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Nummer 176

Sonntag, 30> Juli 1922,

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

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Kasseler Neueste NachMm

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

LerlM'Mnchener Ausglelchsversuche

©Witterungen.

Nationale nnb internationale Wirrnis.

Der Reichsbau kracht in seinen Fugen. Er Hai jetzt eine schwere Belastungsprobe auszuh al­ten. Neben dem dauernden Druck, den die äuße­ren Feinde uns austürden. tobt im Innern bei 3jaue§ ein Ansturm von links und recyts gegen die Grundmauern. Würden diese jetzt nicht standhaften, wäre das Reich verloren. Trotz allem dars man noch so viel Zutrauen ha- Len, daß die Reichseinheit gewahrt bleibt, daß der Kampf zwischen Bavem und dem Reich nur ein Streit um Begriffe bleibt. Die bayerische Regierung ist nach wie vor der Auffassung, daß das vom Reichstag angenom­mene Gesetz zum Schutz der Republik ein Ein­griff in die Rechte der Einzelstaaten sei. Bis jetzt vertritt nur Bayern diesen Standpunkt, während die anderen Staaten das Reichsgesetz anerkennen. Wie sehr die bayerische Regierung von ihremRecht überzeugt ist, zeigt der schnelle Erlaß der Verordnung, wonach ein Teil dieses Reichsgesetzes als für Bayern ungültig erklärt wird. Zum andern Teil wird der Schutz der Republik, soweit das rechtsrheinische Bayern in Betracht kommt, von der bayerischen Regie­rung selbst übernommen. Dieses eigenmächtige Vorgehen bedeutet nicht weniger, als daß die Autorität der Reichsregierung bedenklich ge­schwächt ist. Würde jeder Wiedstatt durch ein Sondergesetz das Reichsgesetz teilweise unwirk­sam machen und die Exekutive selbst 1. die Hand nehmen, dann träte bald eine allgemeine Rechtsverwirrung ein. Das muß unter allen Umständen vermieden werden.

Andererseits sind auch die Reichsregierung ttnd der Reichstag nicht frei von politischen Fehlgriffen. Sie hätten das Schutzgesetz nicht mit solcher Ueberstürzung schassen dürfen, sondern mußten sorgfältig die Tragweite jedes einzelnen Paragraphen in Erwägung ziehen und dabei all« Volksteile berücksichtigen. Man wird die in Bayern herrschende Reichsverdros. s e n h e i t verstehen, wenn man an die Enthül­lungen im Leoprechting.Prozeß denkt. Der bayerische Ministerpräsident Lerchenseld har Bayerns Standpunkt damit zu erklären versucht, daß er auf die Beriner Mißgriffe hinwies, wo­nach Vertrauensmänner der Reichsregierung ihre geheimen Informationen über Bayern von dem Hochverräter Leoprechting bezogen, der ein bezahltes Werkzeug des französischen Gesandten Dard in München war. Man ersieht daraus, wie die ölte Spannung zwischen Nord und Süd vonaußenher versthräft worden ist und tote wir uns, wie schon früher so ost, von fremden Einflüssen haben aufftacheln lassen. Jeder Deutsche, der sein Vaterland liebt, fragt sich vol­ler Sorge, wann wird Deutschland endlich den inneren Zwist unterdrücken und erken­nen, daß.der wirkliche Feind außen stecht? In der französischen Presse Wird schon erwartungs- voll die Frage aufgeworfen, wann Wohl das deutsche Reich auseinandersallen werde. Frank­reich liegt aus der Lauer! Der französische Se­nator Brandicr schreibt im .Statin während er die Wiedergurmachungsfrage bespricht, Frank­reich könne einer Herabsetzung der deutschen Schuld nur dann zustimmen, wenn das deutsche Reich in feine einzelnen Staaten auf. gelöst werde! Auch PoincarS hat diese Frage erwogen und erklärt, daß man bei einer Auslösung des deutschen Reiches die Repa- rationspflichten anteilsweffe auf die deutschen Einzelstaaten verteilen müffel Wer jetzt noch nicht merft, woher der Wind wehr, dem ist nicht zu helfen. In England, wo der Wettunfua immer in Blüte steht, wettet man letzt schon, ob der Streit zwischen Bayern und dem Reich mit Waffen aufgefochten werde. Das ist natürlich eine Narrheit, bte auf der englischen Unkenntnis deutscher Verhältnisse bericht. Weder tn Bayern noch im übrigen Reiche denkt man ernstlich an eine Trennung. Allseitig wird die Aufrechterhaltung der Reichseinheit gewünscht. Nun ist es allerdings auch an der Zeit, daß end- lich der Weg der Vernunst beschritten wird. PartikularismuS und Varteidoktrin müssen schwinden. Der feste Bestand des Rei­ch e s ist das höchsteZiel.

Angesichts der jämmerlichen politischen und wirffchaftlichen Lage in der sich Deutschland in­folge der Zerstörungspolitik der Alliierten befin- bet, erscheint es notwendig, auf die Kund- aebungen hinzuweisen, die am heutigen Sonntag veranstaltet werden. Unter dem Kenn­wort .Nie wieder Krieg soll Nr den Weltfrieden demonstriert werden. <53 ist der Tag der achtjährigen Erinnerung an den Kriegs­ausbruch. In Deutschland werden die Kund­gebungen in mehr als zweihundert Städten er. folgen, und auch in anderen Ländern werden Umzüge, Versammlungen und Reden in Szene - bk- Vom rem menschlichen Standpunkt wbchte man diesen Veranstaltungen von Herzen zustimmen, befonberi wenn man sich vergegen­wärtigt, daß der Weltkrieg nichts als U n»

Unterlassen hat. VerwMete Gebiete, Zer-

störung von hochwertigen Kulturgütern materiel­ler und geistiger Art, Zerrüttung ber Moral, Steigerung der Habgier, Verminderung der Ar- beit, Verarmung und Aussaugung ber Besieg­ten, Verwilderung, Brutalität und Heuchelei bei Sieger sind die üblen Folgen des Krieges, die affe mit Minus zu kennzeichnen sind. Demge­genüber gibt es nicht einen einzigen Posten, der als Plus zu buchen wäre. Für keine Partei ist etwas Gutes aus dem Kriege entstanden. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man den Krieg verurteilen. Aber als Politiker, a&g Betrachter der Vergangenheit und Gegenwart kann man nicht an einen Weltfrieden glauben. Das Versailler Diktat, dieses infame Instrument des gemeinsten Betruges, mit dem die Alliierten uns bis aufs Mut quälen und uns dann noch er- würgen wollen, ist ber Fluch Europas. Wie das militaristische Frankreich bte jetzige Genera­tion zum Revanchekrieg erzogen hat, so er­zieht es die kommende Generation zum Haß ge­ben Deutschland, und bas den Handel beherr- schende England hilft dazu, daß der deutsche Konkurrent niedergeh alten wirb. Die Briten und Franzosen wollen die Herren sein, bte Deutschen sollen die Sklaven sein. Erklären sich Diejenigen, bte heute auf die Straße gehen und Nie wieder Krieg rufen, damit einverstanden? Die heutigen Kundgebungen sind zwar interna­tional und die deutschen Kundgeber freuen sich der internationalen Brüderschaft. Alber wenn eg darauf ankommt, Deutschland Gerechtigkeit zu geben, lassen die fremdenFriedensfreunde die Deutschen schmählich im Stich! Ehe man für den nebelhaften Weltfrieden demonstriert, sollte man zunächst einmal Gerechtigkeit und Freiheit für Deutschland fordern!

K. F. Dr.

Bayem und das Reich.

Beratungen der Minister und Parteien. lPrivat-Telegramm.)

München, 29. Juli.

Im Konflikt mit dem Reiche war gestern abend die Lage insofern unverändert, als das bayerische Kabinett, daS noch am Don­nerstag ein Abzweigen vom Reiche im Landtage abgelehnt hatte, in eine Beratung des Briefes des ReichSpräfidrnten eingetreten ist. Die gestrige Befprechnng der Minister beim Grafen Lerchen- seid wurde auf ein Uhr vertagt und findet am Montag ihre Fortsetzung in einem anberaumten großen Ministerrat. BiS dahin sollen die K o a- litionSparteien zur Sachlage Stellung genommen haben. Neber den Stand der Dinge werden in den gestrigen Münchener Zeitungen Informationen ausgegeben, die stch gegen iv Auffassung der Berliner Presse richten, als ob der Konflikt mit Bayern bereits in der Erle­digung begriffen sei. Borläuftg käme ein Nach» «eben Bayerns nicht in Frage. (?)

eine ruhigere Auffassung.

München, 29. Juki. (Privattelegramm.) Die lebten Nachrichten aus Berlin haben in hiesigen maßgebenden politischen Kreisen die Meinung verstartt, daß man auch in Berlin das Bestre­ben hat, auf den Verhandlungsweg zu kommen. Bor allem hat die Nachricht, daß der Reichstag wahrscheinlich nicht zusammenberufen wird, hier beruhigend gewirtt. Die Auffassung, daß man verhältnismäßig rasch zu gütigen Vereinbarungen kommen wird, die für die bayerische Staatsregierung wie für die Reichsregierung annehmbar find, gewinnt immer mehr an Boden. Die Meldung, daß der baye­rische Ministerpräsident die Absicht habe, dem­nächst nach Berlin zu fahren, wird von zuständi- ger Stelle als falsch bezeichnet. Eine derartige Absicht besteht vorläufig nicht, dabei ist es natür­lich n-cht ans'-fll'loflen, die d"

Dinge eine Steife des Grafen Lerchenfeld nach Berlin notwendig macht.

e Um Bayerns Antwort.

München, 29. Juli. sPrrvattelegramm.j Zum Briefe des Reichsbräsibenten Ebert an den bayerischen Ministerpräsidenten Graf Lerchenfeld, schreiben bieMünchener Neu­esten Nachrick>ien, das Graf Lerchenseld heute noch mH Beschleunigung eine Aussprache mit ber bayerischen Bolkspartei herbeiführen wird, um den Wünschen des Reichspräsidenten nach balbiger Antwort entsprechen zu können.

Bayern wünscht Garantien.

Um di« Landesjustiz und die Polizeihoheit.

(Pnvat-Teiegramm.z

München, 29. Juli.

3« dem Briefe deS Reichspräsidenten Ebert bemerkt dieBayerisch- Bolksportri-Sorrefpon- bens"; Der R-ichsPrLfident möge die Land »k

einer Lösung bieten, welche die durch das Re- publilfchutzgesetz und Reichskriminalgesetz ange­griffene Justiz- und Polizeihoheit wie der- herstellt, und darüber hinaus rechtliche Garantien schafft, damit ohne die Zustim- mung eines Landes in Zukunft keine Landes­hoheitsrechte mehr angegriffen werden könnten. Die Versicherung des Reichspräsidenten, daß keine Beseitigung der bayerischen Hoheitsrechte beabsichtigt fei, genüge nicht.

«

<$in Ausgleich.

München, 29. Juli. (Privattelegramm.) Der Bayerische Kurier" bemerkt, dass ein Aus­gleich zwischen den Bedürfnissen deS Reiches und denjenigen Bayerns notwendig und möglich sei, daß sich aber die Reichsregierung bewußt sein müsse, daß die Gcfamtpolitik des bayerischen Staates bei den jetzigen Berhand- hingen eine Grundsatzpolitik sei. Das Blatt führt Beschwerde darüber, daß die ReichSregie- rnng den Brief des Reichspräsidenten durch den Grasen Zech übereichcn ließ, dessen Abberufung verlangt worden war.

Am die Wiedergutmachung-

Dubois tritt wahrscheinlich zurück.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 29. Juli.

In den Kreisen der Reparationskommiffion und auch in den Kreisen der französischen Regie- mag rechnet mit mit einem baldigen Rück­tritt des Vorsitzenden der ReyarationS- kommiffion Dubois. Dubois hat sich auf An- Weisung des Ministerpräsidenten Pokncarä in der Frage des Deutschland vielleicht zu gewäh­renden ZahlungsauffchuSes so festgelegt, daß es ihm nicht mehr möglich ist, seine Stellung zu ändern entsprechend dem MetnnngSnm- schwung, der jetzt beim Vkinisterpräsidenten PoincarS sich vollzogen hat. ES besteht ein offe­ner Konflikt zwischen Dubois und P o i n- r a r 6, sodaß man die Abberufung Dubois' alS unvermeidlich ansieht. Dazu kommt ein Kon­flikt zwischen DuboiS und dem englischen Mit­glied der ReparatiostSkommission Bradbury. Dubois hat früher stets verlangt, daß die Mit- gliederderReparationskommiffion keine Wei­sungen ihrer Regier ungen entgenennehmen, sondern nach eigenem Er messen ihre Entscheidun- gen treffen. Nachdem nunmehr festgestellt ist, daß Dubois selbst vom französischen Minister­präsidenten Weisungen entgegengenommen hat, ist ein längeres Zusanimenarbeiten Mischen Bradbury und Dubois nicht mehr möglich, so- daß auch aus diesem Grunde der Rücktritt Du­bois alS Vorsitzender unvermeidlich erscheint.

Die Londoner Besprechungen

Paris. 29. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) Von amtlicher französischer Stelle wurde gestern abend erklärt, daß eine Zusammenkunft Poin- rareß und Llovd Georges für die nächste Zeit nicht bevorftände, sondern eine Berschte- bung der Londoner Unterhandlungen auf ei­nen ziemlich entfernten Zeitpunkt jetzt sür sicher gehalten werden kann.

»

Garanilewerte werden verlangt.

Berlin, 29. Juli. (Privattelegramm.) Mor­gen Sonntag treffen zwei Mitglied« des alliier- trn Garantiekomitees in Berlin ein. Dem Pa­riserTemvs" zufolge haben ste die Aufgabe, neue Fragen an Deutschland zu stellen, be­sonders in der Frage der Garantiehingabe durch Jndupriewerte.

Wieder verhaftet.

Wegen Begünstigung der RatheuaumSrder. (Privattelegramm.)

Berlin, 29. Juli.

Der von der Berliner politischen Polizei we­gen Begünstigung der beiden Rothcnau- mörder festgenommene Mieter der Burg Saaleck, Schriftsteller Dr. Stein, sowie der ebenfalls wegen Begünstigung von der Berliner Polizei f^genommene Kapitänleutnant a. D. Wolfgang Dietrich aus Halle sind nicht vom Unter­suchungsrichter deS Staatsgerichtshofes, sondern von dem zuständigen Berliner Amtsrichter auf freien Fuß gesetzt worden. Der Oberreichs­anwalt hat sofort, als er von dieser Freilassung Kenntnis erhielt, die neuerliche Fest­nahme angeordnet. Daraufhin ist Dr. Stein, der sich noch in Berlin aufhielt, am Freitag, den 28. Juki von der Berlin« Polizei wiederum Z«hichet Morden,

Das alte Rathaus. Zweiter Satz deS neuen SchulbauprogrammS.

Sn der letzten Sitzung der Stadtverordneten hat VberbNrgermeister Schctdemann tn sehr kurzen Worten ein sehr große« Slhnldan-Programm vorgeiegt, in dessen Pet»a«inng wir kürzlich eine Schilderung des Findelhanscs nnd feine» künftigen Verwendung brachten. Kents fei de» zweite Seit des Programme« behandelt; er betrifft da« alte Rathaus der Siebt Kassel; Wer heute zu dem stolzen Rathaus ber Stadt Kassel an ber Königstraße emporblickt, Übersicht so leicht bas alte Rathaus, bas sich schlicht und vornehm in ber Karlstraße zurückhält. Dessen Vorgänger aber ist der Spitzhacke zum Opfer gefallen,: fein Modell steht hoch oben tm Lichthof des neuen Rathauses unter bem Deckengemälde ber Frau Holle. Wenn jetzt das letzte Rathaus vor dem Neubau des heutigen neuer Bestim­mung entgegengeführt werden soll, so lohnt sich schon ein Gang in bie Geschichte ber alten Rat­häuser ber Stadt, bie einst eine Dreieinigkeit bildete aus ber Altstadt, b<r Unterstadt und ber sogenannten Freiheit. Wo das älteste Rathaus! stand, ist bisher mit Sicherheit nicht festgestellt. Vermutlich ist es dort zu suchen, wo der älteste Martt war, an ber Chriakuskirche, also am jetzi­gen Marställerplatz. Dorthin führte auch bie große Handelsstraße, bie Leipzigerstraße, deren Fortsetzung über bte alte Fuldabrücke ging, da wo jetzt der Zaiienstock Aufftellung gefunden hat. Das erste Rathaus wird im 13. Jahrhundert genannt. Es war das derzweiten Stadt, der Unterneustadt. Vermutlich befand es sich am Hohnnartt, der Fulda zu gelegen. Im Jahre 1404 baute die Altstadt eine neue Mage, über der sich dann 1408 das alte Rathaus erhob mit seinem berühmten Weinkeller, ber eine noch größere Rolle im städtischen Leben spielte als ber heutige, dieweil man damals noch trun?« fester war als heute. Es stand am Ende der Marktgasse über ber Fischgasse. Sein Fachwerk­bau muß, wie schon das Modell im jetzigen Rat­haus erkennen läßt, einen stolzen Eindruck ge­macht haben. Von ihm ist in das neue Haus und dann in das neueste, wo er einen Ehren­platz im Mauerwerk erhielt, ein Stein übert kommen mit der vielsagenden Inschrift:

Eines Manns Red ein halbe Red Man sol die Part verhören deck.

Darunter aber stand beherzigenswert gerobe heute: Selig sind die Friedfertigen. Matth. VL Dieses ehrwürdige Denkmal alter Bürgerherr­lichkeit, da der Handel blühte und Wein getrun­ken ward, ist 1837 abgerissen worden. Angeblich wirkte es verkehrsstörend. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war der hohe Ratobdach­los. Er tagte in einem Privathaus bis zum Einzug in dasneue Rathaus in der Ober- stadt am Meßplatz. Den Grund zu diesem Hause legte 1769 ein Privatmann, der aber den Bau nicht fortfüchren konnte. So übernahm ihn derfranzösische Stadtrat der Oberneustadt und ließ ihn durch du Ry, der das KarlSviertel chuf. feit 1770 errichten. So kam's, daß es zum Rathaus ber heffen-kassel'schen Residenz wurde bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts, das den Meßplatz verschwinden und darauf das Monumentalgebäude erstehen ließ, in dem heute das Steuer des Stadtschiffes liegt. Das jetzt alte Rathaus

in der Oberen Karlstraße verdient eingehende Bettachtung. Aus bet Hauptansicht treten vier gewaltige Pfeiler her­aus, denen das erste Erdgeschoß als Sockel dient. Sie tragen ein mächtiges, wuchtig gegliedertes Gebälk. Ein tm gleichen Profil gebildeter Gie­bel schließt nach oben. Die Fenster haben statt­liche Durchbildung erfahren und das Hauptge- choß zeichnet verfeinerte Fensterumrahmung aus, sowie eilte leider nicht mehr zugängliches onst aber völlig erhaltene Ballusttckde. Macht­voll ist ber sehr tief gebildete Eingang. Die Bemalung kann acht als bie ursprüngliche ange­brochen werden, zeigt aber gut die Gliederung und Form des Ganzen. Das Innere weist eine trefflich erhaltene Treppe auf. Unendlich zurück­haltender macht sich das Nachbarhaus Karl- iraße 14. Dessen obere Gestmslinie torb zu einfacher, aber wirkungsvoller Gtebelbildung kurzerhand nach oben geknickt. Hinter beiden Gebäuden liegt ein gewaltiger Hof, der zur Schule in der Frankfurterstraße führt, bie sich angenehm in die Front der alten Frankfurt er­trotze einfügt. Diese war mit ihren immer wie- berkehrenben Giebelhäusern eine sehr schöne Straße und es wäre jammerschabe gewesen, wenn ber vor dem Kriege geplante Abbruch diese herrliche Linie unterbrochen hätte. Das! alte Rathaus, fein Nachbarbau und diese alte Schule sollen nun neuer Bestimmung zugeführt werden. Die Teilung unseres Lyze­ums, das mit Recht von den verschiedensten Seiten als eine Monstreanstalt bezeichnet wird nahezu 40 Klassen umfaßt diese Schul« in