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Meier NM Mrichtm
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 164.
Sonntag, 16> Juli 1922.
Fernsprecher 951 und 952
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12. Jahrgang.
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Vor der Entscheidung der Krise.
Noch keine Klärung.
Der krisenhafte Anstand.
Es ist noch alles in der Schwebe. Die Re- gierungsfrage, das Schlitzgesetz, die Wiedergut- machungsfrage, die Beziehungen Mischen Bayern und deni Reich, alles ist in einem Zustand der Ungewißheit, die in störender Weise auf Handel und Wandel einwirkt. Im Reichstag dauert die seit Wochen bestehende Spannung Mischen den Parteien an, und man weiß nicht, ob vor den Parlaments-Ferien ein Ausgleich gezeitigt wird. Wenn trotzdem die Krise sozusagen zu schluntmern scheint, so ist das wohl der allgemeinen Parlamentsmüdigkeit zuzuschreiben. Aber vielleicht bringen die ersten Tage der nächsten Woche eine größere Lebhaftigkeit, weil man die bedeutungsvollen Entscheidungen erwartet. Die Sozialdemokraten, die Unabhängigen und die freien Gewerkschaften bleiben in ihrer ablehnenden Stellung und halten an der Regierungs-Erweiterung nach links fest, ebenso an ihren Forderungen zum Schutzgesetz. Demgegenüber hat sich jetzt ein Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien gebildet, die einer Regierunglscrweite- rung nur zustimmen wollen, wenn sie auch nach rechts hin die Deutsche Volkspartei esnfchließt, und die das Schutzgesetz nur mit gewiffen Zusätzen annehmen wollen, wonach es auch gegen Uebergriffe von links angewendet werden könnte. Die Gegensätze sind scharf ausgeprägt. In den Wandelgängen des Reichstags spricht man, wie uns von Berlin berichtet wird, sehr trief von der »Auflösung* des Reichstages, aber es ist doch deutlich fühlbar, daß eine allgemeine Abneigung gegen die Auflösung besteht. Alle Parteien hos- fen, daß der Reichskanzler oder der Reichspräsident einen Ausweg finden werden. Gestern haben ja wieder Verhandlungen Mischen den P a r 1 e i e n stattgcfunden, in denen ein Weg zur Annäherung gesucht wurde.
Das besondere Merkmal ist jetzt, daß die bürgerlichen Parteien, durch die Erfahrungen der letzten Tage veranlaßt, sich entschieden gegen die Gewerkschafts-Nebenregierung wenden. Es geht natürlich nicht, daß die Reichsregierung, dir nach innen und außen für die Politik und ihre Folgen verantwortlich ist, von der Willkür gewerkschaftlicher Forderungen abhängig gemacht wird. Man erkennt aus verschiedenen Vorgängen daS Bestreben der nicht-verantwortlichen Gruppen, die Macht an sich zu reißen. Schon als in der vorigen Woche gegen den Willen der Regierung eine wiederholte Ar- beitsrwhe von den Gruppen der Linken angeord- net und trotz Einspruchs dnrchgeführt wurde, merkte man. woher der Mud wehte. Als dann die Lohnforderungen der Ruhr-Bergarbeiter mit Streikdrohung und in Berlin der Streik der Buchdrucker hinzukamen, wobei nur die Blätter der Linken gedruckt wurden, die bürgerlichen aber zum Schweigen gezwungen waren, da erkannte man, daß System in dem Vorgehen lag. Jetzt kommt es darauf an, daß die R egier un g sich eine Parteikoalition schafft, die sie in die Lage versetzt, Herr im Hause zu bleiben. Wohin sollte es führen, wenn die Regierung ein Spielball einseitiger Interessen würde. Gerade jetzt, da wir infolge des schlechten MarSurses immer mehr den Alliierten ausgeliesert werden, ist eS erforderlich, daß die ReKerung die Vertretung des Volksganzen verkörpert. Wir haben aus der gestern mitgeteilten Antwortnote der Reparationskommission ersehen, daß der erbetene Zahlungsaufschub, der unsere Finanzlage erleichtern soll, keineswegs sicher ist. Zwar schallen von England wieder friedliche Klänge herüber, auS denen terir heraushören, daß die lieben Briten unS gerne mit mehrjährigem Zah- lungsauffchub beaWcken werden, wenn —ja wenn Lloyd George nicht auf PoincarS hören müßte. Die Franzosen sind wieder diejenigen, die besondere Garantien verlangen. Wie wir die Widerspenstigkeit der Franzosen kennen, so müssen wir den Briten mißtrauen. IN jedem Falle bedarf die Reichsregierung, wenn sie mit den Alliierten verhandelt, einer stärkeren Äutorit 21, die sich nur auf eine breite, zuverlässige Mehrheit stützen kann.
Als Grundlage Mr eine feste Stellung der Reichsregienmg ist eS aber auch notwendig, daß das Reich in sich eine geschlossene Einheit bildet. Da stimmt es doch einigermaßen bedenklich, wenn man wahrnehmen muß. wie die Svannunq Zwischen Berlin und München sich verschärft. Die Anklagen des Reichskanzlers aeaen Bayern wegen d.'r »bayrischen SoNdervoliffk" staben in Badern kein gutes Echo aefunden. Es scheint doch, daß sich hinter dm Kulissen Vorgänge ab- spielen. die noch manche Neberraschnng bringen werden. Wenn es richtig ist. was uns eine Berliner Aorreivonden? berichtet, dann sollen in Re- gensbura Mrzlich febr vertrauliche Besprechungen stattnefi'nden haben, deren Träger hauptsächlich die Bayrische Mttelvartei und die Bayrische Bolksvartei waren. Dabei soll es sich üm eine monarchistische Bewegung handeln. Auch hervorragende Führer der bayrischen Industrie
und Wirtschaft sollen In München eine Konferenz abgehalten haben, auf der die zu treffenden wirtschaftlichen Maßnahmen erwogen worden seien für den Fall, daß es schon in nächster Zeit zu einer Loslösung Bayerns vom Reiche komme. Führende Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft, — genannt wird der Generaldirektor Cuno von der Hamburg-Rmerika-Linie — die noch Einfluß auch in Bayern besitzen, sollen von maßgebenden Stellen des Reiches gebeten worden sein, die genannten bayrischen Bestrebungen abzulenken. Das sind unerfreuliche Enthüllungen. Zieht man davon auch ettoaige übertriebene Berliner Befürchtungen ab, so bleibt doch noch genug übrig, das Besorgnis im Reiche erwecken kann. Aufllärung von den amtlichen Stellen sowohl in Berlin, als auch in München ist dringend erforderlich. K. F. D.
Die Regienmgeerwettemng»
Je ein Minister von rechts «nd links?
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 15. Juli.
Die Berharwlungen über die Regierungserweiterung sind auch im Laufe des gestrigen Tages nicht vorwärts gekommen. Sie werden erst dann in ein akutes Stadium treten, wenn der Reichspräsident in Berlin eingetroffen sein wird. Man nimmt in parlamentarischen Kreisen an, daß der Präsident nach dem Vortrag des Reichskanzlers auch noch die Parteiführer hören wird, ehe Entschlüsse getroffen werden. Noch immer besteht der Plan der Berufung eines den Unabhängigen und eines der D"uk- schenVolkspartei nahestehenden Ministers. Die genaue FestleWNg eines Arbeitsplanes des Reichstages in der gestrigen Sitzung des Ael- testenausfchuffes, wobei als TagungSfchluß der Dienstag vorgesehen ist, läßt darauf schließen, daß die Parteiführer mit einer ungehemmten Verabschiedung der in Beratung befindlichen Gesetze rechnen. Hieraus jedoch Schlüffe auf eine ebenso Satte Erledigung der schwebenden Regierungsumbildung zu ziehen, wäre falsch, zumal der „Vorwärts" gestern abend neuerdings seinen Standpunkt festgelegt hat, daß für die Sozialdemokratie eine Koalitionspolitik gegen die Unab- hängigen nicht mehr möglich sei. Die bürgerlichen Koalitionsvartcren stehen nach wie vor einer einsettigen Regienmgserweiteruug nach links ablehnend gegenüber. Die Entscheidung wird frühestens im Laufe den heutigen TageZ herbeigeMhrt werden können, wenn auch Ueber- wschungen nicht ganz auSgeschloffen sind.
Sozialistische Arbeitsgemeinschaft.
Berlin, 15. Juli. (Privattekegramm.) Die sozialdemtzkratifche Fraktion und die Reichstags- fraktion der Unabhängigen Sozialisten haben am Freitag abend nach Vorbesprechungen der beiderseitigen FraktionSvorstände tn getrennten Sitzungen einen übereinstimmenden BescUutz gesicht, sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenzu- schlietzen. Dieser Beschluß wird im Laufe des Sonnabend der Reichsregierung «nd den Reichs- togsparteie« offiziell mitgeteilt werden.
Die «Sewerffchasts-Jorderung.
Berlin, 15. Juli. (Privat! elegramm.) Die Mr heute Sonnabend früh beim Reichspräsidenten anberasmten Besprechungen mit den Parteiführern sind auf heute nachurittag verfchoben worden. In der gestrigen Unterredung des Kanzlers mit Hermann Müller hat dieser im Namen der sozialdemokratische« Partei aSge- lchnt, auf einer anderen Grundlage als der des GewerkschastsprogrammeS zu verhandeln.
Aus der Verfolgung.
Verhaftung bo« falsche« Verdächtigte«.
(Privat-Telegramm.)
Braunschweig, 15. Juli.
Nach einer Meldung aus Königslutter sind gestern «wend auf dem Bahnhofe durch einen Landjäger zwei Männer sestgenomme« worden, auf die die Beschreibung der Mörder des Ministers Rathcnan paßt. Darüber wurde später gemeldet: Die in Braunschweig verhafteten zwei Männer, die unter dem dringenden Verdacht standen, die Mörder Siatbenaus zu fein, haben einen «nffangreichen AlibiSeweis gebracht. Soweit die bisherigen Angaben nachgeprüft worden find, kommen fie als Mörder Ratbenaus nicht in Frage. — Da die bisherigen Ermittlungen in Mitteldeutschland ergebnislos geblieben sind, erwartet «nm Mr Anfang der kommenden Woche die Auflösung der Fahndungskourmisfion in Gardelegeu.
Sine Spur nach Hannover.
Hannover, IS. Juli. (Privattffegramm.) Gestern vormittag wurde von Landjägern eine Spur verfolgt ,die nach Hannover fü.,rt. An der Nähe von Peine stießen sie auf zwei Männer, deren Bekleidung der Beschreibung ähnelt.
Sie wurden von den Beamten angerufen, worauf sie flüchteten und einige Schüsse auf die Beamten abMkben. Die Beamten wurde nicht verletzt. Die Landjäger erwiderten das Feuer und verwundeten einen der Flüchtlinge leicht. Die Täter sollen aber trotzdem entkommen sein. Ihre Verfolgung wird weiter fortgesetzt. Nähere Einzelheiten fehlen aber bisher noch.
«
Die Mitwisser.
Berlin, 15. Juli. (Privattekegramm.) In Wismar find mehrere Verhaftungen vorgi- »ommeu worden. Es wird angenommen, zum Tefl ist dies auch schon festgestellt, daß die Mörder in Wismar mit Rädern und Geldmitteln versehen worden sirw. Daß fie Geldmittel gehabt haben, beweist der Einkauf neuer Garderobenstücke, den sie in Lenzen vornehmen konnten. Die Flucht erscheint aber ganz ohne Plan erfolgt zu sein. Außer in Wismar sind auf einem Klostergut in der Nähe von Wismar, ferner in R e u - K a l i e S und auch in Lenzen mehrere Personen verhaftet worden, die durch Gewährung von Unterkunft, durch Rat oder aus andere Art «nd Weise den flüchtigen Mördern zum Fortkommen geholfen haben.
Am den AahlmigsaussOub.
Die Frage einer äußere« Anleihe.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 15. Juli.
In den nächsten Tagen sind wahrscheinlich in Paris Mt>ci wichtige Fragen zu besprechen und zwar: diejenige ver Bedingungen des Moratoriums «nb diejenige der Bedingungen der äußeren Anleihe. Was das Moratorium anbelangt, so scheint man von französischer Seite nicht zu beabsichtigen, dieses z« gewähren, solange Deuttchland sich nicht bereit erklärt, den Zahlungen auf das Konto der Reparationen ein Vorrecht gegenüber allen andern innere« Zahlungen zu gewähren. Andererseits sei man aus britischer Seite besonders damit beschäftigt, Mit- tel zu finden, eine neue Bersamuttung der Bankiers herbeizuführen, «m unter besseren Beding- ungen als im verflossenen Mai die Ausgabe einer Anleihe zu Deutschlands Gunsten zu prüfen. Eine Anleihe hätte gleicAciüg den Zweck, die Zahlungen in Gold wieder aufzunehmen und andererfeits die Mark zu stabilisieren. Es sei bei dieser Gelegenheit geäußert worden, daß England bereits heute erklären könne, daß es aus einen Teil seiner Guthaben in Frankreich verzichtet, wenn die deutschen Schulden den Vorschlägen der letzten Bankierskonferenz entsprechend vermindert würden.
Das SchuISenproblem.
London, 15. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Man ist in England angeblich überzeugt, daß das Reparationsproblem von demjenigen der interalliierten Schulden untrennbar sei. Man sehe kein Mittel, die Frage der Reparationen yt lösen, ohne gleichzeitig eine zwette anzuschneiden. Man hält es als bestimmt, daß im Laufe der kommeichen Zusammenkunft zwischen Lloyd George und Poincars die beiden Fragen gleichzeitig geprüft werden. An der Börse hatte die Ungewißheit der gesinnten La« einen abf-cttzvächenden Einfluß auf den Gewmartt. Die fremden Wechselkurse erlitten eine wesenüiche AbscMächung. besonders die deutsche Mark und der französische Frauken.
Britische Dorschlage.
L o n d o n, IS. UM. (Eigene Drahtmeldung.) John Breabbury, der brttische Vertreter in bei Reparanonskommiküon, ist gestern von Paris nach London zurückzekchrt und unterbreitet dem FimmSomttee des britischen Kabinetts ei« M r - morandum über die Reparationen, sowie die deuffchen Zölle und Finanzen. Die britisch Regierung ist heute in der Lage, diese Frage eingehend zu prüfen und Vorschläge auszumbeiten, die die Unterlage« Mr die Besprechungen mit PoincarS «nd anderen Bertre- tern der alliierten Staaten auf der demnächst stattfindenden Aufammenkmfft bilde« sollen.
Die deutsche Finanzlage.
Berichterstattung des Garantiekomttees. (Privat-Telegramm.)
Berlin, 15. Juli.
Tas alliierte Garantie-Komitee hat gestern einen telegraphischen Auftrag der Reparations- Kommission erhalten, seine Verhandlungen mit der deuffchen Regierung mit Beschleunigung zinn Abschluß zu bringen, damit das Komitee möglichst bald über die deuffche Finanzlage Bericht erstatten könne. — Das Garantiekcknitee wird aus Berlin am Sonntag abend nach Paffs zurücklehren. Man glaubt alN, daß unter triefen Umständen die Erörterung über den Bericht, den das Komitee auS Berlin mikbringt, am Dienstag in der Lxvarationskommisfl»» beginnt.
Die deuffchen preist.
Ei« vernünftiger Brief eines Amerikaners
SS ift traurig, wenn die AuSlSnder, bie begünstigt durch ihre starte Valuta billig tu Deutschlanb leben, nicht bi« Rot hier bemerken. Dann ist »S doppelt zu begrüßen,w cnn einmal ei« AuSlSnder denMut zu einem offrnenWor« findet
Es gibt Ausländer, die sich darüber beschwe- ren, daß sie in Deutschland „geneppt" werden, es grt aber auch solche, die sich darüber aushalten, ß man in Deutschland so viel über die hohen Preise klagt, wo doch alles so billig sei. An einen oder vielmehr eine von der letzten Art wendet sich ein Amerikaner im »Daily Berlin American". Eine amerikanische Dame, die Mar in jeder Beziehung die geringfte Kenntnis deutscher Verhältnisse vermiffen ließ, hatte sich darüber beklagt, daß die Deuffchen so viel lamentier- ten, alles wäre so lächerlich billig hier, Fleisch kostete nur etwa ein Drittel von dem, was es in Newyork koste ustv., und sie fügte hinzu, das Gestöhne der Deuffchen über die Teuerung falleihrsoäufdreNerven, daß sie draus und dran sei, wieder nach Amerika abzureifen. An diese Dame wendet sich in dem erwähnten Blatte ein Landsmann, dessen Darlegungen von jedem Ausländer beherzigt werden sollten, auch wenn ihm das Stöhnen der Deuffchen über bie hohen Lebensmittelpreise nicht „auf die Nerven fällt". Er wendet sich an die Dame folgendermaßen:
„Wenn Sie unter dem Zwange Ihrer Nerve« nach Amerika zurückgekehrt sein werden, werden Die Meifellos von dem Redakteur Ihres Lokalblattes interviewt werden. Sie werden ihm dann erzählen, daß alles Gerede Wer die Leiden des deuffchen Volkes nichts als „Hunnenpropaganda" ist. Sie werden ihm berichten, daß man hier für einen Bruchteil von dem eine Wohnung haben kann, waS man daMr in Amerika bezahlen nmß, daß Schweinefleisch nur dreißig Cents kostet, Rindfleisch nur einen Vierteldollar, Eier frier* und zwanzig Cents das Dutzend, und daß man ein Paar Schuhe für weniger als drei Dollar kaufen kann. Die geschätzten Leser werden dann beifällig lächeln und erklären, daß man triefen Hunnen niemals trauen könne; sie appellierten an die amerikanischen Sympathien mit ihren gründ* losen Erzählungen von Not und Entbehrungen, ebenso wie sie es während des Krieges getan haben. Und mancher Menschenfreund, der vielleicht gern einen oder zwei Dollar ein paar Freunden oder einem Kinderasyl in Deuffchland geschickt Hätte, wird durch Ihren Bericht bekehrt und gibt bas Geld jetzt lieber für das Kino aus. Denn Sie kommen doch direkt aus Deuffchland und müssen alle dies« Dinge mit eigenen Auge« gesehen haben.
ES fällt mir schwer, gnädige Frau, die Ent« rüstung zu verbergen, die mich bei der Unterhaltung mH Ihnen und allen Ihren zahlreichen Brüdern und Schwestern befällt. Was wissen Sie von Deuffchland? Ist Ihnen denn völlig unbekannt, daß Billigkeit und Teuerung relative Begriff« sind? Können Sie sich nicht vorstellien, daß Fleisch einen Dollar das Pfunb wohl billig isst für den Mann, der hundert Dollar die Dtoche verdient, dagegen teuer für den, der nur fünf Dollar hat? Ist Ihnen bekannt, daß der Durchschnfttslohn des arbeitenden Volkes gerade hinreicht, um zehn PMnd Schweinefleisch $u kaufen, sonst aber nichts? Oder daß einer dieser Unglücklichen mehr als einen Monat schuften und jeden Pfennig sparen muß, um sich einen Anzug oder ein Kleid zu kaufen? Oder daß der ganze Wochenlohn hingegeben werden muß, um ein Paar Schuhe zu erftefien? Oder einen Bettbezug? Oder drei gebrauchte hölzern« Küchenstühle?
DieS ist, gnädige Frau, die Lage der Leutk» die mtt ihren HäNden arbeiten; sie müssen Entbehrungen ausbalten, von denen Sie keine Ahnung haben. Ich toter dieser Tage zufällig in einer Familie der werktätigen Klasse gerade in dem Augenblick, wo sie ihr warmes Mittagsmahl einnahm. ES bestand aus einem dicken Brei, bereitet auS zwei Pffund gelbcn Erbsen, zehn Pfund Kartoffeln und einem Viertelpfund Hammeltalg. Für neun Personen! Man denke: ein Viertelpfund Fleischersatz für neun Personen! Am Tage zuvor gab eS Mei Bündel Kohlrabi (etwa dreißig Stengel), zehn Pfund Kartoffeln und ein Viertelpfund Rindertalg. Ich kenne diese Frau sehr gut. Sie ist Ehrlich, fleißig und sparsam. Sie versucht die neun Familienmitglieder mit dem Lohn ihres Mannes zu nähren und zu kleiden, muß überdies die Miete unt Gas bezahlen. Dämmert es Ihnen nicht bereits daß jede Steigerung des Brotpreises eine Kalamität für die Frau ist? Würden Sie fünf Häuserblocks weit gehen, um fünf Cents zu sparen ( Diese Frau geht zwanzig Härfferblocks. in« ein Trittei eines Cents zu sparen. Aber Sie geben nach Amerika zurück und erzählen, wie billig die Kartoffeln sind, die nur 37 Cents das Bushel kosten, oder die Erbsen, von denen Las PMnd ganze drei Cents kostet, oder der Talg, den man für 20 Cents daS PMnd haben kamt. DaS ist