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M-aer Anzeiger

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Nr. 208 12. Jahrgang

Fulda, Freitag, 6. September 1935

Anzeigenpreis: 1 mm Höhe in der 46 mm breiten Anzeigenspalte oder deren Raum 4 Pf., im Textteil (90 mm breit) 12 Pf. Bei Wiederholung wird Nachlag nach Preisliste gewährt, bei Kon­kurs erlischt jeder Anspruch auf Nachlaß. D.A." VII. 35. 910. Zur Zeit ist Preis­liste Nummer 3 gültig. Verantwortlich für den Anzeigenteil Ferdinand Ehrenklau, Lauterbach-H.

Einzelverkaufspreis 10 Pfg.

Genf sucht die Kompromißlösung

Wieder rege Tätigkeit hinter den Kulissen. Italien lehnt neue Ratssitzung mit Abessinien ab.

Der erste Akt der Abessinien-Tragikomödie in Genf ist verrauscht. England und Italien haben sich durch ihre Vertreter Eden und Aloisi die Meinung gesagt, Abessinien oertcibißt sein Recht, und Frankreich, vertreten durch ^val, spielt die Vermittlerrolle. Erreicht ist nichts durch )icse erste öffentliche Sitzung des Völkerbundsrates. Also tainnt das gewohnte S p i c l h i n t e r d e n K u l i s s e n. M Besuche der Diplomaten gehen hin und her. Italiens Vertreter Aloisi hat sich am Donnerstag zunächst ein­mal mit Laval ausgesprochen, dann haben Eden und Aloisi noch einmal ohne die Statisterie des gesamten Rates Aussprache gehalten. So ging das den ganzen Tag über. Daneben hat man der Ordnung und der Form zu genügen auch die kleinen Mächte unterrichtet.

Italien und Abessinien bleiben hart.

Angesichts der Ereignisse in Ostafrika sind die Genfer Diplomaten natürlich emsig bemüht, so schnell wie mög­lich irgendein Kompromiß zustandezubringen. Eden hat die e n g l i s ch e n Vorschläge vom 1 6. August, die er aus der zerplatzten Dreierkonferenz gemacht hat, wiederholt, die besagen, daß bei Wahrung der Souve­ränität Abessiniens entweder die drei Großmächte gemein­sam durch Vertrag oder unter Mitwirkung des Völker­bundes in Abessinien ihreReformtätigkeit" aufnehmen sollen. Dabei sollten Italien besondere Vorrechte ein­geräumt werden. Es war sogar, wie Eden wieder an­gedeutet hat, die Möglichkeit einer Abtretung abessinischen Gebietes an Italien für den Fall vorgesehen, daß Abessinien zustimmen würde.

-Frankreich zieht sich weiter auf die Völkerbunds- politik zurück mit dem entscheidenden Satze:Frankreich bleibt unbedingt dem Werk der Zusammenarbeit ver­nichtet, wie es unter der Herrschaft des Völkerbundes begonnen ist. Der Frieden kann innerhalb desBölkerbunds- Mes gesichert werden. Der Pakt bindet uns alle." So hat baval offiziell gesprochen. In den geheimen diplomatischen Rrhandlungen, welche dem Zusammenbruch der Dreier- onserenz vom 13. August folgten, hat er aber, wie es lmßt, . eine kontrollierte Entwaffnung Abessiniens vorgeschlagen, die natürlich von Italien durchgeführt werden sollte, selbstverständlich unter Mit­wirkung eines kleinen französischen und englischen Kom- ^bos. t England hat den Vorschlag verständlicherweife

Der V e r t r e t e r A b e f s i n i e n s in Genf hat neue -^Weisungen erhalten, darunter, wie bisher bekannt wurde, die strikte Anweisung, den bisherigen abessinischen Randpunkt nicht zu verlassen und keine K 0 mpr 0 - ""N e e i n z u g e h e n.

Italien ist allen Vorschlägen gegenüber unnach- gtebig. Aloisi hat in Genf alle Vorwürfe gegen Abessinien "E überaus scharfen Weise wiederholt. Er hat dann ^mai das Kompromiß von Paris abgelehnt. Er hat ch praktisch ein Eingreifen des Völkerbundsrats im einer Verhandlung zwischen gleichberechtigten 7 gegenüber Abessinien abgelehnt. Er hat an- ' daß praktisch nur die Lösung durch Gewalt übrig- ben »-Un^ nicht einmal den Schiedsspruch von Ual-Ual, lMlienischer Delegierter unterzeichnet hat, an- li-,, f ?^ keinen Umftänb en werde Ita - über < ^.^^» an einer weiteren Ratssitzung X - Mmsche Frage t e i l n e h m e n, falls Abessi- ^lalls zu dieser Sitzung macioaen würde.

Bier Verhaftungen wegen

des Berliner Einsturzunglücks

Den Festgenommenen wird fahrlässige Tötung zur Last gelegt.

bereit?^,^Pressestelle Berlin teilt mit: Wie seinerzeit bei hnm o uJ,ifi^ ist, hat die Staatsanwaltschaft ft u , Landgericht Berlin unmittelbar nach dem Ein - bet ârrd bei den, Bau der Nord-Süd-S-Bahn in 19 jub3 m " n n - G ö r i n g - S t r a ß e, das insgesamt ctiuninp Ä gefordert hat, die Ermittlungen über eine bie Lssp.^^bfrage eingeleitet. Die Bearbeitung dieses ben Verkns,. ^ in besonders hohem Maße interefsieren- m e r ühp,^ wurde bem Oberstaatsanwalt Dr. Rei- zu dessen Unterstützung nach wie vor der Ctait? °* R > el, bCr seinerzeit als erster Vertreter gegen wa^»Ä"^"ft bei den Aufräumungsarbeiten zu- ^p^ tätig ist.

schäft' '^^ehenden Aufklärung hat die Staatsanwalt- unter Pp^.^Tp^ftänbigengremium hinzugezogen, das der Technis»» Geheimrats Prof. Dr. Hertwig von Slieber L^n Hochschule Berlin steht und bem als Mit- .9er bon angehören: Prof. Dr.Dischin- Nulter F^chnlschen Hochschule Berlin, Prof. Dr. der Technischen Hochschule in München,

Trotzdem verhandelt Alosi weiter in Gens, und das gibt der Genfer Diplomatie Hoffnung, daß viel­leicht doch noch eine friedliche Lösung möglich ist. Wie sie aussehen soll, weiß niemand zu sagen.

Ministerbefprechung in London.

Der englische Premierminister Baldwin Hai seinen Erholungsurlaub in Aix-les-Bains abgebrochen und ist nach London zurückgekehrt. Der Stellvertretende Ministerpräsident MacDonald ist bereits am Mitt­woch aus dem Luftwege aus Schottland nach London zu­rückgekehrt, der Schatzkanzler Neville Chamberlain, der sich in Frankreich aufgehalten hatte, ist ebenfalls in London eingetroffen.

Wie verlautet, haben die in London anwesenden Minister sofort eine Besprechung abgehalten, in der die Abessinienfrage erörtert wurde.

Die englische Arbeiterpartei und die Ge­werkschaften haben eine scharfe Erklärung zum Abessinienkonflikt gefaßt, die in den schärfsten Ausdrücken die provozierende und herausfordernde Haltung des Hauptes der italienischen Regierung gegenüber dem Völ­kerbund verurteilt. Die Entschließung fordert die britische Regierung auf, in Zusammenarbeit mit den anderen Na­tionen, die im Völkerbund vertreten sind, alle notwen­digen Maßnahmen anzuwenden, die von der Völkerbunds­satzung vorgesehen sind, um Italiens ungerechten Angriff auf das Gebiet eines anderen Mitgliedes des Völkerbun­des zu verhindern. Die Entschließung verspricht die feste Unterstützung des Kongresses für jede mit den Verträge« ««d den Satzungen des Völkerbundes zu vereinbarende Aktion, um die italienische Regierung zurückzuhalten und durch Erzwingung des Friedens die Autorität des Völ­kerbundes zu wahren.

Die Zuspitzung der Gegensätze.

Italien lehnt England und Frankreich als befangen ab. Auf unbestimmte Zeit vertagt.

Genf, 6. September.

Der für die Öffentlichkeit überraschende Verlauf der Ratssitzung am Donnerstag war das Ergebnis von Un­stimmigkeiten, die sich im letzten Augenblick wegen der Zusammensetzung des geplanten Fünferausschusses ergeben hatten.

Es war vorgesehen, daß diesem Ausschuß England und Frankreich sowie drei weitere Mächte angehören sollten. Ist der letzten Beratung vor der Sitzung erhob der ita­lienische Vertreter die Forderung, daß Italien gleichfalls in den Ausschuß gewählt werden solle, da es ähnlich wie England und Frankreich an der abessinischen Frage in­teressiert sei. Werde dies nicht gewünscht, so sek vorzn- ziehen, einen Ausschuß von völlig uninteressierten Staaten einzufetzen. Diese italienische Forderung, die darauf hin- auslief, die beiden westlichen Großmächte als befangen zu erklären, hat die bisherigen Dispositionen umgeworfen. Es laßt sich nicht verkennen, daß die Ereignisse vom Don- nerstaa schon das formale Arbeiten des Völkerbundsrates

Reichsfachgruppenwalter Hupf a u e r (Deutsche Arbeits­front) Regierungsbaurat i. R. B 0 u s s e t, Regierungs- und Baurat Schuppan vom Polizeipräsidium Berlin.

Die Untersuchung über die Ursachen des Einsturz- unglücks ist inzwischen so weit gediehen, daß aus Ver­anlassung der Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen folgende Personen erlassen und vollstreckt worden sind:

Direktor Hugo H 0 f f m a n n von der Berlinischen Baugesellschaft m. b. H., Ingenieur Josef Karl Rath, Technischer Sachbearbeiter der Berlinischen Ballgesell­schaft m. b. H., Bauleiter Diplomingenieur Fritz Noth, Neichsbahnrat Wilhelm W e p h s e r. Den Festgenomme- nen wird fahrlässige Tötung zur Last gelegt, die darin erblickt wird, daß bei der Ausführung des Baues grobe Verstöße gegen anerkannte Regeln der Ban­kunst vorgekommen sind, und daß die Genannten dafür in erster Linie die Verantwortung zu tragen haben.

Mit dem abschließenden Sachverständigengutachten dürfte in etwa einer Woche zu rechnen sein.

Italien macht Schwierigkeiten.

Eine für Donnerstagnachmittag um 6 Uhr in Aus­sicht genommene Sitzung des Rates wurde auf 7 Uhr abends verschöbe«, weil der abessinische Vertreter die Er- tlärnng, die er abgeben wollte, noch nicht fertiggestellt imte

Inzwischen hatten im Generalsekretariat des Völker- bunvvs Laval und Eden mit mehreren Delegierten über die Zusammensetzung eines besonderen A u s - schoss es von fünf Mitgliedern des Völker- b uudsrats verhandelt. Für diesen Ausschuß wurden Sarai als Vertreter Frankreichs, Eden als Vertreter Englands, Außenminister B e ck als Vertreter Polens, Außenminister R u st u Aras als Vertreter des tür- äHycn Staates und der besondere Vertreter Spaniens («im Völkerbund, Madariaga, vorgeschlagen. Der Vorschlag erfolgte unter dem Gesichtspunkt, daß Polen und Spanien die Interessen der mittleren Staaten ver­treten. Die Berufung der Türkei erklärt sich daraus, daß Litwinow eine Mitgliedschaft in diesem Ausschuß abge- lehni hat.

Die Bildung des Ausschusses stieß aber auf der­artige Schwierigkeiten, daß die Verhandlungen über die Bildung des Ausschusses auf Freitag vertagt werden mußten. Aloisi lehnte die Bildung eines Ausschusses nicht grundsätzlich ab, wehrte sich aber gegen die Teilnahme von England und Frank­reich, weil es sich bei beiden Staaten um interessierte Mächte handelt. Die Bildung eines Ausschusses, Item England und Frankreich nicht angehören, würde be­deuten, daß sein Einfluß außerordentlich gering wäre.

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Aloisi verläßt die Ratssitzung.

Um V28 Uhr abends begann eine öffentliche Sitzung des Völkerbundsrats. Bei Beginn der Sitzung war der italienische Hauptvertreter auf seinem Platz am Ratstisch. Als die Vertreter Abessiniens am Ratstisch Platz nahmen, verließ Aloisi den Saal. An seine Stelle setzte sich ein anderes Mitglied der italie­nischen Abordnung, Rocco. Nach einiger Zeit wurde Rocco von einem Beamten der italienischen Abordnung angesprochen, stand von seinem Sessel auf und verließ den Ratssaal.

ungemein erschwert haben, ganz abgesehen von der politi­schen Gegensätzen, die in ihnen zum Ausdruck kommen.

Abessinien fordert sofortiges Handeln

Nachdem der Vertreter Italiens Aloisi die Ratssitzung verlassen Hgtte, nahm der Vertreter Abessiniens das Wort. Er ging auf die Einzelheiten der italienischen Denkschrift nicht näher ein. In seinen Ausführungen sprach er von einem italienischen Verblüffungsmanöver. Italien wolle Abessinien in Acht und Bann erklären, um dadurch von der Einhaltung seiner eigenen Verpflichtungen freizukom­men. Wenn Italien Ausdehnung und neue Absatzgebiete brauche, warum trage es dann diesen Anspruch nicht offen vor? Abessinien fei jederzeit bereit, zur Durchfüh­rung von Reformen und zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes den uneigennützigen Rat des Völkerbundes zu befolgen.

Der abessinische Vertreter forderte vom Völkerbundsra:,. die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Unab­hängigkeit und Unversehrtheit Abessiniens angesichts der italienischen Truppenzusammenziehungen zu schützen. Die Zeit der Vertagungen sei jetzt vorbei. Angesichts der aufs äußerste gestiegenen Gefahr, die ein Ratsmitglied bedrohe, müsse sofort gehandelt werden. Ein Völkerbundsausschuß müsse sofort eingesetzt werden und noch während der gegen­wärtige« Tagung des Rates Bericht erstatten, Abessinien fei mit jedem Dermitttungsverfahren einverstanden, das den Ausbruch des Krieges aushalten könnte.

Es verlange lediglich eine gerechte Lösung und eine voll­ständige Regelung der ganzen Angelegenheit. Es handele sich jetzt darum, zu wissen, ob ein Staat bei der Bedro«- Hung durch einen mächtigen Nachbarn unter Berufung auf Artikel 10 und 15 des Völlerbundsvertrages mit einem wirksamen Schutz rechnen könne.

Scharfe Kritik Litwinows

Nach dem abessinischen Vertreter sprach der russische Volkskommissar Litwinow. Er erklärte sich außerstande, der Haltung zuzustimmen, die der Vertreter Italiens dem Völkerbund vorgeschlagen habe. Italien wolle, daß sich der Rat an dem italienisch-abessinischen Konflikt desinteressiere. Es handele sich um die Drohung mit einem Angriff, die nicht bestritten, sondern vom italienischen Vertreter selbst bestätigt werde. Ein derartiger Angriff würde eine flagrante Verletzung, ja eine vollständige Zerreißung der Pölkerbundssatzung darstellen und für die Zukunft einen gefährlichen Präzedenzfall bilden. Jeder Krieg sei die Frucht eines vorausgegangeuen Krieges und erzeuge neue Kriege in der Zukunft. Der Grundsatz von her Unteilbar« seit des Friedens setze sich erfreulicherweise immer mehr durch. Es sei auch nicht angängig, eine militärische Ope- ratton mit den inneren Zuständen eines Landes zu bei