach/H. Hauptschriftleiter Friedrich Ehren­klau Fulda, Königstr. 42, Fernsprecher 2989. Verantw. für den Inhalt: B e r n d H e i m . Fulda.

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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt

Schristleitung und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Fernsprecher Nr. 2484

Nr. 160 12. Jahrgang

Fulda, Freitag, 12. Juli 1935

Einzelverkaufspreis 10 Pfg.

Grundlinien der englischen Autzenpolitik.

Große Rede des englischen Außenministers vor dem Unterhaus.

Unter außerordentlicher Spannung und Anteilnahme hielt der englische Außenminister Sir Samuel Hoare seine erste Rede als Chef der englischen Außenpolitik vor dem Unterhaus. Der Rede kam um so größere Bedeutung zu, als Hoare zum ersten Male die großen Linien der künftigen britischen Außenpolitik bekanntgab. In den Diplomatenlogen sah man die Botschafter Deutschlands, Frankreichs, Italiens und der Sowjetunion.

Sir Samuel Hoare begann seine Rede mit dem Hinweis auf den nervösen Zustand, in dem der Krieg die Welt zurückgelassen habe. Er erhob die Forderung, daß England und die anderen Länder ein wenig mehr Gut- . Artigkeit, gesunden Menschenverstand und freundliche Tole­ranz in die Führung der Außenpolitik einsühren sollten. Zum

deutsch-englischen Flottenabkommen

stellte der Minister fest, daß es sich keineswegs um ein egoistisches Abkommen handele. Die englische Regierung hätte kein Abkommen abschließen können, das nach ihrer Ansicht nicht auch für die andern Flottenmächte von Vor­teil sei. Sie hätte das Abkommen nicht abschließen können, wenn sie nicht der Ansicht gewesen wäre, daß es,

weit davon entfernt, ein allgemeines Abkommen zu erschweren,

dies vielmehr fördern werde. Die Flottenfrage sei stets getrennt für sich behandelt worden, und soviel er wisse, sei es stets die Absicht der Flottenmächte gewesen, sie getrennt zu behandeln. Abgesehen von der juristischen Seite, habe es der englischen Regierung geschienen, daß es im Interesse des Friedens äußerst starke Gründe gab, das Abkommen abzuschließen.

Unsere Flottensachverständigen, fuhr Hoare fort, rieten uns, das Abkommen anzunehmen, da es dem englischen Weltreich Sicherheit gewähre. Wir sahen eine Gelegenheit, die vielleicht nicht wiederkehrt,

â der Ursachen zu beseitigen, die vor dem Krieg Bitterkeit hervorriefen, nämlich das Wettrüsten zur See.

Aus den Besprechungen ergab sich die bedeutsame Er- ttarung der deutschen Regierung, daß in Zukunft, soweit B Deutschland interessiert sei, die deutsche Regierung eine der Ursachen ausschalten werde, die den Krieg so furchtbar machten, nämlich der unbeschränkte Einsatz der Untersee- boote gegen die Handelsflotte. Wir gelangten dadurch zu der Ansicht, daß Aussicht auf ein Abkommen bestand daß otsenkund-lg zum Vorteil auch der anderen Flottenmächte einschließlich Frankreich gereicht.

Das Abkommen gibt Frankreich gegenüber der deut­schen Flotte eine Überlegenheit von 43 v. H., im Vergleich zu einer Unterlegenheit von etwa 30 v. H. vor dem Kriege.

Zur Verteidigung unserer realistischen Haltung kann ich sagen: Als unsere ausländischen Freunde in der Ver­gangenheit ein unabhängiges Abkommen zu ihrem , eigenen Vorteil und zu ihrer eigenen Sicherheit, ohne U Schaden für jemand oder ohne Konsultation mit jemand, I abgeschlossen haben, da haben wir sie nicht kritisiert, fon- z dern wir haben Beifall gezollt und unser Bestes getan, I sie zu unterstützen. Ich glaube, wenn die Welt ruhiger > über diese Ergebnisse nachdenkt, wird sie sagen, daß die ? englische Regierung den besten Weg benutze, der ihr unter ' den obwaltenden Umständen allein offenffanh

Hoare behandelt dann den

Lustpakt

. und wies darauf hin, daß die Regierung nach wie vor einen Luftpakt anstrebe, der von einer Begrenzung der i Luftrüstungen begleitet sein müsse. Die Schwierigkeit be- ? stehe jedoch hier darin, die verschiedenen Ansichten auf i einen Nenner zu bringen, wie man die Verhandlungen darüber führen solle. Wenn man das wolle, müsse man die Zweifel und Schwierigkeiten der Nachbarn, das heißr der fünf Locarnomächte, verstehen. Es sei bekannt, daß diese den Luftpakt nicht von anderen Bedingungen trennen wollen. Es sei befürchtet worden, daß England das tun wolle. Demgegenüber betone er, daß der Frieden eine Einheit sei.

Der englische Außenminister Sir Samuel Hoare in seiner Unterhausrede weiter mit, daß die eng- uiche Regierung der deutschen Regierung ihre Ansichten in der

Ostpaktfrage

dargelegt habe. Nach Meinung der englischen Regierung bestehe kein Grund, warum keine schnellen Fortschritte für den Abschluß eines Ostpaktes erzielt werden sollten. Es itehe jetzt in Hitlers Macht, einen wirklichen Beitrag zwr Lache des Friedens zu machen, der die Geister -Nittel-, Ost- und Westeuropas stark be­ruhigen werde.

Hoare erklärte wörtlich:Ich möchte mir erlauben, ihn dringend zu bitten, diesen Beitrag zu leisten. Ich glaube in der Tat, daß er seiner eigenen Sache dienen wird, wenn er ihn leistet. Er selbst sprach sehr offen in seiner Rede vom 21. Mai, und ich weiß, daß er es nicht unfreundlich aufnehmen wird, wenn ich ebenso offen w f England und in der Tat die ganze - » ~ sind nicht nur durch das deutsche Wiederauf- r u st u n g s p r o g r a m m , sondern auch durch gewisse andere Erscheinungen im heutigen Deutschland beun­

ruhigt worden. Nichtsdestoweniger haben wir den Kanzler bei seinem Wort genommen, und erst in den letzten Wochen haben wir einen praktischen Beweis dafür geliefert, indem wir mit ihm das Flottenabkommen ab­geschlossen haben. Wir haben dadirrch, wie wir hofften, einen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Versöhnung gemacht. Aber Versöhnung ist wie der Friede eine Ein­heit und Vielheit zugleich, und alle Straßen füh­ren nach manchen Haupt stä d t e n. Laßt ihr daher den nächsten notwendigen Schritt vorwärts tun und der Aushandlung der Ost- und Donaupaktc vorwärtshelfen, wodurch er dem Abschluß eines Luft- Paktes, den er, wie ich weiß, wünsche, einen großen An­trieb erteilen würde."

Unter Beifall erklärte der Außenminister dann, daß er besonders auch die

Frage der österreichischen Unabhängigkeit und Unver­sehrtheit

erwähnen wolle. Immer wieder haben wir unsere über­legte Ansicht ausgesprochen, daß Österreich strategisch uni wirtschaftlich eine Schlüsselstellung in Europa einnimmt, und daß eine Änderung in seinem Status die Grundlagen des europäischen Friedens erschüttern würde. Wir werden weiterhin die mutigen Bemühungen, die die österreichische Regierung und das Volk zur Aufrechterhaltung und Stärkung ihres unabhängigen Bestehens machen, mii engstem und mitfühlendstem Interesse verfolgen.

Zur Abessinieusragc

stellte Hoare in feiner Unterhausrede fest, daß die eng­lische Regierung selbst auf die Gefahr hin, kritisiert zu werden, bereit gewesen sei, einen konstruktiven Vorschlag zu machen, um einen Krieg zu vermeiden, der ernste Aus­wirkungen auf das gesamte Völkerbundsshstem haben müsse. Die Behauptungen, daß England nur an seine eigenen Kolonialinteressen denke und in der benachbarten Kolonien Truppen zusammenziehe, ent­behrten jeder Begründung. England habe der italienischen Wunsch nach überseeischer Ausdehnung stete begriffen. Es gebe auch die Berechtigung einiger der ar Abessinien geübten Vorwürfe zu. Er frage aber, ob di<

Die Unterhaus-Aussprache.

London, 12. Sult.

In der Unreryausausfprache ergriff als Erster Sir Her­bert Samuel für die Oppositions-Liberalen das Wort. Er erklärte, es ser an der Zeit, zu erkennen, daß die Rü­stungsbestimmungen des Versailler Vertrages tot find und daß die Tatsache, daß sie nicht begraben worden sind, die Luft Europas vergifte. Nach einer unfreundlichen Bemerkung über Deutschland erklärte der Redner, man sehe in England ebenso gut wie in Frankreich die Ge­fahren, die sich aus den ständigen Erklärungen, des Kanz­lers gegen Sowjetrußland ergeben.. Zur abessinischen Frage übergehend, erklärte Samuel, daß ihn die Methode be­unruhige, die Italien anwende.

Winston Churchill übte in gewohnter Weise scharfe Kritik an der englischen Außenpolitik. Sie habe den Völ­kerbund geschwächt, die kollektive Sicherheit verschlechtert, Deutschlands Vertragsverletzungen verziehen (!) unb Stresa erschüttert. Das Vertrauen zwischen England und Frankreich sei erschüttert worden, das heute infolge d"" bedauerlichen Unterlegenheit der britischen Luftflotte gegen­über der deutschen notwendiger denn je sei. (!)

Lloyd George bedauerte, daß England anscheinend nicht wünsche, seine Verpflichtungen auf Grund der Völker­bundssatzung gegenüber Italien anzuwenden. Die Genfer Entschließung vom April, in der wirtschaftliche und finan­zielle Sanktionen gegen einen Vertragsbruch vorgesehen wurden, sei zwar gegen Deutschland gerichtet gewesen, aber man kann nicht einen Maßstab für Deutschland an­wenden und einen anderen für Italien". Abessinien sei aber der erste Fall, auf den die Genfer Entschließung an­wendbar wäre. Wenn es dem Völkerbund nicht gelinge, die abessinische Frage zu regeln, dann werde die letzte Spur seines Ansehens verschwinden.

Llohd George bat dann um die Erlaubnis, einige Be­merkungen zum Versailler Vertrag zu machen, der wie alle menschlichen Erzeugnisse voller Mängel gewesen sei. Er sei unter Bedingungen beispielloser Erbitterung geschrieben worden. Das Beste, was man habe tun können, fei die Einfügung von Maßnahmen für eine zukünftige Revision gewesen. Schon damals eine Revision zu ver­suchen, wäre Wahnsinn gewesen.

Lloyd George sprach dann von dergewaltigen Wehr­pflichtverordnung Deutschlands". In sehr kurzer Zeit wür­den die militärischen Streitkräfte Deutschlands die g r ö ß - ten in der Welt sein. Deutschland pfeife auf den Völker­bund. Italien tue dasselbe. Kurs gesagt, der Völkerbund sei nur noch ein Schutthaufen.

Sir Austin Chamberlain erklärte, er stimme darin überein, daß die Lage ernst genug sei und daß die Atmo­sphäre in Europa schlechter sei als vor einigen Monaten. Er wandte sich dann mit ziemlicher Schärfe und Ironie aeaen Lloyd George, den er fragte, ob er wirklich glaube,

tatsächlichen Ausdehnungsbedürfnisse Ita­liens und die Klagen gegen die abessinische Regierung eine ausreichende Ursache dar­stellten, um sich i n einen K r i e g z u stürzen.

Anschließend ging der Außenminister dazu über,

Englands Verhältnis zu anderen Mächten zu erörtern, und behandelte hier zunächst Frankreich. Frankreich und England, so führte er aus, sind die­jenigen Mächte Westeuropas, die in erster Linie verant­wortlich für die Regelung von 1919 sind. Wir haben dicht zusammengestanden, wir haben viele Jahre zusam­men gearbeitet, und wir werden fortfahren, zusammenzu­gehen und in der Zukunft zusammenzuarbeiten. Es ist nicht britische Art, alte Freundschaften zu opfern um neuer willen. Wenn wir neue Freundschaften suchen, werden wir das in einer Weise tun, daß wir unsere alten Freundschaften nicht gefährden. England verbinde auch mit Italien eine alte und wertvolle Freundschaft. Was S o w j e t r u ß l a n o anbetreffe, so seien die wirt­schaftlichen und politischen Beziehungen zu diesem Lande besser, als sie jemals waren.

Hinsichtlich Deutschlands erklärte Hoare: Unsere Haltung ist ein praktischer und verstehender Realismus. Hoare ging dann noch auf die Beziehungen Englands zu Japan und China ein und wies darauf hin, daß Eng­land besonderen Wert auf freundliche Beziehungen zu Japan lege. Er nehme sich jedoch die Freiheit und wolle den japanischen Freunden sagen, daß man in England besorgt sei wegen gewisser Ereignisse in Nordchina. Zum Schluß ging er auf die Beziehungen zu den Ver­einigten Staaten von Nordamerika ein, die aus­gezeichnet seien.

Hoare schloß mit der Erklärung, daß er wisse, welche große Verantwortlichkeit das britische Reich habe. Eng­land beabsichtige, feine Verflichtungen innezuhalten, die sich aus den Verträgen und aus den Völkerbundssatzungen ergeben, und es sei bereit, mit Europa auf der Grundlage einer kollektiven Sicherheit zusammenzuarbeiten.

daß er seinen Absichten diene, indem er allen anderen Na­tionen die Leviten lese, und indem er fremde Staatsober­häupter beleidige. Was würde er denn getan haben? Würde er, nachdem festgestellt worden sei, daß Deutschland sich wieder bewaffne, vorgeschlagen haben, daß Frankreich sich bewaffnen und in Deutschland einmarschie- ren solle? Er, Chamberlain, sei der Ansicht, daß Hoares heutige Erklärung in den fremden Hauptstädten einen grö­ßeren Eindruck machen würde, als man das im Hause an» zunehmen scheine.

Güdirland bleibt bei England.

Eine englische Warnung an de Valera.

Der englische Dominienminister Thomas gab im englischen Unterhaus eine bemerkenswerte Erklärung über die englisch-irischen Beziehungen ab, in der er u. a. sagte: Wir werden es nicht zulassen, daß Südirland aus dem britischen Staatsverband austritt und wir werden alle in unserer Macht stehenden Schritte tun, um das zu verhindern."

De Valera hatte vor einiger Zeit gefordert, daß ein von Ausländern zusammengesetztes Schiedsgericht über die Beziehungen Irlands zum Britischen Weltreich ent­scheiden solle?

Wird Südwesiafrika wieder deutsche Kolonie?

Durch Rückgabe der deutschen Kolonien würde England sich die dauerhafte Freundschaft Deutschlands sichern." Die englische ZeitungDaily Mail" gibt wie­derum einer Zuschrift Naum, in der der Einsender unter Hinweis auf Edens Somalilandangebot in Rom den Vor­schlag macht, Deutschlands frühere Kolonie in S ü d w e st a f r i ka z u r ückz u g e b e n. Es sei klar, daß ein so großes Volk wie das deutsche, das in unhemm­barem Wiederaufstieg begriffen sei, auf die Dauer nicht ohne Kolonien bestehen könne. Es wäre besser, heute eine freiwillige Geste zu machen und Deutschland seine früheren Besitzungen zurückzugeben, wodurch Eng­land die d a u e r h a f t e Freundschaft Deutsch­lands gesichert würde. Ähnliche Zuschriften tauchten in letzter Zeit wiederholt in verschiedenen englischen Blät­tern auf.