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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

12. Jahrgang

Dienstag, 31. Oktober 1922

Nummer 255

Fernsprecher 951 und 952

Fernsprecher 951 und 952

Bemühungen um den Markkurs

I

Die neue Herrschaft,

SesShrNche Lage.

BesMuMSverhanNnngm.

Die Gewerkschaften beim Fiuanzminiftsr.

gaferttonSpretfe: a) Stnhetmtsche Auftrage: Di- einspaltige Anzetgenzeile M. 10., die einspaltige Reklamezeile M, 30,. b) Auswärtige Aufträge: Dis einspaltige Anzeigenzeile M. 10., dis einspaltige Reklamezeile M. 30., alles einschließlich TeuerungSzufchlag und

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der Markkurs stabilisiert werden könne. Die Möglichkeit einer Verständigung zwischen den Sozialdemokraten und dem Reichsfinanzminister scheint damit nicht ausgefchloffen zu sein.

Stellungnahme der Sozialdemokraten.

Berlin, 30. Oktober. (Privattelegramm.) Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat den Parteivorstand auf gestern vormittag einbe­rufen, um zu der Lage Stellung zu nehmen, die sich aus den bis jetzt gepflogenen Verhand­lungen mit den Parteien der bürgerlichen Ar­beitsgemeinschaft ergeben haben.

Um DeutschlandsZMungen

llebereinstimmung bei der Entente.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 30 Oktober.

Eine gestrige Reuterdepesche über die Haltung Englands in den Berliner Reparationsverhaid- lnngen betont, daß keine tiefen Meinungsgegen- sätze zwischen Frankreich und England bestehen und daß die Ansichten nur über die anzuwendrn- bcn Methoden und die Schätzung der deutschen

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 30. Ottober.

Die Führer des Deutschen Beamtenbundes, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes, des Gewerkschaftsbundes und der Asa sprachen im Reichsfinanzministerium wegen der durch die fortschreitende Teuerung bedingten Erschwerung der Lebenshaltung vor. Der Reichsfinanzmini­ster Dr. Hermes empfing die Deputation persön­lich und teilte ihr mit, daß er die Notlage der Beamtenschaft usw. durchaus nicht verkenne und bereits Anordnung getroffen habe, daß Mitte dieser Woche neue Verhandlungen mit den Gewerkschaften über eine Erhöhung der Bezüge der Beamten usw. ausgenommen werden sollen

Die Reparations-Kommission.

Paris, 30. Ottober. (Eigene Drahtmeldung.) Die Reparationskommission mit ihren Begleitern umfaßt vierunddrcitzig Personen. Sie nehmen in den Hotels Adlon und Mpianade Wohnung. Die offiziellen Verhandlungen begin­nen am Dienstag vormittag. Die Dauer des Berliner Aufenthaltes wird auf fünfzehn Tage geschätzt. Eine Entscheidung über den englischen und französischen Plan ist, wie derTemps" er­fährt. erst nach der Rückkehr der Kommiffion aus Berlin zu erwarten. Die Mitglieder der R e p a- cationskommission treffen heute nach­mittag in Berlin ein. Vermutlich werden sie noch heute abend zu unverbindlichen Besprechungen mit der Reichsregierung zusammentreten. Der englische Volkswirtschaftlicher Keynes wird am 1. November in Berlin erwartet.

haben sich stets Hemmungen gezeigt, die die Verwirklichung dieses Gedankens unmöglich machten. Nunmehr scheint aber der D r u ck v o n au ß c n größer zu sein, stärker und nachhaltiger, sodaß die breite Regierungssront sich wahrschein­lich nicht mehr umgehen läßt und selbst die So- zialdemottaten nachizugeben bereit sein werden, den Standpunkt anderer Parteien anzuerkennen und sich nach der Mittellinie zu zu bewegen. Eines aber laßt sich jetzt schon sagen: Wäre diese innerpolittsche Verständigung bereits vor einem Fahre zustande gekommen, so würde sicherlich mancher Fehler vermieden und manches Unglück für Deutschland verhütet worden sein. Jetzt wird die große Koalition nur beschränkte Auf­gaben haben, vor allem die, für den inneren Frieden zu sorgen und das Parteigezänr zu beschwichtigen. Von langer Dauer wird sie wenn sie nicht noch in letzter Stunde wieder zer­fällt indessen nicht fein, denn Koalitionen haben nie ein langes Leben gehabt. Hg.

Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit bsfonderS schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen Anzeigen, sowie für Aufnahme­daten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden, Druckerei: Schlacht- Hofstraße 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Telephon Nummer 951 und 952.

Paris, 30. Ottober. (Eigener Drahtbericht.) In Mailand haben die Faszisten einige Kaser­nen besetzt. Außerdem haben sie sich in den Redattionsräumen desGiornale d'Jtalia" ver­schanzt. Das Kommando der Faszisten in Mai­land teilt mit, daß dieBlä11erCorriere della Sera" undJustitia" wegen der von ihnen ein­genommenen Haltung verboten worden find. In Mailand find durch öffentlichen Anschlag alle Kommunisten aufgefordert worden, inner­halb zwei Tagen Italien zu verlassen, an­dernfalls fie außerhalb der Gesetze stünden. Musolini hat ein Manifest erlösten, in dem er darauf hinweist, daß in ganz Ober-Italien und in Mittel-Italien mit den Provinzen Umbrien und Toskana die Faszisten die Herrschaft ausüben. Die Faszistenbewegung habe weder zum Stehen gebracht, noch beseitigt werden können.

Negierung und Parteien

Lm die Koatitionsüildung.

(Privat-Telegramm.)

Zahlungsfähigkeit auseinandergeh:».

Die Vorstellung, vatz die Kommission m Betlin

Die Wirrnis in Ziaiien.

Ein Kabinett der Faszisten.

(Eigener Drahtbericht.)

Basel, 30. Ottober.

Hier vorliegende Meldungen bestätigen, daß die Faszisten Rom besetzt haben. Zu Zu­sammenstößen mit dem Mllitär ist es dabei nir­gends gekommen. Die Truppen sind freiwillig in ihre Kasernen zurückgegangen. Musolinis Besuch beim König am Sonntag früh dauerte fast drei Stunden. SDtufoIini wird am Montag mittag dem König die Minifterljste überreichen. In Rom herrscht Ruhe. Da der Landesrat die Bildung eines Kabinetts abgelehnt hat, be­rief der König den Faszistenfiihrer Musolini zu sich und beauftragte diesen mit der B i l d u n g des Kabinetts. Auch die Städte Mailand, Pisa, Verona und Florenz find von den Fas­zisten besetzt worden. Die kgl. Behörden ver­sehen weiter ihre Aemter, werden jedoch von je zwei Kommiffaren der Faszisten überwacht.

Die Berufssoldaten.

Ursachen der Austritt» aus dem neuen Heere ®er SleiähSvervand deutscher Berufssoldaten, LandeSgruppe Thüringen, hielt am gestrigen Sonntag in Weimar einen ersten großen MM- «Sranwärtertag ab» der insofern Bedeutung über den thüringischen Rahme» hinaus erlangte, als heute Vertreter der benachbarten Lander, so au» Raffel, daran «eilnahmen. Ein eigener Bericht greift aus denBeryandlungenFolgendeS.

Im neuen deutschen Heere, so legte der Vor­sitzende des Reichsverbandes deutscher Berufs­soldaten. Grünewald-Berlin, in einem be­merkenswerten Vortrag auf der oben erwähnte» Weimarar Tagllng dar, gehen Dinge vor sich, mit denen sich die Oessentlichkeit unbedingt be­schäftigen muß. Der Friedensvertraa von Ver­sailles hat uns eine Heeresstärke von 100000 Man» zugestanden. In Wirklichkeit aber zählt es nur etwas über 70 000 Mann. Der Etat (st nicht vollzählig. Die Ursachen dieser Erscheinung sind auf die Zivil Versorgungsfrage zurückzuführen und, so betonte der Redner dabei, nicht allein um eine Frage des Militäranwärter­standes, sondern eine, die unser gesamtes Volk, angeht, weil jeder, der klaren Blickes die Dinge betrachtet. dafür einzutreten hat, daß das Heer, wenn es schon ein kleines fein muß, zwcckcntspr^ chend ausgebaut wird und über einen Stamm dienstfreudiger Soldaten verfügt, der vollzählig, erhalten bleibt. Die Angehörigen des Reichshee-, rcs und der Marine werde» durch Vertrag für. zwölf Jahre verpflichtet. Nach Ablauf dieser Zeit sollen sie den freien Berufen und der Industrie zugeführt werden. Eine Rundfrage des Reichs- webrministeriums hat nun h/i« Ergebnis ge­habt, daß sich 90 Prozent für den Beamtenberuft entschieden haben. Für kostspielige Schulen und, Lehrbetriebe zeigte sich keinerlei Interesse. Will das Reich Über eine gute Wehrmacht verfügen, so ist eine erweiterte Unterbringung im Beamten-' beruf unbedingt erforderlich. Grünewald ver­trat die Ansicht, daß jeder, der in das Heer ein­tritt, bereits ein Staatsdiener ist und cs auch nach Ablauf seiner zwölf Jahre bleiben mutz. Der Soldat des neuen Heeres gibt dem Staat die besten Jahre seines Lebens. Er gilt als Be­amter und fühlt fick auch als solcher. Wird er dann als gereifter Mann i» andere Berufe über­führt. so besteht die Gefahr, daß er darin von' den übrigen Arbeitnehmern als Eindringling' und Fremdkörper betrachtet wird. Von biefcn' Erwägungen gehen viele Angehörige des Heeres und der Marine aus, wenn sie jetzt, da es flilt, den Vertrag zu unterschreiben, einen Rücktritt vorziehen und so schnell als öglich verschwinden. An einem einzigen Tage sollen im Reichswehr- Ministerium in Berlin fünfhundert Entlassungs­gesuche unter den seltsamsten Begründungen vor­gelegen haben. Im alten Heere, das ein lebhaf­tes Interesse an der Erhaltung eines guten Unteroffizierkorps hatte, wurde für die Militär­anwärter besser gesorgt als dies heute in einem Staat, der durch den Willen des Volkes zum Ausdruck gebracht werde» soll. Die Frage der Zivilversorgung der Heeres- und Marineanzehö- rigen (auch der Schutzpolizei) ist deshalb in der Tat eine Frage, die das ganze Volk angeht, um*' somehr. als es dringender als je ein gutes Heer braucht. Wenn dieses schon klein genug ist, so muß seine zugestandene Stärke wenigstens vor­handen sein. Vorbedingung dafür ist, daß de: Soldat nach Ablauf feiner Verpflichtung weiter im Staatsdienst bleibt, daß Gebührnisregelung und Hinterbliebenenverforgung aufrecht erhalten bleiben. Heute sind übrigens noch zehntaufende

Unteroffiziere des alten Heeres, die auf Grund des Versailler Vertrages feit Ok­tober 1919 ausgeschieden sind, ohne feste Anstel­lung. Ihre Zukunft hängt vollkommen in der Lust und für ihre Hinterbliebenen ist in keiner Weise gesorgt. Diese Frage behandelte besonders eingehend Verbandssekretär Mosbach-Berlin, der dem Staat de» Vorwurf machte, infofern fei'' ne Pflicht nicht erfüllt zu haben, als er den olt- gedienten Soldaten bis heute die von ihnen erwartete Anstellung vorenthält. Eigentümlich berührt, daß die Ab sindung für einen, Zivilverforgungsschein bei Verzicht auf Anstellung beute noch ganze 6000 Mark, die Tienstprämie feit Jahr und Tag 2100 Mark (im Frieden 1500 Marks beträgt. Es zeugt wenig von sozialem Verständnis, daß hierbei der Geld-' entwertung feine Rechnung getragen wird. Noch immer besteht die 1920 ausgesprochene Einbe­ruf u it g s f p e r r e. Als Grund dafür gibt der Saat an, daß infolge der dauernden Umge­staltung des Befoldungsaefetzes noch keine Zeit gewesen fei, an die Aushebung dieser, Sperre, heranzugehen. Die meisten Militäranwärter fie-, he» heute im vierzigsten Lebensjahre, haben Fa- milie und müssen als Hilfsarbeiter ein kärgliches Brot essen. Sehr viele sind, weil die Regierung für diese altgedienten Stützen des Staates nickst die nötige Sorge aufbringt, in freie Berufe übergetreten. Tie Zahl der noch unterzubringen' den Militäranwärter beträgt fchähungsweise 22000. Ein gelvisser Lichtblick sind lediglich die

Berlin, 30. Oktober.

Zu der Frage, ob fich die Dentsche Volks Partei an der Reichsregierung beteili­gen wird, verlautet, daß in der S o z i a l d e m o- kratie noch Widerstand gegen ein Zusammen­arbeiten mit der Bolkspartei geäußert wird. Die Besprechungen dürften noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Inzwischen ist auch der Reichsfinanzminister Dr. Hermes nach Berlin zurückgekehrt und nimmt jetzt an den Bespre­chungen teil. Er hat auch bereits mit einigen führenden Sozialdemokraten Fühlung genommen und es scheint, daß er der Frage der G o l d - schatzscheine nicht so absolut ablehnend ge- genübersteht. wie Staatssekretär Schröder. Dr. Hermes sucht offenbar einen vermittelnden Standpunkt einzunehstten und scheint zu hoffen, daß aus dem Wege einer internationalen Anleihe

Deutsche Dvrschiüge.

Berlin, 30. Ottober. (Privattelegramm.) Der am Donnerstag auf Grund der Verhandlungen des Reichskanzlers mit den Parteifüh­rern eingesetzte zweite Ausschuß, der über die Fundierung der Mark verhandeln soll, trat am Sonnabend zusammen. Die Beratungen wurden vertraulich geführt. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, findet heute in letzter Stunde vor dem Eintreffen der Reparationskom- mission eine gemeinsame Sitzung der ausländi­schen und der deutschen Sachverständigen mit Regierungsvertretern statt, um für nie Reparationskommission eine Darstellung der Loge Deutschlands auszuarbeiten und ihr posi­tive Vorschläge unterbreiten zu können.

B a s e l, 30. Ottober. (Eigene Drahtmeldung.) Es wird telegraphiett, daß die Faszisten ganz Norditalien besetzt und die Regie­rungsgewalt in ihre Hand genommen ha­ben. In Rom soll es zu einem Zusammenstoß zwischen Faszisten und Militär' gekommen fein. Der Straßenbahnverkehr wurde eingestellt.

Sie große Koalition.

Das Streben der Parteien.

Die große Koalition ist das Sorgenkind, der Wunsch, der Gedanke in den politischen Par­teien. Alle Versuche, sie zustande zu bringen, scheiterten an der Parteipolitik, an den Wünschen hüben und diüben. Der Gedanke eine große Koalition zu schaffen, ist geboren worden ans der Erkenntnis, daß allein innerpolittsche Ruhe Deutschland nutzen könne. Diese Ein­sicht ist durchaus bemerkenswert und ersreulich. Sie entspricht außerdem dem Empfinden der breiten Masse, die abhold ist den ewigen inner- politischen Krisen. Aber das Parteidogma tvar bisher später als die Erkenntnis, und einmal mit Absicht, das andere mal mit guten Gründen wurden alle Bestrebungen, die breite Koalition zusammenzubringen, durchkreuzt. Run ist der Gedanke, lebendig gehalten während der langen Sommerferien des Reichstages, wieder ffisch diskutiert worden, und in parlamentarischen Kreisen behauptet man, jetzt sei die Zeit gekom­men, da alle Parteimacht zurücktreten werde vor bei Notwendigkeit einer innerpolitischen Ver­ständigung. Und doch sind, wenn man genau hinschant, immer noch die alten Gegensätze zwi­schen Rechts und Links vorhanden. Die Deutsche Volkspartei Stresemann'scher Richtung neigt sehr dazu, sich mit den Sozial- demottaten an einen Tisch zu setzen und ihr bür­gerliches Empfinden zurückzustellen, soweit es angängig ist.

Bei den Sozialdemokraten ist der Machtzuwachs so stark geworden, daß sie meinen, eine breite Koalition könnte nur hnMrnd fein und wäre Wr"dänn zu schassen, wenn sie von sozialdemokratischen Prinzipien beherrscht wäre, lieber die Ansicht der Mittelparteien geht die Sozialdemokratie' dabei weg. Sie stößt sich lediglich daran, daß in der Volkspärtei Kräfte vorhanden sind, die Ziele verfolgen, welche nicht in Uebereinstimmung gebracht werden können mit denen, die im Programm der Sozialdemo­kraten stehen und die aus der fozialdemokrati- schen Regierungstätigkeit herausgewachsen sind. Immerhin: auch die Sozialdemokraten fühlen, sie können heute nicht mehr allein die deutsche Politik machen, weil die Verantwortung zu groß ist, sie wissen sehr wohl, daß ihr Kredit im Aus­lande nicht zugenommen hat und Deutschland nur gewinnen kann, wenn die Volkspartei mit­regiert, d. h. die Partei, die die Industrie ver­tritt, von der allein das Ausland eine Gesundung Deutschlands erwartet. Deshalb prüfen die So­zialdemokraten die Frage, wie die Bedingungen gehalten fein müssen, die der Volkspartei den Eingang in die Koalition ermöglichen. In par­lamentarischen Kreisen spricht man davon, jetzt werbe entschieden die große Koalition angestrebt, die Wege seien gesunden, die Verständigung werde nach kurzer Zeit bereits herbeigesiihtt sein. Nun tauchr aber wie ein rotes Tuch für die Sozialdemokraten in letzter Stunde, bevor sich Bolkspartei und Sozialdemokraten die Hand reichen, die alte Forderung der Volkspattei aus, die auswärtige Politik müsse auf eine andere Basis gestellt werben. Diese Basis liegt eigentlich auf der Hans, auch die Sozialdemokra­ten sehen ein, daß es wie heute nicht sottgehen Tann. Deutschland muß seine Außenpolitik so einstellen, wie es notgedrungen sich aus den Ver­hältnissen ergibt, einstellen aus die Ableh­nung der hohen Reparationsverpflichtungen, auf die Ablehnung aller Zahlungen, die Deutsch­land zugrunde richten.

Die große Koalition wird kommen, sie muß kommen, weil es wie bisher nicht weitergehen kann und die innere Ruhe wichtiger erscheint als das Parteigezänk mit seinen störenden Eingrif- Jen in die innere Entwicklung. Zu dieser An­sicht muß man gelangen, wenn man in parla­mentarischen Kreisen hört, daß bereits über die Aemter der Regierung innerhalb der Parteien verhandelt wird. Dr. Wirth soll weiter Kanzler bleiben, Hermes Finanzminister, die Volkspartei soll den Außenminister stellen. Also ohne wesentliche Aenderungen will man ,nur eine Versöhnung innerhalb der Parteien herbeiführen und durch das Außenministerium eine neue Linie in die Politik bringen. Wenn daneben die VoWpartei versucht, die Deutschna­tionalen in die bürgerliche Arbeitsgemeinschaft hineinzuziehen, so werden sich hier !vahrscheinlich die sozialdemokratischen Gegenströ­mungen sofott bemerkbar machen, denn die .Sozialdemokraten behaupten, die bürgerliche Ar­beitsgemeinschaft hätte o.nszuhören, wenn die große Koalition in die Erscheinung trete. Alle wichtigen Fragen wären von der großen Koali­tion zu lösen, nicht durch Gegensätze zwischen den beiden Arbeitsgemeinschaften. So ist anzu­nehmen, daß die Volkspattei von ihrem Wunsche ablassen wird, die Teuffchnationalen zur Mit­arbeit heranzuziehen, denn die große Koalition ist ihr lieber als eine Erstarkung der bürger­lichen Front.

Wie ost und wie viel ist schon über das Wer­den der großen Koalition geschrieben. Und doch

einen Zwang auf die deutsche Regierung aus- üben werde, ist falsch. Im Allgemeinen ist man der Ansicht, daß die deutsche Industrie eine Zeit- lang sehr bedeutende Gewinne gehabt hat, daß man jetzt aber in Deutschland beunruhigt fei und fich von der Inflation abwende. Reichskanzler Dr. Witth habe unter allen Umständen sein Be stcs zur Erfüllung getan.

Gemeinschaft öer Mitte.

Die wirtschaftliche» Frage«.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 29. Ottober.

Am Sonnabend fand wieder eine Beratung der bürgerlichen Arbeitsgemeinfchast statt, an die fich eine Sitzung der Regierungsparteien zusam- men mit der Deutschen Bolkspartei anschloß. Wie bei den Abmachungen beim Kanzler am Donnerstag vorgesehen, wurden in dieser Sit­zung die aktuellen wirtschaftlichen Fra­gen außerhalb der Devisenordnung besprochen. Zwischen den bürgerlichen Parteien geht der Meinungsaustausch weiter. Eine erneute Be­sprechung beim Kanzler soll Montag nachmittag stattfinden, wenn es bis dahin gelungen sein sollte, ein gemeinsames Programm aufzustellen.