Kasseler Abendzeitung
1g. Jahrgang
Donnerstag, 31. August 1922,
Fernsprecher 951 und 952
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Nummer 203
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®te Kasseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich iechtmal uns zwar ad end S. Der LbonnementSxreis beträgt monatlich 75.- Mark bei freier Zustellung ins Haus, in der Geschäftsstelle abgeholt 70.— Mark monatlich. AuSwärtS durch bte Post bezogen 75.— Mark monatlich etnschl- Zustellung. Bestellungen werden jederzeit entgegengenommen. Druckerei, «erlag und Redaktion; Schlachthosstraße 28/30, Für unoerlangt eingesandte Beiträge kann die Nedaktton eine Verantwortung oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung LeS BezugSgeweS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnüngSmätziger Lieferung ausgeschlossen.
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Meier Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Die Katastrophe des Druckpapiers.
Druckpaplerpreise einst und jetzt
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Vor dem Kriege
20 Pfennige pro Kilo 2000 Mark pro Wagen.
3m September 1921
3.30 Mark pro Kilo 33,300 Mark pro Wagen.
Im August 1922
27.76 Mark pro Kilo 277,600 Mark pro Wagen
Im September 1922
70.- Mark pro Kilo!
700,000 Mark pro Wagen
Die Teuerung.
Versuche zur Verhütung schlimmer Folge«.
Das Auslaird begeht ein fortgesetztes Verbrechen am deutschen Äolke. Wem anders als den Großspekulanten in Rewyork, London und Paris haben wir den Devisen-Wahnsinn zuzu- schreiben? Innerhalb von zwei Wochen stellte der Dollar von 800 auf 2200 Mart hinauf, ohne daß eine innere Berechtigung dazu vorlag. Oder will man die Hetzreden Poinca- res allein dafür verantwortlich machen? Gewiß ist die drohende Haltung der französischen Regierung und die Stümperarbeit der Repara- tionslommisston der unmittelbare Anlaß zur Markentwertung an den Börsen gewesen und die Börse ist ja immer zu Uebertreibun- gen geneigt, da sie ein sehr feinfühliger Apparat ist. Aber der Dollarstand ist nicht der Grad- meffcr für die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Unsere Lage war am 26. August (bei einem Markkurs von 2250) mcht anders als sie am 15. August (bei einem Kurs von 800 für den Dollar) war. So weit ist es doch noch nicht, daß Deutschland steht oder fallt, je nachdem Herr Poincars gut oder schlecht gelaunt ist. Es «st mich noch nicht so weit, daß die ganze Welt in die Knie sinkt, wenn dieser Herr Poincars den Finger hebt. Nur das ist jedesmal zu Deutschlands Nachteil, daß die ausländischen Spekulanten eine jrayzöfische Hetzx^de zum Anlaß nehmen, die Valuta in Unordnung zu bringen und ihren Prosit dabei zu machen.
Poincars kennt natürlich diese Wirkung seiner Reden, und es wäre nicht verwunderlich, wenn er, der in allen Schlichen bewandert ist, für sich und seine nationalistischen Auftraggeber aus bequeme Weise Spekulationsgewinne schaffen würde. Wir Deutschen müssen es uns abgewöhnen, hinter den Reden der alliierten Staatsmänner immer patriotische Beweggründe zu suchen. Oft werden ganz plumpe Ge- schäftsmonöver damit bezweckt, wie es diesmal offenbar der Fall ist. Nur so erklärt es sich, daß binnen vierzehn Tagen die Mark (im Vergleich zum Dollar) von 800 auf 2200 und zurück auf 1300 geschleudert werden konnte, wäh>- rend die wirtschaftliche Grundlage in Deutschland unverändert war. Würde das Ausland aufhören, die Mark als Spekulationsobjett zu behandeln, dann wäre sie weniger den Schwan- fungen unterworfen. Nur infolge der zerstörenden Reparationspolitik würde eine langsame Verschlechterung weiter gehen. Es liegt also vollkommen in den Händen der alliierten Staatsmänner, die deutsche Valuta zu stabilisieren oder sie weiter zu entwerten. Gegenwärtig sieht es aus, als solle die Mark wieder besser werden. Die Börse glaubt Anzeichen zu sehen, wonach Poincarö zu Entgegenkommen bereit sein soll. Außerdem ist wieder einmal von einem Eingreifen Amerikas die Rede.
Wie furchtbar die Wirkung des MarPur- zez in den letzten zwei Wochen war, erkennen ioir an der Teuerung auf allen Gebieten. Den größten Sprung haben wohl die Papierpreise gemacht, die von 27 Mark auf 70 Man für das Kilo Zeitungsdapier von einem Tag zum andern gestiegen sind, weil die Zellulosefabriken viel Rohmaterial aus dem Auslande kaufen müffen. Aehnlich ist es mit anderen Waren. Nichts ist verschont geblieben, und leider haben auch manche inländischen Produkte, die nicht von ausländischen Stoffen und auch nicht von der Valuta abhängig sind, die Teuerungswelle mitbenutzt. Am schlimmsten ist die Preisentwicklung bei den täglichen Bedarfs, artikeln, wodurch das Leben in den meisten Haushaltungen außerordentlich erschwert wird. Die Beschaffung von Kohlen, Kartoffeln und Brot wird eine schwere Sorge in den kommenden Monaten sein. Wenn ferner die Margarine von 70 auf 170 Mark das Pfund gestiegen ist und die demnächst eintreffende neue Ware gar 220 Mark im Einkauf (!) kosten soll, dann wird iede Berechnung über den Haufen geworfen. Jede Ware, die nach dem 1. September versandt wird, verteuert sich neben der durch die Geldentwertung verursachten Steigerung auch durch die Frachterhöhung, Die Fabriken haben schon seicher von Woche zu Woche erhöhte Preisnotierungcn an die Händ- lcr versandt, so daß diese im künftigen Wareneinkauf stark behindert sind, weil sie die erforderlichen hohen Summen nicht aufbringen können. Vielfach ist es so, daß sie für den bisheri-
An unsere Leser!
Sämtliche Kasseler Blätter haben für den Monat September eine Erhöhung ihrer Bezugspreise um hundert Prozent beschlossen. Somit kosten die Kasseler Neuesten Nachrichten vom 1. September ab 75 Mark monatlich ins Haus geliefert.
^Amerika und England gegen Lvx.
Rewyork, 30. August. (Drahtbericht.) In Washington mißbilligt man die von Cox gemachte Anregung, Hoover gewiffermaßcn als Schiedsrichter in die Reparationskommissioit ein treten zu lasten, und ebenso verwirft man den angeblich vom deutschen Reichskanzler stammenden Vorschlag Bandcrlip zu einer Art Konkursverwalter Deutschlands zu ernennen. — Nach einer Londoner Meldung hegen auch die Londoner Regicrungskreise Bedenken gegen die von Cox genannten Persönlichkeiten.
lungSaufschubs, ohne über Dauer und Art des Aufschubs Vorschläge zu machen. — Ministerpräsident Poincars hat gestern nachmittag den französischen Delegierten und Borsttzenden der Reparationskommission, Dubois, empfangen und hatte mit ihm eine längere Unterredung.
Eine neue »anNerkvnferenz.
Rotterdam, 30. August. (Eigene Drahtmeldung.) Rach einer Timesmeldung aus Rrw- york hat Morgan die Einladung zur Teilnahme an der neuen Bankierkonserenz in Paris nunmehr angenommen.
Wird Amerika Helsen?
Cln neuer fremder Vermittlungs-Versuch.
(Eigene Drahtmeldung.)
Washington, 30. August.
Ueber eine Unterredung mit Llqod George hat Senator Cox der Preste folgende Mitteilung gemacht: Zur Heilung der Wirt- schaftsfragen und zur Lösung der Reparationsfrage muß Amerika sofort zu Hilfe eilen, weil der englisch-französische Gegensatz unüberbrückbar erscheint. Es dürste drei Erwägungen geben, die für eiu Eingreifen Amerikas sprechen: 1. Daß die Gelegenheit zum Eingreifen niemals günstiger gewesen ist, 2- daß, wenn Amerika seine Absatzgebiete nicht verlieren wolle, die wirtschaftlickn Wiederherstellung Europas notwendia ist, 3. daß Amerika, wenn es die Schulden Europas aufrecht erhallen wolle, sich darüber var fein müffe, daß es nicht die geringste Aussicht auf Bezahlung habe, falls es den Ruin eines feiner Schuldner zulaffe. Das SchicksalEuropas liegt in der Hand Amerikas, und Europa hat noch den einen Wunsch, daß Amerika das endlich begreift.
Eine furchtbare Katastrophe ist über die deutsche Presse hereingebrochen- Die Papierfabriken fordern für den Monat September 70 Mark für das Kilogramm Zeitungspapier, also mehr als das Dreihundortdreiunddreißigfache des Friedenspreises k Das bedeutet den unmittelbar drohenden Untergang der meisten Zeitungsnnternehmen, weil die Verleger nicht in der Lage sind, solchen Zahlen entsprechende Bezugspreise durchzuführen. Die angekündigte Reichshilfe hat bis heute völlig versagt. Nur mit den schwersten persönlichen Opfern der Herausgeber werden unsere Betriebe noch aufrecht erhalten- Zum Besten unserer Heimat und unseres Volkes wehren wir uns gegen den drohenden Untergang unserer Blätter.
An unsere Leserschaft wenden wir uns mit der eindringlichen Bitte: Helft uaS! Lasst Eure Zeitung nicht «ntergehenk Bleibt Ihr tre«, auch wenn sie jetzt einen wesentlich erhöhten Bezugspreis fordern mutz- Nur einen Teil unserer schweren Lasten bitten wir unsere Leser, mit uns zu tragen. Unsere Er' Höhungen bedeuten nur das Mindestmaß dessen, was zur Erhaltung der Blätter unbedingt notwendig ist. Helft «nS, Indern Ihr Euerer Zeitung Treue haltet! Wcl SWen-SW im Mn Wer NungMlW (Kreis Mitteldeutschland).
gen Erlös von drei Stück nur ein Stück wieder einkaufen können. Der Umsatz wird also emp- kindlich geschmälert werben. Unter der gleichen Hemmung haben Handel. Industrie und Ge- ioerbe zu leiden. Es ist überall dieselbe Reihenfolge: teurer Einkauf von-Rohstoffen, teure Verarbeitung, teurer Verkauf, verringerter Verbrauch.
In diesen Tagen haben sich die Reichs- und die Landesregierungen endlich entschlossen, Maßnahmen zum Besten der Vottsgesamt- heit zu ergreifen, und man kann nur bedauern, daß es nicht schon lange geschehen ist. Die Beschränkung der Einfuhr von Luxusgegenstän- den, das Verbot der Ausfuhr von Lebensmii- teln, Schutz gegen Wucher, Einschränkung des spekulativen Devisenhandels und dergleichen Maßnahmen sollten eigentlich eine Selbstverständlichkeit fein. Ob die Forderungen der Gewerkschaften durchgeführt werden können, ist fraglich, besonders um die Zwangswirtschaft ttrirb man sich nicht einig werden, weil Erzeuger und Händler sich dagegen sträuben, während die Verbraucher, die nicht in der Lage sind, jeden Preis zu zahlen, einen Vorteil davon erhofften, jedenfalls war es hohe Zeit, daß ein Entschluß gefaßt wurde, um der jetzigen Teuerung und, wenn möglich, der Not des kommenden Winters entgegen zu arbeiten. Die innere Ruhe hängt davon ab, ob die Lebenshaltung erträg- lich ist oder nicht. Me nach innen, so muß die Regierung ihr Augenmerk auch nach außen richten. In Paris werden heute die deutschen Vertreter über die Zahlungspläne anaehört. Es wäre sehr zu wünschen, daß sie den Mui Hätten, auch die Not des deutschen Volkes mit bentli- chen Worten zu schildern. K. F. D.
Treue um Treue!
Eia Freund in der Not.
Don
Dr. Klaus Buschmann.
Das alle weise Sprichwort: .Spare in der Zeit, so hast du in bei Not' steht heute mcht mehr höher im Äun'e wie unsere Papiermark. Betrachten wir zunächst einmal die verhältnismäßig nicht gerade dünn gesäten Glücksritter, di« durch Spekulationsgeschäfte, durch außergewöhnliche und mitunter sehr bedenkliche Begabungen oder sonstwie, dank einer besonderen Gunst des Augenblicks, noch immer tne. Geld verdienen* und nicht zu rechnen brauchen. Sie trauen selbst der Beständigkeit ihres Papier- neu Mammons nur noch wenig und beeilen sich drum, Sachgüter von vermeintlich bleibendem Werte dagegen einzutauschen; oder sie erwerben Devisen und helfen so mit, die deutsche Vmuia vollends auf den Hund zu bringen Soweit aber derartige .sichere' Anlagen ihnen nicht gelingen, wird der mehr oder weniger muhelos erwor- bene neue Reichtum von vielen schnell Wieder skrupellos vertan. Wie gewonnen, so zerronnen!
In Deutschland treibt und schiebt das eine Erechnis das andere, wir drehen uns im Kreise und werden aus ihm nie her ausfinden, folmige der Druck, um nicht zu sagen bte Erpressungen außen anhält. Ans eigener Kraft vermag Deutschland sich nicht mehr zu helfen. Unsere Staatslenker und Diplomaten aber, die drinnen wie draußen das Allerschlimmste und Allerletzte von uns abzuwehren haben, sind wahrlich mcht zu beneiden. Sie können uns, in Anlehnung an das Wort anS dem .Faust', iurufen: »Dankt Gott mit jedem Morgen, daß ihr nicht braucht fürs Deutsche Reich zu sorgen!"
Und doch, auch unsere heilige Pflicht ist es, bis zum letzten Mann und Augenblick alles daran zu setzen, daß wir als Volk und Staat nicht untergehen. Wir muffen unserer Regierung den Rücken stärken, wir müssen treu zusammenhalten, jeder seine persönlichen Sonderinteressen denen der Gesamtheit em- und unterordnen. Die Zeiten des .Jeder für sich, Gott für alle" sind vorbei. Wir muffen arbeiten, rast, los arbeiten um unsere nationale Produktion und mit ihr unseren Kredit in der Welt zu mehren- wir müssen mit dem uns Verbliebenen vor- lieb nehmen, uns willig einschränken, ohne jedoch damit auch das Streben nach vorwärts und au;- wärts preiszngeben. Alle Mittel und Möglichkeiten uns wirtkchaftlich und politisch weiter und wieder mehr zur Geltung zu bringen, als Staats- und Weltbürger uns zu vcrvollkomm- nen, müssen wir nützen. Die Augen auf! lautet das Gebot der Stunde. Die Lawine, die uns alle unter sich zu begraben droht, ist im Rollen. Sehe jeder sich vor!
Aber wie? Nun, dir Antwort ist in der Hauptsache schon erteilt. Unter den Mitteln jedoch, die im besonderen jedem einzelnen zur Verfügung stehen, um sich im Kampfe um Sein oder Nichtsein zu behaupten, ist als erstes und wich- tigstes eines zu nennen, dessen Bedeutung gerade heute nickt hoch genug eingeschätzi werden kann: Es ist die Tageszeitung. Wenn sie ; nicht schon da wäre, müßte sie, als Freundin b e r N o t, schleunigst geschaffen werben. Für bte ; Zeitung gibt es keinen Ersatz, fi- ist unb bleibt unentbehrlich für ben Armen wie pir ben Reichen, für ben Geschäftsmann wie 1 für ben Politiker, für die Hausfrau wie für den Hausvater, kurz, für jeden, wer : er auch fei. Sic ist bas Haupiversthrs- unb 1 Hauptbilbungsmittel unserer Zell, ber Wegweiser in allen Wechselfällen des Lebens; sie bringt ’ Licht unb Wärme, ja demjenigen, der sie täglich mit Muße und Ueberlegung (also nicht nur fluchtig im Wirtshause ober zeitkarg im Tcil-Abon- nement mit bent Nachbarn) liest unb aus dem i Gelesenen die richtige Nutzanwendung zu ziehen ; weiß, indirekt auch bessere Daseinsbedingungen, - Gelb unb Segen ins Hans. Unb wie wirb ■ auf bet anderen Seite derjenige oft zu i Schaden kommen, der sich keine Zei- - tung hält und infolgedessen nicht erfährt, was - von politischen und wirtschaft!ichen Ereignissen, । ton neuen Gesetzen unb Bekanntmachungen er . imbebingt wissen muß; ber nicht erfährt, wo : ihm und ben Seinigen eine neue,_ bessere Per- dielistmö glichst it ober sonst ein Glück winkt, wo
Die Variier Besprechungen.
Sm den Zahlnnasanffchnd.
(Eigener Trahtbericht.)
Paris, 30. August.
Die erste Sitzung bet Reparations-Kommission. an bet als Vertreter Deotschlanbs Staatssekretär Schröder vom Reichssinanz- amt teilnimmt, findet am heutigen Mittwoch mittag statt. Der „Mntin" meldet: Die Reparationskommission hat für Mittwoch neben den brutschen Vertretern auch die Mitglieder des Garantie-Ausschusses eingelaben. Der Garantie Ausschuß ist für dje Bewilligung eines Zah-