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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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WM

Hessische Abendzeitung

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Nummer 170.

Fernsprecher 951 und 952

Sonntag, 23. Juli 1922.

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang.

Die deutschen Finanzprobleme.

Entmündigt?

Deutschland unter Finanzkontrolle.

Wird es so weit kommen, daß wir nicht mehr Herr im eigenen Hanse sind? Die Reichsrcgie- rung hat die Bedingungen der alliierten Garantiekommission für den Fall, daß uns ein Zahlungsaufschub gewährt wird, unter­schrieben, womit sie ihre Selbständigkeit im Reichshaushalt aufgeben würde. Es hat wohl nicht anders sein können. Die fremden Aufsichts- organe verlangen Einsicht in unsere Bücher, und wir gewähren sie ihnen mit einer Verbeugung vor der fremden Macht. Wir nehmen diese neueste Demütigung ruhig hin und merken die Herabwürdigung nicht einmal. Kein Parlament steht dagegen auf. So sehr sind wir schon zer­mürbt. daß wir uns in die Rolle der Knechtschaft ohne Murren hineinsindcn. Die Regierung han­delte unter dem Druck der Gewalt, um Zwangsmaßnahmen zu verhüten; aber wären denn wirklich Zwangsmaßnahmen angewendct Worden, wenn die Regierung nein gesagt hätte" Sie hat es noch nicht daraus ankommen lassen, und gerade, weil sie es niemals darauf ankom­men ließ, sondern immer nachgab. gingen die Alliierten in ihren Forderungen immer weiter. Rach den bisherigen Erfahrungen können sie ja verlangen, so viel sie wollen, die Erfüllung ist ihnen doch sicher. Das ist leider die Schattenseite unserer gutgemeinten Erfüllungsbereitschaft, daß wir dadurch langsam, systematisch entmündigt werden. Ob wir damit beffer gefahren sind, als wenn wir vor drei Jahren von vornherein uns gegen die räuberische Auspressung aufgelehnt Här­ten? Niemand vermag es zu sagen, aber kehr wahrscheinlich ist es, daß unsere Lage damals nicht schlechter geworden wäre, als sie jetzt ist. Unser Volksvermögen, aus dem wir bisher d-e Wiedergutmachungssummen zahlten, ist zusam­mengeschrumpft durch die Sachleistungen sind wir von unseren besten Erzeugnissen entblößt, die Mark ist nur noch einen Pfennig wert, so daß bald die Zeit kommen wird, daß wir keine Nah­rungsmittel und keine Rohstoffe mehr vom Aus­lände kaufen können. Um nicht dem österreichi­schen Schicksal zu verfallen, müssen wir bei den Unterdrückern noch um unser gutes Recht betteln.

Damit wir uns vergegenwärtigen, was wir soeben wieder auf uns nehmen mußten, stelle man sich die Bedingungen des Garantie- komitees vor, die nach vierwöchigen Prüfungen :und Verhandlungen in Berlin zustande gekom­men sind Die deutsche Regierung verpflichtet sich, sowohl den Etat wie alle finanziellen Ge­setzentwürfe zwei Delegierten der Repa- rationskommifsion. die sich in Berlin zum Zwecke der finanziellen. Beobachtung ständig aufhalten werden, vorzulegen. Die Vorlage braucht allerdings erst dann zu erfolgen, wenn die Ge­setzentwürfe das Kabinett durchlaufen haben und den varlamentarischen Körperschaften zur Be­schlußfassung zugegangen sind. Demnach steht den Delegierten kein direktes Einspruchsrecht zu, aber sie haben doch nachher das Recht der Kritik, und was das bei den Alliierten beißt, weiß man ja:Tm kannst tun. was du willst, aber tust du etwas, was rms miß fällt, dann klopfen wir dich auf die Finger!* Die deutsche Regierung hat ferner zugesagt, daß sie nunmehr ihren alten Plan eines fliegenden Kontrolldien- st e s verwirklichen will. Besondere Beamte und Kommissionen des Reichsfinanzministeriums werden bei den einzelnen Finanzämtern Einsicht in die Durchführung der Veranlaguna und Steuererhebung nehmen und die Durch­führung der Steuerarsetze überwachen. Diese flie­genden Inspektionen werden von Zeit zu Zeit von einem Vertreter der alliierten Fi- nanzkontrollkommifston begleitet sein. Laut Abmachungen ist die Tätigkeit dieses ^alli­ierten" Begleitkommissars begrenzt, das beißt er darf die Steuergeheimnisse, die Aufrechterhaltung der Steuerfouveränität und der Verwaltung nicht verletzen. So steht es auf,dem Papier. Man weiß aber ans trüben Erfahrungen, daß die Alli­ierten das Recht überschreiten, wo und wann es ihnen beliebt. Schließlich wird auch die Allüer- ten-Kommission die deutsche Ein- und Aus­fuhr überwachen, angeblich um die Maß­nahmen zu: Bekämpfung der Kapitalflucht zu kontrollieren. Die GültiAeit dieser Finanzkon­trolle wird beschrankt werden auf die Dauer des etwaigen Zahlungsaufschubs.

Die große Frage ist nun. ob ein Zahlungs­aufschub bewilligt wird. Wie aus unteren ge­strigen Berliner Telegrammen zu entnehmen ist. soll England bereit sein, Deutschland in wei­tem Maße entgegenznkrmmen. Richt nur ein Zahlungsaufschub. sondern auch eine Herab­setzung d-r Schulden und eine Anleihe, sowie die Vermind-rung der Besat­zungstruppen am Rbein hat Llovd Georg« vorgefchlaaen. Um Frankreichs Zustimmung zu erwirken, wäre wenn die Londoner Meldun­gen richtig sind die englische Regierung sogar geneigt, die französischen Schulden zu streichen. Diese Großzügi-ckeit erscheint sehr verdächtig. Es sieht so aus, als zeige sich Lloyd George wieder

einmal von einer .edelmütigen" Seite, weil er überzeugt ist, daß Frankreich doch nicht zustim­men wird. Das Garantiekomitee will zwar in Paris zunächst einen drei- bis sechsmonatigen Zahlungsaufschub beantragen, aber noch ehe dies geschehen ist, hat das französische Kabi­nett beschlossen, keinen Zahlungsauf­schub zu gewähren, sondern auf der Weiter­zahlung gemäß den Versailler Bestimmungen zu beharren. Diesen Standpunkt bat auch Poin- earS bereits der Reparationskommission mitge- reilt. Es wird sich nun abermals ein Wort- und Notengefecht zwischen Llovd George und Pom- earS enttvickeln. In solchen Fällen ist bisher lei­der jedesmal Poinearö Sieger geblieben. Es ist aanz unverständlich, daß die Vernunft sich viel­leicht gar nickst oder, im aünftigsten Falle, nur schmier durchsetzen kann. Die Irrlehren der Alli- iirten über Deutschland haben in jenen Ländern zu tiefe Wurzeln geschlagen. Fetzt hat ein eng­lischer Minister, Lord Birkenhead, wieder erklärt, er sei niemals der Ansicht gewesen, daß die deutsche Finanzkrise durch böse Absicht herbei- gesübrt worden sei. Die Krise sei weiter nicht- als das Gesamtergebnis einer verfehlten deut­schen Finanzpolitik. Er hätte sagen sollen: einer verfehlten alliierten Finanzpolitik. Denn die alliierte Ansbeutungs - und Ervres- snngspolitik ist und bleibt die Ursache der deutschen Not! Diese Tatsache sollte die Rcicksregierung nicht nur einmal im Fahre, sondern täglich nach Paris und London und in alle Welt telegraphieren! K. F. D.

Das Garantieromüee.

Auffassung über Deutschlands Finanzen.

(Eigener BeriÄt.s

Paris, 22. Juli.

Uebcr den voraussichtlichen Bericht, den das Garantiekomitee in Paris erstatten wird, ver­lautet von zuständiger Stelle: Die Unterkommis­sion für die Ausgaben im deutschen Budget ist zum Schluffe gekommen, daß eine Einschrän­kung der Ausgaben im Budget nicht mehr möglich ist. Die Kommission glaubt besonders, die Streichung der für die Verbesse­rung der Volksgesundheit vorgesehenen Sum­men nicht fordern zu dürfen und anerkennt auch entschieden, daß das deutsche Eisenbahnnetz den neuen Grenzführungen angevatzt werden muß. Die Kommission für Einnahmen hat den Ein­druck gewonnen, daß neue Steuern kaum mehr notwendig und möglich sind, zumal wenn die bestehenden Steuern gewiffcnhaft ein­getrieben werden. Auch die Zwangsanleihe solle möglichst rasch, bis Jahresende, durchge­führt werden. Die Kommission, die sich mit der Kapitalflucht befaßte, hat eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um die Devisenspe­kulationen zu verhindern. Eine völlige Verhin­derung der Kapitalsabwanderung ist praktisch unmöglich. Auch die Unterkommission für wirt­schaftliche Statistik hob hervor, daß sie stets das größte Entgegenkommen hei den deut­schen Behörden gesunden und auf ernsten Wi­derstand nicht gestoßen sei.

Sine entfpannung?

Paris, 22. Juli. (Eigene Drahtmekduna.) Ein Bericht von privater Seite besagt, daß bas Ergebnis der Verhandlungen mit der deutschen Regierung und des Garantiekomitees, trotz der gegenteiligen Ansichten einiger Blätter, eine Entspannung herbeigrführt haben. Das Komitee soll mit den Zusagen über die Kontrolle der deutschen Budgets für Ein­nahmen und Ausgaben des Reiches zufrie­den sein. Ter Präsident des Komitees, Mau- rlere. hatte gestern eine Unterredung mit Mini­sterpräsident Poincarö und Finauzminister De- lasteyrie. Ueber das, waS das Komitee in Bcr. litt ermittelt hat, gibt eine Mitteilung der Re- parationskommisstou Aufschluß. Der gesamte Bericht des Garantieausschuffes soll bis Anfang nächster Woche fertiggestellt fei«.

Um dke Finanzkontrolle.

Berlin, 22. Juli. (Privattelegramm.l Zum Memorandum des Garantieausschuffes schreibt dasBerliner Tagebtatf': Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß dieses ganz scharf einschneidende System von Kontroll­maßnahmen erträglich höchstens dann bleibt, wenn es sich nicht etwa als eine dauernde Ein­richtung darstellt, sondern auf die Zeit deS Mo­ratoriums beschränkt bleibt. Hierüber ist in dem Memorandum selbst noch nichts gesagt, i DerVorwärts" spricht im Zusammenhang

des Memorandums mit dem Briefe BoincarSS von einer Politik, die sich selb ft r l chtet.

Am den Zahlungsaufschub.

Poincarss Besprechung mit Llohd George.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 22. Juli.

Nachdem der französische Ministerpräsident mit seinem Briefe die Haltung Frank­reichs dahin gekennzeichnet hat, daß französi­scherseits nur ein ganz kurzes Moratorium von höchstens sechs Wochen bewilligt werden soll, während Lloyd George zu einer Stundung von zwei Jahren geneigt gewesen sei, haben beide Parteien ihre Stellungnahme ftstgclegt. Man spricht fdjmn jetzt von einer Unterredung vor Ende dieses Monats. DasJournal des Dcbats" erklärt, der Zeitpunkt sei gekommen, daß Frankreich sich genau darüber klar sein mufft, was es wolle, und daß es dies auch sagen mufft.

Englische Vorschläge.

London, 22. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Der parlamentarisch Mitarbeiter derPall Mall Gazette" meint, daß Lloyd George eher für öine größere Anleihe, die naturgemäß mit einer ganz wrsentlick-en Herabsetzung der Repa- rntionsschulden Deutschlands Hand in Hand gehen müsse, als für ein Moratorium ist. Der englische Vertreter der Reparationskommission, Br-chburv, schlägt folgende Form eines M o r a- t o r i u m s für Deutschland vor: Die Zahlungen für 1924 werden zunächst überhaupt ausgesetzt und gefhmbet Die Zahlungen für 1922 und 1923 werden auf die Zeit bis zum Jahre 1924 verteilt, so daß sich Monatsleistnngen in Höhe von etwa 20 bis 30 Millionen Goldmark ergeben

Bayern und das Reich.

Entschließung der bürgerlichen Parteien.

(Privat-Telegramm.)

München, 22. Jütt.

Zur politischen Lage haben die bayrischen Parteien der Mitte Stellung genommen. Der Landesausschnß der Bayrischen Volks­partei tagte aut Freitag den 21. Juli unter dem Vorsitz des Parteivorsitzenden Speck-Mün­chen. Die Versammlung war aus allen Teilen des Landes äußerst zahlreich wie noch nie be­sucht. In Anwesenheit des Ministerpräsidenten Gräfin Lcrchenfeld und der anderen vier der Partei angehörendcn Staatsminister wurden eingehende Beratungen gepflogen. Der Landes- auöfchuß ist zum dem Entschluß gekommen, mit allen gesetzlichen und parlamentarischen Mitteln den Standpunkt Bayerns auf das ent­schiedenste zu wahren. Dem Ministerpräsiden­ten und den übrigen Ministern der Reichstags- und Landtagsfraktion der Bayrischen Bolkspar- tei wurde einstimmig das vollste Vertrauen aus­gesprochen. Die Verlautbarung der Demo­kratischen Partei besagt: Der Landesaus­schuß der Deutsch-Demokratischen Partei in Bay. ern hat in feiner aus allen Teilen Bayerns über­aus stark besuchten Sitzung einstimmig die b i s - herigr Haltung der demokratischen Land­tagsfraktion gebilligt. Damit sind die Richt­linien auch für das weitere Verhalten der Frak­tion sowohl wie der Partei gegeben.

Erklärung der Demokraten.

München, 22. Juli. (Privattelegramm.) Zum Verständnis der gestrigen demokratischen Entschließung ist zu erklären, daß in der Kund­gebung der Demokratischen Landtagssraftion ge­gen jeve Politik Stellung, genommen war, Bay­ern versaffungs- und rechtsbrüchig zu machen, daß aber andererseits eine völlig unpartei­ische Durchführung der neuen Gesetze gefordert würde, so daß niemand in die Lage komme, über einseitige, ausnahmerechtliche Be­nachteiligung zu klagen, und daß nicht in den Gesetzen ein Mittel zur Knebelung politischer Neberzeugung und Gesinnung gesehen werde. Heute abend wird auch die Bayerische Mittel- Partei (Deutschnationale Partei) noch zur alloe- meinen polttischen Lage Stellung nehmen.

*

Sine ernste Tage.

München, 22. Juli. (Privattelcaramm.) Zur politischen Lage berichtet die bayerische Re­gierung: Tie Entscheidung über das Verhal­ten Bayerns den neuen Ausnahmege­setzen gegenüber ist heute noch nicht zu erwar­ten Die Lage wird allerortens als sehr ernst angesehen. Man spricht von einer möglichen Auflösung des bayrischen Landtags»,

Liebe zur Hekmat.

Lin Grundstein der deutschen Zukunft.

DaS Wachsen der Stiidte unb dke Ausdeh­nung des schnellen Verkehr« hat den Ginn für Land.'chast und Natur leider sehr der. drangt. Neuerdings kommt aber das Land durch die Fußwanderungen wieder mehr zur Geltuno. Wie man durch die Liede zu r Natur die Liebe zur Heimat stärkt, wird tut nachstehenden Aufsatz treffend dargelegt

Der Heimatboden, die Natur unseres Vater­landes und die alten deutschen Volkssitten sind der Jungbrunnen, in dem unser so schwer ge­fährdetes Volk toieher Gesundheit und Kraft finden muß. Diese Besinnung auf die unverlier» baren Schütze unserer Umwelt predigt der Frei­burger Professor Dr. Konrad Guenther. Die deutsche Heimat ist ein einheitlicher Organismus, in der sich Natur, Tier - und Pflanzen­leben und Volkstum zu einer Einheit zusammenschließen. Die EÄenntnis von dem innigen Zusammenhang dieser Dinge nennt Guenther Heimatlehre, und die ihr zu­grunde liegende Auffassung umschreibt er folgen­dermaßen:Es gibt eine allen Deutschen gemein« ferne Heimat, aus der dem Volte die Kraft und Freude zu dauernder Gesundheit i'nd frischer Zukunft erwächst. Die Grundlage dieser Heimat ist die deutsche Natur. Von ihr gehen die Strah­len aus, die wir durch Volkskunde, Sage, Kunst und Geschichte verfolgen und die ebenfalls in Harmonie zusammcnklingcn. Die Heimat ist ein Organismus. Sie ist ein lebendiges Wesen und hat, wie alles, was lebt, Körper und Seele. Wie ein Mensch nur auf uns Einfluß gewinnen kann, wenn wir ihn sowohl mit unfern Sinnen aus­nehmen, als auch fühlen, so auch die Heimat. Die Seele der Heimat gebt aber von der belebten, Natur in die unseres Volkes über." In den letz­ten Jahrzehnten ist nun von diesem kostbaren. Schatz gar Vieles schändlich vertan worden. Die Heimatnawr ist an allen Orten

verstümmelt und geschädigt.

Jahr für Fahr muß ich ein Storchenpaar strei­chen, das irgend ein Torf der Umgebung Frei­burgs schmückte," erzählt Guenther als Beispiele aus seiner eigenen Erfahrung.Die Nachtigall, die einst die Gärten mit Wohllaut erfüllte, ist an vielen Orten versttimmt. Der letzte Uhu Badens wurde vor Weihnachten beruntergeknallt, Raub­vögel sind kaum noch zu sehen, die Eisvögel, bunt glitzernde Juwele am Bach, werden ver­nichtet. Die jagbaren Tiere sind dezimiert; selbst Eichhörnchen sind selten geworden. Viele Teiche entbehren des anheimelnden FroschgequÄes. Die seltenen und farbenprächtigen Schmetterlinge fin­det man bei Sammlern und Händlern zu Hun­derten, aber die Natur beleben sie nicht mehr, und so gebt der schreckliche Totentanz weiter. Vlumenarm sind Wiesen und Gräben geworden; zwischen den Feldern fehlen die Hecken und Sträucher, die einst mit Blütenpracht und Vogel­gesang die Gegend belebten. Alte Bäume schlägt man um, um das Holtz zu verkaufen, wenn sie auch Jahrhunderte lang dem Dorfbild den Cha- rakter gaben. Der prächtige Fsteiner Klotz ist durch einen Steinbruch zur Hälfte abgetragen, und zu einer Kulisse geworden, der Ho-henftof- filn, der höchste der Hegau-Berge, wird ebenfalls durch einen Steiubruch angekratzt. Was ist aus unserem Vater Rhein bei Bingen und Oberlahn­stein geworden!" Der Mensch von heute ist der Natur völlig entfremdet, während die Germanen schon zur Zeit des Tacitus ein aus­geprägtes Heimatempfinden besaßen. Den Ver­lust dieses angeborenen Gefühls leitet Guenther von der

falschen Erziehung in Schule und Haus

6er, von der Ueberschätzung des Auslandes, von der Geringschätzung der Herzensbildung, die sich in unserer materialistischen Zeit immer stärker zeigt. Der Weg zur Gesundung kann nur durch die Rückkehr zur Natur gefunden werden, und zwar muß das Volk von der Gleich­gültigkeit zur Anteilnahme und von dieser zur Liebe geführt werden. Die Heimatschutzbewegung der letzten Jahre bat zwar für die Erhaltung wichtiger Naturdenkmäler Vieles geleistet, aber die Herzen der Deutschen können für die Heimat- natur nur durch Belehrung wieder geöffnet wer­den. Deshalb soll man an unteren Hochnbulen Lehrstüble für Heimatlehre errichten. dcmnit von dort aus eine Schar von Männern onsgeben könne, die das neue Evangelium der Heimatliebe zu Kindern und «Großen trägt. Die Heimotlebre ist eine Wissenschaft, so mtt tote jede andere, die an Universitäten ihren Sitz hat.

Die Schönheit der Natur

beruht auf ift'er Eigenart als Organismus; des- balb muß man den Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen nachgehen, muß das Antlitz der Heimaterde ergründen, es auf Klima und Boden, auf Tiere unb Pflanzen zurückführen. So baut die Heimatlehre das organische Bild unserer Na­tur auf; sie trägt aber auch neue Tatsachen mr den Naturforscher vom Fach zusammen. Als praktische Maßnahmen fiir die Erziehung der Studenten für diese Wissenschaft denkt Guenther