Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

ftnen iDÖdientlich fach Am nl imh mm- A 8 ~ntj

Nummer 138

Einzelnummer 200 Mk

Sonntag, 17. Juni 1923

13. Jahrgang

Einzelnummer 200 Mk.

ca

Eniawfl

Entenle-öerakungen und verschärsle Gewalt

Die Staffelet Neuesten Nachrichten erfcheinen wöchentlich iechsmai und zwar abends. Ter Abonnementrpreis beträgt monatlich 4600 Mark bei freier Zuftellunz ins Hau« in der Geschäftsstelle abgeholt 4500 Mark monatlich. Bestellungen werden icberteit entgegen, genommen. Verlag uns R da'tion: schlachtbo'stroß! 28/30, Fernsprecher Nummer 951 und 952. gut unverlangt eingefandte Beitrage kann die Redaktion eine kerant- wortung oder Gewähr in keinem Kalle übernehmen. Rückzahlung des BezugsqeldeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ausgeschlossen.

JnferttonSpreife:») EinhetmtfcheAufträge: Dieeinfpalrtge Anzeigenzetle 500Mark,Fami- liennachrichtendie Seils 400 Mark,die einspaltige Retlamezeile !500 ä'lart b) Auswärtige Auf. träge: Die einfvaltige Anzeigenzetle 400 Mark die einspaltige Reklamezeile 1500 Mark, alles ein- schließlich Teuerun gSzufchlag und Anzeigensteuer. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag. Für die Richtigkeit aller durch Fernsprecher aufgegebenen An. zeigen, sowie für Aufnahmedaten und Plätze kann eine Gewähr nicht übernommen werden Druckerei: Schlachthofstraße 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Telephon Nr. 951 und 952

Kasseler Neueste NachMma

Wohin des Wegs?

Deutschlands Leidensgang.

Die Wurzel der deutschen Not ist der Zwang von außen, die Tyrannei unserer Feinde. Diese Tatsache muß man sich immer vor Augen halten, wenn man die Abwärtsentwicklung betrachtet und nach ocr Ursache oder nach den Schuldigen sucht. Wie soll denn Deutschland sich kräftigen oder auch nur seinen jetzigen Zustand behaupten, wenn vie alliierten Vampyre nicht aushören, das Blut aus den Adern zu saugen. Tas An­gebot der Reichsregierung. das schon bis zum äußerst Möglichen gegangen ist, genügt ihnen noch nicht. Sie verlausen, daß wir uns von jeder Selbständigkeit und von allem Besitz ent­blößen sollen, um uns als Sklaven zu unterwer­fen. Jetzt beraten sie, wie diese Untertverfung, wenn sie nicht freiwillig geschieht, zu erreichen sei, ob durch vermehrte Gew a kl anw en- dun g oder durch Verhandlung. England empfiehlt Verhandlung und gibt sich damit den Anschein einer humanen Gesinnung. Belgien und Italien neigen dieser Stellungnahme zu. Frankreich beharrt weiter auf brutalem Zwang, obwohl es aus taktischen Gründen vielleicht auch zu Verhandlungen bereit sein wird. Aber, ob so oder anders, s ü r u n s wird letzten Endes das Ergebnis das gleiche bleiben: daß wir für die Unterdrücker arbeiten und zahlen müssen in einem Maße, daß uns ein wirtschaft­licher und kultureller Wiederausstieg unmöglich wird. Sollen wir uns zu solcher Sklaverei freiwillig erniedrigen? Wer das befürwortet, meiff es nicht gut mit dem deutschen Volke.

Was ans Deutschland werden' würde, wenn wir uns als willenloses Ansbeutungsobjekt von den Westmächten mißbrauchen ließen, wird wohl Jedem klar sein, der bisher nicht blind in den Tag hinein gelebt hat. Die französische Politik seit 1919 zeichnet einen dornigen und steinigen Leidensweg für die deutsche Zukunft vor, und die Ereignisse im Ruhrgebiet geben uns ein Bild davon, wie dieser Weg weiter beschaf­fen sein würde. Hätte man es jemals für mög­lich gehalten, daß ein wehrloses Volk so gemar­tert werden könnte wie es dort geschieht? Eine wilde Soldateska, ein übles Verbrechergesinde^ Mehlt, plündert, mißhandelt und mordet. Es ist ein Krieg gegen Männer, die als treue Deutsche die Arbeit für den Feind verwei­gern. Ein Krieg gegen deren Frauen und Kinder, die unter Znrücklaffung ihrer ganzen Hgbe Haus und Garten verlassen müssen. Ein Krieg gegen chie deutsche Jugend des Ruhr­gebiets, die cssts den Schulen verjagt worden ist, weil sich die Truppen darin einauartierten. Sic sichren auch Krieg gegen die B a n k e n und be­hördlichen Kassen, denen sie Milliarden rauben. Nebenbei überfallen sie deutsche Frauen und Mädchen. Stößt dabei aber einem fran­zösischen Wüstling einmal ein Leid zu, bann wird rücksichtslos auf die deutsche Bevölkerung geschossen und Hunderte von Unschuldigen werden ins Gefängnis geworfen. Das sind Beiwiele französischer Kultur.

Wie Frankreich : us noch erniedrigen will, geht ans der Forderung hervor, daß 'wir den passiven Widerstand aufgeben sollen Tiefe Zumutung reizt erst recht zur Empörung. An­gesichts diefer Fülle von Ungereckuiokeit und Willkür ist an eine A u f g a be des Widerstandes nicht zu denken. Die Unterdrücker verlangen nicht weniger als: erstens Zurückziehung der Verordnungen, die von der Reichsroaiernng er­lassen worden sind, um den Widerssand durck- zufnhren. zweitens tatsächlich- Einstellung des Widerstandes, fodaß weder Angriffe noch Sabo­tage Vorkommen, drittens sofortige Wiederauf­nahme der Sachlieferungen. Wenn diefe Be- dinanngen ersiillt würden, dann erst könnten die neuen Revarationsverhandlunaen einaeleitet werden. Es ist schwer, vielleicht unmöglich diefe Bedingunaen zu erfüllen. Selbst wenn wirklich die ReiHsregiening ihre Widerstands- Erlasse zurückzieben und die Sachltestrnnoen o,i= ordnen, würde, dann ist noch mit der Ruhrbe- völkentng zu rechnen. Mir können nicht anneh­men, daß eine Bevölkerung, die die sch'immsten1 Qualen unter den fremden Tyrann en hat erlei­den müssen, sich in deren Joch einivannen läßt, zumal eine solche Nachgiebigkeit dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit doch keinen Nutzen bringen würde.

Was nun geschehen wird, weiß niemand Von der Antwort der Alliierten auf das deutsche An­gebot erwartet man nicht viel. Infolgedessen dauert die Unsicherheit im Wirtfchafts- und poli- tichen Leben an. Die Marke ntwertung ist auf einem fürchterlichen Tiefftand cngciangt woranÄ eine Teuerung entstanden fft, deren Ende man nicht absehen kann. P r e i s st e i g e- rnng, Lohnforderung, Ausstände gebeA ein Bild der gegenwärtigen Notlage, die, 'tm den Wirrwarr zu vermehren, von politifche - Unruhestiftern ausgenutsi wird. Dazu tritt die Hnpntnft der Witterung, die schon zu lange das Wachstum der Feldftüchte gehindert hat, so daß

mtch für die Landwirtschaft die Aussichten nicht erfreulich sind. Nur ein sehr baldiges Ein­setzen von Trockenheit und Wärme kamt auf den Feldern und in den Gärten das Versäumte nachholen. Es ist allerhöchste Zeit, daß ein U tu­sch w u n g aus allen Gebieten erfolgt, damit we­nigstens das innere Gleichgewicht er­halten bleibt. Tazu ist natürlich gegensei­tiges Verstehen notwendsg. Bewah­ren wir uniere Einigkeit im Reiche, bann stehen wir trotz alledem auch fest nach außen. Wir müssen fordern, daß zuerst feindlicher Zwang unb Erpressung aufhören. K F. D.

Vermehrte Gewalt.

Neue Besetzung von Bahnen «nd Bergwerken lVrivat-Telcaramm)

Hamm, 16. Juni.

Aus dem Ruhrgebiet wird gemeldet, daß außer Dortmund und Herne auch Gel­senkirchen und R e ü l j n g h a u s e n von je­dem Verkehr abgeschnitten sind. Die Ge­meindeverwaltungen haben beim französischen Ortskommandanten Beschwerde erhoben mit der Begründung, daß die Lebcnsmittrlzufuhr voll­ständig unterbunden sei. Inzwischen ist auch die letzte Strecke von Kray über Watten­scheid, Bochum und Dortmund von den Franzo­sen besetzt worden. Heute früh haben die Franzosen im Mülheimer und Ruhror­ter Bezirk mit der Besetzung von acht Schachten begonnen. Die Direktoren dieser »Zechen wurden im Morgengrauen aus ihren Privatwohnungen heraus verhaftet, weil sic die Herausgabe von Rcparationskohle an die Franzosen verweigert hatten.

Die FamMen-Vertteibung.

Berlin, 16. Juni. (Privattelegramm.) Wie aus Duisburg gemeldet wird, erhielten Freitag früh vierhundertundzwanzig Eisen­bahnerfamilien Ausweisungsbefehle mit zweitägiger Frist. Seit dem 1. Juni ist die Zahl der Ausweisungen aus dem besetzten Ge­biet somit aus 14298 gestiegen.

Verhaftung iujö Verurteilung.

Elberfeld, 16. Juni. (Privattelegramm.) Tie Franzosen haben den Bürgermeister von Gruiten als Geisel verhaftet und ins Werdener Zuchthaus gebracht, weil die Gcmcindc sich weigerte, eine ihr aufcrlegte Strafe von zehn Millionen Mark zu bezahlen. Die Franzosen hatten versucht, die Stadttaffe zu plündern, dabei aber nur 80 000 Mark gefunden. Der Chef­redakteur desEcho vom Niederrhein", Dr. Hoberer, wurde wegen eines Leitartikels, in dem die Besatzungsbehörde eine Beleidigung rtnd Gefährdung ihrer Sicherheit sieht, zu acht Tagen Gefängnis und weiter zu hundert­tausend Mark Geldstrafe verurteilt.

* Belagert- zzsitsmutz.

Bonn, 16. Juni. (Privattelegramm.) Neber den benachbarten Kreis Euskirchen ist jetzt ebenfalls der Belagerungszustand verhängt wor­den. Infolge der Verhängung des Belagerungs­zustandes über den Landkreis Bonn dürfen die Rheindampfer auch nicht mehr an den Orten des Siebengebirges, Königswinter usw., anlesten, sondern nur noch in Bonn und Remagen.

Weitere Besetzunz auK in Baden.

Offenburg (Baden), 16. Juni. (Privat­telegramm.) Die Franzosen haben heute früh sämtliche Bahnanlagen in fünfzehn Kilo­meter Entfernung nordwärts und südwärts b c - fetzt Damit sind weitere Bahnstrecken von den Franzosen militarisiert. Die Eisenbahner, die sich weigern, den Befehlen der Franzosen Folge zu leisten, haben bis morgen mittag ihre Wohnungen zu räumen und mit Fa­milie das besetzte Gebiet zu verlassen.

Weitere Zustrzverbrechen.

Besetzung von Jndustricwcrkcn. Weitere Anklage» (Privat-Telegramm.)

Duisburg, 16. Juni.

Das neue Urteil des Werdencr Kriegsgerichts gegen Direktor Kellermann (siehe 2. Seite) rief n Duisburg allgemeines Entsetzen hervor. Wie letzt erst verlautet, find noch dreizehn T i - re k t o r e « von Duisburger Werken angeklagt

und zwar desselben Vergehens: wegen Richttie- ferung von Reparattonskohlen. Die Franzosen treffen in Duisburg Vorbereitungen zur Be­setzung der Industrie-Werke. Gestern erschienen in den Werten französische Offiziere und verlangten die Herausgabe der Listen der Mitglieder des Betriebsrates, des Aufsichtsrates sowie der Direktton der Werke.

Dße AMwort der AMierten.

Vorfragen zwischen Paris und London.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 16. Juni.

Heute früh war noch keine Antwort aus Paris im britischen Auswärtigen Amt eingelaufcn, wohl aber liegen mehrere V o r - f r a gen vor, worauf das Kabinett heute eine Antwort gibt. Die für heute anberaumte Bot- schaftcrkonfcrenz in London wurde abgesagt. Lord Grewen, der englische Botschafter in Pa­ris, weilt feit gestern wieder in Paris. Ter Pariser Korrespondent derNeuen Züricher Zei­tung-- meldete gestern abend, daß Poincarss Aittwort an England Len Weg für weitere Verständigungen zwischen den Alliierten aus­drücklich offen läßt. Eine Sonderantwort an Deutschland wird nicht erteilt werden.

®ie Londoner Vresse fällt um.

Rotterdam, 16. Juni. (Privat - Tele­gramm.) TerCourant-- stellt eine Schwenkung ocr große» Londoner Presse binssäMOs pas­siven Widerstandes Deutschlands fest.Times" undMorningpost-- erwarten von Deutschland, daß dieser Frage nicht diejenige entschei­dende Bedeutung beigelegt würde, die die Verhandlungen mit Frankreich erschweren wür­de.Dailh Mail-- undDaily Telegraph-- nen­nen sogar die Frage des passiven Widerstandes eine Unglücksfrage für Deutschland, denn dieser kostspielige Widerstand habe in Deutsch­land Elend, Unruhen und Verzweiflung und einen Dollarstand von 100 000 herbeigeführt. (Diese Auffassung ist einseitig und falsch. Nicht der Widerstand, sondern die feindliche Be­setzung und die Räubereien haben Deutschlands Elend vermehrt. D. Red.)

*

Italien» Bemühungen ergebnislos.

Zürich, 16. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) DerSerow" berichtet aus Rom: Am Freitag nachmittag war der französische Botschafter bei Mussolini und gab ihm die Beschlüsse des Pa­riser Ministerrüts bekannr. Aus Aeußerungen, die Mussolini später dem Senator Alberti gegen­über machte, kann man annehmen, daß M u s - f o l i n i mit dem Ergebnis seiner bisherigen Bemühungen, die au/ eine Unterstützung der englischen Politik hinaJslaufen, unbefriedigt ist.

Wandlungen am Balkan.

Weiters Kämpfe in Bulgarien.

(Eigener Drahtbericht.)

Wien. 16. Juni.

Bei Zlatyea, 60 Kilometer nordöstlich von Sofia, und Schumen ist es zu schweren Kämp­fen zwischen Bauern und Regierungstruppen gekommen. Im ®orfe Golaf bei Slavowitza ist der frühere Ministerpräsident Stambu- li fki gefangen genommen und erfchossen worden. Bei Siawowitza dauert auch nach der Erschießung Stmnbuliskis der Kamps an. Stam- buliskis Truppen sollen vier Divisionen start und reichlich mit Artillerie auSqestattet sein. Die nach Bulgarien fahrenden Eisenbahnzüge werden an der Grenze von mazedonischen Freischärlern inntrolliert. Entgegen den Versicherungen des bulgarischen Gesandten in Wien, daß kein Bela­gerungszustand herrsche, geben Anschläge an den Grenzstationen bekanM, daß in gan» Bu garien der Belagerungszustand proklamiert sei.

Die Haltung Ser Srrden.

Belgrad, 16. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Der König hat einen Kronrat abgehalten, dem außer sämtlichen Ministern der lsseneralstabsches und der Kommandant von Neskü'S beiwohnten. Gegen stund der Beratung bildeten, »Die eine amt­liche Mitteilung besagt, das Verhalten Süd- s l a v i e n s gegenüher Bulgarien. Ein südfla- vischere Kurier, der mit Pässen, die das Visum der bulgarischen Regierung tragen, von Sofia «ach Belgrad reiste, wurde an der Grenze von bulgarischem Militär festgcnommen. Die süuflawische Regierung hat daher beschlossen, Gegen maßregeln- zu ergreifen.

Am den Alkohol.

Der deutsche Gastwirtetag.

(Eigener Bericht.)

Eisenach, 16. Juni.

Am Donnerstag war der Deutsche @afU w i r t's'cka g, der über Len Rahmen der Ver­bandstagung, über die gestern schon berichtet wurde, hinausgeht. Die preußische und die thü- Uugische Regierung waren vertreten, alle mög­lichen Organisationen, Reichs-- und Landtags­abgeordnete, darunter Obermeister K n i e st - Kas­sel. Präsident Köster-Altona, von der Kund­gebung gegen den Anttalkoholismus im Stadt- sark in Kassel bekannt, sprach über das jetzt völ­lig geeinigte deutsche Gastwirtsgewerbe, das wirtschaftliche und nationale Aufgaben zu er­füllen hat, indem es echte deutsche Gastlichkeit pflegt, aber in feinen einfachsten Lebensrechten beschränkt wird. Der Schulmeister, der Schutz­mann, der Steuerbüttel herrschen und die Re- ßiernng führe das Volk noch immer am Gängel­bande und greife in die staatsbürgerliche Frei­heit des Einzelnen. Als Vertreter feines Ver­bandes erklärte er, daß dieser mit allen Mitteln gegen die drohende Vernichtung des Wirtcsian- des ankämpfen werde im Sinne des altfriesischen Wortes:Lever dod als Selav!" Aus den Be­grüßungsreden ist die des preußischen Regie- rungsvertreters Oberregierungsrat Kurtzig - Berlin hervvrzuheben, der seiner Freude dar­über Ausdruck gab, endlich einmal einer Orga­nisation gegenüberziistehen, die so geschlossen und kräftig ihre Interessen vertritt und dann die Ge­fahren umschrieb, die dem Wirtsgewerüe drohen. Er machte auch die Mitteilung, daß die Ansfüh- ningsbeftimmungen des SchaNkstättengesetzes am 22. Juni veröffentlicht werden. Das Wirts­gewerbe sei nach Möglichkeit geschont worden, aber es müsse von ihm erwartet werden, daß es Auswüchse selbst beseitige, weil diese es sind, aus die von der starken antialkoholischen Be­wegung immer wieder hingewiesen werde. Ter Ostpreußische Gastwirt everbänd machte die Mit- teilung. daß er den Präsident Köster zum Ehren­mitglied ernannt habe. Scharfe Kritik erfuhr

das Schankstüttengesetz, von dem gesagt wurde, es enthalte Bestimmun­gen, die dem Devunziantenwesen Tür und Tor öffnen und den Ruin des ganzen Gewerbes her- öcisühren. Es wurde auch Klage geführt, daß die unteren Verwaltungsorgane oftmals ver- fagen. Der Tanz hieß es, gehöre in die dafür (xftimmtert Säle und nicht in Dielen und Bars. Verbcmdsdirektor Haugg-Berlin betonte, das Schankstättengefetz atme die alte Gegnerschaft gegen das Wirtsgewerbe. Weiter wurde von der Spiritusindustrie gegen die Forderung der Abstinenz polemisiert. Verschiedene Anträge wurden dem geschästsführenden Ausschuß zur Weiterbehandlung überwiesen, so einer, der Ver­einheitlichung und Ausdehnung der Polizei- "t u'n d e verlangt. Beschlossen wurde ferner, mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß in dem neuen Mieter fchutzgesetz der Räumungs­schutz auch auf die Pachtgesckäfte des Gaststät- ttngesetzes ausgedehnt wird. Die Weinsteuer stand ebenfalls auf der Tagesordnung, und es wurden die bekannten Forderungen erhoben: Er­klärung der Gastwirte als Verbraucher und Er­fassung der Steuer beim Erzeuger. Dasselbe oll auch bei der B i e r st e u e r geschehen. Der

Antialkoholbewegung

wurde erneut schwerster Kampf angesagt. Ueberatt 'ollen die Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Wirtsgewerbe zu gemeinsamer Abwehr zusammenaeschloflen werden. Ein An­trag forderte, alkoholgegnerischen Verbänden die Räume der Mitglieder des Deutschen Gastwirte- verbandes nicht mehr z'.tr Verfügung zu stellen. Beschlossen wurde aktiveres Vorgehen bei fünf- tigen Wahlen, damit die Gachwirteorganisatio- nen größeren Einfluß in den sttarlamenten ge­winnen. Es habe den Anschein, als ob sämt­liche polittschen Parteien es sich zur Aufgabe ge­macht haben, dem Gewerbe gemeinfam mit der Abstinenzbewegung den Krieg zu erklären. Aus der Reihe der weiteren Angelegenheiten, die zur Sprache kamen, ist die Mitteilung besonders in­teressant, daß der Kellnerfrack nunmehr endgültig verschwinden und vom 1. Oktober ab im ganzen Reiche durch das sogenannte Wenzel­jackett ersetzt werden soll. Den Abschluß der Tagung bildete eine Wartburgfeier.

Alkoholdebatte i« Kassel.

Der Bund alkoholgegnerischer Vereine in Kassel batte für gestern abend einen Vortrag von Gustel v. Blücher angekündiot mit dem Thema: ,D i e W a h r'h e i t über Ä m c r i f a*. Die Mehrzahl der Besucher waren Jugendliche. Star? vertreten waren b'e Gegner der Alkohol­gegner Mit dem bekannten Liede:förit uns z eht die nette Zeit" eröffnete die Jugend den von Pfarrer Schafft geleiteten Abend, an dem es an Widersprüchen nicht mangelte. Die Red­nerin erzählte über zwei Stunden lang, wie sie