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Hessische Abendzeitung

Nummer 243

Dienstag, 17. Oktober 1922.

Fernsprecher 951 und 952

12. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952

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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Blutige Ausschreitungen in Berlin.

bar und tief berührende Frage ist.

J. B.

Aufruf an Hindenburg?

Wenn jetzt die Parteien wieder zusammentreten, um zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen, so mögen sie sich immer wieder bewußt sein, daß die Wahl des Reichspräsidenten absolut feine Parteiangelegenheit, sondern eine das ganze deutsche Volk in all seinen Teilen unmittel-

Berlin, 16. Oktober. (Eigene Trahtmel- dung.) Die mehrere tausend Teilnehmer zäh­lende Versammlung desBundes für Freiheit und Ordnung" nahm eine Entschließung an, in der es heißt, daß als Reichspräsi­dent nur ein Mann in Frage kommen Wnnc, der vollkommen über den Parteien stehe und treuer und b ewährter Diener des deutschen Gedankens sei. Diese Erfordernisse seien am glücklichsten verkörpert in Generalfeldmarschall von Hindenburg, an den die herzliche Bitte gerichtet werde, sich einem solchen Ruse des deut­schen Volkes nicht zu verbergen. Ferner wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß alle vater­ländischen Kreise des deutschen Volkes sich die­ser Bitte anschlietzen werden. Musikalische Dar­bietungen umrahmte» die Ansprachen.

Ungenügender polizeiiicher Schutz.

B e r l i n, 16. Oktober. (Eigener Drahtbericht.) Der Kommunistenüberfall auf die vaterländisch» Kundgebung war planmäßig organisiert. Bereits am Sonnabend früh hatten die radikalen Betriebsräte der FabrikenAufrufe an das Proletariat" erlassen, die zu einemSpazier­gang" nach dem Zirkus Busch aufforderten. Fer­ner hatte der Erwerbslosenrat zweitau­send Arbeitslose aufgeboten, die mit Stuhlbeinen und anderen Waffen anrückten und denen am Sonntag der Erwerbslosenrat je M Mark ausge­zahlt hatte. Das langsame Vorgehen der Polizei hat große Empörung in bürgerlichen Kreisen hervorgerufen. Obwohl dem soizaldcmo- kratischen Polizeipräsidenten Richter der An­marsch der Kommunisten gemeldet worden war, befand sich feine Polizei an Ort und Stelle. Auch nachdem der wüste Kampf schon in vollem Gange war, kamen ganze fünszehnMann, die aber nichts ausrichten konnten und Verstärkungen heranholen mußten. Noch gestern abend gegen neun und zehn Uhr durchzog» große Trupps von Demonstranten mit dem S o w - etstern (!) und roten Fahnen die Gegenden am Hackschen Markt und am Lustgarten. Der Reichskanzler hat durch das Ministerium des In­nern den Polizeipräsidenten Richter für gestern abend zum Bericht gefordert. Heute früh werden die Vorsitzenden der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei beim Reichskan^er erschei­nen, um von ihm energische Maßnahmen zu ver­langen gegen eine Wiederholung der Ueberfälle auf rechts gerichtete Kundgebttngen in Berlin.

Daily Mail" meldet aus Brüssel: In­folge des rapiden Sturzes der deutschen Mark und der dadurch notwendig gewordenen Nachprüfung der Reparationsverpslichttrngen durch Mttglieder des Reparationsausschuffes hat die belgische Regierung die offiziellen E i n- ladungen zur Brüsseler Finanzkonferenz, die für Anfang Dezember vorgesehen war, abermals verschoben. <luch Erklärungen des ameri­kanischen Vertreters in Brüssel über die Mög- lichketten einer späteren Teilnahme Amerikas haben zu neuen Beratungen zwischen Belgien und den alliierte» Kabinetten geführt.

stellte als Hauptforderung auf, daß das deutsche Volk sich bei der kommenden Wahl nicht in par- teipolitisck>en Kämpfen zerfleischen dürfte, son­dern daß nach Möglichkeit die Einheit ge­wahrt werde. Nach der Rede des Reichskanz­lers besprach der Ausschuß die F^rgc der Prä- -fijdentenwahl, die jedoch noch nicht zu einem Abschluß gekommen ist. Immerhin scheint" r so, als ob auch im Zentrum die Meinung für eine Verlängerung der Wahl um zwei Jahre immer mehr an Boden gewinnt.

Vaterländische Kundgebung

Reden über unsere Lage.

(Eigener Drahtbericht.)

Berlin, 16. Oktober.

Die vaterländische Kundgebung desBun­des für Freiheit und Ordnung", die nach der Säuberungsaktion der Schutzpolizei schließlich doch noch stattfinden konnte, wurde mit einer Ansprache des Reichstagsaügeordneten Geiß­ler von der Deutschen Bolkspartei eingeleitet, die der Entrüstung über die blutigen Vorgänge Ausdruck gab. Als erster Redner sprach dann der deutschnatiouale Reickstagsab- geordnete Laverenz über den Weg zur Ret­tung Deutschlands. Er wandte sich mit scharfen Worten gegen die Ersüllungspolitik, die er als grundfalsch und verderblich bezeich­nete. Reichstagsabgeordneter Geißler, der über die wirtschaftliche Verelendung des deutschen Volkes sprach, betonte unter Hin­weis aus die österreichischen Verhältnisse, daß die Arbeitszeit nach dem Bedürfnisse der Volks gesamtheit eingerichtet werden müsse. Die Schlußrede hielt Pfarrer Langemann, Hamburg.

Keine Finanzkonserenz.

Die Folge« des MarksturzeS.

(Eigene Drahtmeldung.) Rotterdam, 16. Ottober.

verkaufen ein Stück ihres Hab und Gu- les nach dem andern, gehen zum Pfandhaus und versehen, wenn das Pfandhaus, das heute bei der kleinen zulässigen Berzinsnng auch nicht leben kann, überhaupt noch Beleihungen vor--" nimntt. Sie kaufen sich feine Kaffeebohnen, keinen Zucker, uur das" Notwendigste. Sie rech­nen überall, denn ihr Einkommen reicht kaum aus, Straßenbahnfahrten zu machen. Noch nie waren die Straßen Berlins so bevölkert wir heute. Früher liebte der Berliner es nicht, selbst die kürzeste Strecke zu Fuß zurückzulegen- Er fuhr. Heute wandern die meisten zu ihren Arbeitsstellen und man steht es den Tageswan­derern auf der Straße an, daß ste nicht zu den Arbeitern zählen. Sie schlagen sich wütend durch das

fremdsprachige Gewirr, ' das überall hörbar ist, wagen nicht, in die Schaufenster zu schauen. Sie gehen ihre» Weg gerade aus, den Weg des Kummers, der auch nicht mehr lange gegangen werden kann, denn wenn die letzten Sohlen zerrissen sind, wird das Geld zu neuen nicht mehr langen. Wir können nicht überrischt sein, wenn in nicht allzuferner Zeit Menschen, denen man die bessere Schicht awsieht, mit zerschlissenen Kleidern und zerrisse­nen Schuhen auf den Straßen sichtbar werden. So muß e8 kommen. Denn niemand hilft ihnen, diesen geistigen Arbeitern, diesem zum Prok> tariat sinkenden Mittelstand, niemand fragt, wie die Rentenempfänger, die alten von Keinem Kapital lebenden Rentner auskommen. Jeder hat ja mit sich zu tun. Gewiß, jeder ist ht Ber­lin bestrebt, sich der Zeit anzupaffen. Den mei» sten aber will es nicht gelingen. Die verhaßten Ausländer sind vielen eine Rettung. Sie bezahlen am besten dir möblierten Zimmer. Deshalb werden ste am liebsten gesehen von denen, die möbliert vermieten wollen. Einr Dame, die jetzt vermieten muß, erzählte mir, sie hätte sich beim Nachweis eintragen lassen. Der Erfolg war überraschend. Sie hat durch diesen NaMveis Völker der ganzen Erde ins Haus gesandt erhalten. Einen. anmaßenden Franzosen, einen rechnenden Russen, einen Engländer, der sich durch eine Keine schnippische Berlinerin führen und bevormunden ließ, weil er fein Wort deutsch konnte, einen Griechen mit zwei Angorakatzen, von denen er sich nicht trennen wollte, einen Italiener und einen

DerNrichgpräfldent.

Streit um die N ahl.

Die Absicht der Reichsregierung, dem Reichs­tage die Neuwahl des Reichspräsiden­ten am Sonntag, den L. Dezember in Vorschlag zu bringen, hat einen bewegten Auftakt zu der jetzt wieder beginnenden parlamentarischen Ses­sion gegeben. In den Parteien selber wir- Veld es bunt umher. Dfe Auffassungen sind so- >vohl hinsichtlich Her Frage, ob im gegenwüni- gen Augenblick eine derartige, die politischen jmuiungcn scharf kennzeichnende bedeutsame Handlung vergeuommen werden soll, sehr ge­teilt. Namentlich aber ist die Stellungnahme zur Kanditatenfrage von einer entschei­denden Bedeutung. Man erinnert sich, daß schon beim Kapp-Putsch die Forderung nach soforti­ger Neuwahl des Reichspräsidenten im Vorder­grund stand. Im Laufe der Zeit ist dann im­mer wieder diese Frage aufgeworfen worden, und es hat Monate gegeben, in welchen die bei­den Rechtsparteien zusammen für eine rasche Neuwahl des Reichspräsidenten eingetreten sind; hier hat sich mtn eine bemerkenswerte Kluft aufgetan. Während die Deut sch nationa- l e n sehr wohl damit einverstanden sind und es auch fordern, daß die Wcchl des Reichspräsiden- den so rasch wie möglich vollzogen wird, hat sich bei der Deutschen Volkspartei eine an­dere Auffassung durchgesetzt. Es liegt nunmehr ein offizieller Beschluß des Parteivovstandes der Deutschen Volkspartei vor, nach dem die Reichs­tagsfraktion aufgesordcrt werden soll, mit allem Nachdruck im Reichstage auf eine Verschieb­ung des LLahltermins bis 1924 einzutreten.

Die Absicht geht dahin, die Wahl des Reichs­präsidenten glkichzeittg mit der im Sommer 1924 vorzunchrnenden Neuwahl des Reichstages zu tätigen. Dieser Beschluß des voWparteilichcu Parteivorstandes ist auch dem ReichÄanzler offi- ziell unterbreitet worden. Die Beauftragten der Deutschen Volkspartei, Dr. Stresemann und Mi­nister a. D. Raumer, haben dabei weiter erklärt, daß es Mr die Volkssattei ausgeschlossen sei, etwa eine Kanditatur Ebert zu unterstützen, wohl aber würden sie die Verlängerung seiner Amtsdauer billigen. Damit ist auch die Kandi- datcnfrage aufgeworfen. Das geschah freilich schon vorher, in dem der Elberfelder Demokra­tische Parteitag seiner Meinung dahin Ausdruck gab, daß die Demokratische Partei für die Wiederwahl Eberts sich einsetzen solle.

Angefichts der Auseinandersetzungen, die sich über die Frage des W a h l t e r m i n s, wie über die Kandidatenfrage entspannen haben, hat auch in anderen parteipolitischen Kreisen, na­mentlich im Zentrum, die Meinung breitere Basis gefunben, daß eine Verschiebung bei Wahl vielleicht doch zu diskutieren wäre. Was gerade das Zentrum, auf dessen Stellung in biefct Frage viel ankommt, betrifft, so können ja schon aus technischen Grünben keine offiziellen Be­schlüsse vorliegen, da die Pattei erst in diesen Tagen den Reicksausschuß zusammenberufen hat, der zweifellos auch diese Frage erörtern wird und nachdem die letzten Entscheidungen doch von der erst im Laufe dieser Woche sich ver- 1 sammelten Gesamtfrccktion abhängen. Außerdem ist es seLbstverständlich, daß die Reichstagsfiak­tion der Zentrumspattei auch mit den Fraktio­nen der Länder Fühlung hält, und daß gerade eine so wichtige Frage, wie sie die Wahl des : Reichspräsidenten darstellt, auch mit der B a y e. rischen Volkspartei die engste Fühlung gehalten werden muß. Zudem kann dem Zen­trum die Stellungnahme der Deuffchen Volks- Partei nicht gleichgültig sein, da gerade das Zentrum mit Nachdruck in der letzten Zeit sick darum bemüht hat, die.Deutsche Volkspattei in eine größere bürgerliche Arbeitsge- ! meinschaft und damit überhaupt in die große Regiernngskoalitton einzubeziehen.

Die Auswerfung der Wahlfrage hat, wie man j offen aussprechen muß, die Situation nach die­ser Richtung hin nichi erleichtett. Die bürgerli­chen Parteien betrachten es als eine Erschwe- - rung der in diesen Tagen mit allem Nachdruck ' au (zunehmenden Verhandlungen um die Schaf­fung einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft, die dem gewalttgen Machtzuwachs. den die Sozia­listen durch ihre Vereinigung erzielt haben, ge­genübergestellt werden soll. Wenn diese Ver­handlungen nun auch mit dem Austrag der Ge- 1 gensätze über die Opportunität einer Präsident- schaftswähl in den nächsten Wochen und mit der noch viel Heineren Frage des Kandidaten sür 1 diese Wahl belastet würde, wäre die Einigung?- 1 arbeit der Mitte noch schwieriger. Es kann leicht ! dahin kommen wenigstens wie die Dinge sich . heute ansehen daß b i e Entwicklung, bis man . im Parlament selbst vermeiden will, nämlich daß 1 ein Rechtsblock einem Linksblock gegenübersrch:, 1 in der Stellungnahme der Pattrien zur 9ieid;z- ] Präsidentenwahl zur Tatsache würbe. Eine bei- , artige Zuspitzung der Ringe müßte von sehr un­heilvollen Folgen begleitet fein. Tas letzte SBon in biefer Frage ist ja noch immer nicht gesprochen. !

Tote und Verletzte.

Berlin, 16. Oktober. (Privattelegramm.) Die Zahl der Toten hat sich' auf drei erhöht, die der Verletzten steht noch nicht fetz. Mehr als se ch z i g Me'nschen sind zum Teil außer­ordentlich schwer und mehr als hundert leicht verletzt worden. Eine Meldung von frute srüh besagt, daß die Zahl der Verletz­ten zweihnndertunddreitzig beträgt, von denen eiminbfünfgig sehr schwer verletzt find.

Deutsche gegen Deutsche.

Ein verbrecherischer planmäßiger AeberfaA.

(Eigener Trahtbericht.)

Berlin, 16. Oktober.

Am gestrigen Sonntag morgen sollte im Ber­liner Zirkus Busch eine große vaterlän - discheKundgebungdcsBundes für Frei­heit und Ordnung" tzattfinden. Da man eine Störung dieser Veranstaltung befürchtete, hat­ten etwa zweihundert Mitglieder des Bundes einen Selbstschutz gebildet uni» sich vor dem Zirkus postiert. Bereits gegen neun Uhr morgens erschien die kommunistische Spreug- folonne, etwa zweitausend Mann, die sofort begannen, die Mitglieder des Bundes zu be­schimpfen und tätlich anzngreifen. Als die Kom­munisten verfuchten, in den Jnnenraum des Zir­kus einzudringen, kam cs zuu einem Gefecht, dos etwa eine Stunde anhielt und bei dem ein Arbeiter getötet, ein Polizeibeamter tödlich, sowie ein Polizeibeamter und sechs Zivilperso­nen schwer und über zwanzig Personen mehr oder minder schwer verletzt wurden.

Dürftiges Leben.

Von Großen und Kleinen.

Die grStzte» Gegensätze im AUtagrlevei. mgthen firh in Berlin breit- wo auf der einen Seite itcbctfluß, auf der an bereit Seile Armut besteht wie es früher nicht der Fall war. Man schreibt uns darüber: Jeder hat seine Sorgen: der Große und Kleine. Die Kleinen, b. h. ine Allerkleinsten, müssen auf Milch unb Butter verzich­ten, die die Preise unerschwinglich sind. Und die Folge davon wird sein, was während des Ktteges befürchtet wurde und sich auch einstellte: ein kümmerlicher Nachwuchs, Ra- chittker im höchsten Maße, Kinder mit 'dicken Köpfen, krummen Beinen, schwachen Gliedern. Von den Kriegs-Rachitikern haben dieser Tage eine Anzahl den ersten wichttgen Schritt des Lebens getan: Sie haben ihren Schulbesuch be­gonnen. Wer das richtige Alter erreicht hat, wird als gesund, oder wenigstens als krästtg genug angesprochen, die Schule zu besuchen. Nur" die, die etwas früher in die Schule wollten, werden gewöhnlich, sofern es nickst Riesen sind, auf ihren Gesundheitszustand auftnerksam ge­macht und ein halbes Jahr ... zurückgestellt. Was .aber sieht man für schwache Gestalten unter den neu?» A-B-C-Schützen. In den Klein­städten und auf dem Lande mag der Krieg auch tiefe Wunden und Furchen hinterlassen haben, aber doch nicht bei den Kleinsten sich so nack- drücklich cingeprägt. Dort gab cs immer noch niehr Essen, und gesunde Lust. Die Groß- ftabtmiittet aber, die während des Ktteges Kin­der trugen, mußten entbehren und die Neuge­borenen bereits waren auf halbe Ration ge­setzt. Hinzu kam. daß die Großstadtluft

Einfluß auf ihre körperliche Entwickelung nahm. Es werden Jahre vergehen müssen, ehe wir diesen Schrecken des Ktteges überwunden haben und dir Fttst verlängert sich nun, weil die jetzige Zeit der Teuerung mit der Selbstbe- schräakunz just ebenso auf den Nachwuchs wir­ken muß, wie die vergangenen Jahre. Wir Großen, die wir unsere Kinder entbehren lassen müssen, ballen die Fäuste und sind doch macht­los den Dingen und der Entwickelung gegen­über. Die Wochenmärkte in Berlin sind ge­wöhnlich leer. Die Wenigsten sind in der Sage, das Notwendigste zu kaufen, und die Händler selbst behaupten, sie hätten nicht mehr die not­wendigen Kapitalien, sich größeren Vorrat zu schaffen. Die Teuerung greift weiter um sich. Am schwersten leiden die Mittelschichten. Wie die Armen, die vei-schämten Armen, in der Großstadt leben, ist kaum zu beschreiben. Sie

Sn Reichstag und Landtag.

Berlin, 16. OKober. (Pttvattelegramm.) Der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei, Hergt, beabsichtigt. im Reichstag eine Interpel­lation einzubringen, die auf Absetzung des Polizeipräsidenten Richter abzielt. Außerdem werden die deutschnationale und die deutsche Volkspartei ans Anlaß des gestrigen Ueberfalles den Ausbau des Schutzgesetzes dahin verlangen, daß der Paragraph 12, der die Sprengung von Bettammlungen unter Zucht­hausstrafe stellen wollte, der aber auf Verlangen der Sozialdemokratie seinerzeit wieder gestri­chen worden war, wieder hergetzellt werde. Außerdem ist eine Aktton der deutsche» Volks­partei i» Form einer Interpellation im preußi­schen Landtag i» Vorbereitung.

Die Neichspräfldentenwahl.

Erörterung im Zentrum.

(Pttvat-Telegramm.)

Berlin, 16. OKober.

Im Parlamentsausschuß der Zcntrumsparfei wurde zunächst über Organisations- und Preffe- fragen verhandelt, wobei auch Ministerpräfident a. D. Stegerwald das Wort ergriff. Weiter be­sprach man den Programmaufruf der Parteien, der seinerzeit bei der Bildung der bürgerlichen Arbettsgemeinschaft erlassen wurde. DaS Haupt­interesse beanspruchte jedoch die mehr als eine halbe Stunde dauernde Rede des Reichs­kanzlers Dr. Wirth, der einen Ueberblick über die Politik der letzten Wochen gab und der sodann aus die Bedeutung der bevorstehenden Reichs Präsidentenwahl hinwies. Er