Fuldaer Anzeiger
jeden Werktag. Wochenbeilage: „Der Bezugspreis: monatlich 1,70 RM. «-?"»üferungsbehinderung durch „Höhere Ee- t"bestehen keine Ansprüche. Verlag Fried- Ehren kl au, Fulda, Königstraße 42. «^tionsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lauter- ^ö Sauptschritleiter Friedrich Ehrenmal Fulda, Konigstr. 42, Fernsprecher 2989. - Berantw für den Inhalt: V e r n d H e i m , Fulda.
194 — 12. Jahrgang
Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa- unö Haunetal-Zulöaer Kreisblatt
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Fulda, Mittwoch, 21. Auugst 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Neues NngM in der Reichshauptstadt Der Tunneleinsturz am Brandenburger Tor.
Noch war die Brandkatastrophe auf der Funkaus- »eüiuia in aller Munde, als die Nachricht eines neuen Unalücks die Rcichshauptstadt durcheilte. Aus dem Bauab- [rf)!i:H Pvtsdamer Platz—Brandenburger Tor der Berliner «ordsüd-8-Bahn stürzte ein etwa 60 Meter langes Stück des im Bau befindlichen Tunnels in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores ein. Auf den Befehl „Achter Alarm!" eilten sofort zahlreiche Feuerwehrzüge und Rettungsmannschaften der Polizei an die Unfallstclle, um die unter den Erdmassen verschütteten Arbeiter zu bergen.
Schon bald nach Eintreffen der llnglücksbotschaft be- gaben sich Reichsminister Dr. F r i ck sowie Polizeipräsident Graf Helldorf und der Kommandeur der Schutzpolizei Dillenburger zur Unfallstelle. Ebenfalls erschien Reichsorganisationsleiter Dr. Ley. Die Feuerwehr begann sofort mit den A u f r ä u m u n g s a r b e i t e n und versuchte, die herabgestürzten Erdmassen freizulegen.
Die Reichswehr setzte eine Pionierkompanie ein.
Nach den ersten anstrengenden Bemühungen gelang es, vier Verschüttete zu bergen.
Das Unglück hätte fast noch größeres Ausmaß angenommen. In dem Augenblick, als die Straßendecke nachgab, kam nämlich ein Straßenbahnzug in die Nähe des Tunnelbaues.
Der Führer des Stratzenbahnzuges konnte beu Strußerlbahnzug sofort anhalten und rückn»ärts fahren.
Dadurch entgingen die beiden Fahrzeuge einem schweren Unglück. In wenigen Sekunden st ü r z t e dann der gesamte Fahrdamm ein. Immer mehr Erdreich rutschte nach; die Straßenbahngleise hingen in der Luft. Rechts und links d.es Fahrdammes kamen weitere Erdmassen ins Rollen, so daß 20 M e t e r hohe Bäume, die Masten der Straßenbahnleitungen, ebenso wie der ganze Bauzaun und kleine Baubuden in das sich öffnende Erdreich nach stürzten. Die starken Absteifungen knickten wie Streichhölzer zusammen, so daß Bauhölzer, Schienen und Eisenträger ein wüstes Durchei.nand.er bildeten.
Den ersten eintreffcnden Rettungsmannschaften bot sich ein furchtbarer Anblick.
Wie ein Trümmerfeld sah die Hermann-Göring-Straße am Rande des Tiergartens aus; die Einsturzstelle war etwaig bis 35 Meter breit. Mit höchster Energie gingen dle Feuerwehrmannschaften an die Arbeit. Zu gleicher Zeit wurden alle verfügbaren Kräfte aus den benachbarten Bauabschnitten des Nord-Süd-S-Bahn-Tunnels an die Unglücksstelle befohlen. Spezialgeräte der Feuerwehr, Schweißapparate und lange Seile wurden heran- ^Mft, um den verschütteten Tunnelschacht freizube- wmmen. Zahlreiche große eiserne Rohre waren Seerochen, elektrische Leitungen gerissen. Die Een, halbmeterstarken Träger hatten unter der Wucht aachstürzenden Massen nachgegeben. Die in die «ube stürzenden Wassermengen konnten jedoch Weil abgeriegclt werden. Mit Schneidebrennern und Schälmaschinen wurden die eisernen Träger, die durch- !,,âber lagen, auseinandergeschnitten, während mehrere wert Arbeiter die Erdmassen hinwegzuschaufeln be-
In der Das Einsturzunglück in der Hermann-Göring-Straße.
zu Berlin ereignete sich ein schweres Einsturzunglück: Dort brach aus bisher noch ilr,ache ein ?o-Lahn-Schacht in einer Länge von 50 Meter und in einer Breite von 40 Meter plötzlich ein. (Weltbild — M.)
ein e»!
Unmittelbar nach dem Bekanntwerdcu des Unglücks begab sich Reichsmimfier Dr. Goebbels sofort an die UnglSMfiStte.
Der Garten des Ministers Goebbels, ebenso seine ganze Wohnung wurden auf seine persönliche Anweisung zu Sanitätszwecken zur Verfügung gestellt, um den Verunglückten jede allenfalls notwendige Hilfe zu leisten.
Die Ursache des Unglücks ist noch nicht einwandfrei geklärt. Von feiten der an der Unglücksstelle anwesenden Negierungsmitglieder wurde jedoch eine st r e n g e Unters u ch u n g angeordnet, um festzustellen, ob und inwieweit Fahrlässigkeit der beteiligten Anssichtsstellen in Frage kommt.
Abgesagte Empfänge der Michsregierung.
Der für Dienstag abend in Aussicht genommene Empfang von Mitgliedern des 11. Internationalen Strafrechts- und Gefängniskongresses durch die Reichs- regierung ist mit Rücksicht auf das schwere Unglück abaelaai worden.
Wird Mars die Stunde regieren?
Die Dreimächtekonferenz ist ausgeflogen, was angesichts der bestimmten Haltung Mussolinis vorauszusehen war, und schon rechnet man in italienischen Kreisen damit, daß am 1 5. September d i e Divisionen marschieren werden. Die letzte Chance ist verpaßt. Wenn nicht in letzter Minute noch eine Möglichkeit gefunden wird, den Krieg zu vermeiden, wird Mars die Stunde regieren.
Um die Hintergründe des Abessinien- Konfliktes verstehen zu können, muß man weit zurückgreifen, denn der Kern des nordostafrikanischen Problems liegt in der Zeit des Weltkrieges, ja sogar vor dem Ausbruch des Weltbrandes. Im Zeitalter des Imperialismus, als die weiße Rasse den Erdball unter sich aufteilte, kamen 1 9 0 6 Frankreich, England und Italien in einem Vertrage überein, den politischen und territorialen Status quo in Abessinien aufrechtzuerhalten, das heißt, das afrikanische Kaiserreich unangetastet zu lassen. Hinter diesem diplomatischen Spiel verbirgt sich aber mehr oder minder zart verhüllt der Pferdefuß: d ieAbgrenzung der Interessensphären! Mit diesem Begriff tarnte der Imperialismus seine Eroberungsgelüste. Das britische Imperium legte die Hand auf das Nilbecken, Frankreich sicherte sich das Hinterland seiner Kolonie Französisch-Somaliland mit der einzigen Eisenbahnlinie, die von dem Hafen Dschibuti am Roten Meer nach der abessinischen Hauptstadt Addis Abeba führt, und Italien richtete sich in Eritrea und Somali- l a n d ein. Dieser Vertrag und seine Innehaltung wird heute von England immer wieder ins Feld geführt und war auch bei den jetzt gescheiterten Pariser Verhand- lunaen die Grundlaae der e n ci l i s ck e n Hal -
Der Präsident der Akademie für Deutsches Recht, Reichsminister Dr. Hans Frank, hat in Anbetracht des Unglücks in Berlin, den Abendempfang am 21. August 1935,'30.30 Uhr in den Festsälen von ârott, abgesagt.
Das Berliner EinsturzunglM
Berlin, 21. August.
Die Deutsche Reichsbahn teilt mit: Die Aufrâu- m u n g s a r^b e i t e N an der eingestürzten Baugrube der Nord-Süd-S-Bahn in der Hermann-Göring-Straße werden mit äußerster Energie betrieben. Neben der Feuerwehr sind Pioniere und Technische Nothufe eingesetzt worden. Der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn hat schärfste Untersuchung angeordnet und läßt während der Aufräumungsarbeiten photographisch jede einzelne Phase festlegen, um der Untersuchungskommission einen möglichst einwandfreien Einblick in die Vorgänge, die zu dem bedauernswerten Unglück geführt haben, zu geben. Ehe die Aufräumungsarbeiten durchgeführt sind, wird sich voraussichtlich die Entstehungsursache des Unglücks nicht feststellen lassen.
Neben den vier Verletzten, die in die Charite übergeführt worden sind, konnte bisher keiner von den vermutlich verschütteten Arbeitern geborgen werden. Es ist damit zu rechnen, daß die Aufräumungsarbeiten trotz aller Beschleunigung mindestens noch einen vollen Tag in Anspruch nehmen werden.
tung. Mussolini hält diesen Vertrag für überholt und nicht mehr bindend. Er präsentiert heute den beiden Westmächten die Rechnung des Weltkrieges: Im Londoner Geheimvertrag von 1915 hat sich Italien den Eintritt in den Weltkrieg auf feiten der Entente mit dem Versprechen auf Kolonialbesitz bezahlen lassen. In Versailles hat man die Londoner Verpflichtung nicht gehalten. Mussolini hat sich damit nicht abgefunden und die Frage grundsätzlich gefaßt, so daß er nicht bereit ist zu nur wirtschaftlichen Konzessionen, die ihm angeboten wurden. Für Italien gibt es heute nur die Alternative: militärische Besetzung oder Krieg!
Englands Interesse an der Verhandlung dieser letzten Entscheidung wird deutlich, wenn man den Lebens- bedingungen und Gefährdungen des Empire nachgeht. Der Juwel der englischen Krone ist Indien, und in keinem Punkte ist England so empfindlich, wie in der Aufrechterhaltung der Verbindungen nach Indien. Die englische Kolonialgeschichte iß die Geschichte dieses Ringens um die Verbindung zwischen Mutterland und Kronkolonie. Durch den Versailler Vertrag ist das Jndiameer mit seinen Kraftlinien Kapstadt—Kairo—Kalkutta zu einem englischen Ozean geworden, und eifersüchtig wacht London darüber, daß kein Störungsherd diese Verbindungen gefährdet. Zum anderen baut England im Sudan das größte Baumwollgebiet der Welt auf, zu dessen Bewässerung es die Wasser des Tanasees benötigt, die das Gebiet zwischen Weißem und Blauem Nil nähren. Der Tanasee liegt auf abessinischem Gebiet, und dem Weltreich ist es deshalb nicht gleichgültig, welche Flagge aus den Stauwerken weht. Aus beiden Argumenten wird ersichtlich, wie sich in Abessinien politische und wirtschaftliche Interessen kreuzen und verquicken und das Problem verschärfen. Als dritter Punkt kommt ein rassischer hinzu. Die Japaner haben weitgehende Konzessionen für Baumwollpflanzungen erworben. Noch steht allerdings die Zahl der japanischen Ansiedler in keinem Verhältnis zu den Landkäufen, aber für jede Beunruhigung der farbigen Rassenwelt ist das Imperium empfindlich? Wenn man Japans Vordringen im Raume des britischen Empire, im Kapland, am Pazific und in Indien beobachtet, kann man ermessen, daß England in Abessinien nicht die Bildung eines neuen Störungsherdes zulassen will. Wenn man an die kürzlich vom Negus von Abessinien ausgegebene Parole: „Unsere Farbe ist unsere Fahne!" denkt, wird deutlich, wie bewußt und schwerwiegend das Moment d e r R a s s e in die nordostafrikanische Frage hineingeworfen wird.
Italien rührt somit an eine Lebens- fragedes britischen Weltreiches, aber Mussolini hat einen zu starken Einsatz an politischen und militärischen, finanziellen und moralischen Kräften gewagt, daß es unmöglich erscheint, den Krieg zu vermeiden, will Rom nicht sein Prestige als Großmacht verspielen. D i e militärische L e i st u n g s k r a f t Abessiniens ist beschränkt. Wohl hat eine belgische Militärkommission die Armee reorganisier wohl sind die Natur des Berglandes, die Tapferkeit des Volkes, das mörderische Klima mit Regenzeit und Fieber die stärksten Bundesgenossen des afrikanischen Kaiserreiches, aber mit Gewehren Modell 1870 und Lanzen kann man nickt aeaen Tanks und Flua- zeuge kämpfen. Trotzdem bleibt die Kriegsführung im afrikanischen Hochland eine Rechnung mit großenteils völlig unbekannten Größen. Die beiden Gegner verkünden sehr optimistisch der Welt ihre Stärke und Bereitschaft und ihrem Willen zum Siege. Wenn die Diplomaten nicht noch in letzter Stunde die kriegerische Auseinander- setzung verhindern können, wozu wenig Hoffnung bestehr angesichts des italienischen Alles-oder-Nichts-Standpunk- dcs, wird Mars die Stunde regieren. H—h.<