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12. Jahrgang
Freitag, 1. September 1922.
Nummer 204
Fernsprecher 951 und 952
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Vor der Entscheidung in Varis.
Streit um Oesterreich. Vorbereitung zum Krieg?
Die Nachrichten aus den Gebieten der SUeu neu Entente lauten sehr ernst. Es droht em Kampf zu entstehen Mischen Fugoslavieu tdsm ehemaligen Serbien» und Italien um Herrschaft über Oesterreich. Aus betben Seilen beschäftigt man sich mit militärischen Loobereitungen für den Fach daß die Angele- genheit nur durch eine kriegerische Auseinanoer- letzung zu lasen ist. Das Problem ist noch sehr verwickelt, denn in dieser Frage kann Jugosla- vien nicht ohne die Zustimmung seiner Bundesgenossen, die mit iM in der Kleinen Entente vereinigt sind, handeln. Ta man schon von einer geheimen Mobilmachung der Serben spricht, scheinen deren Verbündeten, Dschechoslo- ivakei und Rumänien damit einverstanden zu sein. Zufällig hat in wenigen Lagen die Kleine Entente eine Konferenz der Minifterprüsi- denten in Marienibad. Es handelt sich darum, dem Bündnis eine neue Grundlage zu geben, nachdem die Tendenz, die ursprünglich für die Begründung dieses Staatenvundes maßgebend War, durch den Zusammenbruch des Hauses Habsburg gegenstandslos geworden ist. Dies war ja, wenigsten^ nach der offiziellen Lesart, das einzige außenpolitische Ziel der Kleinen Entente, nämlich Berchindcrung der Rückkehr der Habsburger. Vielleicht war aber auch dieses Programin nur eine Art Aushängeschild, um den Mächten der großen Entente nicht verdächtig zu werden. In der Tat konnten weder Frankreich noch Italien die Existenzberechtigung des Ddosteuropärschen Staatenbundes in Zweifel ziehen, solange sich dieser keine andere Aufgabe als die Sicherung der bestehenden Frie- densverträge und der aus diesen abgeleiteten territorialen Neubildungen stellte. Ja, dieses angeblich alleinige Ziel der Kleinen Entente schien den Westmüchten so wünschenswert, daß sie dem neuen Bunde jede Förderung angedeihen ließen, und auch dann ein Auge zudrückten, wenn er nach außen mit einem Selbstbewußtsein auftrat. das im allgemeinen von den Beherrschern Europas wenig beisällig aufgenonrmen zu werden Pflegt.
Mit dem Tode Karls, des letzten österreichi- scheu Kaisers, hätten im Grunde genommen die Tage der Kleinen Entente gezählt sein müssen. Umso überraschter war man in politischen Kreisen, als die drei in dem Verbände zusammen- gef(fitoffenen Mächte Südslawien, Rumänien und die Tschechoslowakei, keinerlei Miene machten, ihre Allianz aufzulösen, daß sie vielmehr durch die Heranziehung Polens dem südosteuro- päischen Block noch ein größeres Gewicht zu ver. leihen suchten. Während der Tagung der Genua-Konferenz hat sich die Meine Entente, der- stärkt durch das mit ihr sympathisierende Polen, als ein Faktor der europäischen Politik erwiesen, und selbst der Protektor Frankreich hatte mehr als einmal Veranlassung, sich mit dem Wirken des Doktor Benesch, der die kleinen Mächte führt, nicht einverstanden zu erklären Ihren Ehdiz, eine offizielle Vertretung in der Botschafterkonferenz und im Obersten Rat zu beanspruchen, hat die Kleine Entente allerdings nicht durchzusetzen vermocht. Auch in der Zukunft beansprucht die Kleine Entente, vor allem in allen Mitteleuropa betreffenden Fragen gehört zu werden, und so haben wir wohl in der jetzigen Konferenz einen ersten Vevsuch zu erblicken, um eine gemeinsame außenpolitische Einstellung der beteiligten Staaten zu den drin- genden mitteleuropäischen Fragen anzubahnen. An erster Stelle steht dabei die österreichi- s ch e Frage, die eine zeitlang von der Kleinen Entente nicht als eine lebenswichtige Angelegenheit betrachtet wurde. Zunächst hatte man in Prag, Belgrad und Bukarest die Änfchlitßidee Oesterreichs an Deutschland nicht nur geförvelt, ja man hatte sogar den Anschluß bitett gefordert, und erst, als von England aus der Hinwetz darauf gelenkt wurde, daß man sich durch die Bindung Oesterreichs an Deutschland das geo- graphische Operationsfeld zerschneide, ließ man alle Pläne dieser Art fallen und erwog sogar den Gedanken, Oesterreich als Mitglied des Ber- bandes zu gewinnen.
Das österreichische Problem dürfte also eins der wichtigsten der Marienbader Tagesordnung sein. In welcher Richtung die Lösung der öfter- reichisck'en Frage versucht werden wird — ob durch Verhandlungen oder mit Gewalt — mag einstweilen dahingestellt bleiben; als sicher darf nut soviel gelten, daß die in der letzten Zeit hier und da ansgetaucksten Gerüchte, daß die Tschechoslowakei Ansprüche auf Wien erhebe, wohl ins Reich der Fabel gehören. Richt weniger wichtig ist die Frage der Einstellung zu Italien. Alle diese Fragen stehen au der Tagesordnung der Konferenz, die feit der Gründung des Bundes als wichtigste Etappe zu gellen hat. In jedem Falle muß der Bündnisvertrag neu gefaßt werden, nachdem seit dem Versckwiuben der Habsburger Frage der bisherige Veitraa keinen Sinn mehr hat. Reue
Ziele dem Bunde zu geben, wird kaum schwei fallen. Die Kleine Entente wünscht unter allen Umständen die Zuerkennung der Rechte einer Großmacht, und wenn sie auf bie sechs- nnddreißig Millionen Menschen verweist, die sie repräsentiert, so hat sie vielleicht auch einen begründeten Anspruch darauf. Auch mili- tärische Besprechungen werden vermutlich das Bündnis vertiefen. Die Frage ist nur, wie weit die Große Entente berartige ehrgeizige Pläne der kleinen Schwester begünstigen wird, die nach dem Prinzip: Divide et impera es lieber sehen würde, wenn sie die kleinen osteuropäischen Mächte- fe nach Belieben gegeneinau- ber ausspielen könnte. Deshalb nimmt and- Italien jetzt den Standpunkt ein, ehe es sich mit den Serben in einen Kampf wegen Oesterreich einläßt, doch erst die endgülttge Haltung der Großen Entente abzuwarten.
Die pariser Verhandlungen.
Um die Erklärung des deutschen Vertreters.
(Eigener Drahtbericht.)
BariS, 31. August.
Neber die gestrige Sitzung der Reparation^ kommiffion verlautet, daß lediglich der englische Vertreter Bradbury einige Z wischensragen stell' te. Namentlich interessierte es ihn. ob der Staatssekretär seine Entgegnung auf die Anklage. Deutschland habe die Mark absichtlich entwertet, als Vertreter der deutschen Regierung oder als Sachverständiger mache. Staatssekretär Schräder betonte, daß er alS Vertreter der deutschen Regierung spreche. Auch über Einzelheiten des deutschen Vorschlages, die Holz- und Kohlenliefernngen durch die Industrie garantieren zu laflen, wünschte Bradbury Auslunst, besonders darüber, ob die Koventionalfirafe in deutscher Währung oder in ausländischen Devisen zu zahlen sei, und für welche Seit daS Abkommen getroffen werden solle. Die erste Frage blieb füj den Fall gründ sätzlicher Einigung den Einzelverhandlungen Vorbehalten. Als Dauer des Abkommens ist deutscherseits die Zeitspanne bis Ende 1923 inS Auge gefaßt, da sich die Industrie nur schwer entschließen könne, längere Verträge einzugehen. Doch ist die deutsche Regierung be reit, eine Verlängerung zu tätigen.
Geringe voffvung.
Paris, 31. August. (Eigene Drahtmeldung.) Die Bilanz des gestrigen Tages, der eine Ent scheidung noch nicht gebracht hat, scheint nach der in den Kreisen der Reparationskommiffion herrschenden Meinung wenig günstig zu sein. Die Hoffnung auf eine Verständigung war gestern abend sowohl nach den offiziösen Besprechungen in der Reparationskommiffion, in der der deutsche delegierte allein gesprochen und die Alliierten geschwiegen haben, alS auch her privaten Unterhaltung zwisckicn dem deut- scheu Vertreter und den Vertretern der Reparationskommiffion äußerst gering.
Die Derhandlunsen erfolgen heute.
Genf. 31. August. (Eigene Drahtmeldung.) tteier die gestrige Sitzung der Reparationskom miffion meldet HavaS. daß die Kommiffion nach Anhörung deS Berichtes deS deutschen Staatssekretärs Schröder, ohne in eine Erörterung dieses Berichtes eingeireten zu sein, die Verhandlungen auf Donnerstag vormittag 11 Uhr vertagt hat.
Ablehnende Haltung?
Man erwartet heute abend Entscheidung.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 31. August.
Aus einer der Reparattonskommisfion nahestehenden Stelle wurde gestern spät abends bekannt, daß folgendes Ergebnis als sehr wahrscheinlich angesehen werden könne. Der von Deutschland verlangte Zahlungsaufschub auf ein Jahr wird verweigert, dagegen er- &6rt man sich damit einverstanden, daß die nächsten Raten an Belgien statt in bar in Schatzwechscln gezahlt werden. Hierfür werde« keine Garantien oder Pfänder verlangt. Es läßt sich bis zur Stunde nicht sagen, ob die Drohung mit einem alleinigen Vorgehen Frankreichs auch für den Fall eines derartigen Beschlusses der ReparationSkommission gilt. Die Reparationskommission hält heute vormittag eine Sitzung ab. Die letzte Sitzuna zui
mdgültigen Beschlußfassung ist für heute nachmittag vorgesehen. Man glaubt, daß heute abend die Entscheidung bekannt wird.
Der Blutsauger Homcar«.
Deutschland soll zahlen!
(Eigener Trahtbericht.) «
Paris, 31 August.
DaS Pariser „Ecko Nationale" behauptet, die Lage habe sich plötzlich verschlechtert. Poin rarü habe Dubois empfangen und ihn formell iiifneforbert, gegen alle Kompromisse Stellung zu nehmen und von der Reparatious- r-nnmission eine glatte Ablehnung des deutschen Moratoriums zu verlangen. Poincarö hat wie- ver gesagt: „Deutschland wird bezahlen, gutwillig oder gezwungen." Dies ist also noch immer das Leitmotiv der sranzösischen Politik. Wird auch die Reparationskommission daran nichts ändern können? Offensichtlich sind diese Meldungen dazu bestimmt, die Wirkung der vermittelnden Aenßerungen Bradburys zu zerstören. Nach dem „Rewyork Herold", dessen Ausführungen übrigens nur mit Vorsicht aufzunch- men sind, ist Pornearö entschlossen, sofort gegen Deutschland vorzugehen, wenn die Rrparations- kommission ein Moratorium ohne die von Frankreich verlangten Pfänder bewilligen sollte.
Die franzSfifchen Drohungen.
Paris, 31. August. (Eigene Drahtmeldung.) Das „Eckw de PariS" benutzt die Gelegenheit, bett Bruch ber Entente (?) nochmals zu betonen und Frankreich alleiniges Vorgehen an- zukündigcn. Die nächsten Stunden werden zeigen, ob diese Mitteilungen und Aeußerungett lediglich taktischen Zwecken dienen oder ob es die französtsck^ Regierung zum Aeußerfien treibt.
Folgen der Teuerung.
Verhandlungen »m Gehälter und Löhne.
(Privat-Telegrmnm.)
Berlin. 31. August.
Die neuen Verhandlungen mit den Beamtenverbänden über die abermalige Erhöhung aller Gehälter und Löhne begin- iteit am Sonnabend im Reichs sinanzantt. Vertreter des Finanzministers ist wieder Ministerialdirektor von Schlieven. Nach bisherigen Schätzungen bringen die neuen Forderungen der Spitzenverbände eine nette jährliche Gesamtbe- iastnng von vierzig bis fünfundvierzig Milliarden Mark. — Wie her „Vorwärts" mitteilt, werden die Gewerkschaften bei den Verhandlungen mit dem Reichsfinanzminister auf einer sozialeren Gestaltung der Zulagen bestehen. Sie wollen sich auf keinen Fall ohne weiteres mit einer Erhöhung des prozentualen Teuerungs- pischlags einverstanden erklären.
*
Amtliche Maßnahmen im Reiche.
Berlin, 31. August. (Privattelegramm.) Die Besprechung der Minifteryräsidenten in Berlin hat als Ergebnis die Zustimmung zn a ch t G e- setzcsvorlagen gebracht, die unter anderem die Reichskontrolle über die Preis- -estsetzung bringen -md jeden Lebens- Mittelwucher und tebe spekulative Zu- rückhaltuug von Waren des täglichen Bedarfs mit Gefängnis bis zu fünf Jahren und sofortige Entziehung der Handelserlaubnis -.hnden. Hebet die Wiedetrationierung von 3 utter, Milch und Kartoffeln wird die Konferenz der Ernäbrnngstnin-ster, di- am 4. September in Hamburg stattsindet, entscheiden.
Anzusriedenh?tt in Boyern.
Kritik an Y« Rrpiernng.
(Privat-. t> gramm.)
. München, 31. August.
In München find g -sie Plakate angeschlagen, in denen der bayer: he. OrdnungSblvrk und die ihm angesMoffenet. vaterländischen Verbände über die Berliner Abmachungen und über bas Kundgcbungsverbot am vergangenen Freitag erklären, daß sie jedes Vertrauen zur derzeitigen bäuerischen Regierung verloren hätten. — Zugleich hat ber Landesausschuß der Bäuerischen Mittelpattei eine Kundgebung er- taffen in der es heißt: „Der Landesausschuß bedauert ausS lebhafteste, da) frei den Verhandlungen über die sogenannten Sckftttzgesetze die bäuerischen Forderungen nicht voll erfüllt worden sind. Tie offizielle Berichterstattung der Reichsrcgicrung über die Vereinbarungen ist zudem geeignet, das Zutrauen zu der regelrechten Durchführung seitens der unter dem Truck der Straße stehenden ReiÄsregierung noch mehr herabzumrndern. Ter LandcSausschuü verurteilt diese Haltung der Reichsregiernng anfs schärfste. Unbeschadet dieser Bedenken erkennt er jedoch an, daß es nicht möglich war. unter den gegebenen Verhältnissen einstweilen mehr zu erreichen."
Das große Sterben.
Deutsche Zeitungsnöte.
Uetzer die schwere Katastrophe, die durch do« plötzliche -Anwachsen der Preise fiir Zeitung«- druOpapier, auf 70 Mark siir das Kilo die deutsche Presse betroffen hat, spreche» natnrgentatz dieDlätler aUerRicht ungcn in ernstestenArtikcln Die Tragödie ber deutschen Presse fiebert im letzten Alt. Am ersten September, am Tag ber neuen, nie für möglich gehaltenen Papier-Verteuerung von 27,50 Mark auf 70 Mark (über noch mehr) für ein, sage und schreibe: e i n Kilogramm, öffnet sich bie Leichenhalle fiir Massen neuer Opfer, bie bisher dem Verhängnis noch, verzweifelnd, getrotzt. Unb wenn bie Katastrophe weiter fortschreitet, schreibt bie Mitteldeutsche Zeitung in Erfurt, wird der nahende Herbst einen einzigen Friedhof öffentlicher Meinung sehen. Das Sterben ward, sicher- lieh, in unseren Tagen leicht; Erschauern kennt unsere Zeit nicht mehr und Schicksale verwehen, wie bie Mark, in nichts. Dennoch ... das große Sterben im beittschen Blätterwalb. bieses er« schütternbe Drama deutschen Kultur-Zerfalls, sollte unsere Augen für einen Moment vom hüpfenden Dollar auf steilen Höhen Hinweglenken zum Bewußtsein und zum Empfinden unseres düsteren Abschieds von all dem, das in vergangenen, schönen Tagen uns Eigenatt, Leistung und Gemeingut Ivar.
Sicher ist, daß bie deutsche Presse in Agonie röchelt und bafj es nur noch des letzten Seufzers bedarf, ihre Leiden zu beenden. Die Papiermacher, die die Flucht ber Mark ins Nichts zu allem Schlimmen unb Argen legitimiert, erzählen uns, der Tscheche und Pole verkaufe fein Holz (für die Zellstoff-Fabrikation) nur gegen Amerika-Dollar oder Tschechen-Kronen. bie Mark- Groteske wirble also alle Faktura-Idyllen durcheinander. Darf man fragen, ob im Vaterland ber zerrinnenden Mark kein Holz wächst, und darf man weiter fragen, ob es ht diesem Vaterland keine Regierung gibt, die unendlich ost versprochen und beteuert hat, „unverzüglich ener. gifche Maßnahmen zur Erhaltung bet LebenS- lnögsichkeiten ber Presse ergreifen" zu wollen? Man brauchte, Olympier, nur Holz zu ergreifen (oder zu .erfassen", wie'S in den Tagen der seliaen Zwangswirtschaft so nett und anschaulich hieß) , und man hätte mit diesem primitiven Griff mehr erreicht, als aus den gesamten BÄn. deln Versprechungen je herausgeschält werden konnte. Das armselig bemusterte, beschämend be- knabberte Almosen der .Rückvergütung auf das textlich bedruckte Papier" mutet im Hinblick auf den neuesten Rekord an wie ein Streichholz neben dem Kölner Dom.
Nun sind wir glücklich so weit, daß man bte deutsche „öffentliche Meinung" in Spiritus legen kann. Den uns Regierenden fei Dank. Und den Papiermachern, denen der Totengräber-Zins gebührt. Die Gemeinde der Leidtragenden ist die Oeffentlichkeit. ist das Publikum, ist die Leserschaft allgemein. Im Kreise dieser ttauernd Hin- terbliebenen regt sich ehrliches Abschiedsweh, denn sie alle, die mit „ihrem Matt" lebten, fühlten (unb, zuweilen, stritten), sie haben vielleicht weniger offizielles, aber sicherlich weit rechtschaf- feneres Verständnis für den Berzweiflungs- kampf, den bie Presse feit Jahren geführt, als ber Amtmann im Aktenstanb-Gehäuse und ber Papiermacher mit der Coupon-Schere. Was noch verbleibt von der einstigen „Großmacht-Presse" (sie war immer auf den Mark- und Psennigkurs eingestellt), muß sich unterm Druck ber harten Not zum Dollarkurs bequemen, muß im Strudel ber Markflucht mitziebn und das Produkt geistiger Arbeit vapierkiloaramm - tariflich verschleißen. Unser Blatt, allen Nöten der Zeit und allen Teufeln des Verhängnisses zum Trotz erhalten, muß seine Freunde bitten, sich mit einer den Verhältnissen unserer Zeit entsprechenden Erhöhung der Bezugspreise Vertraut zu machen. Wir appellieren an die Vernunft. Unb an die Gesetze des Einmaleins. Und wir wagen zu hoffen.
Ein eindringliches Mahnwort des „Berliner Tageblatt", gerichtet an die Zei- ttingSleser, schließt: ... Und wenn in den kommenden Taxen die Zeitungen mit starken Abon- nementspreiserhöbungen an die Leser herantreten, sich diesem Ruse nicht zu versagen. Die deutschen Verleger haben bisher ob ne Ausnahme im wohlverstandenen Interesse unserer Dol-szefamtheit mit der Angleichung an die allgemeine Preisbildung gezögert: sie haben mit ihren Forderungen bis an die Grenze des Möglichen gegenüber ber Oeffentlichkeit zurückgehalten. Aber schließlich und endlich haben doch auch die schwer arbeitenden Männer ber Presse ein Recht. ;u leben. Fetzt stehen sie am Enbe Die deutschen Zeitungsverleger haben ihre Pflicht getan: nun ist es Sache des Publikums, ihnen die weitere Erfüllung dieser Pflicht nickt zur Unmöglichkeit zu machen. ... Fm Anschluff an diese Rns-fi-hrunaen sei mitzeicilt, daß nach heute vorliegenden Depeschen die bisher zweimal täglich en'dieinenbcn Dresdener Tageszeitungen am L September zum ein--