Zul-aer Anzeiger
MM^^M- A Tageblatt für Mn und Vogelsberg OS iSRB€s Zulöa- und Haunetal ♦ Zulöaer Kreisblatt N Hauptschchleiter Friedrich Ehren-
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Ar. 277 — 12. Jahrgang.
Fulda, Mittwoch, 27. November 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
MKPlitW Polspannung in Imtreilh.
Appell des Ministerrats an die Nation. — Wird die Regierung gestürzt?
In diesen Tagen muß sich das Schicksal des Kabinetts Laval entscheiden. Die Linksopposition rechnet fest mit einem Regierungssturz am Donnerstag. Es fragt sich, wieweit die Appelle der Regierung an die Nation noch helfen und zur Entspannung der äußerst kritischen Lage beitragen.
Am Dienstag tagte der M i n i st e r r a t 3V2 Stunden lang. Er beschäftigte sich, wie die amtliche Verlautbarung fügt, mit dem Stand der internationalen Verhandlungen in dem italienisch-abessinischen Konfliki Laval erstattete darüber Bericht und Finanzminister Regnier über die finanzielle Lage. Im Hinblick auf die schwierige finanzielle Lage beschloß die Regierung, am Donnerstag
an das Vaterlaudsgefühl der Kammer zu appellieren
und den sofortigen Eintritt in die Beratung des Budgets zu verlangen. Die Regierung einigte sich dann über verschiedene Einzelheiten zur Sicherung der öffentlichen Ordnung. Auf Vorschlag des Marine- ministers Piötri wurde dann die Zusammensetzung der französischen Abordnung für die Londoner Flotten k 0 n f e r e n z gebilligt. Wie
die Wirkung dieser Regierungsbeschèüsse aus die parlamentarischen Parteien jein wird, bleibt abzuwarten. Selbstverständlich wird der Appell an den Patriotismus der Kammer seinen Ein- hrurf bei der Rechten und der Mitte des Hauses nicht verfehlen und mit größter Wahrscheinlichkeit auch gewisse Kreise der Radikalsozialen beeinflussen. Ob das genügt, um der Regierung die nötige Mehrheit zu sichern, wenn fit nie sofortige Beratung des Budgets vor der von der Mn geforderten Debatte über die republikfeindlichen Mnde verlangt, ist sehr unsicher. Nicht nur bei den «mslisE-en Parteien, sondern auch bei dem größten Al der Radikalsozialen wird man in dem Vorgehen der Negierung, besonders in der vorläufigen Geheimhaltung der zur Sicherung der öffentlichen Ordnung getroffenen Maßnahmen eine Brüskierung und ein Manöver sehen, um die Linksfront zu spalten. Diese aber wird sich mit Maßnahmen, die nicht die Auflösung der Verbände enthalten, bestimmt nicht zufriedengeben. Die Lage bleibt also sehr kritisch für das Kabinett Laval.
Autschgerüchte
Das „O e u v r e" kündigt — allerdings mit einem Fragezeichen — einen Staatsstreich der Feuerkreuzler für Donnerstag, den Tag des Kammerzufammenpritts, an
Führer der Feuerkreuzbewegung, Oberst de la Rocque, der oft genug auf die bevo-eftebenbe Stunde der Entscheidung hingewiesen habe, könne diesmal wahr- lfbeinlich das Drängen seiner Anhängermassen, besonders eines Teiles der Unterführer, nicht mehr bremsen. Es Endest sich hier um Gerüchte ausdunklen O uel- « '' für deren Berechtigung die Verbreiter keinerlei Beweise vorbringen können Im Gegensatz dazu be- Mlptet der rechtsgerichtete „I 0 u r", daß in sämtlichen um Mis liegenden Vororten und Gemeinden, d. h. in dem l "genannten roten Gürtel, unter dem Vorwand, die Demokratische Freiheit zu verteidigen, überall bewaffnete
1 b ft f d) n p a b t e i I it n g e n der roten Volks- Pon 1 gebildet worden seien, die in den Bürgermeisters« oder in den Gemeindesälcn in Bereitschaft liegen lallen.
, Die s 0 zlalistische Kammergruppe hat ihre vcreits früher zum Ausdruck gebrachte Absicht bestätigt, den Sturz der Regierung Laval herbeizuführen
sich an einer etwaigen Regierung der Volksfront zu "«elligen. Diese neue Regierung soll dann die Kammer "ilsyW und während der Zeit der Neuwahlen die Ord- "ung und die Verteidigung des bestehenden Zustandes UW. Unter dieser Bedingung würde die sozialistische «amnrergrüppe bereit sein, innerhalb von 48 Stunden wo der Bildung dieser neuen Regierung den Haushalt N ganzen anzunehmen. In der Sitzung der sogenannten ordn u n g der Linken am Mittwochabend wer- die Sozialisten diese Haltung vertreten und durchzu- versuchen, Die Entscheidung über das Schicksal sozialistischen Absichten und damit über das Kabi- u Laval liegr somit bei den R a d i k a l s 0 z t a l e n , die endgültige Haltung erst in der Sitzung der Abord- der Linken am Mittwochabend festlegen werden.
Nundftmkrede LgMs
-Jaris, 27. November. In einer über sämtliche fran- «n- .<en Sender verbreiteten Rundfunkansprache sprach Merpräsident Laval Dienstag abend zur innen- und ^Unpolitischen Lage. Bei dieser Gelegenheit drückte er "Einung aus, daß zwischen Deutschland und Frank- ^Z.âute nachbarliche Beziehungen unter gegenseitiger Zustandekommen möchten.
Teil der Rundfunkrede war ein Rechenschafts- über die Betätigung des Kabinetts Laval im tränen des Auftrages vom 7. Juni 1935, der dahin n? ^" Franken zu verteidigen und die Spekulation Laval verwahrte sich gegen den Vorwurf, Ä ^ue zahlreichen No tverordnungen einzelne " n 'dürfet beranaezoaen zu haben als andere. Der
französischen 'Regierung' gönne man nur vier Monate, und schon regten sich unerbittliche Zensoren, die über die Regierung den Stab brechen wollten. Diese Zensoren seien sich gar nicht darüber klar, was damit angerichtet werde. Es zeige sich wieder die gleiche Erscheinung, die die Bildung der Regierung Laval gerechtfertigt habe, nämlich Goldabfluß. Ein Land könne nicht ewig von Anleihen leben. Es müsse klug und tatkräftig seine Ausgaben seinen Einnahmen anpassen. Die Aufrechterhaltung der Sparmaßnahmen verhüte die Abwertung des Franken. Wenn das Parlament anderer Ansicht sei, möge es das klar sagen. Zur Innenpolitik betonte Laval, keine Partei habe das Recht, ihre Autorität an die Stelle der Autorität des Staates zu setzen. Nur in der nationalen Aussöhnung liege das Heil.
9118 Außenminister habe er nur ein Ziel: der französischen Heimat den Frieden zu bewahren. Die inter-
Entspannung der Lage?
London und Paris zu der Verschiebung der Ölsperre gegen Italien
In London und Paris spricht man von einer merklichen Entspannung der Lage durch Verschiebung des Planes einer Olsperre gegen Italien. Londoner Blätter melden, daß Italiens Äußerung, es müsse die Annahme der Olsperre als feindliche Handlung betrachten und die Verantwortung für die Folgen ablehnen, habe die Haltung der Mächte, besonders Frankreichs, beeinflußt. Ein weiterer Grund für den Aufschub sei die
Ungewißheit über die Halrung Amerikas.
Außerdem herrsche bei der englischen Regierung Klarheit darüber, daß es immer schwieriger werde zu einer Vereinbarung zu kommen, je länger der Krieg und die Sühnemaßnahmen fortdauern. Schließlich erwartet man, in London, daß infolge der Note des englischen Ministerpräsidenten an Mussolini die italienische Regierung jetzt eher geneigt sei, die Genfer Vorschläge des britischen Außenministers Hoare über die Rohstoffverteilung in Erwägung zu ziehen.
Die Pariser Blätter begrüßen die Vertagung einer Olsperre gegen Italien, weil dadurch eine weitere Zuspitzung der Lage vermieden werde. Außerdem vertritt mau in Paris den Standpunkt, daß ein Ausfuhrverbot für Erdöl
doch nur eine halbe Maßnahme
sei, solange andere Länder, wie beispielsweise Amerika, sich nicht daran beteiligen. Die amerikanische Regierung könne ohne Beschluß des Kongresses kein Ausfuhrverbot verhängen. Die ein solches Verbot durchführenden Staaten hätten also einstweilen die Kosten des Verfahrens zu tragen. — Man könne zwar behaupten, schreibt das „Journal", daß die Sperrung der Olzufuhr das Ende des Krieges bedeuten würde und daß dies doch schließlich der Zweck und Sinn des gemeinsamen Genfer Vorgehens fei. Auf der anderen Seite müsse man berücksichtigen, daß das Ziel der Sühnemaßnahmen dahin gehe, den Frieden sobald wie möglich wiederherzustellen. Die Frage sei aber, ob dieses Ziel durch eine so schwerwiegende Maßnahme erreicht werde. Denn wenn man Italien in die Enge treibe, fei zu befürchten, daß es zu einer letzten verzweifelten Handlung greife und alles auf eine Karte fetze. Die Außenpolitikerin des „Oeuvre" glaubt die Nachgiebigkeit Englands in der Frage der Olsperre darauf zurückführen zu können, daß man a u ch i n L 0 n d 0 n d i e R ü ck wir - hingen fürchte, die eine solche Maßnahme in Italien auslösen könnte.
Egglischer Stanömmtt unverändert
London, 27. November. Die vom „Daily Telegraph" und von französischen Blättern verbreitete Meldung, daß Ministerpräsident Baldwin durch den britischen Botschafter in Rom eine persönliche Botschaft an Mussolini überreicht habe, wurde am Dienstag in London amtlich dementiert.
Von maßgebender englischer Seite wird erklärt, die Unterredung zwischen Mussolini und Sir Eric Drummond habe in keinem Zusammenhang mit irgendwelchen Friedensvorschlägen oder mit der Lage im Mittelmeer gestanden. Auch die Frage eines Oelausfuhrverbotes sei nicht erwähnt worden. Die englische Politik bezüglich eines kollektiven Vorgehens und der Anwendung von Sühnemaßnahmen habe keine Aenderung erfahren. Insbesondere seien die Kommentare, die an die Aufschiebung der Sitzung des Achtzehnerausschusses in Genf geknüpft worden sind, unbegründet. Die englische Regierung unterstütze nach wie vor die Einbeziehung der Oellieferungen in die Sanktionsmaßnahmen, und sie werde sich an jedem kollektiven Beschluß des Genfer Ausschusses in dieser Richtung beteiligen.
Kein nmeritneif*ts öl
Washington, 27. November. Die in der amerikanischen Presse verbreiteten Gerüchte, daß die Regierung ihren Druck auf die Oelexportcure verringert habe, weil in Genf der Zeitpunkt für die Boykottbeschlüsse verschoben worden
llatlonale Lage mahne zur Vorsicht. Neben der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Großbritannien habe Frankreich die Freundschaft mit Italien wahren müssen. Bezüglich des italienisch-abessinischen Streites hoffe Laval, daß man im gegebenen Augenblick nicht vergeblich den Wersöhnungsgeist Mussolinis anrufen werde. Man werde möglichst rasch eine gerechte und ehrbare Lösung finden müssen, die die Grundsätze der Völkerbundssatzungen mit den Belangen Italiens in Einklang bringe. Frankreich werde dann das Werk wieder aufnehmen können, das, in Stresa begonnen, so hoffnungsvoll gewesen sei. Frankreich sei dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit treu geblieben. So sei namentlich der französisch-sowjetrussische Pakt gegen kein Land gerichtet. Diese Versicherung habe der französische Botschafter in Berlin neuerlich dem Reichskanzler gegeben. Frankreich verzichte auf keine seiner Freundschaften. Es achte alle seine Verpflichtungen. Im Verfolg der Festigung des europäischen Friedens suche es die Mithilfe aller, und es wünsche aufrichtig, gutnach- die Mithilfe aller, und es wünsche aufrichtig, gutnachbarliche Beziehungen gegenseitiger Achtung mit Deutschland herzustellen und zu fördern. Das starke, wachsame, friedliche Frankreich habe nichts zu fürchten.
sei, haben im amerikanischen Staatsdepartement ein nachdrückliches Dementi hervorgerufen.
In maßgebenden amerikanischen Kreisen wird betont, das; die Vereinigten Staaten vollkommen unabhängig ihre eigene Politik verfolgen. Geschäfte mit kriegführenden Staaten würden gegen den Geist der amerikanischen Neutralitätspolitik verstoßen. Die Regierung habe nicht die Absicht, müßig zuzusehen, wie amerikanische Bürger „ein Blutgeld giexig eiMlpejchey", Für die USA sei eine derartige Neutralitâtspoliiik vollkommen neu, und es sei daher nicht leicht, sofort alle Lücken, deren sich die Geschäftemacher bedienen, abzudichten. Die Regierung bleibe bei ihrer Politik ohne Rücksicht darauf, was England, Frankreich, der Völkerbund oder die anderen Nationen unternehmen.
Das italienische Volk opfert
Das ganze italienische Volk hat sich zu einer großen ^pfergemeinschaft zusammengeschlossen im Abwehrkampf gegen die Sühnemaßnahmen. Täglich werden viele tausend Gramm Gold und Silber gesammelt. Ein italienischer A d m i r a l hat seine goldenen Auszeichnungen abgeliefert, und mit großer Begeisterung opfern die italienischen Sportler ihre internationalen kampferrungcnen Preise. Der bekannte Rennfahrer Nuvolari, der Radrennfahrer Girardengo und die ehemalige Leichtathletikwettmeisterin V i v e n z a haben ihre Pokale, Plaketten und Medaillen aus Gold und Silber dem Vaterland zur Verfügung gestellt. Auch die G e i st l i ch k e i t hat ihre goldenen Amtsketten auf den Altar des Vaterlandes geopfert.
Obwohl die O l s p e r r e gegen Italien zunächst noch nicht verhängt wird, werden bereits vorsorglicheAb- w e h r m a ß n a h m e n getroffen. Innerhalb 20 Tagen müssen größere Vorratsmengen an Benzin, Treiböl und anderen Stoffen gesammelt werden, und die Mineralöllagerfirmen müssen einen eisernen Bestand halten.
Entthronter Abessimenkaiser gestorben.
Die salomonische Bundeslade in Dessie.
Aus Addis Abeba kommt die wichtige Mitteilung, daß der Enkel Meneliks II. und ehemaligen Kaisers von Abessinien, L i d s ch Iosfu, am 25. November in Garamuleta, südwestlich von Harrar, wo er sich seit dem Jahre 1932 in Gefangenschaft befand, a n Paralyse gestorben sei. Er war dort in einer alten Festung als Gefangener des Kaisers Haile Selassie aufs schärfste bewacht worden. Der Verstorbene hat ein Alter von 38 Jahren erreicht. Sein einziger Sohn M e n e l i k, der jetzt 20 Jahre alt ist, lebt in Französisch- Somaliland.
Die salomonische Bundeslade, das Nationalheiligtum Abessiniens, ist an der Front von Dessie eingetroffen und in einem bombensicheren Unterstand untergebracht worden, wo sie von koptischen Priestern und kaiserlichen Gardisten gehütet wird. Nach altabessinischem Brauch befindet sich die angeblich einst aus dem Tempel in Jerusalem entführte Bundeslade stets im Hauptquartier des Negus, wenn das Land von feindlichem Angriff bedroht ist Man erwartet daher das baldige Eintreffen des abessinischen Kaisers an der Dessie-Front.
Die Nachrichten vom abessinischen Kriegsschauplatz beginnen sich wieder zu widersprechen. Nachdem dieser Tage die Abessinier größere Erfolge an beiden Fronten gemeldet hatten, behaupten nunmehr die Italiener, daß die abessinischen Meldungen unrichtig seien, u. a. artet) die Behauptung von der Erbeutung von 24 Tanks und größeren italienischen Verlusten.
Die abessinische Regierung behauptet in einer amtlichen Mitteilung, daß Gorrahei u n d G e r- logubi in der Provinz Ogaden von den Italic n e r n geräumt worden seien. Die abessinischen Truppen treffen Anstalten, diese Orte wieder zu besetzen.