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».260 - ^- Jahrgang
Fulda, Mittwoch, 6. November 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
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»Wilma bleiben im SHlamm Men.
Unwetter behindert den italienischen Vormarsch im Norden. Sorge um den Nachschub an der Eritreafront.
Im italienischen Hauptquartier ist man, wie es in gälischen Berichten heißt, in großen Sorgen über die Uchen der am 18. November einsetzenden Sanktions- Mininhmen gegen Italien. Man befürchtet daß der Nachschub gefährdet wird, daß die Waffenversorgung Kr italienischen Truppen ins Stocken gerät und daß Mch Munitionsmangel die Durchführung der Opera- ân gefährdet >vürde. Die letzte Hoffnung für die ^licnischcn Militärs in Abessinien ist die Versicherung des -Gliichcii und des französischen Außenministers, daß sie mit Mussosin! über die Beilegung des abessinischen Streites weitere Verhandlungen führen wollen.
Zu dieser Sorge kommt noch das Wiedereinsetzen »er Regengüsse, die das ganze Land in Schlamm ver- mndM. Die Straßen, auf denen den vordringenden Truppen Munition und Lebensmittel nachgeschafft wer- Pen, sind zum Tei! unpassierbar geworden. Der Marsch durch Mgpfâde ist überaus gefährlich, weil von
den Höhen Schlammlawinen herunterstürzen, nie âs unter sich begrüben, was ihnen in den Weg kommt. Der italienische Oberkommandierende, General de Bono, hat daher nach englischen Frontberichten Halt für 48 Stunden angeordnet, um erst einmal den Nachschub zu sichern, ohne den ein weiteres Vordringen cii der Nordfront in Richtung Makalle unmöglich ist. Wenn nicht das Unwetter den Weiteren Vormarsch Machst unmöglich macht, könnte die italienische Nord- > innre in zwei Tagen Makalle erreicht haben.
I Nach englischen Berichten bleiben die italie- rischen Marschkolonnen b u ch st ä b l i ch im rchlnmm stecken. Nur die westlich operierende Heeres- '"^ kommt weiter vorwärts. Zweimanntanks, flankiert A..Marischarsschützen, und Flugzeuge, bahnen den vor- nngmden Truppen den Weg.
Tie Meldungen von der abessinischen Seite sind Meder sehr verschieden. Während es auf der einen Seite 'M, daß die alten Krieger, die schon unter Kaiser Menelik raunn haben, den Kaiser Haile Selassie aufgefordert â, du Takti^des Abwaricns aufzugeben und uni jeden den Italienern entgegerrzuwersen, wollen an- dere Meldungen davon wissen, daß
die Absallbcwegung abessinischer Stämme fitere Ausmaße annimmt. So soll der Sultan von im südlichen Danakilgebiet, seine Unterwerfung "cr Italiens Oberhoheit erklärt haben und mit 20 ooh " â!! den Italienern überzugehen beabsichtigen. Auch ere Anhänger des übergelaufenen Ras G u g s a «n iich nördlich von Makalle den Italienern zur Ver- haben. Weiter soll der Häuptling der VJ , ^^ Tanasees gelegenen Landschaft Godjam, Ras ' 1" und sein Sohn, mit den Italienern verhandeln.
Austritt Italiens aus dem Völkerbund/
italienische Nachrichtenagentur Stefani meldet P°6 in diplomatischen Kreisen der Schluß des nun ar8 ™ "Pdpolo d'Jtalia" zu zahlreichen Betrach- llcn Anlaß gegeben habe. Man meine, daß dieser kri,6„ .16. November ein berufenen Sitzung des v;, ^ faschistischen Rates in Verbindung stehe und b'^-atten beschließen werde, aus dem Völker- 11 nb ° uszutre 1 en.
AgSM-W^enrlchè MrMerung ?
London, 6. November.
6K^ ^om berichtet wird, glaubt man, daß die Un« «Cling zwischen Mussolini und dem englischen Bot- Nom, Sir Eric Drummond, sehr wichtig ge- â"kuterredung, die mehr als eine Stunde dauerte, hat totlai», n politischen Kreisen einen guten Eindruck hin-
"-wie auch von zuständiger italienischer Seite be- schei^^d. Habe die Besprechung auch keine Ent- foiern U,o9 gebracht, so sei sie doch bemerkenswert in= leite\k ^^ Aussprache über das im Augenblick hei- Ti«,?Zema des Aufenthalts der englischen Flotte im in hiT^ fortgesetzt werden konnte. Eine Entscheidung 8a»'', Frage könnte nach hiesiger Ansicht den weiteren I4è ^Â^9?1 Besprechungen über die italienisch-abessini- 0 ge nicht unwesentlich beeinflussen.
EDe dohkottpropaganda in Italien.
e 11; s ^' ^ a m i l i e n verlassen das Land.
1 e S e i t u n g e n in Südtirol müssen hr Erscheinen ein stellen.
die Wit beherrscht von dem Abwchrkampf gegen thust "shrn Sanktionen, die am 18. November in fön $ilt 1L Überall wird Propaganda für den Boykott ^"MttamJ' nu§ denjenigen Ländern gemacht, die für die Am s^ ^rgen Italien gestimmt haben.
Oegei1 'V^rfsten wendet sich diese Boykottpropaganda leben, heg " 9 1 a « d. Viele Engländer, die in Italien siele enafifr Boykott bereits zu spüren bekommen.
a ,ct)e Familien verlassen aus Furcht vor dem
Boykott und Lebensmittelmangel infolge der Sühnemaßnahmen Italien.
Die Stimmung im italienischen Volke kommt am treffendsten in einer Kranzschleife zum Ausdruck, die an dem am Sonntag errichteten Denkmal für 200 im Mai 1917 untergegangene britische Soldaten zu finden ist und tue folgende Aufschrift trägt: „Trotz der Undankbarkeit der Lebenden." Und wessen Undankbarkeit gemeint ist. geht klar genug daraus hervor.
Bezeichnend ist weiter die Überschrift in dem halbamtlichen Blatt „Giornale d'Jtalia": „Gruß an die Feinde von einst." In dem Artikel richtet die Zeitung am Jahrestag des Waffenstillstandes, an dem es sich von seinen einstigen Weltkriegsverbündeten völlig im Stich gelassen fühlt, in einer offensichtlich von zuständiger Stelle beeinflußten Notiz einige Worte an die Feinde Italiens im Weltkriege: „Am Sonnabendabend hat eine fest zusammengefügte Schar von Völkerbunds- staaten endgültig das Datum für die wirtschaftliche Belagerung Italiens festgesetzt. Unter den Teilnehmern an dieser Belagerung befinden sich weder Österreich und Ungarn, die auch dem Völkerbund angehören, noch Deutschland, das aus ihm ausgetreten ist. Unseren loyalen früheren Feinden entbieten wir einen bewegten Gruß. Auf dem Schlachtfeld durch ein verschiedenes, aber hohes Ziel getrennt, haben auch die Feinde Gelegenheit gehabt, sich kennenzulernen und ihren Mut als Kämpfer und Männer abzuschätzen, um sich dadurch zu achten."
Diese Erkenntnis an zuständiger Stelle hindert aber den Präfekten von Bozen nicht, unter dem Vorwand der notwendigen Papierersparnis in Südtirol eine ganze Reihe von deutschen Zeitungen und Zeitschriften zu verbieten.
Die ersten Gegenmaßnahmen Italiens gegen die Sanktionen
sind ab Dienstag in ganz Italien in Kraft getreten, überall gilt seitdem die neue Bürozeit von 8 bis 12 und von 3 bis 6 Uhr. Der Ladenschluß ist um eine Stunde vorverlegt, sämtliche Läden müssen um 7 Uhr schließen. Ferner sind am Dienstag zum erstenmal alle Fleischerläden geschlossen. In Gaststätten und Speisewagen durfte am Dienstag nur eine Fisch- oder Fleischspeise gereicht werden.
Ämmiiß der Verbotslifte
Genf, 6. November.
Der Unterausschuß der Sanktionskonserenz für Wirtschaftsfragen hat am Dienstag den kanadischen Vorschlag auf Erweiterung der Verbotsliste für Rohstofflieferungen nach Italien, der inzwischen die Form eines Entschließungsentwurfes erhalten hat, geprüft. Der Entwurf wurde von dem Unterausschuß in folgender Form angenommen:
ADie im Vorschlag Nr. 4 vorgesehenen Embargo-Maßnahmen sollen auf folgende Erzeugnisse ausgedehnt werden. sobald die notwendigen Voraussetzungen für die Wirksamkeit dieser Ausdehnung vorliegen: Petroleum und seine Derivate und Nebenerzeugnisse, Gußeisen, Eisen und Stahl einschließlich der Stahlverbindungen, gegossen, geschmiedet, gewalzt, gestreckt, gestanzt oder getrieben; Kohle, einschließlich Anthrazyt und Braunkohle, Koks und deren Zusammensetzungen, sowie die daraus gewonnenen Brennstoffe. Wenn die Antworten der Regierungen auf diesen Vorschlag und die ihm zur Verfügung stehenden Mitteilungen es angezeigt erscheinen lassen, wird der Arbeitsausschuß der Konferenz den Regierungen einen Zeitpunkt für das Inkrafttreten der erwähnten Maßnahmen Vorschlägen."
Wer fatm Beamter werden?
Für die Annahme von Beamtenanwärtern werden jetzt in einem Runderlaß des Reichsinnenministers im Namen sämtlicher Reichsminister neue wichtige Bedingungen mitgeteilt. Nach dem geltenden Recht darf n u r derjenige Beamter werden, der die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintritt. Daher ist es erforderlich, daß in Zukunft diejenigen, die Beamte werden wollen, schon von Jugend auf in der nationalsozialistischen Weltanschauung erzogem sind.
Der Führer und Reichskanzler wird noch nähere Bestimmungen darüber erlassen, in welcher Weise diese Schulung zu erfolgen hat. Bis dahin ist zu fordern, daß solche Bewerber um Bcamtenstellen, die nach dem 31. Dezember d. J. das 16. Lebensjahr vollenden, mit Erfolg der H I. a n g e h ö r t haben. In Zukunft sind deshalb nur solche Bewerber um Beamtenstellen an- zunehmen, die dieser Bedingung entsprechen oder die als Offiziere oder Soldaten mit Versorgungsberechtigung aus der Wehrmacht entlassen sind. Ausnahmen bedürfen der Zustimmung des Innenministers im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers.
Korrupkionssumpf.
Vor dem Pariser Schwurgericht läuft zur Zeit der Stavisky-Prozeß, der wohl als der größte Prozeß dieses Jahrhunderts angesehen werden kann. 20 Angeklagte, von 50 Anwälten verteidigt, stehen vor der Geschworenen, denen 1956 Schuldsragen vorgelegt werden; 270 Zeugen werden vernommen. Die Anklageschrift umfaßt 1200 Seiten. Die Prozeßakten wiegen 500 Kilo.
Mit dem Prozeß steigt ein Skandal in der Erinnerung wieder auf, der ein ganzes Land erschütterte. Die Vorsehung wollte es vielleicht so, daß in einer Zeitepoche, in der die Demokratie in der Krise lag, ein Stavisky- Skandal entstand, der dem System den Todesstoß gab. Doch wozu große Worte machen. Sehen wir uns einmal um in diesem Skandal, dann wird uns manches klarer werden.
Stavisky hieß in Paris Alexandre. Seltsamerweise hat niemals jemand gefragt, woher er kam, woher er die vielen Millionen nahm, mit denen er um sich warf, woher er seinen Einfluß hatte und was er trieb. Für Frankreich war Herr Alexandre ein großer Mann, ein Multimillionär, der ein Abendessen für mehrere tausend Franken gab, den schöne Frauen umwarben und der bei den höchsten Persönlichkeiten des Staates wie ein alter Bekannter und lieber Freund ein und aus ging.
Und das war Alexandre: Als kleiner Junge war er aus Rußland nach Paris gekommen. Sein Vater war Dentist. Er schuftete sich ab, um das bißchen Brot für seine Familie heranschaffen zu können. Seinen Sohn vergötterte er, und der dankte es dem Vater damit, daß er ihm Goldkronen stahl, verkaufte und mit Mädchen das Geld verbrachte. Der Vater machte pleite und verübte aus Verzweiflung Selbstmord. Da kam eine schlimme Zeit für Sergei Alerandre-Stavisky. Im Kriege drückte er sich überall herum, um nicht Soldat zu werden. Als Eintänzer betätigte er sich, spielte falsch, kam ins Gesang nis, stahl Aktien, kam wieder mehrere Jahre hinter Gitter. Dann rettete ihn eine Offizierstochter, Arlette Simon, seine spätere Frau, die schönste Frau in Frankreich, wie man sagte. Die wurde feine Fürsprecherin und gewann als Anwalt keinen Geringeren als P a u l - B 0 n c 0 u r . den späteren Minister. Ein berühmter A.exyalarzl stellte Stavisky ein Attest auf Haftunfähigkeit aus, und Sta visky war wieder frei. Das erste, was er tat: er änderte seinen Namen, und aus dem Stavisky wurde ein Herr Alexandre.
Das ist kurz die Lebensgeschichte eines Mannes, der in seinem Notizbuch alle die Gönner verzeichnet hatte, mit deren Hilfe er den Staat beherrschte, Millionen verdiente, Menschen betrog und doch der hochangesehene Herr Alexandre blieb. In diesem Notizbuch standen 18 Präfekten, 2 Senatoren, 3 Kammcrabgeordnete, 12 Gerichts Präsidenten, 50 hohe Richter, 12 Kriminalkommissare, 2 Staatsanwälte und 30 Hauptkassierer großer Finanzgesellschaften. Alle waren sie wie er Logenmitglieder. Sie unterstützten ihn, wo er sie brauchte, und er spickte ihre Taschen, was sie sich gern gefallen ließen und tvvfür sie ihm stets zu Diensten waren.
Hub was tat Herr Alexandre in Paris? Das ist drei Jahre lang, von 1930 bis 1933, ein Geheimnis geblieben. Und keiner hat das Verlangen gehabt den Schleier des Geheimnisses zu lüften. Herr Alerandre residierte in einem luxuriös eingerichteten Büro in Paris am St. Georges-Platz. Ein Firmenschild war nicht vor Handen. Im Handelsregister stand verzeichnet: „Grün dungsgesellschaft für allgemeine Unternehmungen auf dem Gebiete öffentlicher Arbeiten". Darunter konnte man verstehen, was man wollte. Herr Alexandre wohnte in Paris im Hotel, im ersten am Orte natürlich. Seine Familie, Frau und zwei Kinder, lebten in einer Villa außerhalb von Paris. Herr Alexandre war Besitzer des „Empire-Theater", das einen Mietpreis von 400 OOO Franken und unzählige Millionen für Gagen und dergleichen im Jahre verschlang. Direktor des Theaters und intimer Freund Alexandres war ein gewisser Hay 0 t 1 e, durch dessen Hand das Geld in Strömen floß und in dessen Vorzimmer sich Hunderte von Mädchen drängten, um im „Empire-Theater" spielen zu dürfen. Aber was sie ihm auch anboten, er schlug es ab, er war versorgt; aus Wien hatte er sich Rita Georg mitgebracht, die die Hauptrolle in seiner Operette spielte. Er wohnte dicht neben dem Hause des alten Poincarë, der damals noch lebte, und war sehr stolz auf diese Nachbarschaft.
U n d w 0 h e r k a m d a s G e l d f ü r d e n L u x u s ? Herr Alexandre bezog cs aus dem Leihamt in Bayonne, das dicht an der fpanischen Grenze liegt, und in dem spanische Emigranten ihre Juwelen verpfändeten. Hunderte von Millionen wurden dort jährlich umgesetzt. Mit Hilfe des Abgeordneten G a r a t gelangte das Leihamt in die Hände von Alexandre. Der gab Gutscheine aus, die er zum Anreiz für das kaufende Publikum mit 6 v. H. verzinste und die, dank der Protektion durch Mitglieder des Parlaments als so sicher wie Staatspapiere angesehen wurden. Und dieses Leihamt brachte Herrn Alexandre das Geld. Wie er einmal den Abgeordneten Garat auf einer Autofahrt erzählte, hatte er in einem Jahr 40 Millionen „gemacht". Das ging so drei Jahre lang. Das Leihanit in Bayonne brach zusammen, und es blieben ungedeckt 280 Millionen Franken.
Jetzt, als der große Multimillionär in der Klemme saß, als er nicht mehr die Bestechungsgelder zahlen konnte, da mußte er des Wortes Weisheit erkennen: „Freunde in der Not neben hundert auf ein Lot." Keiner half ihm, und
W“ Der Eintopfsonntag ist der Ehrentag der deutschen Nation. Bedenke es am 10. November.