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Kasseler Abendzeitung

12. Jahrgang

Donnerstag, 5. Oktober 1922,

Fernsprecher 951 und 953

Nummer 233

Fernsprecher 951 und 952

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Kasseler Neueste Nachrichten

- - - Hessische Abendzeitung

Teuerungs- und Befoldungsstagen.

Ost gegen West.

Religiöser mtb nationaler Antrieb.

In letzter Stunde vor einer großen kriege­rischen Auseinandersetzung zwischen den Türken und Briten ist eine Beruhigung eiuqetreten. Man ist auf beiden Seilen zu Verhand­lungen bereit. Diese Bereitschaft bat aber zur Grundlage, daß die Türken als Sieger be­trachtet toerbcn. Ihre Bedingungen, unter de­nen sie zur Konferenz in Mudania einwilligeu, bedeuten ein weitgehendes Nachgeben der Bri­ten, denen-das orientalische Abenteuer doch zu gewagt erschien. Wahrscheinlich werden sie ver­suchen, auf diplomatischem Wege wieder einen Vorsprung zu gewinnen, aber der türkische Wider st and, das türkische Vorwärts­streben über Konstantinopel hinaus nach Thrazien, ihrem früheren Besitztum, läßt für England nicht viele Vorteile erwarten. Um was bandelt es sich letzten Endes bei dem gegenwär­tigen Ringen im nahen Osten? Um nichts ge­ringeres als um die Befreiung des Islam von der Abhängigkeit der Christen! Wir haben cs schon einmal an dieser Stelle ausgesprochen und man muß es immer wieder klar und deutlich sagen, um den tieferen Sinn des gegenwärtigen Geschehens dort unten in der Türkei zu ver­stehen: Es handelt sich um einen Religions- krieg gewaltigsten Stils Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen dem Moham- medanismus und dem Christentum.

Seit 1453 ist Stamb ul-Konstantin o- pel der Sitz des Kalifen und gleichzeitig die Spitze des großen osmanischen Rei - ch e s. Kein Geschick, mochte es sich noch so wech- seltzoll gestalten im Laufe der Jahrhunderte, har es zuwege gebracht, daß der Islam diese seine Hauptstadt Konstantinopel preisgegeben hätte. Und alle Versuche, insbesondere der Engländer, Konstanttnopel aus politischen Gründen und nicht zuletzt aus eigenen englischen Interessen heraus dieser Eigenschaft zu entkleiden und da­durch einer gefährlichen Gegnerschaft, des reli­giösen Fanatismus der Mohammedaner für ihre eigenen politischen Ziele im Orient sich zu entledigen, sind fehlgeschlageu. Man erinnere sich nur an das völlige Fiasko, das England bei seinem Versuch erlitten hat, Mekka zur Hauptstadt des Islam zu machen, ein Versuch, der auch dann nicht zum Ziele führte, als ein oon England bestellter Kalif dem Sultan von Konstantinopel gewissermaßen als Gegenpapst gegenübergestellt wurde.

Niemals wohl sahen sich die Türken näher am Ziel dieser Wünsche, Konstantinopel für alle Zeiten als Sitz des Kalifats und als Haupt­stadt des großen muselmanischen Reiches für alle Zeiten zu festigen, als jetzt. Es ist das ausgesprochene Ziel Kemal Paschas und seiner Truppen, sowie der Angoraregierung, Konstan- linopel von allen europäischen Einflüssen frei zu machen, insbesondere zu verhindern, daß es irgend einer europäischen Kontrolle, mö­ge sie englisch, ftanzösisch, russisch oder möge sie auch deutsch sein, unterstellt sei, Konstantinopel vielmehr zur Hauptstadt des Sultans zu ma- Len, die die ganze Welt anerkennen müsse! Das weitere Ziel ist freilich, diesen Sitz des Kalifats gegen alle Bedrohungen von außen her zu sichern. Und hier liegt auch der tiefere Grund dafür, daß die Türken Thrazien wieder ba­den wollen und daß sie es nicht dulden zu kön­nen erklären, daß dieses thrazische Gebiet mit Wrianopel in Händen der Griechen oder sonst eines Balkanstammes sei, da ein derartiges Faktum nichts anderes als eine stete Bedrohung der Hauptstadt des osmanischen Reiches, aber auch des Kalifen als des Herrschers aller Mu­selmanen bedeute.

Die große Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Christentum hat im Hinter­grund aller weltpolitischen Ereignisse seit dem 15. Jahrhundert schon immer gestanden. Ter Weltkrieg konnte diese Stunde des Islam, auf die er harrt und für die jeder Muselman drei­mal am Tage betet, nicht kommen sehen, da es ja chriWcke Mächte waren, die sich mit der Tür­kei verbanden. Der Zusammenbruch der Mittel­mächte und damit der Türkei hat aber die Mo­hammedaner zu dem Gedanken, zu bet Hoff­nung. ja zu dem festen Glauben geführt, daß nun ihre' Schisalsstunde nahe! Ein Gewährs­mann, der dieser Tage erst nach längerem Auf- enchalt im Hauptguartier Kemal Paschas in Angora zurüqekehrt ist. wo er a'3 einziger Deutscher und als erster nach dem Kriege weilte, bat geschildert, wie täglich Deputationen aus den entferntesten Gegenden Asiens, ja selbst Afrikas nach Angora gekommen sind, um zu versichern, daß sie geschloffen den .hei­ligen Krieg", wie ihn die Muselmanen ver­stehen, verfechten wollen znr Befteiung des Is­lam und zur Befreiung des Kalifats und sei­nes Sitzes Konstantinopel von dem Druck der Sklaverei der .Ungläubigen".

Die Energien, die in den letzten Jahren im

Islam aufgespe'.chert worden sind, und die in Kemal Pascha einen unter Tausenden ihrer entscheidenden und fanatischen Sachwalter fin­den, sind dazu angetan, die unnatürlichen Schöpfungen, wie sie die sorgfältig ausgeklügel­ten Jriedensverträge, die das Siegel von sieben­undzwanzig Staaten und Völkerschaften haben, in Atome zu zerreiben. Das ganze Fundament, das von ein paar mächtigen alliierten Politikern aber winzigen Menschlein nach dem Weltkriege zufammenaezimmert wurde, kracht in seinen Fugen Heute sind es die gleichen .Herren" imd .Gebieter" der Erde, als die sie sich damals aufwarfen, die dieselbe Türkei um Frieden bitten, die sie vorher auf dem Papier! vernichtet hatten Liefert uns nicht die Türkei von heute ein Beispiel dafür, was Lebensenergie und Einheitswille, konzentriert in einem großen nationalen Ziele, alles vermögen? Dies Licht aus dem Osten leuchtet auch uns?

Brot, unö Gehälter.

Erhöhung im November.

lPrivat-Telegramm )

Berlin, 4. Oktober.

Der Gesetzentwurf, in dem etwa eine Ver­dreifachung des Preises für Umlage- getreide vorgesehen ist, wurde vom Reichs­kabinett angenommen. Der Gesetzentwurf wird, nachdem der Reichsrat und der Wirtschafts­rat darüber beraten hat, dem Reichstag sofort nach dessen voraussichtlich am 17. Oktober erfol­genden Zusammentritt beschäftigen. Ein weiterer Antrag des Reichsernätzrungsministers, infolge der durch das sprunghafte Steigen der fremden Valuten veranlaßten Preis­steigerung des Auslandsgetreides dst Ab­gabepreise der Reichsgetreidestelle zu erhöhen, wurde ebenfalls angenommen. Entsprechend müsse auch der Preis für Markenbroter- höht werden. Die Erhöhung wird jedoch nicht vor Ablauf dieses Monats eintreten und voraus­sichtlich nicht über die Verdoppelung we­sentlich hinausgehen. Da die Erhöhung des Brot­preises eine schwere Belastung der minderbemit­telten Bevölkerungskreise mit sich bringt, beab­sichtigt die Regierung, noch im Laufe dieser Woche mit den Vertretern der Arbeitsgemeinschasten in Besprechungen einzutreten, nm gleichzeitig mit der Erhöhung des Brotpreises auch eine Er­höhung der Löhne und Gehälter zu erwirken.

e

Krise im RriHSkablnertr

Berli«, 4. Oktober. (Privattelegramm.) In politischen Kreisen verlautet, es könne im Gegen­satz zu anderslautenden Berichten bestimmt ver­sichert werden, daß Diftcrenzen innerhalb des Reichskabinetts aufgetreten seien, da die so­zialdemokratischen Reichsminister in der Frage des Getreideumlageprei- s e s sich, entgegen der bisherigen Auftaffung des Kabinetts, dem Beschlüsse der sozialdemokrt-.schen Reichstagssraktion angeschlossen, also gegen die Erhöhung des Umlagepreises gestimmt hatten.

TeuemngS-Llnruhm lnHalle.

Kommunisten im Stadtverordueten-Saal.

lPrivat-Telegramm.)

Halle, a. d. S-., 4. Oktober.

An einer von den kommunistischen Betriebs­räten veranstalteten Teuerungsd«nonstration nahmen etwa zweitausend bis dreiiansen Perso- neu teil. Eine von den Demonstranten in die Stadtverordnetenversammlung ent­sandte Deputation wurde abgewiesen, worauf sich auf den überfüllten Tribünen ein solcher Tumult erhob, daß die Tribünen geräumt werden muß­ten. Nachdem auch die kommunistische Fraktion den Sitzungssaal verlassen hatte, drang abermals eine Deputation der Demonstranten in den Saal ein, worauf der Vorsitzende persönlich mit der Kommission verhandelte und die Sitzung ver­tag t e. Die Menge zerstreute sich später, ohne daß es zu ernsten Zwischenfällen gekommen wäre, nachdem möglichste Berücksichtigung ihrer Wünsche versprochen worden war.

DerftSnSigüngS-VollNk?

Sine Rede d-s Reichskanzlers.

lPrivat-Telegramm.)

Konstanz, 4. Oktober.

In Anwesenheit des Reichskanzlers Tr. Wirth, des badischen Staatspräsidenten und des Ministers des flnnern sowie des Reichswrhr- minjsters fand hier eine Besichtigung des Kon­stanzer Reichswehrbataillans statt. Reichskaaz-

ler Wirth dankte für die an ihn gerichteten Be­grüßungsworte und führte u. a. aus, fein Ziel sei, für die V e r st ä n d i g u n g a l l e r S ch i ch- t e n des deutschen Volkes zu wirken und die mo­ralischen Kräfte zusammenzufassen. An der Reichswehr sei es, außerhalb des politischen. Getriebes der Verfassung und der Republik in Treue zu dienen. Es freue ihn. wahrnehmen zu können, wie die Treue zum Staat ihr nicht nut Sache des Verstandes, fondern ein Ausdruck aufrichtiger Gesinnung fei. Der Kanzler er­mahnte das Dataillon, auch fernerhin treu zum Reiche zu stehen, dessen Einigkeit zu erhalten die vornehmste und edelste Aufgabe des Volkes sei.

Die Onmt-Konfer?nr.

Verhandlungen «ud Waffenstillstand.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 4. Oktober.

Die Konferenz von Mudania ist gestern eröff­net worden. Einzelheiten über den Verlauf der Sitzung find vor heute abend nickft zu erwarten. Auch der Waffenstillstand hat begon­nen. Die Nationalversammlung hat Mustapha Kemal ermächtigt, die Einstellung der Feind­seligkeiten und die Unterbrechung der militäri­schen Operationen an allen Fronten anzuordnen. Die türkischen Truppen haben auch Tanderma in der neutralen Zone geräumt. Das bisher von den ftanzösischen Truppen besetzte Darda­nellen-Dor Kumkalee hat englische Besatzung er­halten. Der Stillstand der türkischen Operatio­nen zeigt sich ebenso bei Jsmid. Auch diese Stadt ist von den türkischen Bortruppen geräumt.

* «

Türkische Wünsche.

London, 4. Oftober. (Eigene Drahtmel­dung.)Daily Mail" berichtet aus Konstanti- nopel, daß Mustapha Kemal Pascha die Abhal­tung der Konferenz in Smyrna wünscht. Fer­ner soll die Nationalversammlung in Angora das Ersuchen ausgesprochen haben, die Hcmpt- stadt der Türkei nach Eskischehir im Innern Kleinasiens zu verlegen (?), weil die jetzige Hauptstadt Konstantinopel nach Schleifung der Beststigmig der Dardanellen wehrlos einem möglichen Angriff zur See ausgesetzt fein werde.

Konstantinopel ist ruhig.

Paris, 4. Oftober. (Eigener Drahtbericht.) Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß alle Nachrichten über Anruhen, wie sie gegenwärtig ausgestreut werden, unrichtig feien. Konstanti­nopel erwarte in vollständiger Ruhe die An - kultft der Nationalregiernng. Der Sultan fei durch feinen Gesundheitszustand ge­zwungen, sich zurückzuziehen, aber Meldungen über feine erfolgte Abdankung müßten als verfrüht bezeichnet werden. Die Regierung in Konstantinopel wird ihre Vertreter in Paris und Rom anweisen, ihre Aemter an die Vertre­ter der national-türkischen Regierung abzutreten. Die bisherigen Konsuln sollen mit Rücksicht aus die Finanzlage zurückberufen werden.

Griechenlands Lage.

Wieder lärmende Kundgebung in Athen.

(Eigene Drahtmelduna.)

Wien, 4. Oftober.

Aus Athen wird berichtet: Die provisorifche Regierung hat eine Proklamation erlassen, in der sie die Befetzung Thraziens durch alli­ierte Truppen bis zum Frjedensfchluß ab- lehnt. Bor den alliierten Gesandtschaften kam es zu lärmenden Kundgebungen der Volks- maffeu. In der französischen Gesandtschaft wurden mehrere Fenster eingeworfen. Alliierte Kriegsschiffe werden zum Schutze der Entente-Staatsangehörigen morgen im Pyräus erwartet Die neuesten Meldungen ans Athen besagen. dass sich auch der griechische Offi- ziersbund für die republikanische Staatsform erklärt hat. Alexander Karaponos sei bereits mit der Ausarbeitung einet repu­blikanischen Verfassung beauftragt worden.

*

Venizelos in London und Darts.

Paris, 4. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Venizelos, der feit Ende voriger Woche in Lon­don weilt, hatte eine Unterredung mit dem Außenminister Lord Curzon. Venizelos kehrt dann nach Paris zurück, wo er von Poinearö empfangen werden wird, um im Anschluß daran wieder nach England zu reifen.

Bekämpfung der Not.

Maßnahmen für de» Winter.

Angesicht« »es weiter steigenden Teuerung haben die SreiwSvehSrdeu Matz-.iuh.ncn ve- raten,mitdenen man der fthltmmsteusrotde« harten Winter« zu überwinden sich bemüht.

Die jetzigen Berichte des preußischen Land­tags zeigen, welch ernstes Problem für Regie- rung und Parlament die immer weiter steigende Teuerung ist. Mit schwerster Sorge sehen Mil­lionen Deuffchrr und alle, denen das Leben ihres Volkes am Herzen liegt, dem kommenden Mu­ter entgegen. Von Jahr zu Jahr schleppen wir uns ja schon mit der bangen Sorge dahin: Wie soll die nächste Zukunft sich gestalte,.? Ost glaub­ten wir keinen Ausweg mehr zu sehen. Bisher ,sts immer noch weiter gegangen aber nicht auswärts, sondern abwärts. Das ist der furchtbare Druck, der auf Deutschland liegt: daß trotzFrieden", trotzErfüllung", trotz Arbeit und Entbehrung die Verhältnisse nur immer trostloser werden. Der Wert der Mark ist in un­geahnte Tiefen gesunken, die Ernährung wird teurer und knapper, seit das Reich zur Einstel­lung der Zuschüsse gezwungen wurde, deutsche Kohle wandert auf Feindesdiktat ins Ausland, während wir stieren, und dazu bedroht uns nah und näher das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Die politische Arbeit wird sich, über allen Parteikram hinweg, in den nächsten Monaten auf die Ab­wehr des Schlimmsten konzentrieren müssen. Im Nachstehenden geben wir die Pläne wieder, die die B'e Hörden, wie sie mitteilen, durch- zuführen beabsichttgen.

Die Gefahr der Arbeitslosigkeit.

Ueber Vorbeugungsmatzregeln für den Fall zunehmender Arbeitslosigkeit wird im Reichs- orbeitsminststettum erKärt: Als bestes Mittel ge­gen die Arbeitslosigkeit ist die produktive Erwerbslofenfürsorge anzusehen. Um diese einführen zu können, wenn es nottut, sind vom Reichsarbettsministertum folgende Anord- i'ungen getroffen worden: 1. Während der letz­ten Monate sind alle Maßnahmen der produk- ttven Erwerbslosenstirforge ausgefpart und für später bereit gehalten worden. Rur die not­wendigsten Arbeiten werden verrichtet, um die vorhandenen Mittel nicht auszubrauchen. 2. Vor längerer Zeit schon ist an die Länder das Er­suchen gerichtet worden, in möglichst großem Um­fang Maßregeln der Fürsorge vorzubereiten und die Frage zu prüfen, wieviel Kräfte eingestellt werden können. Ferner soll die Unterbringungs- frage eingehend geprüft werden. Die Durchfüh­rung der Maßregel ist Sache der Lander und Gemeinden. Ergänzend treten» noch Vorberei­tungen der Reichsregierung hinzu, zum Beispiel für Kanakbauten. 3. Die Sachlreferungen, bie sich aus der Reparation ergeben und die letzt­hin durch das Heimbnrg-Mbkommen ergänzt wor- den sind, werden hoffentlich Gelegenheit zu einer Reihe von Taten der produktiven Fürsorge bie- ten Bei dem augenblicklichen Stand der Dinge ist wcchl keine katastrophale Arbeitslosig­keit zu befürchten. Ein ungünsttger Einfluß der Valuta iist natürlich in Rechnung zu setzen, aber wohl kaum von heitte auf morgen. Weiter ist daran zu erinnern, daß eine Reibe von Bestim­mungen erlassen sind, die einer Mafsenent- lassung von Arbeitern Vorbeugen. Dahin gehört auch der Ausbau des Arbeitsnachweises durch das Arbcitsnachweisgesetz, das am 1. Okto­ber in Kraft tritt. Im Ganzen siebt das ReichS- arbeitsministerium die Lage mit bewußtem Ernst, aber nicht mit übermäßiger Sorge an.

Die Berkehrsstage.

Es ist eine bekannte Feststellung, daß die Frage der rechtzeitigen Beschaffung von Le­bensrnitteln und von Kohlen in die gro­ßen Bevölkerunaszentren zu sehr beträchtlichem Teil eine Verkebrssraae ist: und ebenso geläufig sind jedem die Klagen der Berufsstände wie auch vieler Behörden über den Mangel des Der - kehrsavparates. Hierzu äußert man sich im Reichsverkebrsministerium folgendermaßen: In der Bevölkerung besteht die Sorge, daß die Eisenbahn die Lebensmitteltransporte für den kommenden Winter und während des Winters nicht werde ausführen können. Man beruft sich dabei auf Behauptungen, wonach die Eisenbahn schon wiederholt bei der Gestellung von Wagen berfogt habe. Die Eisenbahn erwidert darauf, daß sic selbstverständlich nur das befördern könne, waS aufgeliefert wirb. Vorhaltungen wegen der mangelhaften Auflieferung können nicht sie treffen, sondern müssen an andere Stel­len gerichtet werden. Sie kann zum Beispiel nicht dafür bürgen, daß Kartoffeln aufgelie- fert werden, sie kann auch nicht dafür Propa- oanda machen. Was die Eisenbahn tun kann, das hat sie durch d-e Anordnung fist bevorzugte Beförderung und Verbilligung der wichtigsten Lebensmittel getan. Es ist aber nickt möglich, irgendwo, zum Beispiel in einer Kartosfelgegend. eine Waaenreserve für Sendungen aufzuspei­chern, die vielleicht aufgeliefert werden N»---"!?- ietzung für die Frachtermäßigungen ist im Übri-