Nummer 254
Einzelpreis 1,5 Milliarden Mark.
Mittwoch, 31. Ottober 1923
13. Jahrgang
Einzelpreis 1,5 Milliarden Mark.
Sie Reichsmaßnahmen gegen Sachsen
īr
Segen die avgrsetzten Minister.
Billa Malta
heit gebracht haben. Gegen die Flüchtigen ist das Verfahren beim Reichsgericht in Leipzig eingelci- tet wegen Aufforderung zum Hochverrat gegen das Reich. Die von der Reichswehr in Sachfen gemachten Waffenfunde nehmen immer größeren Umfang an, in Freiberg wurden aus kommunistischem Besitz acht Maschinengewehre und viele tausend Gewehre besciffagnahmt, die als Eigentum des sächsischen Staates gelten.
Dervandlunoen zwischen München und Berlin
München, 30. Oktober. (Privattelegramm.) In der gestrigen Aussprache des Staatskabinetts ist wie zuverlässig verlautet, noch keine Zustim- ...ufttr s« den Berliner Forderungen besä; offen worden. Die Verhandlungen zwischen München und Berlin sollen, wie die „M. N. R." melden, im Laufe des heutigen Tages ausgenommen werden Es sei deshalb fraglich ob die heutige Sitzung des bahrjchcn Kabinetts bereits z« einer Entscheidung führen.
Di« Kasseler Neuesten 9iaditickten erscheinen wöchentlich sechsmal nachtn ttagS. Der Abonne- tnenttprei« beträgt für die Woche vom 2K Ott. b S 3. Roo. 8 Milliarden bei freier gustellun, tnS Hau»,in der (peschastSsteUe abzetzoll 7,8 Milliarden. Bestellungen werden jederzeit entaeoen. tie?a9 und Redaltion: Schlachthoistratzr 28/30, Fernsprecher Nummer 951 und 9a2. ,rttr unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine Gerant, wortuug oder Gewähr in keinem Falle übernehmen. Rückzahlung des Bezugsgeldes etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ist ausgeschlossen.
Postscheck .vrantfurt a M «380. Druckerei: Zchlachthofstr. 28/30. Geschäftsstelle: Kölnische Str. 5
Dresden, 30. Oktober. (Privattelegramm,) Das Geheim-Archiv des sächsischen Staates wurde beschlagnahmt. Ueber den bisher! gen Minister Dr. Zeigner wurde die Post- sperre verhängt. Der bisherige Ministerpräsident wurde für heute mittag zur Vernehmung in das Polizeipräschium geladen mit der Androhung. im Falle seines Nichterscheinens würde er zwangsweise vorgeführt- Uelbrigens ist noch eine interessante Tatsache festzustellen: Tr. Zeigner, der sich als „Schütter der Enterbten" im russischen Interesse aufspielt, hat im letzten Jahre nach einwandfreier Feststellung ein Vermögen von etwa drei Millionen G o l dm a r k zu versteuern gehabt. (!) )
Letzter Vermittlungsversuch.
Berlin, 30. Oktober. (Privattelegramm) Ab-
Die 2stelch«wetzr rütft vor.
Dresden, 30- Oktober. (Privattelegramm.) Zwölftausend Mann neue Reichswehrtruppen sind heute früh in Dresden und den sächsischen Industriestädten eingerückt, darunter Kn- vollerie und Artillerie. Morgen werden die sächsischen Kohlengruben besetzt, wohin sich zahlreiche kommunistische Russen ans Dresden geflüchtet haben, um die Kohlenberglcute gegen die Reichswchraktton als kommunistische Hundertschaften aufzubietcn. In Freiberg beträgt, laut Dresdener Nachrichten, die Zahl der Opfer der Kämpfe zwischen Kommunisten und Reichswehr 32 Tote und fast 50 Verlebte, in Zwickau 9 Tote und 24 Verwundete, in Adorf dreizehn Tote und achtundzwanzig Verletzte.
Zuflucht bei den Russen.
Berlin, 30. Oft ober. (Privattelegramm.) Dem Vernehmen zufolge haben sich die aus Dresden geflüchteten Kommunistenführer nach Berlin gewendet, wo sie sich in der ruf«
Fürst Bülows seitheriges Besitztum.
Aus Rom wird gemeldet, daß die Villa Malta, das Etgenttnn des ehemaligen Reichskanzlers Fürst Bülow, an einen Engländer um den Preis von drei Millionen Lire verkauft sei. — Jeder Rompilger, dem es vergönnt war. einige Feierwochen in der ewigen Stadt zu verleben, wird mit Entzücken der .Villa Malta" gedenken. Auf der Höhe des Pimio steht der palastartige Bau mit seinem turmgekrönten Wohnhause und den stattkichcn Nebengebäuden inmitten der südlichen Pracht feines Parkes, umrauscht von feierlichen Zypressen, um schattet von Pinien, Palmen und Lorbeer. Eine Mauer, von Riesen- kaskadcn überschüttet, trennt die .Villa della
Die englische Auffassung einer Lösungs- Möglichkeit berührt sich eng, mit Ausnahme der Finanzkontrolle, mit der im deutschen Memorandum niedergelegten: Unparteiische Prüfung der deutschen Zahlunqsfähiakeit, längeres Moratorium, um den deutschen Staatshaushalt :n Ordnung zu bringen, internationale Kontrolle der deutschen Finanzen, Verpfändung der Erträgnisse der deutschen Eisenbahnen in Höbe von 500 Millionen und Zwangshypathek auf die deutsche Wirtschaft in Höhe vo-n ebenfalls 500 Millionen Goldmark jährlich. Diese Zahlungen sollen frühestens 1927 beginnen. Hinzu kommen die Erträgnisse von Konssmnsteuern und Monopolen. Frankreich lehnt diesen Plan ab. Es verlangt 26 Milliarden Gölomark und die Bezahlung seiner Schulden an die Alliierten. Dafür will es die Rhein- und Ruhrwirtschaft ausnützen. Belgiens Plan scheidet sich vom französischen Er schätzt Deutschlands Leistungsfähigkeit au« insgesamt 50 Milliarden Goldmark (das Pariser Diktat setzte 226 Milliarden Goldmark fest, mehr als das gesamte deutsche Volksvermögen überhaupt betrug). Belgiens Plan will di« einer 'Nrwajges-llsfftqst zu übergebenden deutschen Eisenbahnen so rentabel gestalten, daß sie jedes Jahr ein- Milliarde Goldmark sirr Reparationen abwerfen sollen. Di« Verpachtung von Ver- brauchsmonopolen soll 1530 Millionen Goldmark ergeben, ferner i»ll Deutschland jährlich siebzehn Millionen Tonnen Kohle liefern. Außerdem sollen sich die Gläubigerstaaten an der deutschen Wirtschaft beteiligen.
Daß dieser Plan von politischen Druckmitteln und von einer Verewigung der Besetzung West- derttschlands absieht, ja, als Vorbedingung ihre Aufgabe bat. ist anerkennenswert. Andererseits ist es für Jahrzehnte ausgeschlossen, Deutschlands Bilanz so zu gestalten, daß sie aktiv bis zu dem Grade würde, den der belgische Reparattonsplan roraussetzt. Wesentlich bleibt, vaß der belgische Plan aufgestellt wurde nach den Erträgnissätzen der Nationalwirtschaften der Entente. Diese Wirtschaften aber sind mit der politischen Stärke ihres Landes ganz eng verknüpft und haben vor allem nicht die sozialen Belastungen sowie den
Sachsen unket Reichsgewalt.
Die energischen Maßnahmen.
(Sioen, Drablmelduna.»
Dresden, 30. Ottober.
Der neu« Reichskommiffar für Sachsen Dr. H e i n tz e hat gestern das n c u e K a b i n e t t ge bildet. Es besteht ausschließlich aus Beamten, ohne Rücksicht ans die Parteizugehörigkeit. — Der bisherige Ministerpräsident Dr. Zeigner hm eine Proklamation drucken lassen, wonach er weiter im Amte bleibt und das Ministerialgebäude nur unter dem Truck der Gewalt geräumt habe. Die Gewerkschaften, an deren Sitzung der bisherige Ministerpräsident teilgenommen hat, haben gestern beschlossen, daß Proletariat in Sachsen zum Generalstreik aufzufordern. Der Streik und die Verbreitung des Aufrufes wurden vom Wehrkommando verboten. Die Mitglieder der Gewerkschaften, die den Auftuf unterzeichneten, sind fest genommen worden. Die sächsi. fdje sozialdemokratische Partei hat an die Reichs. tcgSfrnktlon grstvr« dft. telegraphisch«- Aufforderung gerichtet, aus der Koalition auszutreten.
geordnete des Zentrums und der bayrischen Volkspartei waren am Montag Mittag beim Kanzler, um vor der militärischen Reichsexeku- rive gegen Bayeren einen letzten Vermittlungsversuch zwischen Berlin und Münchm zu unternehmen Ihr Borscksiaa geht darauf hin, daß der bayrische Landeskommandant, General von Lossow durch eigene Entschließung zurücktritt. ohne daß die bayrische Regierung ausdrücklich seine Entlassung verfügt. Das Vorgehen der bayrifchen Bollspartei, dessen Aufnahme in München noch unbekannt ist. wird jedenfalls eine Verzögerung der Reichsexekutive gegen Bayern unmittelbaren Folge haben.
Münchener Bilder.
Aus den Tagen der Sonderbsstrebungen«
De» pr«usti:-v.dayris<tz,3w espatt, der ein «2frei* zwischen Bayern unk dem Reich geworden ist, lenkt unser» Anfmerksamk»« nach Miinchen. AuS der Jsarstadt schreibt der Berliner Schrift- geller Friedrich Sussong folgende Betrachtung» Es war halt doch ein förmlicher Nerventtaps im Norden, als die Blätter die bayrischen Neuigkeiten brachten. Dem Herrn, mit dem ich zusammen die Nacht durch von Berkin nach München fuhr, ging die Sache noch heftig Nach. Er sah uns schon in den sächsisch-thüringischen „Sicherungen- gegen Bayern wie in einem Drahtverhau sesthängen. Er erkundigte sich beim Schaffner besorgt: „Werden wir durchkommen? Sie wissen doch, daß der Oberpräfldent Hörsing niemand nach Bayern durchläßt, der keinen befriedigenden Nachweis über die Nowendigkeit seiner Reise erbringt, und der irgendwie verdächtig erscheint." Es war zu düster gesehen. Ms wir am nächsten Morgen aufwachten und aus dem Fenster guckten, sahen wir keineswegs thüringische Sowjetrevolver, sondern schwarze Rasierpinsel auf grünen Lodenhüten und den Bahnhof von Regensburg. — Wir waren „durch".
Die Sonderbündler.
Ein amtlicher Einspruch der EnKändcr.
(etetnex Dr«!,t»*rtcktt.)
Düsseldorf, 30. Ottober.
Aus dem Ruhrgebiet wird gemeldet: Wettere dreizehn Zechenbetriebe sind gestern stillgelegt worden. Die Besetzung durch die Separatistcu ist seit Sonnabend zum Stillstand gekommen In Duisburg halttn d e Separatisten nur noch das Regierungsgcbäude und das Telcgrapheuamt besetzt, während Ruhrort und Oberhausen von ihnen befreit sind. — Tie Städte Wefel, Jülich. Rheydt. Mörs und Neuß sind gestern von den Separatisten besetzt worden. — Die Londoner „Times" melden: Der englische Botschafter in Paris hat bereits am Sonnabend der französischen Nie- gierung eröffnet, daß für England eine Anerkennung der rheinischen separatistischen Bewegung nicht in Frage kommen könne. Der „Mor- ning Post" zufolge ist eine aleichlauteude Mitteilung am Montag Früh in Brüssel erfolgt.
Weitere Teuerung in Berlin.
Die Vieh- und Fleischpryse. (Pktpat-relegrauun)
Berlin, 30. Ottober.
Die Fleifchpreife in Berlin haben am Montag 40 bis 50 Milliarden Mark für das Pfund erreicht. Das entspricht unter Zugrundelegung der Friedenspreise einem Tollarftand von 160 bis 200 Milliarden Mark, während der heutige Dollarstand nur rund 65 Milliarden Mark beträgt. Die Erregung der gesamten Bevölkerung über die Preise ist so gewaltig, daß zahlreiche Fleischergeschäfte aus Furcht vor Plünderungen heute geschlossen haben, Gewerkschaften und Betriebsräte haben heute früh gemeinsam getagt und ein neues Ultimatum au Dr. Str Eftmann beschlossen, der der Preissteigerung auf den Biehmärkten ein Ende machen soll. Der Generalstreik wurde m,ch von den Gewerkschaften heute nicht mehr unbedingt ab gelehnt.
Bei etwas näherem Hinsehen treten die un- terschiedlichen Züge in der Physiognomie Münchens hervor. Wo es in Berlin beißt: „Mitglieder der V. S. P. D. oder der K. P. D., erscheint in Massen)", da heißt es hier: .Roßbachgruppe der nationalfozialen deutschen Arbeiterpartei!" Wo in Berlin Strefemcmn die Deutschen aufruft, da ruft hier Herr von Kahr die Bayern an. An allen Straßenecken „das Gefamtministerium" und „der Generalstaa tskommiffar". Wo in Berlin irgend ein sozialistischer oder kommunistischer Aufruf an Zäunen und Mauern klebt, trifft man hier ein Spottbild, das unter der Ueberfchrist „Sein Schutzengel" einen ballonmützigen Genos- len mit Engelschwingen zeigt, der einen aufgedunsenen Schieber zärtlich auf feiner Bahn geleitet.
Aber die Seele Münchens, so sehr es den Anschein hat, ist doch keine so unbedingte Einheitlichkeit wie der Inhalt eines Bierkruges! An jener Ecke hat vor einer Stunde noch ein „völkisch-satirisches Witzblatt" seinen neuesten Schlager angeklebt: eine Mte-Fritzen-Zeichnung. Jetzt hat ein erboster Gegner den alten Fritzen angekratzt. An einer anderen Ecke hat auf einem Auftuf Herrn von Kahrs ein Gegner die Unter» in „Generalstaatsverderber". Dies besagt: Zwei Seelen wohnen auch in Münchens Brust.
Bayern zögert noch.
Die Reichsreaierung droht mit Gewalt.
(ShrtiHrt-e«Uar«mm.)
München, 30. Ottober.
Die entscheidende Sitzung des bayrischen Kabinetts jst aus heute mittag auöeraumt, nachdem die Borbcspreci ungen gestern zu keinem Schluffe gebracht worden sind. Im Lause des gestrigen Tages ist, wie versichert wird, ei*e neue Rote der Reichsregierung «ach Bayern abgegangen, die den Münchner Machthabern leinen Zweifel mehr darüber läßt, daß die R e i ch s e x e k u t i v e mit allen Machtmitteln auch gegen Bayern eingefetzt wird, wenn München sich in der Frage der militärischen Befehls- grwwt nicht ebenfalls unterwerfe. In ML-mhen beginnen große Angstkäufe der Bevölkerung, da mau mit einer Sperrung der BanlnotenUefe- rung, Lebensmittel- und Kohlenzufuhren nach München im Falle einer ernsten Verschärfung des gegenwärtigen Konfliktes rechnet.
Kapttalichwund auszuhalten gehabt, den Deutsch, fischen Sowjetgesandtschaft in @i<fjer= land neben dem Verlustvon dreizehn Prozent ~ *• -------
der staatlichen Flöt e, zehn Prozent seiner Bevölkerung, über der Hülste des Natie alvermögens, zu ttagen hat. Der Vorschlag geht immer von den wirtschaftlichen Verhältnissen der Friedens, zeit in Deutschland aus und berechnet danach die Einnahmenwgttchkeiten sowie die Belastungsgrenze. Das ist der Fehler, der den ganzen Plan unwirklich macht. Für die Entente ist das Entscheidende, und darin kann der englischen Auffassuna durchaus beigepflichtet werden, daß die bisherige Reparationspolitik denn führte, die Möglichkeit der Reparationsleistungen vollkommen zu vernichten.
Niederbayrische Ebene, vom Regen abgewaschen und noch triefend, von Morgenlicht beglänzt. _ Und links und rechts durch die besonnte Nässe über sanfte, flache Hügel und an tischplatten Horizonten vor hellem Himmel hinziehend die Schattenrisse pflügender Gespanne von Pferden und Ochsen. Tiesbraune Krume ftischgebrochener Aecker, saftgrüne Felder, und Lier und dort immer wieder dazwischen, wie ein Juchzer aufleuchtend, ein knallgelbes Lupinenfeld. Breiüagernde Gehöfte; um zwiebelgekrönte Kirchtürme behäbige Dörfer. Ab und zu fliegt an«. Fenster vorüber über die' Landstraße ein blinkblanker tori Waner Schlagbarem. Land des „sicheren Mannes". Durch die helle Herbsksonne über diese reiche, unerschüttert und unerschütterlich hin- gelagerte Erde htnbkickend und hindenkend, begreift man immerhin, daß vielen der Ihren mit Korn und Hopfen aus diesem Boden auch einmal der Gedanke aufwächst: „Obs nit am End doch gescheiter wär, wir machens ohne die vcrmaledei- ten Preitzen." Unkraut im Hirn manches „sicheren Mannes", wie betörender Mohn im Korn.
Auf den ersten Blick ist gar nicht zu begreifen, warum Berlin und München einander gar so hitzig verdammen. In den auffallendsten Zügen haben sie doch fatale Aehnlichkeiten miteinander. Hinterm Schaufenster des Milchgeschäfts von Fräulein Anna Käser und schräg gegenüber beim Haar- und Bartbeamten hängt die neue Moritat eines grausigen Lustmords aus. Ganz wie bei uns. Da ist die Auskunftei Schim- melpfeng und dort die Ufa. Ganz wie bei uns. Fetzen aufgeregter Brotpreisunterhaltungen fliegen einem auf der Straße um die Ohren. Ganz wie bei uns."
Unversöhnlichkeit.
Poioears lehnt ab.
In feiner letzten Sonntagsrede hat der fran- zöstiche Ministerpräsident Poincars wieder gesagt, er könne nicht zulassen, daß Deutschlands Reparationspflichten gemildert würden. Damit sollen wir weiter der ungezügelten sranzösischen Willlür ausgesetzt fein. Nach dem Versailler Friedensvertrag hatte Deurschlcmv das unzweifelhafte Recht, bis zum 1. SNai 1921 die feste Summe seiner Kriegsschuld zu erfahren. Innerhalb dreißig Jahren sollte die Schuld abgetragen sein. Die bisherige Handlungsweise der Entente und" die Art, in der sie ohne die vertragsgemäße Anhörung und Ueberprüsung der Leistungsfähigkeit Deutschlands aus politi. scheu Gründen unmögliche Reparationssummen diktierte, ist ein klarer Verstoß gegen die Ar ikel 231 und 232 des Versailler Friedensvertrages. Die Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich und Belgien hat die Leistungsfähigkeit Deutschlands auf Jahre hinaus, wenn nicht auf immer zerstört. Gegen diese turzsichtige und kriegzeugende Art wandte sich England zunächst in der Curzon-Rote, die ein unparteiisches Schiedsgericht vorschlug und als Vorbedingung für Reparationsleistunaen überhaupt die Aufgabe der widerrechtlichen Beset- zung verlangte. Frankreich und Belgien haben die Vorschläge abgelehnt.
Das Reparationsproblem und feine Lösung gehen jetzt wieder die Gesamt enteute an. Das mußte deutlich werden in dem Augenblick, da der französische Versuch, die produktiven Pfänder gewissermaßen im Namen der Alliierten zu verwalten und auszubeuten, sich als unproduktiv e-7wj"s. . Man wird nicht f»hl» gehen, wenn die Hauptperson der britischen Reichskonferenz, die die außenpolitischen und wirtschaftlichen Richtlinien d«s britischen Imperiums bestimmt, der Südafrikaner Smuks, über die künftige Politik Englands auf einem Bankett gewissermaßen als Regierungsperson sprach. Er forderte die Revision aller Verträge und — was entscheidend ist — die Einberufung einer Reparationskonferenz unter Ausschaltung der Reparationskommission und des Völkerbundes. Baldwin selbst wünscht, daß auch Amerika an einer solchen Konferenz leilnehmen solle. Inzwischen hat die d e u 1 s ch e Regierung der Reparationskommission offiziell mitgeteilt, daß sie zwar grundsätzlich bereit ist. Reparationen zu leisten, aber außerstande ist, die Leistungen fortzusetzen oder zu finanzieren. Das englische Wirken, dem anscheinend eine Fühlungnahme mit Amerika voraus- gcng, geht jetzt dahin, entweder den Hughesschen Vorschlag, nach dem ein unparteiisches Schiede- ' gericht Deutschlands Leistungsfähigkeit abschätzen , soll, wieder aufzunehmen, oder die Entente zu . einer Wirtschaftskonferenz nrit Einschluß Amen- ! cas zusammen zu berufen.
An,-tgenpr«is«: S tun bpretS für Ne Zeile 50 Mark, für Reklamen 200 Mark mal Schliff, felga« 'uc da« deutfche SettungXgeroerbe jur Zeit 18 500000), auf Familtenan,eigen und Kleine An-eigen 2'/°/0 Nachlaß. Auf alle nicht bis zum Ad end des auf den Ausgabetag folgenden ^9” bejahten Mnjeigen erfolgt ein Rechnungtzau-fchlag von 10»jj. Bet'dieser Rechnung*, ertettun, ist der Betrag innerhalb ■> Tagen zu zahlen. Nach Ablauf diefer Frist ist der Anzeigen- gruudpreis mit dem am Zahlungstage gültigen Anzeigenschlüsse! zu ve. vielfachen. Laufende an- zeigen werden mit dem Tageszeit.-npreis berechnet. Für die Richtigkeit aller durch .lernfpred/er aulgegebenen Anzeigen, oroie für Aufnahmedaten und Plätze kann nicht garantiert werden.
Ohne Voztaidemoftotter
Berlin, 30. Ottober. (Eigener Drahtbericht.) Gestern waren Vertreter der Sozialdemokratie beim Reichskanzler. Dr. Stresemanu erklärte, daß an den beschlossenen Maßnahmen nichts geändert werde. Auf die weiter: Frage, was entstehe, wenn die Sozialdemokratie aus der Koalitton der Reichsregierung austrete, erwiderte Dr. Strefenmnn, daß P* mit einem Austritt diese Frage überhaupt erübrige. Er sei entschlossen, im Interesse des Reiches ohne Rücksicht auf die Partei, die Maßnahmen gegen Sachsen durchzuführen, die bisher eingeleitet worden seien. Was in Sachsen vorgehe, habt mit der Verfassung nichts zu tun, sondern sei die Vorbereitung eines glatten Hochverrats. Di« Beweise hierfür werde er zu gegebener Zeit veröffentlichen, wenn sich die Gerichte der Herren in Dresden versickfert hätten Die heutigen Morgenblätter sprechen allgemein die Meinung aus, daß die Sozialdemokratie in diesen Tagen aus der großen Koalitton austreten; aber der Kanzler hab« bereits mit dieser Tatsache gerechnet und sei entschlossen, auch ohne Sozialdemokratie seine Maßnahmen im Interesse des Reichs, die er in Sachsen im gefangen hätte, durchzuführen.
Meier Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzettung Hessisch« Abendzeitung