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Hessische Abendzeitung

Nummer 125

Einzelnummer 200 Mk.

Sonnabend, 2. Juni 1923

13. Jahrgang

Einzelnummer 200 Mk.

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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Die Skellmgvahme zur Repamtiousstage.

Krjfenluft.

Innen» «nd außenpolitische Schwankungen.

Es Hätte gar keinen Zweck zu leugnen, daß wir mitten in einer der schwersten Krisen ftchci., die die deutsche Reichspolitik je duvchgemacht hat. Das ganze Gesüge der Reichsregierung er­bebt unter den Erschütterungen innen- und außenpolitischer, wie vor alldem über auch wirr- schastlicher Natur. Eine Krise also ist da! Es fragt sich nur, ob sie zur Gesundung oder zum Verderb führt. Daß die Basis der gegenwär­tigen Reichsregierung seit der englischen Ani­wort-Note auf das deutsche Angebot ver­engert und erschüttert zugleich ist, unter­liegt keinem Zweifel. Eine Parlamentarische Regierung, die ja die Regierung 'Cuno bekanni- lich nicht ist, hätte diesen Schlag nicht aushalten können. Aber auch die Regierung Cuno würde schon längst ihren Platz geräumt haben, wenn man wüßte, was an ihre Stelle treten solttc. Keine Partei drängt sich zur Rachsolgeschafi! Auch heute noch ist die Stimmung, man kann wohl sagen, aller Parteien in der Formel zu- sammenzufassen, daß das Kabinett Cuno die von ihm eingeleitete Ruhrgktion auch zu Ende führen müsse. Das Organ der deutschen VolksparteiDie Zeit" hat diese For­derung gegenüber den jetzt wieder in so zahlreich umlaufenden Krisen-Gerüchten ausdrücklich hcr- vorgehoben.

Es ist auch zur Stunde keine Partei-Konstel­lation zu sehen, die die Regierung Cuno zu cv- sctzcn imstande oder Willens wäre. Entschcr- dcnd ist aber vor allem der Umstand, daß wir jetzt vor einer derart schweren Situation stehen und daß zu ihrer Lösung ein so schneller Ent­schluß notwendig ist, daß es einer neuen Re­gierung nicht möglich wäre, die daraus erwach­senden Schwierigkeiten und Aufgaben zu mei­stern. Alles das unter der Voraussetzung, dax wir in einer Gesundungskrise stehen. Verfallzeichen sind freilich so Vielfältigei Natur vorhanden, daß wir uns noch nicht der Hoffnung hingeben können, wir hätten den Tief­stand überwunden. Die Unruhen im Lande, die Ausnutzung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch vie Kommunisten, die damit letzten Endes ihre Weilgesteckten politischen Ziele verfolgen, die zunehmende Bedrängung von außen her uno die ganz offenbare Bedrohung mit einem neuen Diktat sind Erscheinungen, die die fieberkranke deutsche Politik sehr leicht gänzlich zu Grunde richten können.

Was jetzt nottut, ist, nach so vielen Worten und Phrasen, eine wirtliche Tat! Eine Tat, die wir aber nicht nur im Vertrauen auf Vie Führung von dieser Führung erwarten sol­len, sondern eine Tat, die jeoc politische und wirtschaftliche Gruppe an der Stelle, an der pe steht, zu vollbringen hat. Es geht heute nur noch mit ganz großen Entschlüssen. Wo sich jetzt noch einmütige Regungen geltend machen, wo jetzt noch Selbstsucht uns Ausnutzung der nattv- naleu Not triumphieren, da darf es keine Wa- sicht, mehr geben. Für die Erringung unserer wirtschaftlichen und politischen Freiheit müssen wir alles tun, was in unseren Kräften steht. Gerade dieses Wort, das in immer toeiteren Kreisen Aufnahme findet, muß jetzt auch wirklich in die wirkliche Tat umgösetzi werden. Das Feilschen um diese ober jene Position in wirt­schaftlichen oder politischen Verhandlungen muß aufhüren. Es geht um Gegenwart uno Zukunft des deutschen Landes und Volles!

Die Verhandlungen der Reichsregierung mit der Industrie haben sich inzwischen auch auf die Vertreter der Landwirtschaft und der Banken ausgedehnt. Gegenüber der Dent- fchrift des Reichsverbandes der deutschen In­dustrie und den darin niedergelcgtcn Anerbieten behält sich die Reichsregierung ihre volle Hand­lungsfreiheit vor. Sie geht dabei von der Er­wägung aus, daß dieser Reichsverband nm einen Teil der deutschen Industrie ausmacht und daß in dem Reichsverband eine Gruppe im Vor- .dergrunde steht, die in den eigenen Reihen nicht unangefochten ist, die also auch nicht beanspru­chen kann, die politische Vertretung für die ge­samte deutsche Industrie abzugeben. Was die Reichsregierung an gefetzlichen M aßnah- men zur Sicherung des neuen deutschen Ange­bots vorzuschlagen gedentt, wird unter selbst­verständlicher Berücksichtigung berechtigter Jn- teresien, aber im Hinblick auf die Bedürfnisse der Gesamtheit von Volk und Land erfol­gen. Die Verhandlungen mit Vertretern bei

Landwirtschaft, die nun in Gang gekommen sind, bezeichnen die Nutzbarmachung des immobilen Besitzes der Landwirtschaft, der heute fast über­all vollständig entschuldet ist. Die berufene Landwirtschaft hat bereits die Erklärung abge­geben, daß auch sie b e r e i t ist, bestimmte Siche­rungen durch ihren Besitz zu gewährleisten. Außerdem werden die Beratungen mit den Vertretern der Großbanken geführt, um so fest- zustellen, auf welche Weise das mobile Kapital zum Zwecke der Reparationsleistungen heranze- zogen werden kann. Die Reichsregierung drang: nun auf Abschluß der Verhandlungen in der richtigen Erkenntnis, daß eine rasche Ent­scheidung von größter Wichtigkeit ist.

Die Haltung der Alliierten. Besprechung der Reparationen in England (Eigener Trahtbericht.)

London, 1. Juni.

Lord d'Abernon, der britische Botschafter kommt heute abend aus Berlin nach London zu rück. In der City mißt man diesem Besuch um. so größere Bedeutuna bei, als vorher deutsche Finanzmänner in London waren und btt deutsche Botschafter Dr. Sthamer den Außen­minister Lord Curzon besucht hatte. Offiziell werden über diese Ereignisse keine Mitteilun­gen verbreitet. In Regiernngskreisen wird ver­sichert, daß der Besuch der deutschen Finanz- lcute, unter ihnen der Direktor der Darmstädter Bank u.nd ein höherer Beamter der Re: chbane, auch der Reparationssrage gegolten tzave und daß die deutschen Herren mit dem brm- schen Schatzamt in Verbindung getreten seien. Der Vorschlag der Deutschen, der auf die Ent­sendung eines englischen Vertreters nach Deutfckstand zur Prüfung der deutschen Ft- nanzverhältniffe lautete, sei von Einstand a s - gelehnt worden. Die Deutschen hätten dar- oufllin die Rückreise angetreten. Man nehme aber bestimmt an, daß sie mit neuen Instruttio- nrn in kurzer Zeit wieder nach England kommen.

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Sronkreich gegen die deutschen Beamten.

Paris, 1. Juni. (Eigene Drahtmekdung.) Das offiziöseJournal des Debats" nimmt zu den belgischen Reparationsplänen ausführ­lich Stellung. Der Vorschlag, die deutschen Eisenbahnen und die deutsche Post im In­teresse der Rentabilität zu ent staatlichen und Privatgesellschaften zu übertragen, finde die unbedingte Zustimmung Frankreichs. Bei der Ohnmacht der deutschen Regierung ge­genüber den gutbezahlten Beamten und Arbei­tern der Staatsbetriebe sei nur noch der Privat­betrieb möglich, damit ein überflüssiges Beam­tenheer von fast einer halben Million Köpfen verschwinde. Frankreichs Aufgabe sei es, diese Gesundung der deutschen Wirtschaft auch gegen den Willen Deutschlands durck>zuMhren, was mit Zustimmung der Alliierten möglich wäre.

Seine -reuen Dors-hlSge?

Paris, 1. Juni. (Eigene Drahtmekdung.) Der Londoner Berichterstatter desTemps" be- fthästig.t sich mit der Ueberreichung des neuen deutschen Angebots und glaubt melden zu kön­nen, uuß es nicht in der Form einer Note, son­dern in der einer Denkschrift gehalten sein werde, soviel scheine schon sicher zu fein, daß diese Denkschrift im eigentlichen Sinne leine neuen Bor schlage enthalten werde, dafür werde die deutsche Regierung genauere Garantien angeben und sich weiterhin auch ausführlicher über die Zahlungsweise aussprechen.

Lohn- und Gehaktsfragen.

Eine Erklärung der Arbeitgeberschaft.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, L Juni.

Gegenüber den Angriffen auf die Lohnpolitik des Unternehmertums nimmt die Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände in einer Erklärung Stellung, in der es heißt, daß die Ar- beitgeberschast verpflichtet fei, aus die gesamte Wirtschaftslage entsprechende Rücksicht zu nehmen. Uebertriebene Lohnforderungen könnten nicht bewilligt werden. Der Absatz nach dem Auslande stocke und die Weltmarttpreise seien längst überschritten. Die deutsche Arbeit- geberschast habe aber bereits gezeigt, daß sie im Rahmen der gesamten Teurrungs- und Wirt­schaftslage die bisherigen Auswirkun­gen der Teuerung im Einvernehmen mit der Arbeiterschaft überwunden habe und gewillt sei, sie auch weiterhin zu überwinden.

Lm das Doppelte oder Dreifache

Berlin, 1. Juni. (Privattelegramm.) Am kommenden Montag wird, wie bereits gemeldet,

im Reichssinanzministerium die Verhandlung über die die neue Teuerungsaktion der S t a a t s- Beamten und -Arbeiter beginnen. Ir­gendwelche Vorbesprechungen der Spitzen-Orga- nisationen haben noch nicht stattgefunden. In Beamtenkreisen meint man, daß die Beamtcn- gehälter, denen ein LtUndenlohn von 1250 Mark zugrunde gelegt war, entsprechend der Teuerung um das Doppelte oder Dreifache her- aufgesetzt werden müßten. Man glaubt damit keine überschraubten Forderungen auszustellen.

Am das deutsche Angebot. Erklärung des Reichsverbandes der Industrie (Eigener Drahtbericht.)

Berlin, 1. Juni.

Der Präsident des Reichsverbandes der deut­schen Industrie gab gestern nachmittag vor Ver­tretern der Presse eine Darstellung über die Be­weggründe, die das Präsidium zu seinem Schrei­ben an die Reichsregierung veranlaßt hatten. Die Reichseisenbahn, so wurde ausge- führt, muß wieder produktiv gestaltet wer­den. Dabei ist nicht daran gedacht, daß sie in privatwirtschastliche Hände übergehen solle, viel­mehr geht der Gedanke dahin, daß Regierung und Industrie gemeinsam die Verwaltung der Reichsbahn übernehmen müssen. Im Augenblick sei die deutsche Wirtschaft auch ohne Reparation nicht tragfähig. Nm sie wieder gesund zu ma­chen, seien zwei Voraussetzungen notwendig: 1. Die Erhöhung der Produktivität und die Beseitigung des außenpoliti­schen Druckes. Auch die deutsche Zollhoheit dürfe in keiner Weise eingeschränkt werden.

Der französische Zwang.

Berlin, 1. Juni. (Privattelegramm.) Bei der Beratung im Auswärtigen Ausschuß des Reichsrats am Mittwoch ist es zu k e i n e r e i n- mütigen Billigung der Bundesregie­rungen gegenüber der Reparationspolitik der Reichsregierung gekommen. Mehrere Bundes­regierungen halten überhaupt jedes weitere Entgegenkommen des Reiches auf die Eittentcnoten für unerwünscht und zweck­los. weil es doch nicht Frankreich von wei- tcrem Zwang abhalten würde. Beschlüsse des Auswärtigen Ausschusses wurden nicht gefaßt.

Kabineitsbcratung.

Berlin, 1. Juni. (Privattesegramm.) Ueber die bisherigen Beratungen des Kanzlers mit den Wirtschaftsverbänden und den Parlamen­tariern wird das R e i ch s k a b i n e t t in feiner Freitag früh stattfindenden Sitzung Beschluß fassen. Bon der Stellungnahme des Kabinetts wird es abbängen, ob die Beratungen mit den Jntereffentengruppen nochmals ausgenommen werden sollen oder ob zur Formulierung der Antwortnote geschritten werden kann.

Französische Hetzpolitik.

Millerands und Doineares Agitation.

(Eigener Drabtbettcht.)

Straßburg, 1. Juni.

B?' der gestrigen Einweihung des Pasteur- denkmals hielten Präsident Millerand und Mi­nisterpräsident $ointote große Reden, in denen le den Patriotismus Pasteurs während und nach dem Kriege von 1870=71 feierten. Mille. ronb sagte: Wir stehen hier wieder auf alt, französischem Boden und wir werden für ewige Zeiten hier stehen bleiben. Der Rhein roito immerdar der Grenzstrom Frankreichs bleiben. Bei einer nachmittags int Pasteur-In- fitut abgehaltenen Feierlichkeit sagte Poincarö, daß Pasteur, der durch een deutsch-französischen Krieg für immer von Straßburg abgeschnitten wurde, nach jenem Kriege geschrieben habe: Jede meiner Arbeiten soll bis ans Lebensende daS Motto tragen: Haß gegen Preußen! Rache, Rache!" Hier kam es zu stürmischen Kundgebungen für Poincars.

Die elsässischen «Sewerkschaflen für JJoIncare.

Basel, 1. Juni. (Privattelegramm.) Aus Straßburg wird gemeldet, die Gewerkschaften haben sich, wie sie vorher beschlossen hatten, an dem feierlichen Empfang Poincars in Straßburg beteiligt. Damit ist laut Sttaßb. N. Ztg. ein bedeutsamer Umschwung in der Haltung der el­sässischen Gewerkschaften für Poincars erfolgt.

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Französische Sozialisten für dir Zwangdpoiltlk.

Genf, 1. Juni. (Privattelegramm.)Echo de Paris" meldet, daß achtzehn Sozialiste,t ihren Austritt auS der Kammerfrak­tion angezeigt haben, weil sie mit der offiziellen Opposition der Kammersraftion gegen d-e Ruhr- und Santtionspolitik der Regierung nicht mehr übereinstimmen. Tie Fraktion hat eine Vermittlungsaktion eingeleitet, um den Zerfall der sozialistischen Kammerftattion zu verhindern.

Wohnungselenö.

60000/0 Wohrrnngsbauabgabe in Kassel.

Die «agekerSladtvcrordveten beschlossen gestern abend, zn dem Satz von 1500% der WohanugS» bauadgave für den Staat einen Zuschlag von 4500% sür die «ladt Kassel, insgesamt also 6000% ,u erheben nnd zwar für die Zeit »on dem 1. Januar bis zu dem 1. Juli 1923.

Das bleiche Gespenst des Wohnungselends hockte gestern abend im Stadtverordnetensaale im Kasseler Rathaus. Ein düsterer Ernst lag über der Beratung. Am Montag war die Ver­lage bekanntlich abgesetzt worden. In der Zeit bis gestern entstand eine neue Vorlage, die den städtischen Zuschlag zur staatlichen Wohnungs­bauabgabe von 1500 auf 4500 Prozent erhöhte. Zwei Stunden lang wurde in vertraulicher Sit­zung darüber verhandelt. Statt um sieben Uhr begann erst um acht Uhr die öffentliche Sitzung. Magistratsrat Dr. Theiß, der für die sozial­demokratische Fraktion die neue Vorlage emp­fahl, entrollte aus eigener Erfahrung seine Wirkungsstätte ist ja das Wohnungsamt ein Bild der Trostlosigkeit der Lage. Er berichtete, daß die Zahl der Wohnungsuchenden in Kassel auf neuntausend gestiegen ist und daß diese Zahl sich durch den Zuzug Vertriebener aus dem Ruhrgebiet von Tag zu Tag bedeutend erhöht. Wohl handelt es sich um eine neue und schwere Belastung der Einwohnerschaft, aber aber .

die Wohnungsnot in Kassel schreit zum Himmel! Die Einzelfälle sind erschütternd, niederdrückend die Verzweiflung Kranker und Hilfloser, uttb dann hängt die Höhe der Hilfe des Stames uno des Reiches davon ab, in welchem Maße wir selbst die Hände rühren! Wer Wohnungen baut, bekämpft überdies nicht Mein die Wohmlngsnot, er verschafft auch Tausenden Gelegenheitzu produktiver Arbeit. Für Leistungs­schwache ist die Möglichkeit der Stundung, ja der Befreiung mehr als früher gewährleistet. Noch einmal gab Dr. Theiß zu bedenken: Die Stimmung unserer Wohnungslosen ist trostlos! Die demokratische Fraktion ließ durch Stüdtv. Ball in erflären, daß sie unter den gegebenen Umständen einstimmig für die Annahme der Vor­lage ist. Stadw. Kreiß (Freie bürgerl. Ber­einigung) machte darauf aufmerksam, daß in Deutschland viele, die keine Wohnung verdienen, eine solche im Besitz haben: In Berlin wohnen allein dreihunderttausend Galizier, Tschechen und Slowaken. Diese unliebsame Einwanderung drückt auf unsere Städte, drückt auch aus die Stadt Kassel, die zu alledem auch noch

Etappenort für Flüchtlinge

ist. Da weite Kreise der Bevölkerung die neuen Lasten nicht ttagen können, macht die Freie bür­gerliche Vereinigung folgenden Vermitt­lungsvorschlag: Dreitausend Prozent für die Zeit vom 1. Januar bis 1. April und 4500 Prozent für die Zeit bis Ende Juni. Dann wird ja ohnehin eine neue Vorlage kommen! Leider ist alles, was jetzt getan werden kann, nur ein Tropfen auf heißen Stein! Den gleichen Vor, schlag machte für das Zentrum Stadtverordneter S ch w a b mit der Erklärung, daß das, was ver­traulich über die Lage berichtet worden ist, zum Zurückstellen aller Bedenken veranlaßt habe.

Oberbürgermeister Scheidemann

trat fast flehend für die Zustimmung zur Magi­stratsvorlage ein. Mau frage nicht: Wie wer­den wir durch das neue Opfer belastet? Die Frage sollte lauten: Wie helfen wir den Unglück­lichen, die keine Wohnung haben? So wird das Ja-Sagen erleichtert. Man versetze sich in die Lage der Unglücklichen und Elenden, die jeden Tag mit unglücklichen Würmern, mit kranken Kindern auf dem Ärm im Rathaus erscheinen, tc vor zeigen und sagen: Die werden uns wcg- terben, wenn ihr nicht helft! Und andere brin­gen Photographien gestorbener Kinder und er­leben den furchtbaren Vorwurf: Die habt ihr chon auf dem Gewissen! Angesichts solchen Elends muß jedes Bedenken schwinden. Es ist noch größer als das der Kleinrentner, die wenig- tens noch eine Wohnung über dem Kopfe haben! Die gefalteten Hände erhoben, so appellierte der Oberbürgermeister an die Rechte, sich im letzten Augenblick noch umzustellen, um einmütig die Wohnungsbauabgabe in der Höhe der Magi- iratsvorlage zu bewilligen. Der Dezernent des Wohnungsamtes, Stadtrat Professor S a n 11 e r, unternahm eine Stützungsaktion für diesen Ap­pell: Alle müssen wir zustimmen!

Bürgermeister Brunner

prang ebenfalls auf: Die Wohnungsbauabgabe ist das einzige Mittel, der entsetzlichen Woh­nungsnot einigermaßen entgegen zuwirken. Wir brauchen das Geld, unsere angefangenen Bauten ertigziistellen, wir müssen uns damit die weite­ren Reichskredite verschaffen, unseren Arbeits­losen Arbeit geben und den: Handwerk helfen. Rund 800 Millionen sind schon für di« ersten