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Iul-aer Anzeiger

Erscheint jeden Werktag. Wochenbeilage: Der ,

ir&S^^^ te Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg M:"MWU Zulöa- unö Haunetal♦ Zulöaer Krersblatt dach/H. Hauptschriftlerter Friedrich Ehren. z v &ttaS»W"?,!fc 6(6riftktong und S-schâftsst-ll°: Könlgstwß« « $ten/p«*« M. 39S»

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Nr. 297 12. Jahrgang Fulda, Freitag, 20. Dezember 1935 Einzelverkaufspreis 10 Pfg.

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Großer Tag für das englische Parlament

Die grohe Unterhausaussprache über den Abessinienkrieg.

Sogar der Prinz von Wales anwesend.Hoare sucht den Pariser Plan zu rechtfertigen.

Die von der ganzen Welt mit Spannung erwartete U n t e r h a u s a u s s p r a ch e in England über den italienisch-abessinischen Streit und die Pariser Friedens- Vorschläge am Donnerstag hatte durch den aufsehen­erregenden Rücktritt des Außenministers Hoare das Interesse der Öffentlichkeit noch gesteigert. Das Unter­haus war bis auf den letzten Plan gefüllt. Auf den Tribünen hatten Vertreter des Diplomatischen Korps, Vertreter der Dominions und des Oberhauses Platz ge- nommen. Auch der P r i n z von Wales hatte sich auf der Galerie der Lords elngefunden.

Die Abgeordneten unterhielten sich auf ihren Bänken. Gerüchte über den boranssichtlichen Nachfolger Hoares schwirrten umher, so daß die Fragen und deren Beant­wortung durch die Minister in der allgemeinen Unterhal­tung völlig untergingen. Einige weibliche Abgeordnete, die zusätzliche Anfragen stellten, wurden von dem auf­geregten HaUs einfach nicdergcschrien Als Baldwin mit sehr ernster Miene das Haus betrat, blieben die Bei­fallskundgebungen aus. Statt dessen erfolgten einige unterdrückteHört! Hört!-Rufe" aus den Bänken. Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als der zurückge- tretene Außenminister Hoare erschien und mit lauten Beifallskundgebungen von der Ministerbank empfangen wurde. Das Haus war mit einem Schlag vollkommen ruhig. Sir Austen Chamberlain, der in manchen Kreisen als der zukünftige Außenminister angesehen wird, räumte seinen Eckplatz aus der Regierungsbank für Hoare ein und ließ sich auf dem daneben befindlichen Atz nieder. ..MM Geste fand allgemein große Beachtung.

Hoare »erteil at sich.

Als erster Ausspracheredner erhob sich Sir Samuel Hoar e. Er erklärte zu seiner Verteidigung, daß er seit seinem Amtsantritt als Außenminister die Dringlichkeit zweier großer Fragen erkannt habe:

1. alles zu tun, was in seiner Macht stehe, um eine große europäische Feuersbrunst zu verhüten, und

2. nichts unversucht zu lassen, um einen Krieg zwi­schen Großbritannien und Italien zu verhindern.

Er persönlich habe alles in seiner Macht Steheude^getan, um die Weltmeinung gegen den Krieg zwischen Italien und Abessinien in der Genfer Vollversammlung aufzu­bieten. Jeder weitere Tag dieses Krieges habe größere und gefährlichere Fragen heraufbeschworen. Es seien Schwierigkeiten im Fernen Osten entstanden und Schwie­rigkeiten in Ägypten. Auch in mehr als einer Gegend Europas hätten sich drohende Wolken zusammengezogen. Während er auf der einen Seite loyal die Politik der Sühnematznahmen fortgesetzt habe, habe er auf der ande­ren keinen Tag vorübergehen lassen, ohne nicht auf irgend­eine Art und Weise eine friedliche Regelung dieser schick- salsschweren Auseinandersetzung herbeizusühren.

Gesellt der Fall, daß die Olsperre unter Mitwirkung der Nichtmitqlicdstaatcn hatte in Kraft gesetzt werden können, so würde das Llanssuhrverbot unter Um­ständen das Ende der Feindseligkeiten erzwungen haben. (Lauter Neifall.)

Aber gerade deshalb wäre die Lage vorn Standpunkt des italienischen Widerstandes sofort gefährlicher geworden. Von allen Seiten seien Berichte eingegangen, die keine ver­antwortliche Regierung hätte unberücksichtigt lassen dürfen, daß nämlich Italien eine Olsperre als militärische Sank­tion oder als Krieg.^Handlung ansehen würde,xw wünsche" so fuhr Hoare fori,die Lage völlig stellen. Als Nation empfanden wir keinerlei Für ch t vor irgendeiner italienischen Trübung. (Lauter Beifall.) Wie auch immer Italien sich verhalten haben wurde, wir würden wie die Geschichte lehrt jeden Schlag mit

Erfolg erwidert haben." a '

Ihm habe jedoch etwas völlig anderes vorge,wwebt. Ein isolierter Angriff dieser Art aus eine einzige Macht ohne die Gewißheit einer vollen, Unterstützung der anderen Mächte hätte nach seiner Ansicht fast unvermeid­lich zu der Auflösung des Völkerbundes geführt. Unter diesen Umständen habe er sich vor zehn Lagen nacy tzariv beaeben. Die Belvreclumaen hätten :n ,^ner wahrem Kriegsatmosphäre begonnen. Es habe auf.der Hand ge legen, daß die große Mehrheit der Genfer Mitglied staaien gegen die Anwendung militärischer Suhnemaß- nahmen war. Unter Beifall wies Hoare darauf hm, daß mit Ausnahme Englands kein Volkes irgendwelche militärischen Vorsichtsmaßnahme griffen hatte während die meisten Mitgliedsstaaten an wirtschaftlichen Sanktionen teilgenommen hatten.

Hinzu sei gekommen, daß nach seiner Auffassung eme englisch-französische Zusammenarbeit wesentlich war, wenn man nicht einen Bruch in Genf patte peiaui beschwören und wenn man nicht die Sankt Ion f nt ha zerstören wollen. Zwei Tage lang habe er mit -aval über eine Erörterungsgrundlage verhandelt -.^ Tor Wäge, die sich aus diesen Besprechungen ergaben, seien nicht Pvrschläge Englands oder Frankreichs gewesen.

Vielmehr sei manches darin, was weder ihm nock^Laval lieb sei. Die Vorschläge seien jedoch beiden Staats­männern als die einzige aussichtsreiche Grundlage künf­tiger Besprechungen erschienen. Es sei notwendig ge­wesen, einen Versuch zu machen, und wesentlich sei es ge­wesen, die englisch-französische Solidarität anfrechtzuer- halten. In diesem Geiste habe man sich auf die Vor­schläge geeinigt. Das sei die einzige Erklärung und Rechtfertigung der Pariser Verlautbarung.

Hoare setzte sich dann mit den Vorschlägen im einzel­nen auseinander. Zum Schluß erklärte er: Die Pariser Vorschläge seien ganz erheblich ungünstiger für Italien als die Forderung, die Mussolini im letzten Sommer an Eden gestellt habe.

Es gebe nur zwei Wege für die Beendigung des Krieges: entweder einen Frieden durch Vereinbarung oder einen Frieden durch Wafsenstrcckung.

Er glaube an die erste Möglichkeit. Die zur Erörterung stehenden Verhandlungen seien fehlgeschlagen, das Pro- blem aber, das zu lösen sei, bleibe bestehen. Man stehe vor einem neuen und viel gefährlicheren Abschnitt des Krieges. Mit Ausnahme von England, das seine Flotte im Mittelmeer sowie VerstHrkuna-n in Gibraltar und Aden zusammengezogen habe, habe kein anderer Staat einen Finger gerührt. Dem Ministerpräsidenten habe er seinen Rücktritt angeboten, da er sich darüber klar­geworden sei, daß er einen großen Teil der öffentlichen Meinung nicht hinter sich habe. Als Hoare seinen Platz wieder einnahm, grüßte ihn Beifall, der mehrere Minuten dauerte.

Major Ostsee fordert den Rücktritt der Gefamireg-erung.

Nach Hoare sprach der Führer der arbeiterparteilichen Opposition, Major Attlee. Er begann mit der Fest­stellung, daß sich seine Partei mit keiner Erklärung der Negierung abfinden könne, aus der nicht klar hervorgehe, daß das Kabinett in seiner Gesamtheit die Verantwortung trage, und daß Hoare lediglich zum Sündenbock gemacht worden sei. Wenn der Rücktritt Hoares zu Recht erfolgt sei, dann müsse auch die Regierung zurücktreten.

Der Mißtrauenslintrag drücke die Meinung der eng­lischen Bevölkerung über die englisch-französischen Fricdensvorschlägc aus, die dem Kaiser von Abessinien im Namen Englands als gerechte Bedingungen aus- gezwungen werden sollten.

Die Opposition verlange den Widerruf dieser Bedingun­gen. Es entspreche nickst dem Sinne des Briten für Billig­keit und Gerechtigkeit, wenn dem Lande, das gefehlt habe, ungeheure Zugeständnisse aus Kosten des Opfers gemacht würden. Die Friedensbedingungen seien ein Betrug an der Wählerschaft, die man zur Unterstützung der Regie­rung überredet habe. Die ganze Welt sei entsetzt, daß England bereit sei, solche Vorschläge zu empfehlen. Ein Angriff auf einen Staat sei ein Angriff auf alle Staaten. Das sei der Sinn des Völkerbundes.

Rücktritt des britischen Nutzen- Herriot legt Parteivorsitz

Ministers Hoare. nieder.

(Scherl Bilderdienst M.)

Nach dem Vertreter der arbeiterparteilichen Opposition ergriff Ministerpräsident Baldwin int Unterhaus das Wort. Er begann seine Ausführungen mit Ausdrücken persönlichen Bedauerns über das Ausscheiden Hoares, mit dem er ein Vierteljahrhundert lang innerhalb und außerhalb der Regierung zusammengearbeitet habe.

Der Ministerpräsident wandte sich dann unmittelbar den Angriffen der Opposition zu und erklärte, an dem Sonn­tag, an dem in Prris die entscheidende Aussprache statt» fand, habe die Verbindung zwischen Paris und London

gefehlt. Das Kabinett habe die Vorschläge nicht gerne gesehen, da sie z u w e i t gingen. Es hätte sie am liebsten geändert. Es sei auch die Frage aufgetaucht, ob man die französische Regierung sofort hätte verständigen sollen. Obwohl wir alle verantwortlich sind", so fuhr Baldwin fort,ruhte die Hauptverantwortung auf mir, und so ent­schied ich sofort, daß ich meinen Ministerkollegen unter­stützen müsse, der persönlich nicht anwesend sein konnte, um seine Beweggründe uns mitzuteilen. Ob das klug war oder nicht, ist eine andere Frage."

Jetzt sei es völlig klar, daß die Vorschläge absolut und völlig tot seien. (Beifall.) Das derzeitige engl,,che Kabinett werde bestimmt keine Wiederbelebungsversuche anstellen. Aber das englische Volk dürfe es seiner Re­gierung wohl zum letzten Male gestattet haben, an einer Kollcktivmaßnahme teilzunehmen, wenn das eng­lische Volk feststellen müsse, daß England, indem es am Völkerbund festhält, sich bei der Durchführung einer Auf­gabe, an der sich eigentlich alle beteiligen müßten, völlig allein sehe. Denn jedermann wisse, daß das Gebiet für die Anwendung dieser Grundsätze beim nächsten Mal in größerer Nähe Englands liegen werde, als dies jetzt beim Mittelmeer der Fall sei.

Der Ministerpräsident bedauerte, daß der Völker­bund heute nicht alle Staaten umfasse,- denn sonst wür­den seine Maßnahmen wahrscheinlich wirksamer sein. Den Sühnemaßnahmen wohne eine außerordentlich starke Macht inne. Aber sie seien von wenig Wert, wenn sie nicht sofort angewendet werden könnten. Andericfalls bestehe die Ge­fahr, daß langsam ein Land nach dem anderen in den Krieg verwickelt werde, so daß schließlich niemand das Ende voraussehen könnte. Wenn die betrübliche Angelegenheit des abessinischen Krieges beendet sei, würden die Mitglie­der des Völkerbundes diese Dinge überlegen müssen. In einem modernen Krieg sei der Angreifer der über» legene. Die Völker Europas müssten sich diese Tatsache vor Augen halten, wenn sie ihre Sicherheit bewahren wollten. Zum Schluß bat Baldwin um das Vertrauen des Hauses.

Nach Baldwin ergriff Sir Austen Chamberlain das Wort zu einer kurzen Erklärung. Er führte u. a. aus, aus der Erklärung Baldwins gehe hervor, daß die Pa­riser-Friedensvorschläge, die auch unter den Regierungs- anhängern Entrüstung hervorgerufen hätten, nunmehr tot seien. Wie er hoffe, werde sich das Unterhaus nun nicht darauf festlegen, daß Verhandlungen zur Beilegung des ostafrikanischen Konfliktes an sich schon ein Treubruch gegenüber dem Völkerbund oder eine Verletzung der Völ­kerbundssatzung darstellten. Chamberlain beton.e sodann, daß er ein überzeugter Anhänger des Völkerbundes gewesen sei, aber die übertriebenen Forderungen einiger Anhänger des Völkerbundes hätten ihn bestürzt gemacht.

Wir hüben einen Fehler begangen"

Gleichzeitig mit der Unterhausdebatte fand auch im O.berhaus eine Aussprache über die Pariser Friedens­vorschläge statt. Lordsiegelbewahrer Lord Halifax er» klärte namens der Regierung, daß Sir Samuel Hoare von der Regierung nicht mit dem Auftrag nach Paris ge­schickt worden sei, Versöhnungsbedingungen zu besprechen. Der Außenminister habe sich wegen anderer mit dem abes­sinischen Streitfall zusammenhängender Fragen^nach Pa­ris begeben. In Paris angekommen, stellte Hoare fest, daß die französische Regierung sehr bemüht war, Fort­schritte in dem Versöhnungsverfahren zu erzielen. Der Außenminister habe sich schließlich unter persönlichen vp. fern in bezug auf seine Gesundheit bereiterklärt, sich an der Suche nach Friedensvorschlägen zu beteiligen.

Als das Ergebnis der Pariser Besprechungen am Mon­tag in London eintraf, habe die britische Regierung vor einem Dilemma gestanden, da ihr die in Paris ausge­arbeiteten Bedingungen keineswegs zusagten. Es mußt« ein Entschluß gefaßt werden, und es sei an jenem Montag­abend klar gewesen, daß die Regierung die Vorschläge nur ablehnen könnte, wenn sie den abwesenden Außenminister fallen ließ. Die Regierung hätte vielleicht mit ihrer Ent­scheidung bis zur Rückkehr Hoares warten können. Dier sei aber durch die frühzeitige Veröffentlichung der Vor­schläge durch die Pariser Presse unmöglich gemacht worden

Lord Halifax gab dann zu, daß die Regierung einen Fehler begangen habe. Dieser Fehler liege darin, daß die Regierung nicht genügend Rücksicht auf die öffentliche Meinung genommen habe.

Kurze Nachrichten.

Berlin. Der Führer und Reichskanzler hat aus An­laß des Todes des Präsidenten von Venezuela, Ge­neral Gomez, an den mit der Führung der Prä­sidentschaft beauftragten Minister der Republik Venezuela ein Beleidstelegramm gerichtet. Außerdem stattete als Beauftragter des Führers und Reichskanzlers der Staats­sekretär und Chef der Präsidialkanzlei Dr. Meißner dem Gesandten von Venezuela einen Kondolenzbesuch ab.

Berlin. Der Führer und Reichskanzler empfing cmHause des Reichspräsidenten" unter dem üblichen Zeremoniell den neuernaunten Kgl. Jugoslawischen Ge­sandten Markovic und später den neuernannten Kgl. Ungarischen Gesandten General Döme Sztojay zur Entgegennahme ihrer Beglaubigungsschreiben und der Abberufungsschreiben ihrer Vorgänger. Später fand auch ein Empfang des griechischen Gesandten Alexander Rizo- R a n g a b é statt.