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Meter Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

12. Jahrgang

Nummer 207.

Dienstag, 5. SepLemSer 1922.

Fernsprecher 951 und 952

Fernsprecher 951 und 952

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Oberschlesien stimmte für Preußen.

Gelbwett und Handel.

Die innere unb äußere Lage.

Ein volkswirtschaftlicher Mitarbeiter schreibt uns: Als der Dollar auf zweitausend stieg, ging Entsetzen durch Deutschland. Man sahdas BoSsvermögen vernichtet* und das Einkommen der Gesamtheit unter das Maß des Lebensmög- lichen gedrückt. Denn wenn das Brot soviel, das Fleisch soviel, Kleidung Entsprechendes ko­stet:Wer kann das bezahlens- In Wien lä­chele man. Dort weiß man aus älterer Erfah­rung, daß Papiergeldzahlen an sich noch nichts beweisen, nur eben den jeweiligen Wert des Papiergeldes. Das Vermögen eines Vol­kes besteht nicht aus seinen Geldscheinen, auch nicht aus seinen Aktien, sondern aus seinem Grund und Boden, seinen gewerbli­chen Anlagen, Gebäuden und Maschinen; sein Einkommen ist gleich dem, was es her­vorbringt. Wenn somit ohne Verluste an Sach­gut und ohne Minderung der Produktion der Wert des Einkommens plötzlich zu sinken scheint, dann bedeutet es noch nicht eine Verarmung, wohl aber eine Störung der Wirtschaft; eine nur allmählich überwindbare Ungleichmäßigkeit. Der Grund ist. daß die Geldentwertung zu schnell und zu plötzlich vor sich ging. Richt die Produk­tion, sondern der Notendruck nicht das Einkom­men, sondern seine sinngemäße Verteilung kommt nicht mit. Es fehlt in solchen Zeiten anKapi­tal^. das sich wieder erst neu bilden muß. Er­sparnisse in Geld oder Aktien sind entwertet, den Unternehmungen (als solchen) fehlen die Mittel, ihre Angestellten und Arbeiter sofort in dem M-aße der Geldentwertung höher zu beiolden, der Staat erhält zu wenig Steuern und schließ­lich fehlt es sogar an Zahlungsmitteln: die Ro- tenpressc ist nicht mitgekommen.

In dieser Lage hat die Volkswirtschaft grundsätzlich zwei Möglichkeften: entweder, sie Paßt sich in Löhnen, Gehältern und Preisen dem neuen Geldstand so schnell wie möglich an (das geschieht in Oesterreich): oder sie leistet Wider­stand. bis, unter Voraussetzung einigermaßen erträglicher politischer Verhältnisse, die Mark wieder steigt, mit anderen Worten: die Valuta sich ihrerseits dem tatsächlichen Preis- und Ent- löhnungsstand anpaßt. In Wirklichkeit werden die Tinge sich wohl weder in der einen noch in der anderen Richtung entwickeln, sondern auf einem Mittelweg. Der Dollarkurs ist auch mit 1500 heute noch viel zu hoch. Eine bedeu­tende Rolle spielt bei der Bewegung der Va'uta auch der Außenhandel. Die statiftifchon Zablen geben aber mitunter ein falsches Bild. Besonders in Zeiten steigender Preise erscheint nach der Reichsstatistik die Einfuhr mit geringe­ren Werten, die Ausfuhr dagegen mit höheren Werten als es in Wirklichkeit der Fall ist. Auch um die Wende dieses Jahres wies die deutsche Außenhandelsstatistik einenUcberschutz" der Ausfuhr über die Einfuhr aus., und zwar für die beiden Monate Januar und Februar in Höhe von 4.1 Milliarden Mark. Mtt diesen Ziffern operierte die gehässige Kritik des Auslandes, und behauptete. Deutschland seinachweislich* reich, werde immer reicher und sei daher in ho­hem Grade zahlungsfähig. Die fünf Monate seit März diese? Jahres haben dagegen einen sehr erheblichen Ueberschutz der Einfuhr über die Ausfuhr gebracht. TerPasstvsaldo unserer Handelsbilanz* betrug in den letzten fünf Mo­naten 26P Milliarden, davon allein im Juli zehn Milliarden.

Die Hauptgründe sind die Notwendigkeit der Einfuhr britischer Kohle, die sich regelmäßig im Sommer steigernde Einfuhr fremden Brotgetreides und vielleicht auch ein gesteigerter Bezug ausländischer Rohstoffe und W a r en im Hinkstick auf die sich scharf erhöhenden Devisenkune. Im ganze» wiessn die ersten sieben Monate 1922 einen Pas­siv s a l d o der deutschen Handelsbilanz in £>öf» von 22,2 Milliarden Mark aus. Ties wäre in Goldmark umgerccknet nicht allzuviel. Es darf aber nicht vergessen werden, daß nach wie vor die Einfuhrwerte gegenüber den Ausfuhr­werten viel zu niedrig bemessen werden, und daß die Handelsbilanz nur einen Teil der für die Finanzen und für die Wirtschaft unseres Volkes viel bedeutsamerenZa h l u n g s bilanz* ist. Aus der WeltwirtschaÄicken Konserenz. die am 28- August in Leipzig >m Zusammenhang mit der Herbstmesse stattgesunden hat, hat einer der Referenten, Prof. Dietzel. Köln, den Grund­satz vertreten daß die handelspolitischen Ye- schrankungen, denen Deutschland durch seine früheren Gegner ausgesetzt ist insonderheit die nach Verstummen der Kriegsgeschütze gegen uns aufgesahrenenZollkanonen* die deutsch: Reparatiousfähigkeil zerstört. Eine Passivität der deutschen Handelsbilanz bedeutet in der Tat. daß wir kein; Ueberschüsle erzielen, dtc wir an das Ausland abgebcn könn­ten. und daß die ohne Rücksicht darauf erpreßten Zahlungen von an Substanz unserer Volks­

wirtschaft gegeben werden müssen und damit un­sere Wirtschaft tn unheilvoller Weise ruinieren. Es ist von jeher die Praxis unserer früheren Gegner gewesen, Einzelziffern unserer Statistik herauszugreifen, um damit Beweise gegen uns zu führen. Umso wichtiger ist es, daß wir kein Mistel unversucht lassen, um erst einmal selbst über die Dinge Klarheit zu gewinnen, dann aber auch dem Auslande die Zusammenhänge aufzudecken. Wenn die Weltwirstchastskongresse, wie sie auf der Hamburger Ueberseewoche und auf der Leip­ziger Messe abgehalten worden sind, die Erkennt­nisse der internationalen Wirtschaftswissenschaft im Auslände verbreiten würden, so wäre viel für den Wiederaufbau der Welt erreicht. W. W.

Zahlen und Garantieren. Forderung der französischen Nationalisten.

. (Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 4. September.

Ter nationale Block der französischen Kammer hat bei der Regierung die Einberuftma der Kammer beantragt mit der Begründung, daß die Beschlüsse der Reparationskommission nicht den vom Parlament genehmigten Richt­linien der französischen Regicrungspolitik cut- sprrchcu. Sie haben weder die Finanz­kontrolle über Deutschland eingesührt, noch die notwendigen P f ä n d c r für die französifchen Reparationsansprüche de§ kommenden Jahres sicher gestellt. Poincars wird die Vertreter dcö nationalen Blocks am Mittwoch empfangen. Neber das Datum der Einberufung der französifchen Kummer besteht noch keine Sicherheit. Nach neuerlichen Mitteilungen kommt als Eröffnungstag der 10. oder 17. Sep­tember in Betracht, doch bleibt eine endgültige Entscheidung hierüber dem bereits cinberufencu Ministerrat überlassen. Dagegen wurde bereits engeftintzigt, dass die Session mit einer grasten außenpolitischen Debatte eröffnet wird, die allein mehrere Sitzungen beansprucht,

* *

Sperrung des Kredits.

Bern, 4. September. (Eigene Drahtmelduna.) Wie die hiesigen Blätter melden, sind die Schweizer LebenSmittelkreditc an Deutschland für die nächste Zeit eingestellt werden.

*

Deutsches ®elö In Englund.

London, 4. September. (Eigene Drahtmel- d.mg.) DerTimes" zufolge hat Deutschland bis 1. September zweihundertacht­zig Millionen Goldmark den Trefforts dcr Lank von England zugesiihrt.

Der Hetzer Jomear«.

Wieder eine lügner sche Anfeindung. (Eigener Drah'berickt.

Paris, 4. September.

Ministcrvräfidcnt Poincars hat gestern nach­mittag seine übliche Sonntagsrede gehalten und zwar bei der Einweihung eines Denkmals zu Ehren des französischen Historikers Lore! Non- fleur. Die Ansprache bewegte sich zunächst im Rahmen der bet fokchcn Anlässen üblichen Reden. Zum Schluß konnte sich aber der Ministerpräsi­dent einige Anspielungen auf Deutschland nicht versagen. Zum Beispiel als er bedauerte, daß der französifck-e Historiker nicht mehr unter den Lebende« sei, weil er sonst am besten die Ant­wort hätte geben können, weshalb in Deutsch­land noch heute soviele Revanchegedan- kc u (?) und unversöhnlicher Nationalismus aus- tauchru. Außerdem unternahm es poincars, Frankreich gegen die Verdächtigung zu ver­teidigen, (!) daß es Militarismus betreibe. Rach unverbesserlicher Gewohnheit schloß Poin­cars seine Rede mit einer Vertauschung der Rol­fen, indem er sagte: Die Deutschen beginnen jetzt, uns Imperialismus vorzuwersen. während wir vor aller Welt Geduld und Mäßigung an den Tag legen. (!) Während Deutschland neuerdings das LiedDeutschland, Deutschland über alleS" zur Rattonalhymne erhebt, müssen wir die Werke des Historikers Ronflrurs feiern und uns bcrett halten, um unsere Rechte zu verteidigen.

Dir militärisch? Bedrohung.

Paris, 4. September. (Eigene Drcchtmel- dung.) Bei der gestrigen Preffeinformation im Auswärtigen Amt wurde mitgeteilt, daß die in den letzten Wecken angcordnrtcn militäri­schen vorbeugenden Maßnahmen Frank­reichs vorläuftg aufrecht erhalten blei­ben. Es wurde weiter betont, daß die deutschen

Kohlenlieferungen für den Monat August ganz bedeutend hinter der Pflichtmenge zurückgeblie­ben feien, sodaß die Rchmrationskommisston schon in den nächsten Tagen eine Verfeh­lung Deutschlands (!) festzustellen haben werde.

Oberschlssien für Vreußen.

Das Ergebnis der Abstimmung.

(Eigene Drahtmeldung.)

Gleiwitz, 4. September.

In den letzten Tagen hatten alle deutschen Parteien in Oberschlesien die höchsten Anstreng­ungen unternommen, um am gestrigen Abstim­mungstage über das zukünftige staatliche Schick­sal des deutschgebliebenen Teiles Oberschlesiens einen Sieg für Preußen herbeizuführen. Dieser Sieg ist auch nicht ausgebliebcn. Von insgesamt 765 322 Wahlberechtigten stimmten- 513 760 für ein Verbleiben Oberschlesidns bei Preußen und nur 50 528 sprachen sich für eine Autonomie auS. DaS bedeutet im Durchschnitt neunzig Pro­zent Mer abgegebenen Stimmen für Preußen und nur zehn Prozent für die Autonomie. Die wenigen, nach ,wei Uhr nachts noch ausstehen­den Wahlbezirk vermögen an dem Endcrgebnis- der Abstimmung nichts zu ander«.

ZlmeMas HZMmg.

Sie Stunde zum Eingreifen ist noch nicht da. (Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 4. September.

Ncwyork Herold" berichtet, daß man in Krei- fen, die mit der amerikanischen Regierung in eng­ster Beziehung stehen, gestern erklärt hat, man sei sich in der amerikanischen Regierung darüber klar, daß die Beteiligung Amerikas am Wie­deraufbau der Weltwirtschaft unvermeid­lich fei, daß aber der Augenblick dazu jetzt noch nicht gekommen sei. Präsident Hardfng vertritt die Ansicht, daß für die Vereinigten Staa­ten die Stunde noch nicht geschlagen habe, an den gegenwärtig in Europa stattfindenden Wirt- fchaftserörterungen teilzunehmen. Wenn aber die europäischen Staatsmänner auf dem Standpunkt augekommen seien, von Amerika einen Rat­schlagzuerbitten, so werde die ameri- Zanifdjc Negierung sich nicht weiter abseits halten. Tas gleiche Blatt berichtet, daß in Loudon wie in Paris Besprechungen eingeleitet worden sind über die Möglichkeit der Enttendung eines be­ratenden Beobachters Amerikas zur nächsten Konferenz über die interalliierten Schulden.

Wird Amerika Vorschläge machen?

Paris, 4. September. (Eigene Drahtmel­dung.) In hiesigen politischen Kreisen war ein Gerücht verbreitet, daß Logan, der amerikanische Beobachter der Reparationskommission, in kurzer Frist bestimmte Borschläge seiner Regierung zur Reparationsfrage und Regelungderinter- allierten Schulden den hiesigen maß­gebenden Stellen unterbreiten würde.

Km die KrZeMchMden.

Frankreich und die Abrüstungsbedingungen.

(Eigene Drahtmelvnng.)

Paris, 4. September.

DerTemps" behandelt die französische Ant­wort auf die Balfournoie vom britischen Ge- sichtspuntte aus und meint, man müsse das Pro­blem der interalliierten Schulden zunächst ohne Amerika lösen, denn die Amerikaner, die drei Jahre gebraucht hätten, um sich für den Eintritt in den Krieg zu entscheiden, brauchten auch eine gewisse Zeit, um zu verstehen, daß eine Solidari­tät Opfer erfordere. Eine Regelung bezw. ein Schuldennachlatz dürfe nicht von irgend einer militärischen, Politischen oder kommerziellen B e - dingung abhängig gentad/i werden. Nicht durch Herabsetzung der Rüstungen, sondern nur durch die Herabsetzung der Zolltarife komme man zum wirtschaftlichen Gleichgewicht.

*

Amerika l«M nichts nach.

Paris, 4. September. (Eigene Drahtmel­dung.) Das amerikanische Staatsdepartement hat auf die letzte Anfrage Frankreichs eine vor­läufige Entscheidung durch den Botschafter Paris zustellen lassen. Danach ist Präsident Har- ding nicht in der Lage, dem Kongreß ein Nachlassen der Kriegsschulden vorzu- schlagen. In Pariser offiziellen Kreisen wird diese Anttvott als endgültige Ablehnung des ftanzöstschen Vorschlages aufgefaßt.

Mlttkk-Vattammt. Wohnungsbau ist bester Mieterschutz.

Die Raffel« Scguttg beä Aunde« beulskher Ml», terveretn« < Sitz ®re< b«n),ber !7.®eatfa,e SBticiee- tag, über befiel« <fröfiu«ng fefiott in ber Sonn. tagSauegabc berichtet würbe, nahmen am Sonnabend unb «leftetn besonders Stellung ,» ber Frage ber Wofinraniuhersteanng. Der Deutsche Mietertag in Kassel hat bisher in geschlossenen Beratungen organisatorische Aufgaben erledigt, denn, so erklärte nach einer großen Programmrede der Bundesvorsitzende I. Herrmann-Dresden, der zweite Vorsitzende, der Dresdener Rechtsanwalt Groß: Das kommende Mieterschutzgesetz macht die Meter zu den Trä­gern des Wohnwirtschaftswesens und dazu brau­chen sie eine in sich gefertigte Organisation! Er fügte auch hinzu, daß starke Kräfte am Werke seien, den Mieterschutz zu sprengen. In vielbe­achteten Ausführungen verbreitete sich Stadtrat Dr. Schroer-Iena über di» Wohnungspo- litik in den Gemeinden und stellte in erster Linie die Forderung nach planmäßiger Wohnraumbewirtschaftung auf, wozu ein voll­ständiges Wohnungskataster notwendig ist. Die von ihm vertretenen Richtlinien für Wohnungs­erfassung, Prämien für Freimachung von Woh­nungen usw. werden hier in Kassel bereits größtenteils befolgt, teils sind sie erstmalig in Kassel in die Tat umgesetzt worden. Daß sic nunmehr in so großzügiger Weise von Dr. Schroer propagiert werden, ist für uns doppelt wertvoll zu hören. Abends fand im Evangeli­schen Vereinshaus eine gut besuchte öffentliche Mieter-V ersammlung statt, in der die verschie­densten Redner über Wohnungsnot und den Kampf dagegen sprachen. Im Brennpuickt der Sonntags-Verhandlungen stand ein großer Dor. trag von Dr. ing. Wagner-Berlin, dem Leiter der Sozialen Baubetriebe Deutschlands über das deutsche Wohnungsbaupro­gramm. Dabet nahm er eingehend

Stellung zur Wohnungsbanabgabe.

Seit ihrer Wirksamkeit sind in Deutschland 25000 Wohnungen neuerstellt worden, davon allerdings 10000 mit Zuschüssen anderer Art durch Baugenossenschaften usw., Wohnungen, die auch so entstanden wären. So entfallen auf das Konto der Wohnungsbauabgabe 10 000 Woh­nungen. Nicht richtig ist der Einwand, daß heute teurer gebaut werde als früher. In normaler Zeit kostete eine Wohnung 6000 Goldmark und heute bei Uinrechnnng der Papiermart 4000 Goldmark. Gegen Industrie und Privatkapital erhob Redner den Vorwurf, daß es das Kapital zurückhalte, weil ihnen der Wohnungsbau in dieser Zeit nicht rentabel erscheint; außerdem nähren sie die Hoffnung, damit die lästige Zwangsbewirffchastung des Wohnungswesens! zu unterwühlen und über den Hausen zu Wersen. Nach den Darlegungen des Redners, der für Ueberf.ührung der jetzigen Zwangs­wirtschaft in Gemeinwirtschast citw tritt, herrschen augenblicklich im Wohnungsaus­schuß des Reichstags zwei Ansichten vor, mstens die, den Wohnungsnenbau überhaupt einzustel­len und zweitens ... freies Spiel aller Kräfte, d. h. privatwirtschastliches Bauen. Beides ist nicht richtig. Derbeste Mieterschutzsei die Förderung des Wohnungsneubaues. Dazu! wieder gehört Selh st Hilfe des Mieter­schutzes. Zu den Vorschlägen des Redners auf diesem Gebiet gehört die Einführung von

Ueberschichten der Kopf- unb Handarbeiter, namentlich der Bauarbeiter nach dem Vorbilde der Bergarbeiter. Die Mittel, die auf diese Weise aufgebracht werden, dürfen nur dem Wohnungs­bau zitgeführt werden und zwar unter Kontrolle der Kops- und Handarbeiter. Diese Ueberstun- den sind von den Arbeitgebern zu zahlen und der Ertrag an die Stelle abznliesern, die den ge- meindfichen Wohnungsbau zu betreiben bat. Das privatkapitalisiiiche Baugewerbe ist von Zu­schüssen aus der Wohnungsbauabgabe auszu­schließen. Auf alle Fälle sind die aus den lieber« schichten cmskommenden Mittel sofort der B a u- stoffbeschasfung zuzuffchren. Es sind so­fort Holz, Steine, Zement usw. oiifzukausen und, auch wenn nicht sofort gebaut wird, hin zulegen. So wird weiteren Verteuerungen des Bauma­terials entgegengewirkt. Schließlich forderte Dr. Wagner noch die Einsetzung ei n e S Reichswobmungskommifsars als ver­antwortliche Regierungsstelle. Es setzte dann eine so lebhafte Aussprache ein, daß sehr bald die Rededmier auf fünf Minuten beschränkt wurde. Interessant war die Feststellung eines Herrn aus Kiel, daß dort an einem Tage 43 Ehe- fcheidungen ausgesprochen worden sind. Tie Folge davon ist die Bewerbung der anderen Ehehälften um Wchnraum Trägt die Viel- heiraterei in und nach dem Kriege einen großen Teil der Schuld an der bestehenden Wohnungs­not, so wird Letztere durch

die neuerliche Vielscheiderri vergrößert. Bittere Klagen brachten die Vertre­ter aus den besetzten Gebieten über die dortigen