Zul-aer Anzeiger
MLDL^M- G Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Sä"sK«.™SCs Zul-a- und Haunetal ♦ Zulöaer Kreisblatt ö Hauptschriftleiter Friedrich Ehren-
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Nr. 173 — 12. Jahrgang
Fulda, Samstag, 27. Juli 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Die letzte Hoffnung.
Sehr wenig Aussicht auf eine Beilegung des Abessinienkonfliktes in Genf. — Kriegstaumel in Rom.
Die letzte Hoffnung, den italienisch-abessinischen Krieg zu verhindern, ist die Tagung des Völkerbundsrats am 31. Juli, zu der Vertreter Abessiniens und Italiens er- scheinen werden. Gerüchte, daß Italien aus dem Völkerbund austreteu wolle, sind von zuständiger Seite in Rom zmütlgewiesen worden. Allerdings wurde besonders hervolgl'hoben, daß Italien „im jetzigen Zeitpunkt nicht die Absicht habe", auszutreten. Das ist immerhin ein bedeutsamer Vorbehalt.
Ebenso wie von der Aussprache über den Abessinien- Wikt in Genf, erhofft man bei den Mächten von dem italienischen Angebot an den Völkerbund, die Schlichtungsverhandlungen wiederaufzunehmen, nicht viel.
Die britische Regierung vertritt den Standpunkt, daß die Aussprache des Völkerbundsrats sich auf den g a n z e n Streit beziehen solle. Die französische Legierung indessen scheine jetzt geneigt zu sein, eine We Ausdehnung der Erörterung als politisch unzweckmäßig anzusehen.
Die Aussichten der Völkerbundsratstagung kerben i n Paris im Gegensatz zu London etwas günstiger beurteilt. Aber auch der absichtlich in Paris zur 2^au getragene Optimismus kann nicht darüber Hinweg- tauschen, daß die Lage auch nach Auffassung der franzo- sischen Kreise ernst bleibt und es aller Anstrengungen dcdarf, um den Ausbruch des Konflikts zu verhüten.
In Rom herrscht ein regelrechter Kriegstaumel.
Ae Massenkundgebungen gegen Abessinien, wie sie bereits ui den letzten Tagen in allen Teilen Italiens vor sich Men, haben durch große Kundgebungen in * Stadtvierteln Roms ihren Höhepunkt erreicht, wobei cs zu stürmischen Huldigungen für Mussolini und seine Nitis kam. Nach diesen Veranstaltungen bewegten sich ast unabsehbare Menschenmassen mit Musik und zahllosen Plakaten
gegen die englisch-japanischen Wassenlieferanten, gegen
den Völkerbund und vor allem gegen Abessinien
dlnch die Hauptstraßen Noms und versammelten sich auf m im Stadtinnern gelegenen Piazza Colonna, wo der Mleisekretär der Stadt Rom die Schlnßansprache hielt, sloer die gesamten Kundgebungen wurde fortlaufend von «orinetti, Mitglied der Akademie von Italien, im Rund- ml berichtet. Marinetti schloß seinen Bericht mit dem
„Abessinien muß unser sein!"
Abessiniens Rüstung völlig unzureichend.
Über die militärische Leistungsfähigkeit Abessiniens von einem Sonderberichterstatter der Londoner es" aus Addis Abeba u. a. berichtet, der V o r r a t oj f e n und Munition sei der Menge nach selbst für W Feldzug von mäßiger Dauer völlig u n z u - Dchend und ihrer Beschaffenheit nach für bie Durch- Nng eines schnellen und siegreichen Feldzuges gänzlich geeignet. Die Einfuhr von Waffen sei sehr geringfügig, m dem 1. Januar d. I. seien zwei bis drei Schiffs- Mngen Waffen, darunter eine aus der Tschechoslowakei, UNoffen. Insgesamt handele es sich um 16 000 Ge- ^0 automatische Gewehre, 200 Flugzeugabwehr- WAngewehre, 5V» Millionen Patronen.
N dringendsten sei das Bedürfnis nach Gewehr- Munition.
seien so knapp, daß sogar die Kaiserliche 'Oc Schießübungen nur in bescheidenstem Maßstab ver
Der Kongreß — springt.
Kommunistischer Weltkongreß mit Theaterdonner.
. Siebente Weltkongreß der Kommunistischen ß ""^tionale trat unter Teilnahme von Vertretern der
Parteien aus 65 Ländern im Ge- „ üchaftshaus in Moskau zusammen. Anwesend waren -der aus dem Reichstagsbrandstifterprozeß bekannte Pi, Ur off für Bulgarien, der deutsche Kommunist "ud andere Koryphäen.
intern.' m Pieck, „einem der ältesten Führer der 'Ovalen Arbeiterbewegung", wie die amtliche krosM fa0t, wurde die Aufgabe zuteil, ben Kongreß für
" erklären. Thälmann wurde Ehrenvor- geacn^ sandte sich in einer Rede mit besonderem Haß fannLn "ene Deutschland und erging sich in diesem Zu- To b c sogar in wilden Kriegsdrohungen, lisvuis« - er' d"ß das „Proletariat und der Kommu- der v "'Hi umhin können würden, einzugreifen, wenn ^le" n1^. Faschismus" einen Anschlag auf die natio- Nncr • ^ßfeit und Einheit heute selbständiger ^ cationen Europas unternehmen sollte. (!)
em für diese Umgebung bezeichnendes Zwi Uche» „ - Saal betrat eine Abordnung von inänn weiLlichsn. ZaLschi ruurbioring^
" der theatvalstchen Wirkung h
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anstalten könne, obwohl es nur guter Schießserttgkeii bedürfe, um den Abessinier zu einem erstklassigen Soldaten zu machen.
Im besten Falle besitze Abessinien 15 Millionen moderne Gewehrpatronen und 30 000 moderne, zum
Teil automatische Gewehre.
Bei der Freude des Abessiniers am Schießen dürften die Vorräte nicht lange anhalten. Die elf Flugzeuge würden zum Teil für das Rote Kreuz gebraucht werden. Nur fünf der Flugzeuge seien als Bombenmaschinen eingerichtet. Die vorhandenen Kanonen seien unbrauchbar.
Die abessinische Nordarmee, die der größten italienischen Streitmacht gegenüberstehe, bestehe nach teilweiser Mobilmachung aus ungefähr 160 000 Mann. Sie besitze meist alte Gewehre aus den siebziger Jahren. Infolgedessen predige die Regierung unablässig die Taktik des Kleinkrieges und der nächtlichen Überfälle, um die italienischen Angreifer auf diese Weise überraschend zu vernichten.
Erfolglose Verhandlungen in Rom
London, 27. Juli.
. Wie verlautet, besteht das Hauptziel der zur Zeit in Rom noch stattfindenden diplomatischen Verhandlungen zwischen der italienischen Regierung und den Vertretern Englands und Frankreichs darin, Italien zu bewegen, seine Ansprüche an Abessinien auf das wirtschaftliche Gebiet zu beschränken. Nach englischen Meldungen sind diese Bemühungen bisher jedoch ohne Erfolg geblieben. Die große Streitfrage, in der die Meinungen aus- einanderklaffen, sei die der politischen Kontrolle Italiens über Abessinien. Abessinien habe seine Bereitwilligkeit zu wirtschaftlichen Zugeständnissen an Italien bekundet, und man sei in London der Meinung, daß dies ein Ausweg sei, falls Italien sich mit Forderungen wirtschaftlicher Natur bescheiden würde.
Wie Preß Association weiter meldet, sind wegen der «nglandfeindlichen Kundgebungen, die Donnerstag in Rom stattfanden, keine englischen Vorstellungen erhoben worden. Man scheine es vorzuziehen, die Kundgebungen zu ignorieren.
Die Einladung ergangen
Rom, 27. Juli.
Die Mitteilung der Einberufung einer außerordentlichen Tagung des Völkerbundsrates ist am Freitag bei der italienischen Regierung eiitzgetroffen. Die Antwort, ob Italien den 31. Juli oder den 1. August vorzieht, wird rechtzeitig am Sonnabend in Genf eintreffen. Es steht bisher noch nicht fest, wer Italien am Ratstisch vertreten wird.
„Alle Gegensätze Neiden Meisen"
Rom, 27. Juli.
Angesichts des nunmehr als unvermeidlich betrachteten Zusammentritts des Völkerbundsrates ist der Ton der Presse am Freitag um einige Grade ruhiger. Die Erregung der letzten Tage scheint in den Massenkundgebungen am Donnerstag ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Selbstverständlich heißt dies nicht, daß Italien irgendwie seinen grundsätzlichen Standpunkt aufgegeben hat. Sach- lid) bleiben alle Gegensätze bestehen.
Hosen trugen. Einer von ihnen hielt eine mit großem Beifall aufgenommene Rede, in der u. a. erklärt wurde: „Wir wollen würdige Kämpfer zur Verteidigung unseres großen Vaterlandes werden. Wir werden uns schlagen; so wird sich kein Soldat eines imperialistischen Landes schlagen können. Wir werden siegen, weil wir in der Schlachtentradition der Partei erzogen sind."
Dieser Ansprache folgte die Rede einer Fallschirmspringerin, die noch kriegerischer als ihr männlicher Genosse auftrat, und u. a. erklärte: „Wir haben den Leipziger Prozeß, die Ausstände in Asturien und die Kämpfe der chinesischen Roten mit Aufmerksamkeit verfolgt. Wenn wir im Augenblick noch keine Möglichkeit haben, den leidenden ausländischen ..^0 Proletariern zu helfen, so mögen ihnen unsere Erfolge ein Unterpfand für die Zukunft sein."
Ten beiden Fallschirmabspringern, die von dem Kongreß begeistert gefeiert wurden, folgten auf der Rednertribüne Vertreter der jüngsten Jungkommunisten, der sogenannten Pioniere oder Oktoberkinder.
Ihnen allen antwortete im Namen des Kongresses der französische Kommunistenführer Eachin.
Daraus schloß Pieck die erste Sitzung des Weltkongresses der Komintern.
Kampf um die Weltmärkte.
Das Gespenst der Sorge hat kein Land und kein Volk in den letzten zwanzig Jahren verschont. Unter dem Druck der Weltkriegsfolgen — Verschuldung, Neuaufbau von Industrien in Staaten, die bis dahin in anderen Ländern ihren Fertigwarenbedarf deckten, Rohstoffmangel auf der einen und Rohstoffüberfluß auf der anderen Seite, Währungswirren und Warenaustausch nach Kontingenten — finb die Märkte enger und die Absatzmöglichkeiten geringer geworden. Um die aufnahmefähigen Märkte, um die kaufkräftigen Länder ist von allen Seiten ein heftiger Kampf entbrannt, der mit mehr oder weniger reellen Mitteln geführt wird.
An der Spitze der Länder, die in den letzten Jahren mit besonderer Heftigkeit auf die Weltmärkte vorgestoßen sind, steht Japan. Vor vier, fünf Jahren begann es die Welt mit seinen billigen Jndustrieprodukten, Glühlampen, Strümpfen, Stoffen in Seide und Baumwolle, Fahrrädern und tausend anderen Dingen, zu überschwemmen. Es ging sehr folgerichtig vor. Erst belieferte es die qualitätsmäßig weniger anspruchsvollen Länder um den Pazifischen Ozean, Indien, Australien, Südamerika, und brach damit dort die schon für unantastbar gehaltene Vormachtstellung der alten Industrieländer Europas und Amerikas. Dann erst wandte es sich Europa und den Vereinigten Staaten zu, wo es freilich weniger offene Aufnahme fand. Wenn trotzdem manch bedeutsamer Warenposten dort Eingang fand, so geschah das nicht zuletzt infolge der furchtbaren Krise, die um 1930/31/32 sich in Europa breit machte und die Länder für billige und billigste Waren aufnahmebereit gemacht hat. Damals vollzog sich die Durchdringung mit billigsten japanischen Waren so leicht, man möchte fast sagen selbstverständlich, daß das wenig schöne Schlagwort von einer neuen „gelben Gefahr" aufkam. Einer näheren Untersuchung hält diese Behauptung nicht ganz stand. Bei der Frage nach den besonderen Gründen, die Japan einen solchen starken Wettbewerb gegenüber den alten Industrieländern ermöglichte, stößt man immer wieder auf das Zusammenwirken der folgenden drei Punkte: die Entwertung der japanischen Währung um rund 60 v. H., die ungeheuer niedrigen Löhne, nicht zuletzt bedingt durch die Frauenarbeit (besonders in der Textilindustrie, deren Erzeugnisse schon zwei Drittel der japanischen Ausfuhr ausmachen), und der niedrige Lebens- st a n d a r d , der sich aus der großen Anspruchslosigkeit der japanischen Bevölkerung erklärt. Aber diese drei anregenden Momente haben keinen Ewigkeitswert. Die Vorteile, die die Yenentwertung brachte, sind mit der langsam, aber sicher einsetzenden Preissteigerung in Jgpan im Schwinden begriffen. Sie drückt auf die Löhne und gefährdet die billige Lebenshaltung. Hinzu kommt die äußerst schwierige Finanzlage des japanischen Staates, der heute bereits eine Staatsschuld von 8,5 Milliarden Yen mit einem jährlichen Zinsendienst von 460 Millionen (b. i. ein volles Drittel aller ordentlichen Einnahmen) hat. Diese enorme Schuld geht zu einem beträchtlichen Teil auf die militärischen Abenteuer Japans in China und der Mandschurei zurück, die Unsummen für Kriegsmaterial verschlungen haben. Aufschwunghemmend wirkt weiter das Bemühen der europäischen Länder, die Einfuhr japanischer Waren mit Ausnahmezöllen zu belegen und zum anderen die schlechte Lage der Landwirtschaft, die zugunsten der Industrie in dèn letzten Jahren völlig vernachlässigt worden und jetzt dicht vor dem Zusammenbruch ist. Alle diese Umstände lassen es mehr als zweifelhaft erscheinen, daß Japan den schnellen Erfolg der letzten vier Jahre auf bie Dauer wird fortsetzen können. Auf der anderen Seite muß aus Gründen der Gerechtigkeit zugegeben werden, daß nicht Übermut Japan veranlaßte, mit allen Mitteln um seine politische und wirtschaftliche Ausbreitung zu kämpfen, sondern vielmehr der mangelnde Lebensraum für seine ständig wachsende Bevölkerung. Um dieses Mißverhältnis auszugleichen, führt es seine Kriege und wird es sie weiterführen. Die Befürchtung, es werde sich and) in den Konflikt Ftalien-
Aber, Herr Litwinow!
Dieser kommunistische Kongreß, der für unsere Begriffe wohl überaus lächerlich aufgezogen ist (aber die ganze Art gilt dort drüben ja bekanntlich als äußerst revolutionär und wegweisend!) wirft wieder ein grelles Schlaglicht auf die Pläne der Komintern in Rußland, die ihren Anspruch aus Weltrevolution und Weltbeherrschung durchaus noch nicht ausgegeben haben. Daß vor allem gegen das neue Deutschland gehetzt wurde, nimmt uns dabei weiter nicht wunder. Wir wissen jedenfalls, was wir von dem Nichteinmischungsgeschwätz der Vertreter des Sowjetstaates zu halten haben. Zu bedauern ist eigentlich nur Herr Litwinow, der feine Mühe haben wird, sich in seiner Stellung als Völkerbundspräsident zu rechtsertigen. Denn daß der Bund eine Weltrevolution â la Lenin anstrebt, bas glauben auch wir nicht. Dann ist es aber doch etwas peinlich, wenn man ausgerechnet einen Vertreter eben dieser Weltrevolution so eifrig ummorben und mit solcher Bereitwilligkeit in seine Mitte ausgenommen hat, wie es seinerzeit mit Herrn Lit- wnow geschehen ist. Herr Litwinow wird die Sache schon zu seinen Gunsten zu drehen wissen, daran ist kein Zweifel. Aber etMW unbeouem wird es ihm doch fein, dieses kriegerische Geschrei der ObtoderkinLer in seinem Rücken . . .