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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 219.

Dienstag, 19. September 1922.

Fernsprecher 951 und 952

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang.

Ausdehnung des Türkenkeieges.

Volenwirtfchaft.

DaS Schicksal Oberschlefierrs.

Das Schicksal Ost-Oberschlesiens erfüllt sich Viel schneller als selbst Schwarzseher schon da- mals prophezeiten, da in Genf der mehr als willkürliche Spruch gefällt wurde, durch welchen dieses Land, dieser ganz unteilbare Wirtschafts­organismus zerrissen wurde. Es war vor- auszusehen, daß die Polen der Verwaltung dieses hochkultivierten Landes nicht gewach­sen sein würden, und daß mit dem wirtschaftli­chen und kulturellen Niedergang, ja vielleicht Untergang des Landes gerechnet werden müßte. Aber schon nach ein paar Wochen kamen ge­radezu erschütternde Hilferufe aus Ost- Oberschlesien nach Deutschland, und, wie man in Zeitungen Kongreßpolens lesen konnte, auch nach Polen selbst an die Adresse der nun zu- tändigell polnischen Regierung. Die Kata- trophe begann mit dem Eindringen land­re m der Elemente, welche Oft-Obrr- chlcsien einfach aus kauften und das Land oweit arm machten, daß die Bevölkerung zur Selbsthilfe schritt und diese Eleuwnte aus sehr unsanfte Welse zum Lande hinaus beför- verte. Schlimmer war schon das Ausbleiben von Lebensmitteln, besonders auch von Fleisch, und das der schwerarbeitende Grubenarbeiter naturgemäß angewiesen ist. L e b e n s m i t - telkravalle flackerten in den großen Städten auf, ahne daß die polnische Regierung irgend tvelche Maßnahmen ergriff, um der Rot zu steuern. Denn die vielen Waggons angeblich heranrollender Lebensmittel sind auf dem Wei- ten Wege von Warschau nach Kattowitz irgend­wo verschwunden

Zum Hellen Ausdruck kam die Empörung der Bevölkerung, besonders der hier den Ausschlag gebenden Arbeiterschaft, als diese die ihr zu- stehenden Löhne zunächst überhaupt nicht be­kam, und dann schließlich in polnischer Va­luta ausgezahlt erhielt. Mit dem Auszahlen der Gehälter war ja die Polnische Regierung für ihre eigenen Beamten schon im Rück­stände geblieben. Derselbe Fall trat in den letzten Tagen auch bei der Privatindustrie ein. Die Arbeiterschaft weiß nun ganz genau, daß die Auszahlung in polnischer Valuta nicht dem Genfer Abkommen entspricht, sondern daß sie Anspruch auf deutsches Geld hat, welches immerhin im Vergleich mit dem Polnischen noch eine weit höhere Kaufkraft besitzt. So kam der Stein ins Rollen und Oberschlesien steht jetzt mitten in der Katastrophe, das die polni­schen Zeitungen, unter ihnen sogar das War­schauer Regierungsorgan vor einigen Tagen vorausgesagt hatten. Der Ausnahmezu­stand ist in Kattowitz verhängt, außerordent­liche Gerichte werden eingesetzt, welche das Recht haben, innerhalb vieruichzwangig Stunden die Todesstrafe zu verhängen. Und polnische In­fanterie ist bereits gegen die ihr Recht suchende Arbeiterschaft vorgegangen und es gab eine An­zahl Tote und viele Verletzte. Die Verhängung der Ausnahmezustandes über ganz Ost-Ober- schlesien ist vielleicht nur noch eine Frage von Stunden und der Bürgerkrieg der Arbeiterschaft gegen ihre neuen Landsleute, die Polen, steht, wenn nicht im letzten Augenblick eingegriffen Werden kann, vor der Tür.

Auf der gerade jetzt stattfindenden Tagung des Völkerbundes in Genf wagte einer der maßgebenden Herren dort öffentlich zu sagen, daß die Tätigkeit des Völkerbundes eine segens­reiche sei und er führte Beispiele dafür anbie vorbildliche Entscheidung über Oberschlesten". Nun, der Völkerbund braucht sich auf diese Ent­scheidung wahrhaftig nichts einzubilden. Um zähliche Stimmen anz Deutschland und aus Oberschlesten selbst haben diese Entscheidung nicht nur für Ungerechtigkeit und Ge­walttätigkeit gegen Deutschland, sondern vor allem für ein Verbrechen gegenüber dem Lande selbst erklärt. Man hat den Herten aus Bapan, Spanien und Brasilien, die über beut» fes Land verfügten, hundert Mal gesagt, was kommen wird. Aber das wurde immer mit den üblichen Redensarten über deutsche Quertrei­bereien oder deutsches Gejammer abgetan. In­zwischen hat die Bevölkerung selbst dem Völker­bund die Quittung für die .vorbildlichen Ent­scheidungen" ausgestellt und den Herren in Genf werden die Schlüsse von Bismarcchütte wohl recht unangenehm in den Ohren geklungen haben.

Die polnische Presse in Oft-Oberschlesien weiß immer noch einen Ausweg, denn sie be­hauptet mit unerhörter Kühnheit, daß alle die Vorgänge deutsches Werk seien. Man will der Welt einreden, daß aus Deutsch - Oberschlesten Leute hinüberkämen und plünderten und raub­ten. Man schiebt auch die Schuld andererseits auf den .Bolschewismus" (was in diesem Falle lkUßerordentlich bequem ist) aber auch diese Her­ren, die solches schreiben, wissen ganz genau, daß weder diese Lügen, noch die drei Milliarden polnische Mark, welche die polnische Regierung angeblich nach Oberschlesten geschickt hat, iux6

sonst irgend welche anderen Mittelchen das Ver­hängnis aufhalten werden. Wir in Deutschland gedenken ober mit großem Schmerz der Vor­gänge in dem Lande. Der Reichspräsident hat wohl den Gefühlen aller Deutschen Ausdruck ge­geben, als er unlängst über Oberschlesien sagte: .Mr wollen Oberschlesien gedenken, des Landes, das ein Wahrzeichen deutscher Kultur und deutschen Fleißes ist. Wehen Herzens haben wir Abschied genommen von unseren deutschen Brüdern. Wr haben angesichts der ganzen Welt Verwahrung einge­legt gegen die Vergewaltigung dieses Landes. Die rauchenden Schlote, die Zeichen der Stätten, die einer strebsamen Bevölkerung Arbeit und Lohn gaben, ein Zeichen deutscher Schaffens­kraft ist nicht zu zerstören, sie hat Oberschlesten ihren Stempel aufgedrückt in alle Zukunft." Wir Deutschen müssen aber vorläufig müssig znsehen, wie der Kampf zwischen der arbeitsa­men Bevölkerung und der polnischen Unfähig­keit dieses Land zu Grunde richtet!

Der Krieg im Orient.

Britanniens militärische Einmischung.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 18. September.

Die englischen Dominions (Abhängig- keitsländer) besonders Australien, sollen auf­gefordert werden, England bei der Bertei- digung der Meerengen von Konstantino­pel gegen einen türkischen Angriff zu unter­stützen. Diese Nachricht wird an amtlicher Stelle bestätigt. Verstärkungen zu Wasser und zu Lande werden mit aller Geschwindigkeit auf den Weq gebracht. Die englische Regierung hat be­reits Griechenland, Jugoslavieu und Rumänien aufgefordert, eine Verteidigung der Meerengen einzuleiten und vor allen Din­gen zu helfen, die neutrale Zone frei von kmrrlr- stischen Truppen zu halten. In englischen amt- üdjen Kreisen wird bestätigt, daß England grundsätzlich bereit sei, gegebenenfalls Kon­stantinopel an die Türkei zurückzuge- b en, wenn dadurch der Frieden gesichert sei. Aber solange Kemal die Meerengen bedrohe, könne keine endgültige Entscheidung getroffen werden. Die britische Regierung beabsichtigt, sofort und wenn nötig in ausgedehntem Maße, die dem General Harrington, dem alliierten Oberbefehlshaber in Konstantinopel, zur Ver­fügung skhenden Truppen zu verstärken, während außerdem dem britischen Mittel- meergefchwader Befehl erteilt worden ist, mit allen Mitteln einer Verletzung der neu­tralen Zone durch die Türken oder einem Versuch, auf die europäische Küste überzusetzen, entschiedene« Widerstand zu leiste«.

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Die Türkei lehnt ab.

London, 18. September. (Eigene Drahtmel- dung.) Ans Konstantinopel wird berichtet: Die türkische Nationalversammlung in Angora hat die Bedingung der Alliierten für die Einstel­lung des Kampfes abgelehnt und beschlos­sen, fernere Waffenstillstandsverhandlungen von der Zurückhaltung Griechenlands von der euro­päischen Türkei abhängig zu machen. Tic britische Militärkornmission in Konstantinovel übt eine außerordentlich strenge Zensur aller Nachrichten aus, die von Konstantinopel über die Kriegslage verbreitet werde«.

3m brennenden Smyrna.

Rom, 18. September. (Eigener Drahkbericht.) Corrierr della Sera" meldet aus Smyrna: Der große Brand von Smyrna war im türki­schen Wohnviertel ausgebrochen. Er hatte sich durch starken Organ auf dos Hafenviertel aus­gedehnt. Ue6et 2500 Häuser sind bisher einge­äschert. Man spricht von achthundert bis tau­send Toten und Verwund et en. Tas Be­treten von drei Vierteln des Stadtgebiets ist den zur Rettung gelandeten alliierten Truppen nicht möglich, da alles mit zusammengestürzten, ver­kohlten, verbrannten und noch brennenden Holz­teilen bedeckt ist.

Das Zahlnngs-Vwblem.

Die Crrantic-Desprerhun-zen in England. (Eigene Drabtm-ldung.)

Berlin, 18. September/

Der Berliner Lokalanzeiger berichtet, daß die Besprechungen znnschen dem Reichsbankpräsiden­ten Havenftei« und der Leitung der Bank von England, die am Sonnabend begonnen haben, im Laufe des heutigen Tages fortgesetzt werden. Berliner zuständige Stellen nehmen an, daß heute abend die ersten Nachrichten aus Lon­don Eintreffen werden, aus denen man sich ein Bild über d:u Stand der Dinge wird machen

können. Reichsbankpräfident Haven stein wird wahrscheinlich morgen abend in Berlin wieder eintreffen. Die belgische Regierung hat dem deutschen Gesandten in Brüssel gegenüber erklärt, sie sei damit zufrieden, wenn sie eine Antwort der deutschen Regierung nach der Rückkehr Ha- venfteins erhalte. Daher dürste die Mitteilung nicht zutreffen, die von einem zwangsweisen Vorgehen der Reparations-Kommission wissen will, weil die deutsche Regierung die Frist vom 15. September nicht eingehalten habe.

Die Aussichten nicht ungünstig?

London, 18. September. (Eigene Draht­meldung.)Morningpost" berichtet: Die Bespre­chungen des deutschen Reichsbankprüsidenten in London scheinen einen nicht ungünstigen Verlauf zu nehmen. Der deutsche Goldbe­stand der Dank von England braucht nur um et« Geringes verstärkt zu werden, um die gefor­derte Höhe z« erreichen, die für die Diskontie­rung der deutschen Schatzwechsel an Belgien nötig ist. Arn Sonnabend konferierte Havenstein mit dem Schatzkanzler Sir Hörne über zwei Stunden lang. Am Nachmittag fand dann bei Havenstein eine Konferenz der Abteilungs-Chefs der Bank von England statt.

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Geringe Hoffnung In Frankreich.

Paris, 18. September. (Eigene Drahtmel­dung.) In offiziellen politischen Kreisen äußert man sich über die ersten Verhandlungen Haven kteins, daß das Direktorium der Bank von Eng­land nicht gerade geneigt erscheine, einen Vertrag abzuschlietzen, der für sie keine finan­ziellen Vorteile enthalte, sondern in der Haupt­sache nur politischen Charakter trage.

Am öse Einigung der Linken.

Sozialdeurokrattfcher Parteitag. (Privai-Telegramm.)

Augsburg, 18. September.

In der Sängerhalle des Stadthauses wurde gestern der diesjährige Parteitag der Sozial­demokratie eröffnet. Die sozialdemokratischen Minister und Abgeordneten sind vollzählig er­schienen, außerdem viele Gäste aus dem Aus­lande. Partei-Vorsitzender Hermann Müller wies in seiner Eröffnungsrede auf den Ernst der gegenwärtigen Lage hin. Wir stehen vor einem Winter» so sagte er. wie er uns furchtbarer auch im Kriege nicht entgegengetreten ist. Wenn nicht bald mit dem System der ökonomischen Unterdrückung und der politischen Provokation von feiten der Entente auf­gehört wird, dann mutz bald der Tag der Kata­strophe über unser armes Volk hereinbrechen. Wenn Deutschland zusammenbricht, so muß die­ser Zusammenbruch ganz Europa auf vas Schwerste erschüttern. Wir brauchen den Willen zur Selbstbehauptung tm Inneren. Wenn die bürgerlichen Parteien eine Notge­meinschaft des deutschen Volkes fordern, bann dürfen sic sich auch nicht weigern, dem Volke Lebensmittel zu erschwinglichem Preise zur Verfügung zu stellen und die Zwangsmittel des Staates zur Milderung der Ausbeutung anzuwenbrn. Das Proletariat hat vom Segen der freien Wirtschaft genug. Der Redner schloß: Zum Schutze der Republik sind wir heute besser gerüstet, weil die sozialdemokra­tische Einigung nicht im Verborgenen bleibt

* * *

(Segen Frankreichs Jrachegeist.

Augsburg, 18. September. (Privat-Tele- gramm.) Der sozialdemokratische Parteitag wählte zu Vorsitzenden die Abgeordneten Wels (Berlin) nnb Simon. Vorsitzender Wels be­grüßte sodann die zum erstenmal nach dem Krieg nuf einem Parteitag erschienenen englischen Gäste. Mit lebhaftem Beifall wurde folgendes Begrüßungstelegramm des Reichspräsi­denten ausgenommen:Dem Parteitag sende ich herzliche Grüße. Die Einigung ist heute mehr denn je eine Lebensfrage bet Arbeiter, sie ist aber auch ein bringendes, starkes politisches Ge­bot. Meine besten Wünsche begleiten Ihre Ar­beit" Daun folgten Begrüßungsansprachen ber englischen Gäste. Davis wies darauf hin, baß die deutschen und die englischen Arbeiter im Kampfe gegen de« Imperialismus und französi­schen Rachegeist zusammengehen müssen. Brite«, Deutsche und Italiener müßte« dafür sorgen, daß kein Krieg mehr fein darf. Wenn bic eng­lische Arbeiterpartei zmn Siege komme, so werde ein neuer Geist einziehen. Die Einigung ber bentschen Sozialdemokratie werde für die Eini­gung der Arbeiter der ganzen Welt da« Signal fein. Die englischen Arbeiter protestieren auf das Schärfste gegen den unverhüllten Rachegeist ber fron-Mchen Staatsmänner und gegen bie Unterdrückung des deutschen Volkes.

Konstantinopel.

Die internationalste der Wettstüdt«.

Die in Äcinaflen lenken Sure

pa« Blicke wieder einmal nach der türkische» Hauptstadt am Bosporus. Wie c* heute dort aussteht, schildert der nachstehende Bericht.

In allen großen Städten der Weh ist der na­tionalle Charakter durch eine Beimischung von Jnternationalität verwischt, ohne deshalb völlig zu verschwinden. Unter ihnen war schon früher Konstantinopel, an der Grenzscheide zweier Welten, eine der internationalsten. Heute haben die Schicksale, die diese Stadt uralten und ent­scheidenden historischen Geschehens getroffen haben, diesen Charakter noch verstärkt. Konstan­tinopel znm Durchgangsort und Heerlager für die Völker der Erde gemacht. Uns Deutschen, von denen so manche einst die »Pforte der Glückseligkeiten", wie die Türken Konstantinopel nennen» gut gekannt haben, ist es heute, da wir politisch von dort verdrängt, und weite Reisen fast allen unter uns unmöglich gemacht sind, fast unbekannt geworden. Was sich fetzt in den Straßen Konstantinopels bewegt, das scheint nicht die Bevölkerung einer Stadt, son­dern eines Kontinents, ja aller Sonhncnte zu fein. Von den Nationen der Entente hat jede dort nicht allein ihre eigene Post, son­dern auch ihre Polizei und ihre regulären Truppen, und diese bilden eine kleine Ober­schicht auf dem unendlichen Durcheinander von Rassen und Völkern in der besetzten Stadt. Den. der zum ersten Male nach Konstantinopel kommt, setzt zunächst der alltägliche Eindruck dieser

Stadt bet Romantik

in Erstaunen. Auf den Schildern der elektrischen Bahnen stehen Namen von geheimnisvollem Äkärchenklang, und wir sind enttäuscht, wenn sie uns nach Stadtteilen von nüchternem Charakter bringen, die von denen einer europäischen Stadt nicht allzu verschieden sind. Was sich hier a« Farbe findet, kommt vom Himmel und vom Wasser, und der von allen getrogene Fez bringt weniger den Eindruck einer Einheitlichkeit der Farbstimmung als den sozialer Gleichför­migkeit hervor. Das Straßenleben Konstanti­nopels beherrschen mehr die Fußgänger als die Ftchrwerke. Wer auf ber berühmten Drücke von Galata steht, muß bie verkehrsreichsten Punkte der Welt zum Vergleich heranziehen, etwa bie Brücke von London, nur Daß Kon­stantinopel jener Unzahl von Omnibussen und Wagen entbehrt. Dafür fehlt im Gedränge keine Nationalität der Welt; doch wird der Ein­druck verschleiert durch das Uebertolcgen euro­päischer Kleidung, und man mutz schon die Ge­sichter betrachten, damit einem vas bunte Völkerleben, das sich hier vorüberwälzt, sinn- sällig wird. Die Lage Konstantinopels hat man häufig mit der Neapels verglichen. Die Er- mnerung an Neapel wird nicht einmal allein durch die Lage der Stadt geweckt, die auf Höhe« rings um eine von Fahrzeugen belebte Wasser­fläche erbaut ist, die sich über eine unverhält­nismäßig große Fläche erstreckt und von den ver- schi ebensten Punkten die wunderbarsten Aus­blicke bietet. Auch in manchen Siraßen, ob sich nun hölzerne Buden aneinander reihen, steiner­ne Häuser in europäischem Stil erbaut sind oder dufterftillte Gärten sich hinter Mauern ber­gen. wjrd die Erinnerung an et ne Stadt wie Neapel empfindlich gestört. Selbst ein Sonntag« nachmittag auf dem Bosporus unterscheidet sich nicht allzusehr von dem einer anderen Groß­stadt ; es sind dieselben Scharen sonntäglicher Ausflügler, die htnausströmen und blumenbela­den wiederkehren. Aber Wenn man tiefer in das Leben dieser Stadt eindringt, gewahrt man ihr eigenstes Wesen. Fhre Stimme wird zwar nicht in dem Mullah vernehmlich, der das Mi- rarer besteigt, um die Stunde deS Gebets zu verkünden, denn fein Ruf kann den Lärm der elektrischen Bahnen und das Getöse bet Auws in Dtambul von heute nicht durchbringen. Aber wir hören sie da und dort. Man besucht die Zisternen von Fere-Batan und rubett unter Tausenden von steinernen Säulen dahin wie in einer unterirdischen Kathedrale; man empfindet

eine fremde Kultur

und den Anhauch unbestimmten historische« Schauers. Man mischt sich unter das feilschende Volk, das die Bazare erfüllt, und denft daran, daß hier einst in prunkvollen Stallungen die Pferde der Sultane standen. Man huscht t« Pantoffeln durch die Moscheen und spürt immer wieder das Wesen fremder Mächte, btc vier noch kongeswegs erloschen sind. Tas steigert sich, wenn man draußen in den Vorstädten den schlecht verhehlten Mißmut bemerkt, mit dem die türkischen Soldaten den Abendländern und besonders den fremden Uniformen begegnen. Ma« wird sich bewußt, daß diese Stadt wider­willig ein Fach trägt, das ihr Inneres wicht verändert hat Zu den charakteristischsten Er» scheinungen des Straßenlebens geboren auch die Leute, die große, schwmtkeude Lasten auf ihren