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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 160 — 12. Jahrgang
Fulda, Freitag, 12. Juli 1935
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Grundlinien der englischen Autzenpolitik.
Große Rede des englischen Außenministers vor dem Unterhaus.
Unter außerordentlicher Spannung und Anteilnahme hielt der englische Außenminister Sir Samuel Hoare seine erste Rede als Chef der englischen Außenpolitik vor dem Unterhaus. Der Rede kam um so größere Bedeutung zu, als Hoare zum ersten Male die großen Linien der künftigen britischen Außenpolitik bekanntgab. In den Diplomatenlogen sah man die Botschafter Deutschlands, Frankreichs, Italiens und der Sowjetunion.
Sir Samuel Hoare begann seine Rede mit dem Hinweis auf den nervösen Zustand, in dem der Krieg die Welt zurückgelassen habe. Er erhob die Forderung, daß England und die anderen Länder ein wenig mehr Gut- . Artigkeit, gesunden Menschenverstand und freundliche Toleranz in die Führung der Außenpolitik einsühren sollten. Zum
deutsch-englischen Flottenabkommen
stellte der Minister fest, daß es sich keineswegs um ein egoistisches Abkommen handele. Die englische Regierung hätte kein Abkommen abschließen können, das nach ihrer Ansicht nicht auch für die andern Flottenmächte von Vorteil sei. Sie hätte das Abkommen nicht abschließen können, wenn sie nicht der Ansicht gewesen wäre, daß es,
weit davon entfernt, ein allgemeines Abkommen zu erschweren,
dies vielmehr fördern werde. Die Flottenfrage sei stets getrennt für sich behandelt worden, und soviel er wisse, sei es stets die Absicht der Flottenmächte gewesen, sie getrennt zu behandeln. Abgesehen von der juristischen Seite, habe es der englischen Regierung geschienen, daß es im Interesse des Friedens äußerst starke Gründe gab, das Abkommen abzuschließen.
Unsere Flottensachverständigen, fuhr Hoare fort, rieten uns, das Abkommen anzunehmen, da es dem englischen Weltreich Sicherheit gewähre. Wir sahen eine Gelegenheit, die vielleicht nicht wiederkehrt,
â der Ursachen zu beseitigen, die vor dem Krieg Bitterkeit hervorriefen, nämlich das Wettrüsten zur See.
■ Aus den Besprechungen ergab sich die bedeutsame Er- ttarung der deutschen Regierung, daß in Zukunft, soweit B Deutschland interessiert sei, die deutsche Regierung eine der Ursachen ausschalten werde, die den Krieg so furchtbar machten, nämlich der unbeschränkte Einsatz der Untersee- boote gegen die Handelsflotte. Wir gelangten dadurch zu der Ansicht, daß Aussicht auf ein Abkommen bestand daß otsenkund-lg zum Vorteil auch der anderen Flottenmächte einschließlich Frankreich gereicht.
Das Abkommen gibt Frankreich gegenüber der deutschen Flotte eine Überlegenheit von 43 v. H., im Vergleich zu einer Unterlegenheit von etwa 30 v. H. vor dem Kriege.
Zur Verteidigung unserer realistischen Haltung kann ich sagen: Als unsere ausländischen Freunde in der Vergangenheit ein unabhängiges Abkommen zu ihrem , eigenen Vorteil und zu ihrer eigenen Sicherheit, ohne U Schaden für jemand oder ohne Konsultation mit jemand, I abgeschlossen haben, da haben wir sie nicht kritisiert, fon- z dern wir haben Beifall gezollt und unser Bestes getan, I sie zu unterstützen. Ich glaube, wenn die Welt ruhiger > über diese Ergebnisse nachdenkt, wird sie sagen, daß die ? englische Regierung den besten Weg benutze, der ihr unter ' den obwaltenden Umständen allein offenffanh
Hoare behandelt dann den
Lustpakt
. und wies darauf hin, daß die Regierung nach wie vor einen Luftpakt anstrebe, der von einer Begrenzung der i Luftrüstungen begleitet sein müsse. Die Schwierigkeit be- ? stehe jedoch hier darin, die verschiedenen Ansichten auf i einen Nenner zu bringen, wie man die Verhandlungen darüber führen solle. Wenn man das wolle, müsse man die Zweifel und Schwierigkeiten der Nachbarn, das heißr der fünf Locarnomächte, verstehen. Es sei bekannt, daß diese den Luftpakt nicht von anderen Bedingungen trennen wollen. Es sei befürchtet worden, daß England das tun wolle. Demgegenüber betone er, daß der Frieden eine Einheit sei.
Der englische Außenminister Sir Samuel Hoare in seiner Unterhausrede weiter mit, daß die eng- uiche Regierung der deutschen Regierung ihre Ansichten in der
Ostpaktfrage
dargelegt habe. Nach Meinung der englischen Regierung bestehe kein Grund, warum keine schnellen Fortschritte für den Abschluß eines Ostpaktes erzielt werden sollten. Es itehe jetzt in Hitlers Macht, einen wirklichen Beitrag zwr Lache des Friedens zu machen, der die Geister -Nittel-, Ost- und Westeuropas stark beruhigen werde.
Hoare erklärte wörtlich: „Ich möchte mir erlauben, ihn dringend zu bitten, diesen Beitrag zu leisten. Ich glaube in der Tat, daß er seiner eigenen Sache dienen wird, wenn er ihn leistet. Er selbst sprach sehr offen in seiner Rede vom 21. Mai, und ich weiß, daß er es nicht unfreundlich aufnehmen wird, wenn ich ebenso offen w f England — und in der Tat die ganze - » ~ sind nicht nur durch das deutsche Wiederauf- r u st u n g s p r o g r a m m , sondern auch durch gewisse andere Erscheinungen im heutigen Deutschland beun
ruhigt worden. Nichtsdestoweniger haben wir den Kanzler bei seinem Wort genommen, und erst in den letzten Wochen haben wir einen praktischen Beweis dafür geliefert, indem wir mit ihm das Flottenabkommen abgeschlossen haben. Wir haben dadirrch, wie wir hofften, einen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Versöhnung gemacht. Aber Versöhnung ist wie der Friede eine Einheit und Vielheit zugleich, und alle Straßen führen nach manchen Haupt stä d t e n. Laßt ihr daher den nächsten notwendigen Schritt vorwärts tun und der Aushandlung der Ost- und Donaupaktc vorwärtshelfen, wodurch er dem Abschluß eines Luft- Paktes, den er, wie ich weiß, wünsche, einen großen Antrieb erteilen würde."
Unter Beifall erklärte der Außenminister dann, daß er besonders auch die
Frage der österreichischen Unabhängigkeit und Unversehrtheit
erwähnen wolle. Immer wieder haben wir unsere überlegte Ansicht ausgesprochen, daß Österreich strategisch uni wirtschaftlich eine Schlüsselstellung in Europa einnimmt, und daß eine Änderung in seinem Status die Grundlagen des europäischen Friedens erschüttern würde. Wir werden weiterhin die mutigen Bemühungen, die die österreichische Regierung und das Volk zur Aufrechterhaltung und Stärkung ihres unabhängigen Bestehens machen, mii engstem und mitfühlendstem Interesse verfolgen.
Zur Abessinieusragc
stellte Hoare in feiner Unterhausrede fest, daß die englische Regierung selbst auf die Gefahr hin, kritisiert zu werden, bereit gewesen sei, einen konstruktiven Vorschlag zu machen, um einen Krieg zu vermeiden, der ernste Auswirkungen auf das gesamte Völkerbundsshstem haben müsse. Die Behauptungen, daß England nur an seine eigenen Kolonialinteressen denke und in der benachbarten Kolonien Truppen zusammenziehe, entbehrten jeder Begründung. England habe der italienischen Wunsch nach überseeischer Ausdehnung stete begriffen. Es gebe auch die Berechtigung einiger der ar Abessinien geübten Vorwürfe zu. Er frage aber, ob di<
Die Unterhaus-Aussprache.
London, 12. Sult.
In der Unreryausausfprache ergriff als Erster Sir Herbert Samuel für die Oppositions-Liberalen das Wort. Er erklärte, es ser an der Zeit, zu erkennen, daß die Rüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages tot find und daß die Tatsache, daß sie nicht begraben worden sind, die Luft Europas vergifte. Nach einer unfreundlichen Bemerkung über Deutschland erklärte der Redner, man sehe in England ebenso gut wie in Frankreich die Gefahren, die sich aus den ständigen Erklärungen, des Kanzlers gegen Sowjetrußland ergeben.. Zur abessinischen Frage übergehend, erklärte Samuel, daß ihn die Methode beunruhige, die Italien anwende.
Winston Churchill übte in gewohnter Weise scharfe Kritik an der englischen Außenpolitik. Sie habe den Völkerbund geschwächt, die kollektive Sicherheit verschlechtert, Deutschlands Vertragsverletzungen verziehen (!) unb Stresa erschüttert. Das Vertrauen zwischen England und Frankreich sei erschüttert worden, das heute infolge d"" bedauerlichen Unterlegenheit der britischen Luftflotte gegenüber der deutschen notwendiger denn je sei. (!)
Lloyd George bedauerte, daß England anscheinend nicht wünsche, seine Verpflichtungen auf Grund der Völkerbundssatzung gegenüber Italien anzuwenden. Die Genfer Entschließung vom April, in der wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen gegen einen Vertragsbruch vorgesehen wurden, sei zwar gegen Deutschland gerichtet gewesen, aber „man kann nicht einen Maßstab für Deutschland anwenden und einen anderen für Italien". Abessinien sei aber der erste Fall, auf den die Genfer Entschließung anwendbar wäre. Wenn es dem Völkerbund nicht gelinge, die abessinische Frage zu regeln, dann werde die letzte Spur seines Ansehens verschwinden.
Llohd George bat dann um die Erlaubnis, einige Bemerkungen zum Versailler Vertrag zu machen, der wie alle menschlichen Erzeugnisse voller Mängel gewesen sei. Er sei unter Bedingungen beispielloser Erbitterung geschrieben worden. Das Beste, was man habe tun können, fei die Einfügung von Maßnahmen für eine zukünftige Revision gewesen. Schon damals eine Revision zu versuchen, wäre Wahnsinn gewesen.
Lloyd George sprach dann von der „gewaltigen Wehrpflichtverordnung Deutschlands". In sehr kurzer Zeit würden die militärischen Streitkräfte Deutschlands die g r ö ß - ten in der Welt sein. Deutschland pfeife auf den Völkerbund. Italien tue dasselbe. Kurs gesagt, der Völkerbund sei nur noch ein Schutthaufen.
Sir Austin Chamberlain erklärte, er stimme darin überein, daß die Lage ernst genug sei und daß die Atmosphäre in Europa schlechter sei als vor einigen Monaten. Er wandte sich dann mit ziemlicher Schärfe und Ironie aeaen Lloyd George, den er fragte, ob er wirklich glaube,
tatsächlichen Ausdehnungsbedürfnisse Italiens und die Klagen gegen die abessinische Regierung eine ausreichende Ursache darstellten, um sich i n einen K r i e g z u stürzen.
Anschließend ging der Außenminister dazu über,
Englands Verhältnis zu anderen Mächten zu erörtern, und behandelte hier zunächst Frankreich. Frankreich und England, so führte er aus, sind diejenigen Mächte Westeuropas, die in erster Linie verantwortlich für die Regelung von 1919 sind. Wir haben dicht zusammengestanden, wir haben viele Jahre zusammen gearbeitet, und wir werden fortfahren, zusammenzugehen und in der Zukunft zusammenzuarbeiten. Es ist nicht britische Art, alte Freundschaften zu opfern um neuer willen. Wenn wir neue Freundschaften suchen, werden wir das in einer Weise tun, daß wir unsere alten Freundschaften nicht gefährden. England verbinde auch mit Italien eine alte und wertvolle Freundschaft. Was S o w j e t r u ß l a n o anbetreffe, so seien die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesem Lande besser, als sie jemals waren.
Hinsichtlich Deutschlands erklärte Hoare: Unsere Haltung ist ein praktischer und verstehender Realismus. Hoare ging dann noch auf die Beziehungen Englands zu Japan und China ein und wies darauf hin, daß England besonderen Wert auf freundliche Beziehungen zu Japan lege. Er nehme sich jedoch die Freiheit und wolle den japanischen Freunden sagen, daß man in England besorgt sei wegen gewisser Ereignisse in Nordchina. Zum Schluß ging er auf die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein, die ausgezeichnet seien.
Hoare schloß mit der Erklärung, daß er wisse, welche große Verantwortlichkeit das britische Reich habe. England beabsichtige, feine Verflichtungen innezuhalten, die sich aus den Verträgen und aus den Völkerbundssatzungen ergeben, und es sei bereit, mit Europa auf der Grundlage einer kollektiven Sicherheit zusammenzuarbeiten.
daß er seinen Absichten diene, indem er allen anderen Nationen die Leviten lese, und indem er fremde Staatsoberhäupter beleidige. Was würde er denn getan haben? Würde er, nachdem festgestellt worden sei, daß Deutschland sich wieder bewaffne, vorgeschlagen haben, daß Frankreich sich bewaffnen und in Deutschland einmarschie- ren solle? Er, Chamberlain, sei der Ansicht, daß Hoares heutige Erklärung in den fremden Hauptstädten einen größeren Eindruck machen würde, als man das im Hause an» zunehmen scheine.
Güdirland bleibt bei England.
Eine englische Warnung an de Valera.
Der englische Dominienminister Thomas gab im englischen Unterhaus eine bemerkenswerte Erklärung über die englisch-irischen Beziehungen ab, in der er u. a. sagte: „Wir werden es nicht zulassen, daß Südirland aus dem britischen Staatsverband austritt und wir werden alle in unserer Macht stehenden Schritte tun, um das zu verhindern."
De Valera hatte vor einiger Zeit gefordert, daß ein von Ausländern zusammengesetztes Schiedsgericht über die Beziehungen Irlands zum Britischen Weltreich entscheiden solle?
Wird Südwesiafrika wieder deutsche Kolonie?
„Durch Rückgabe der deutschen Kolonien würde England sich die dauerhafte Freundschaft Deutschlands sichern." Die englische Zeitung „Daily Mail" gibt wiederum einer Zuschrift Naum, in der der Einsender unter Hinweis auf Edens Somalilandangebot in Rom den Vorschlag macht, Deutschlands frühere Kolonie in S ü d w e st a f r i ka z u r ückz u g e b e n. Es sei klar, daß ein so großes Volk wie das deutsche, das in unhemmbarem Wiederaufstieg begriffen sei, auf die Dauer nicht ohne Kolonien bestehen könne. Es wäre besser, heute eine freiwillige Geste zu machen und Deutschland seine früheren Besitzungen zurückzugeben, wodurch England die d a u e r h a f t e Freundschaft Deutschlands gesichert würde. Ähnliche Zuschriften tauchten in letzter Zeit wiederholt in verschiedenen englischen Blättern auf.