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^, 195 — 12. Jahrgang
Fulda, Donnerstag, 22. August 1935
Einzelverkaufspreis 10 Psg.
Abessimenkonfliktführtzu englisch italienischer Spannung.
England und Italien rüsten auf. - Kampf um die Mittelmeerherrschaft!
An der A b e s s i n i e u - S i tz u n g der e » g - [;:*cn Regierung nehmen alle 22 Mit- nlieber des britischen Kab inetts teil. Der Auswärtige Ausschuß der englischen Regierung i Hä Wits zur Vorbereitung der Vollsitzung des Kabi- ' ncn§ eine Beratung ab. Bei der ernsten Auffassung, die jH amtlichen englischen Kreisen über die Zuspitzung des WHnien-Konfièkts herrscht, ist weniger die Tatsache eines völligen Zusammenbruchs des Völkerbundes als vielmehr die Befürchtung maßgebend, daß Großbritannien in einen Krieg mit Italien hineingetrieben werden könne, wenn Frankreich sich nicht zu tatkräftiger Unterstützung des englischen ■ Standpunktes entschließen könne.
Die englische P r esse ist der Ansicht, daß • Mussolini bestreb?' sei, England offen die Vorherrschaft im Mittelmeer streitig zu machen. Gleichzeitig erwartet man in Ostafrika ein „italienisch-englisches Faschoda", dessen Auswirkungen für ganz Europa verhängnisvoll fein müßten. Der Bevollmächtigte Mussolinis, Baron Aloisi, soll dem englischen Minister Eden in Paris mit nüchternen Worten erklärt haben, daß
Italien den Vertrag von 1925 und damit die englische Interessensphäre um den Tanasee und die Nilquellen nicht mehr anerkennen werde.
Bon englischer Seite sei kein Zweifel darüber gelassen worden, daß die italienische Jnvasionsarmee sich denn Eindringen in dieses abessinische Gebiet eng» , tischen Bataillonen gegenüber sehen werde. ; Mussolini sei davon verständigt worden, hätte aber diese - Trohung in den Wind geschlagen.
Man nimmt daher in London an, daß die eng- wche Regierung eine Erhöhung der englischen Streitkräfte zur Erde, zu Wasser und zur Luft beschließen wirst Die englische Regierung wird ferner eine Aufhebung der Waffensperre beschließen, unter der nur Abessinien zu leiden hat. Eine englische Lastenausfuhr nach Italien hält man praktisch in London nicht für möglich, im Hinblick auf die politischen-Span- nungen und auf die immer mehr steigenden Zahlungs- ichwimgkeiten Italiens. Schließlich wird die englische Regierung die
Schließung des Suezkanals für die italienischen Schiffe erwägen. Eine Einberufung des englischen Parlaments ; in London nicht vor der Beendigung der September- s Wgung des Völkerbundsrates für notwendig erachtet.
^er englischen Kabinettssitzung gingen Besprechungen
Politischer Hochbetrieb in London
Die Frage der Sanktionen im Vordergrund.
London, 22. August. h1 Sonboner Regierungsviertel war am Mittwoch, llorta9c der Abessinien-Sitzung des briti- Kabinetts, der Mittelpunkt höchster diplomatischer igtnt. Zahlreiche Einzelbesprechungen nicht nur ?Mitgliedern des Kabinetts und den führenden 'OUüchleiten der Regierungsparteien, sondern auch mit ch^^F^tern der Opposition wurden im Laufe des Tages â^u.OPce geführt.
^rt^RO^ Streitfall als ein brt» L V;v.v Nkichsproblem angesehen wird, geht aus d-n Mttätmtie des englischen Außenministers mit Kretern.der Dominien hervor. Am Vormittag A s f »ereign Office tm Beisein Hoares eine Art Hit KirJ 0?- sereNz statt, an der der Oberkommissar ^uce, der Oberkommissar für Neuseeland, und Oberkommissar für Kanada, Vanier, für den Irischen Freistaat, Dn- gab fUf / ^ Zn der mide^halbstündigen Aussprache Mcnbn' ^nen umfassenden Acberblick über den Zusam- über bie Drei-Mächte-Verhandlungen und nvÄ vk?»n»-s Ansicht der britischen Regierung nunmehr ä ö -in r Einigung. für ewigen ® 1 ne 11 tritt am Donnerstag zu der ben 11 ^Verhältnisse ungewöhnlich frühen Stunde darauf zusammen. Dieser Umstand läßt deträcktst^^ ®a$ die Regierung mit Beratungen von Mg Kabln>iirechnet. Die Kernfrage, über die sich Standard"\.Ar ^3 werden muß, ist, dem „Evening H ° neu aun^A Frage, ob gegen Italien Sank- ^e Ansickl-i, sendet werden sollen. Das Blatt meldet, daß Seteilt f^Ä cru^^halb der Regierung hierüber zurzeit ^einunq dnk^ SAurwortèr dieses Gedankens seien der daß sich ch. â^Etwnen auferlegt werden könnten, ohne Veiten werde ch^,!!^ Sir Austen Chamberlains bewahr- ^eg bedeutet-^ Kürzlich erklärt habe, daß Sanktionen Aeinung da« r anderen Lager vertrete man die Allen müsse' S and seine Bemühungen darauf ab» Strert auf Afrika zu beschränken.
zwischen dem englischen Ministerpräsidenten Baldwin, seinem Stellvertreter MacDonald, dem Unterstaatssekretär des Äußern Sir Robert V a n s i t t a r t, Sir Austen Chamberlain und dem australischen Oberkommissar Bruce, der australischer Vertreter im Völkerbund ist, voraus. MacDonald hat erklärt: „Ich sehe die gegenwärtige Lage als das ernsteste Problem an, das England seit 1914 zu lösen gehabt hat."
Laval in der Zwickmühle.
In den französischen Zeitungen wird die Frage aufgeworfen, wie Frankreich sich verhalten solle, wenn die Waffensperre gegen Abessinien aufgehoben werde. Man meint, daß Frankreich sich seinen Verpflichtungen, den Transport von Waffen durch seine Eisenbahn von Dschibuti nach Addis Abeba vorzunehmen, nicht entziehen könne. Um eine daraus sich ergebende Spannung zwischen Italien und Frankreich zu vermeiden, versucht der französische Ministerpräsident Laval die englische Regierung dahin zu beeinflussen, die Aufhebung der Waffensperre erst nach der Völkerbundsratssitzung im September vorznnehmen.
Italien nistet weiter.
Wie aus Rom gemeldet wird,
setzt Italien seine e faschistischen
kriegerischen Vorbereitungen fort. Alle faschistischen Parteisekretäre haben sich für den Kriegsdienst in Nordafrika gemeldet. Italien sei überzeugt, daß es seine Ansprüche gegenüber Abessinien nicht ohne militärische Operationen durchführen könne. Nichts werde das Italien Mussolinis verleiten, so schreibt die italienische Presse, Verzichte und Demütigungen von einst zu erneuern. Nur jene, die kein Herz für geschichtliche Größe hätten, könnten das Drama des italienischen Volkes nicht verstehen, das durch Ungerechtigkeit gezwungen sei, zum Kriege zurück
zugreifen, da es sonst ersticke.
Mussolini hat angeordnel, daß der Mannschaftsbestand der italienischen Fliegertruppen stark erhöht werde.
In römischen Kreisen wird versichert, daß Italien an den kommenden Genfer Verhandlungen des Völkerbundsrats bestimmt teilnehmen wird. Inzwischen beginnen in Süd- t i r o l die großen italienischen Herbstmanöver, die die Verwendbarkeit der motorisierten Truppen im Gebirge feststellen sollen. Der italienische Regierungschef Mussolini, der diese großen Übungen in maßgebenden Teilen beeinflussen wird, will damit demonstrieren, daß Italien seine militärische Schlagkraft in Europa trotz des Abessinienkonflikts nicht verloren hat.
VerWhnttrtze »e aus Naben
- Rom, 22. August.
Ein Artikel des „Giornale d'Jtalia" vom Mittwoch erregt hier gewisses Aufsehen, da er ganz auf der im Augenblick ungewöhnlichen Linie größeren E in lenkens g e- genüber England liegt und in erstaunlich versöhnlichem Ton einer italienisch-englischen Zusammenarbeit das Wort redet. Das Blatt weist ausführlich darauf hin, daß in Italien keinerlei Feindseligkeit gegenüber England bestehe. Italiens Politik sei stets auf eine aktive Zusammenarbeit mit England gerichtet gewesen. Wenn diese Zusammenarbeit auch ihre erste Existenzberechtigung in Europa habe, so müsse sie doch auch auf Afrika ausgedehnt werden. Sie habe den Frieden und den Schutz der Zivilisation zum Ziel. Nicht Italien mit seinem Vorgehen in Abessinien, sondern England mit seinem Widerstand dagegen zerschlage die traditionelle italienisch-englische Zusammenarbeit in Ostafrièa, die bis dahin immer zum Vorteil Englands in die Tat umgesetzt worden sei.
Italienischer Konsul in Abessinien schwer verwundet.
Addis Abeba, 22. August. (Funkmeldung.) Der italienische Konsul in Godjam (Süd-Abessinien), Muzi Falconi, versuchte vor etwa einem Monat, aus Addis Abeba auf seinen Posten zurückzukehren. Er konnte damals sein Vorhaben wegen Unpassierbarkeit des Nils nicht ausführen. Am Dienstag machte der Konsul einen neuen Versuch, und reiste in Begleitung italienischer Diener von der hiesigen Gesandtschaft mit einer Karawane nach Godjam. Am Mittwochabend wurde der Konsul mit einem Schulterschuß in das italienische Krankenhaus in Addis Abeba zurückge-
Rundfunk, Msilinstnilnent und Schallplatte.
Der Rückgang des Absatzes von Schallst l a ist e n hat in den letzten Jahren interessierte Kreise immer wieder dazu veranlaßt, nach dem „Schuldigen" zu suchen. Die Versuche, den Rundfunk dafür verantwortlich zu machen, sind durch das kürzlich ergangene Gerichtsurteil im „Schallplattenkrieg" im wesentlichen gescheitert. Es gelang der Schallplattenindustrie nicht, sich durch Lizenzen am Rundfunk für den Gewinnrückgang schadlos zu halten. Dr. Goebbels betonte in seiner Ansprache anläßlich der Eröffnung der diesjährigen Rundfunkausstellung, daß es nicht mehr für angängig betrachtet werden könne, daß jede Handreichung, die man dem Volke leiste, wenn sie sich nicht schon an sich bezahlt mache, noch einmal besonders bezahlt werde.
Ähnliche Vorwürfe, wie sie von der Schallplattenindustrie gegen den Rundfunk erhoben werden, wurden einstmals von den Musikinstrumentenherstellern ebenso gegen die Schallplatte gerichtet. Gerade die aufblühende Sprechmaschinenindustrie wurde für den Absatzrückgang der Musikinstrumente verantwortlich gemacht. Es hat sich aber gezeigt, daß das Abflauen des Schallplattenabsatzes keineswegs zu einer Belebung des Jnstrumentenhandels geführt hat. „Der Deutsche Volkswirt" nimmt in einer interessanten Abhandlung zu dem Problem Stellung, wobei besonders die ökonomischen Grundlagen berücksichtigt werden: „Nachdem in einem unerhörten Aufstieg vor noch nicht zehn Jahren d i e S ch a l l p l a t t e mit der Umstellung auf das elektrische Aufnahmeverfahren zur Modeindustrie geworden war, folgte ein ebenso rapider Absturz. Die Sprechmaschinenindustrie verschwand vollkommen. Die Kofferapparate — die sich bezeichnenderweise allein als Sport- und Reisebegleiter erhalten haben — werden von der Schallplattenfabrikation selbst bergestellt. Im übrigen aber ist an die Stelle der Sprechmaschinen der Platten- s p i e l e r als Zusatz- oder Kombinationsgerät zum Rundfunkempfänger getreten.
Dieser Schrumpfungsprozeß trifft die Schallplattenindustrie in mancher Beziehung vermutlich fast schwerer als den Instrumentenbau. Die kapitalintensive, mechanisierte Schallplattenherstellung ist viel unbeweglicher als das arbeitsintensive Jnstrumentenhandwerk. Diese Verschiedenheit im Kapitalaufbau zeigt sich auch in der Konstruktur der Branche. Während in der Musikinstrumentenindustrie Konzernbildung (und heute auch Kartelle) völlig fehlen, sind alle Schallplattenfabriken Glieder großer internationaler Konzerne. Kennzeichnend für die gegenwärtige Situation ist die Lage der beiden größten deutschen Schallplattengesellschaften. Lindström und Grammophon, die trotz mehrfacher Sanierungsversuche 1934 wieder mit Verlusten abgeschlossen haben, und es scheint ausgeschlossen, daß die Schallplattenindustrie in ihrem ganzen Umsange wieder rentabel wird.
Auf diesem ökonomischen Hintergrund ist der „Schall- plaUenkrieg" entbrannt. Ursprünglich hatte die Schallplattenindustrie in der vermehrten Sendung die wesentliche Ursache für den Rückgang des Plattengeschäfts gesucht. Der Streit um die Schallplattensendung im Rund- sunk, der fast in allen europäischen Ländern entbrannte, wurde in Deutschland zunächst 1930 vorübergehend überbrückt. Jetzt ist eine Klage von der Schallplattenindustrie in erster Instanz im wesentlichen verlorengegangen. Die juristische Seite rührt dabei an entscheidende Grundprobleme des Urheberrechts. Aber der ökonomische Effekt der juristischen Auseinandersetzungen darf nicht überschätzt werden. Die Abführung einer Lizenzgebühr des Rundfunks für die Schallplattensendung würde zwar eine zusätzliche Einnahme bedeuten; aber der Schaden, den das Schallplattengeschäft tatsächlich oder vermeintlich durch die Rundfunksendung erleidet, wird dadurch wieder ausgeglichen. Denn das S ch a l l p l a t t e n d^e b a c l e i st ebensowenig eine alleinige Folge der „Radio in u s i k", w i e d e r Z u s a m m e n b r u ch d e s Klavier bauesdurchdieSchallplatteverursacht ist. Int ersten stürmischen Aufstieg ist ganz offensichtlich der Entwicklungsstand der Schallplatte ü verschätzt worden, die Industrie ist übersetzt, und diese Überkapazität macht sich heute mit der Wandlung des Musiklebens doppelt geltend.
Aber es wäre übertrieben, von einem Ende der Schallplatte zu sprechen. Die Reproduktionstechnik in Form der heutigen Schallplatte ist freilich überholt, das Phono- gramm wird sich behaupten, weil es Aufgaben erfüllt, die sonst nicht gelöst werden können; es bewahrt die Darbietungen berühmter Künstler, die der Rundfunk nur verbreiten kann; es ist mit dem Tonfilm das Konservierungsmittel für die Zeit. Und auch für den verfeinerten Musikkonsum bleibt dem Phonographen eine große Zukunftsausgabe. Er wird überall dort über die Radiomusik triumphieren, wo persönliche Neigungen die Richtung des Geschmack bestimmen; der Rundfunk unterwirft die Hörer seinem Programm, die Schallplatte ist dem Programm des Hörers unterworfen."
bracht. Die italienischen Diener sollen ausgesagt haben, daß sich der Konsul den Schuß selbst beigebracht haben soll.
Man befürchtet in Addis Abeba, daß diese Angelegenheit von Italien als schwerer politischer Zwischenfall ausgewertet wird.
Konsul Muzi Falconi ist ein Schwiegersohn des englischen Gesandten in Addis Abeba Sir Sidney Barton.