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Meter Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

11. Jahrgang.

Nummer 10

Sonntag, 12. Juni 1921

Fernsprecher 951 und 952

Fernsprecher 951 und 952

Erregung und Streik in Bagern

arbeit zu leisten.

K. F. Dr.

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anläßlich der Ermordung di Führers, Abgeordneten Garei

Bis heute früh herrschte Ruhe. Auch die Nacht ist ruhig verlaufen. Die Straßenbahnen ver­kehren seit Mitternacht nicht mehr.

.. _____ i8, abgelehnt.

Der Generalstreik ist in München nickt allge­mein. Die bisherigen polizeilichen Erhebungen haben derAbendzeitung" zufolge irgend einen Anhalt für den politischen Charakter der Mord-

wickelt und hat seit Wollten mehrfach Droh, b r i e f e erhalten. Weitgehende polizeiliche Si-

Lt« Kalieler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich lechLmal und zwar a deud ch Der AvonnewentLpreiS betragt monatlich 6.00 Mark bei freier Zuftellun, in« Hau«, «u«. würtS durch di» Post bezogen 6.30 Mark monatlich etnschliedlich Zustellung. Bestellungen werden i«derz:it von der LeschastSstelle oder den Boten entgegengenammen. Druckerei, Berlag und vicdaltion-. Lchlachthofftrabe 28/30. Für unverlangt etngesandte Beiträge kann di» Liedaktion ein« Berantwortung oder Bewahr in keinem Falle übernehme». Rückzahlung de« Bezugrgelde« oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungLmäßig« Lieferung au«geschlofsen.

(Privat-Tclegramm.)

München, 11. Juni.

Man weiß noch nicht, wer den unabhängigen Abgeordneten GareiS ermordet hat. Schon vor längerer Zeit teilte man sich mit, daß die Kom­munisten für den 10. Juni einen Putsch planen.

Die Eisenbahner haben gestern abend den Anschluß an den dreitägigen Generalstreik deS unabhängigen

Ganfttonen" und Zahlungen.

Paris, 11. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Ter Matin meldet: Tie Botschafterkonferenz ist Donnerstag nachniittag zusammengetrrten, um zu zwei Anträgen über den Abbau der Sank­tionen Stellung zn nehmen. Die Botschafter konferenz hat eine Entscheidung nickt gefällt, diese vielmehr der zwischen dem 5. und 10. Juli in Boulogne stattfindenden Sitzung des Ober­ste« Rates Vorbehalten Ter Matin meldet zu der Besprechung des deutschen Botschafters mit Briand, daß der deutsche Botschafter eine wei­tere Zahlung Deutschlands an die Alli­ierten vor de,» fälligen Termin für Mitte August in Aussicht gestellt hat.

tat nicht ergeben. Es ist viel wahrscheinlicher, daß ein persönlicher Racheakt vorliegt, denn Gareis war in mehrere Privatprozesse ver-

Dir Gegenmaßnahmen.

München, 11. Juni. (Privat - Telegramm.) Ein Flugblatt, das zum Generalstreik auf­forderte, wurde von der Polizei am Erscheinen verhindert. Die Technische Nothilfe steht zum Eingreifen bereit. Die Industriellen bc- schloffen, für die Streiktage keine Lohnzahlungen zu gewahren. In Arbeiterkreisen wird die Pa­role ausgegeben, daß der Polizeipräsident Poh- ncr und mit ihm der dentschnationalc Finanz- miaistcr Roth Abschied nehmen müßten und daß dann von Kahr von selbst vor die Notwen­digkeit gestellt werden würde, zu gehen. Auch in NegierungSkreisen sieht man die Lage mit großer Besorgnis an. Bis Mitternacht haben sich achttausend Mitglieder der Technischen R o t h i l f e an den beiden Sanrmelstellen ein- gesnnden. Heute früh sind keine Zeitungen in München erschienen. Der Polizeibericht verbietet durch Ar'chläge die Ansammlungen auf Stra­ßen und öffentlichen Plätze».

Dorgehen der Alliierten.

Beuthen, 11. Juni. (Privattelegramm.) Die Stadt Tarnowitz ist von den bewaffneten polnischen Banden geräumt worden, nachdem englische Truppen in der Stadt eingetroffen wa­ren. Es verdirb nur polnische Apo in der Stadt. Der durch die Aufständischen verursachte Schaden ist sehr groß. Bei dn letzten Kämpfen mn R a- t i b o r und P l e ß sind drei italienische Of­fiziere nnd achtzehn Mann gefallen. Die in Pleß ei >«gebrachten Gefangenen sind zum Teil Offiziere des polnischen Heeres, was eine Rote Italiens nach Warschau zur Folge gehabt hat. An der Nordfront ziehen sich die Polen zurück, ohne von den Alliierten entwaffnet zu werden.

Gareis wurde im Landtag auch Mgefeiudet, weil er fortwährend der hiesigen französischen Gesandtschaft und de» anderen Ententevertretern mit Denunziationen von Wafsenlagrrn, sowie reaktionäre« Bestrebungen in den Ohren lag. Der M i n i st e r r a t trat gestern zusammen, um über die Lage zu beraten. Der Mordanschlag hat in der Arbeiterschaft große Erregung verursacht. Gestern vormittag fand eine Ver­sammlung der Gewerkschaftler uitb der Betriebs- obleute statt, in der die Lage eingehend erörtert wurde. Der Gcwerkfchaftsverein teilt mit, daß in der gesttigen Sitzung anläßlich der Ermordung des Abgeordneten Gareis beschlos­sen worden ist, in den Generalstreik von Frettag nacht 12 Uhr bis Montag nacht 12 Uhr einzutreten. Durch Flugblätter wird die arbei- terwe Bevölkerung hiervon benachrichtigt.

Zn!«rttonSpr«tt»: a> (ütnh-imtsH, Aufträg»! Di« etnfpalttge Auzeigen-ZeU- W. L20, di, «tnfpattlge «etlamtseUe äR. b) Auswärtig, Aufträge: Die «tnfpaltig« Anj-tgenz-il, M. L50, di» einspaltige Reklamezeile M. 8.60, aller etulchltetzlich TeuerungSzufchlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonder« schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag Für die Richtigleik aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme- baten und Plätze kann »in« Bewähr nicht übernommen werden. Druckerei: Schlacht- Hofstrab« 28/3v. Geschäftsstelle: Kölnische /Straß» 6. Telephon Nummer #51 und 962.

Der politische Mord.

Streik in Bahren als Protestkundgebung.

Die sozialistischen Barteten.

München, 11. Juni. (Privattclegrarmn.) Die Streikparole ist in den Betriebe« mit Ruhe au,genommen worden. Der erste Tag wird eine Massenversammlung der Arbeiter im Ausftellungspark a» der Theresienwiese bringen. Tie polizeiliche Genehmigung ist zwar bis zur Stunde verweigert, doch süsciiU das Ministerium dem Truck der dre» sozialistischen Parteien nach- gcbcn zu wollen. Ob irgend welche Forderungen an das Ministerium Kahr gestellt werden, kann zur Stunde noch nicht gesagt werben. Trotz des Streiks erscheinen die beiden sozialistischen Blät­ter, dieMünchener Post" undDer Kampf" mtt Genehmigung der Streikleitung unter der Bedin­gung, daß ferne Inserate ausgenommen werden und daß der Inhalt auf sozialistische Propaganda beschränkt ist. Die Landesleitung der sozialisti- scl)en Partei Bayerns hat die Ausdehnung des Streiks aus das gesamte Landgebiet beschlossen Ter Generalstreik gilt als Anstatt einer parla- mentarischen Aktion zur Erlangung bin­dender Garantien gegen dir Duldung der Hatz- und Mordpolitik der letzten Monate.

Die Haltung der Regierung.

München, 11. Juni. (Privattelegramm.) Der Minislerrat ttat gestern abend angesichts der anßerordentlich verschärften Lage zusammen. Ein Beschluß ist bis zur Stunde noch nicht gefaßt. Es ist damit zu rechnen, daß die Regierung versuchen wird, den Streik zu unter­drücken. Die sozialistische Presse dürste von der Regierung verboten werden, sobald die bür­gerliche Presse am Erscheinen verhindert ist. DaS unabhängige BlattDer Kampf" brachte eine Sonderausgabe, in der der Regierung von Kahr die Schuld au der Mordtat durch die Propaganda der cjtremen Kreise vorgeworfen wurde. Die Sonderausgabe wurde von der Regierung ver­boten rntb verfiel der Beschlagnahme.

Gegen den Gesamtstreik.

Ablehnende Haltung der Eisenbahner.

(Privat-Trlegramm.)

München, 11. Juni.

Pressermethoden, durch die Geldgier, die Los- reißung von Gebietsteilen, die militärische Be­setzung mit Schiwarzen und durch die vielen Te-_______.....______ _____________________ _.

mütigunaerr haben die unersättlichen Nachbarnichcrungsmatznahmen sind in München getroffen.

Vus Oberschlesien.

Protest gegen französische Lebergriffe.

(Privat-Telegramm.)

Breslau, n. Juni.

Die deutschen Parteien und Gewerk- schäfte« von Breslau haben eine B e - sch Werbeschrift mit eidesstattlichen Erklä­rungen und ärztlichen Attesten der Interalliierten Kommission in Oppeln überreicht. Aus dem Ma­terial geht hervor, daß eine Anzahl deutscher Bürger von den Franzosen beschimpft und mit Faustschlägeu und Fußtritten miß­handelt würben. Die Gefangenen wurden Boches",deutsche Schweine" unddeutsche Hunde" genannt. Selbst französische Offi- ziere mißhandelten die deutschen Gefangenen mit Reitgerten und Spazierstöcken. Einern Deut­schen wurde das Band des Eisernen Kreuzes aus dem Knopfloch gerissen und auf die Erde gewor­fen. Ein Ausrührer erklärte:Ich bin nicht so gemein wie die andern, Klaviere und Möbel nehme ich nicht, ich nehme nur Schmucksachen und Brillanten" Die polnischen Offiziere der Aufrührer könnene den Plünderungen keinen Einhalt gebieten. Einer der Offiziere sagte: Wenn ich den Leuten das Plündern verbiete, schlagen sie mich tot.

den Haß des deutschen Volkes auf sich gezogen. Vorläufig brauchen die ängstlichen Franzosen keine Sorge zu haben, denn wir sind so wehr­los, daß Wir uns nicht rühren können; und Was in zwanzig bis dreißig Jahren geschehen kann, das wollen wir getrost ab-warteu. Gegen das Weltgeschick kann sich kein Volk versichern. ES gibt doch eine ausgleichende Gerechtigkeit, die höher steht als französische Tücke und britisches »fair platz". Sollte England für die Zukunft wirklich Vernunft annehmen und auch Frank­reich beeinflussen, dann würde Deutschland umso mehr in der Lage fein, aufbauende Friedens-

FriedenSlkven.

Deutschland England und Frankreich.

Langsam klart sich die polittsche Atmosphäre Es hat gegenwärtig den Anschein, als ob die Einsicht zu keimen beginne, daß endlich einmal versucht werden muß, Ordnung in Europa zu schassen. Bestand bisher außerhalb unserer Gren­zen die frivole Auffassung, daß alle Welt auf Deutschlands Kosten leben könne, so stellte sich nun doch diese Rechnung als falsch heraus. Der Feinddund muß jetzt selbst fühlen, wie durch Räuberpolitik kein dauernder Gewinn zu erzie­len ist. Je mehr Deutschland geknechtet wird, desto weniger kann es zahlen; das ist eine Selbst- verstündlichkeit, zu deren Erkenntnis dieSieger fiaatin* zwei Jahre Zeit gebraucht haben, womit sie sich selbst Wer ihre staatsmännischen Fähig--! leiten das Urteil sprechen. Nachdem wir schließ­lich die furchtbaren Verpflichtungen erzwunge- nermaßen auf uns genommen haben und die deutsche Regierung bei jeder Gelegenheit ihren guten Willen, das Ultimatum zu erfüllen, betont,

verstärkt sich auf der Gegens.site das Vertrauen. Auch jetzt hat der Reichskanzler Dr. Wirth im Reichswirtschaftsrat wieder eine Art Pro- grammrede gehalten, in der er sagte, die jetzige Regierung wolle erfüllen, was in Menschenkräften steht. Allein das Leistungsprin­zip könne die Welt vom guten Willen Deutsch­lands überzeugen. Er will es avso nicht nur bei Versprechungen bewenden lassen, sondern auck Taten ausweisen, wozu er die Volksvertretungen zur Mitarbeit aufsordert. Er verkannte nicht die Schwierigkeiten, die in unserer Rotlage begrün­det sind, doch sprach er sich hoffmlnaisvoll aus. , Politik ist der Weg des Optimismus, der Weg des Mutes, der die Dinge angreiit." Dieser Standpunkt ist sebr lobenswert, nur fragt es sich, ob uns noch die nötige Kraft dazu übrig bleibt.

Wenn man den lockenden Klängen, die in der letzten Zett aus dem Alliiertenlager herüberschal­len, Gchör scheust, ist man geneigt, etwas freier aufzuatmen, Weil ein versöhnlicher Ton mit­klingt. Neuerdings ist es der britische Minister Churchill, der die Friedensschalmei bläst. Das nach verschiedenen Umschreibungen vorge­tragene Thema lautete:A u f r i cht i g e r Frie­den zw-ifchm England, Frankreich und Deutsch­land." Was dabei zunächst aufsAlt, ist, daß er das Vernünftige und Selbstverständliche sagt, das in den Ententeländcrn zwar jeder voraus- schauende Politiker weiß, aber keiner auszn- fprechen wagt. Wahrend des Krieges gehörte Winston Churchill als Kriegsminister dem enge­ren Kabinett an und war einer der größten Feinde Deutschlands, der mit Hilfe der Presse eine wütende Hetze betrieb. Wenn dieser Mann heute die Zusammenarbeit empfiehlt, muß man schon annehmen, daß die Rede ein gewisses Aufsehen in England erregt. Er versucht, zwi- scheu Deutschland und Fransteich die Ver­mittlerrolle zu spielen, neigt aber natürlich mehr auf die Seite Frankreichs dessen Geistes­verfassung ihm näher liegt. Er erzählt, in Frankreich denke jedes Herz mit großer Sorge daran, was in zwanzig oder dreißig Jahren geschehen werde. Diese Sorge sei ver­ständlich, weil die französische Polittk in Ober» schlesien Meinungsverschiedenheiten mit England berbeigejührt hat, so daß Fransteich schließlich Gefahr laufe, einmal a l l e i n zu stehen. Dem­gegenüber weist er darauf bin, daß es in Deutschland in jenen durch den Krieg nnd die Revolution in den Hintergrund gedrängten Kreisenlauernde Ideen" geben müsse, die einst für Frankreich gefährlich werden könnten. Aber dabei zeigt er bemerkenswerte Einsicht, wenn er andeutet, daß diese Kräfte gerade durch die un- glückliche Angst- und Gewaltpolitik Frankreichs gestärkt werden. Da könne Englmtd vermitteln. England solle treu gegen­über Fransteich und nicht ungerecht gegen Deutschland fein. Man solle das Gefühl der Sicherheit in Frankreich stärken und in Deutsch­land das Gefühl wecken, baß es »fair platz' zu erwarten hat. Da? Schlagwort vom .fair platz" ist leider stark abgegriffen; es ist schon zu viel Mißbrauch damit getrieben worden.

Diese Bemühungen um die Zusammenarbeit der drei großen Staaten haben ihren Ursprung in den brittschen HairdelNreisen, die schon lange den Rückgang ihrer Ausfuhr nach Deuffchland spüren und genau wissen, daß die deuffche Kauf- Kast schwindet, wenn das Volk unaufhörlich ausgesogen wird. Es ist nicht nur ein Zufall, daß Churchill seine Rede in Manchester, der Handelsmetropole, hielt. Aber was bedeuten in Wirklichkeit seine Worte; sind sie nicht nur Phrasen, Wenn die britische Regierung nicht so handelt? Das einseitige Verstmidnis für die französische Angst ist recht töricht. England ist! mitschuldig daran, daß Fransteich seine Untcr- drückungs- und Vernichninasvolitik so weit ze- trieben hat. Gerade durch die Räuber- und Er- '

Besatzungstruppen der anderen Mächte, namentlich Englands, sich gestaltet hat und in der Praxis auswirtt. Ueberauß bezeichnend in dieser Hinsicht ist doch das Verhalten der ges­amten Kölner Bevölkerung, als dieser Tage in- olge des Abtransportes englischer Truppen nach Oberschlesien eine teilweise Besetzung Kölns durch Franzosen in Frage kam und ja wohl auch vorübergchend eingetreten ist. Es will doch viel heißen, wenn die Gewerkschaften aller Richtun­gen an das englische Oberkommando herautr.:- ten und es aufs dringendste baten, einem sol­chen Austausch der Besatzungstruppen die Zu­stimmung zu verweigern und es bei dem aus­schließlichen Verbleib englischer Trup- b en im Bezirk Köln zu belassen. Wenn etwas, so muß dieser Vorgang, der auch von der gesam­ten Kölner Presse entsprechend behandelt und kommentiert worden ist. den Franzosen ein Licht darüber aufgesteckt haben, welche Gefühle oie Rheinländer ihnen entgegenbringen und wie intensiv dieSiebe" fein muß, deren Erweckung und Verbreitung ein französischer Minister als die Aufgabe seiner Landsleute bezeichnet. Bei der maßlosen Verblendung und Eitelkeit, die nun einmal unsere westlichen Nachbarn auszeich­net, ist indessen kaum anzunehmen. daß ste die

Dke AMkettm-Volrtik.

Minister Ehurchills Friedensrede.

(Eigene Drahrmeldung.)

Rotterdam, 11. Juni.

Die Londoner Presse bespricht die gro­ße Rede Chuchills über eine Annäherung Eng­lands. Frankreicks und Deutschlands allgemein in zustimmendem Sinne. DieMoming Pop" macht den Borbehalt, daß England nur mit den Deutschen zusammengehen könne, wenn für Frankreich jede finanzielle und militäffsche Si­ckerung durch Deutschland gegeben sei. Die Daily News" steht in der Rede Churchills die erste Anbahnung eines großen Bundes zur Leittmg der europäischen Polittk, fie erwartet aber, da Italien nickt erwähnt sei, daß dies dort Verstimmung erregen müsse.

Franzosen am Rhein-

Die halbkultivierte« Barbaren.

Täglich kommen aus den besetz««« Gebieten Nach­richten, datz französische Soldaten, Weitz« nnd farbig», sich Uebergrisfe gegen di» deutsch» Be- »Sikernng erlauben. Deshalb dürfen sich di« Franzosen nicht Wunder«, wenn der Satz gegen sie wächst. An« Köln wird uns geschrieben. «Nachdem wohl sämtliche französische Gene­rale im Verlaus der zweieinhalb Jahre die Ge- legeuhcit benutzt haben, in denglorreich er- Dbcrten rheinischen Gebieten billige Lorbeeren zu pflücken, das heißt, Siegeshymnen anzustim­men. sich von den, glücklicherweise nur wenig zahlreichen, kritik- und würdelosen Neugierigen deutscher Nationalität angaffen zu lassen und Truppenparaden auf Kosten Deutschlands abzu­halten, nach alldem konnte doch auch der zivile Krlegsminister der Republik, Herr Louis Bar- thou, nicht länger zu Hanse bleiben. Auch er hat daher einen halb kriegerischen, halb propagandistischen Vorstoß an den Rhein unternommen, hat sich in Mainz mit dem Gepränge und den Absperrungsmaßnahmen, wie sie früher nur bei Besuchen des russischen Zaren bekannt waren, von seinensiegreichen" Generalen und Truppen empfangen lassen und bat endlich bei einem Prunkdiner, das der fron» zöfische Oberkomissar Tirard ihm zu Ehren ver­anstaltete, eine Rede gehalten, in der er diezivili­satorische" Aufgabe seiner Landsleute pffes und unter anderem der Meinung Ausdruck gab, daß

die Rheinländer noch lernen würde«

oder bereits gelernt hätten, die Franzosen zu lieben. Wenn in diesem schönen Satz etwas znm Ausdruck kommt, so i,t es, ganz ab­gesehen von der altbekannten französischen Arro- gaitz, eine geradezu kindliche Einfalt. Herr Bar- thou scheint weder deutsche Zeitungen zu lesen wahrscheinlich versteht er sie auch gar nicht, noch auch Stimmungsberichte von seinen Unter­gauen zu empfangen, die ihn gewiß, sofern sie nur einen Anflug von Wahrheit und Ehrlichkeit enthalten, nicht darüber im Zweifel lassen dürf­ten, daß die Gefühle der Rheinländer gegenüber den Franzosen alles andere denn auf Liebe ge­stimmt sind. Es gab zweifellos einmal eine Zeit vor dem Kriege, wo man am Rhein manchen Wesenszügen des Franzosen nicht ganz unsym- pachisch gegenüberstand und wo, durch einen regen Reiseverkehr begünstigt, manche Bande freundschaftlich-persönlicher Beziehungen über den Rhffn hin gesponnen wurden. Aber dattn ist eine gründliche Wandlung eingetreten, seit­dem die Rheinländer Gelegenheit haben, den Franzosen gewissermaßen Dl seinen vier Wänden und im Rausch eine? Siegerwahns k-n-z neu zu lernen, dessen Betätigung und dessen Ausartungen sich in nichts von denen eine? halb kultivierten Barbaren unter­scheiden. Diese Erfahrungen haben sämtliche Bevölkerungsschichten deS Rheinlandes macken müssen, und es würde Herrn Batthou schwer fallen, sei es in Bürger-, sei es in Arbeiterkrei- scii, eine andere Stimmung gegenüber seinen Landsleuten festzustellen, als die einer grenzen­losen Verachtung und eines brennenden Hasses. Daß er dies nicht weiß oder nicht wis­sen will, muß um so mehr erstaunen, als selbst französische Blätter von Rang immer häufiger zu der ihnen sehr unangenehmen Feststellung sich gezwungen sehen, daß die Anbiede­rungsversuche und die Stimmungsmache der Franzosen am Rhein einen kläglichen Miß­erfolg zu verzeichnen haben. Ihre Mißstimmung darüber, ihre schlecht verhehlte Wut wird da­durch nicht geringer, daß sie sehen müssen, wie grundverschieden das Verhältnis der Rheinlän­der zu den