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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Dnzetqenpreif, SrschaftScmzetgen Zeil- 15 Sfaunifl, Kamili-n-An,eigen Zeil« 15 Pfennig. Kleine Anzeigen ba8 Wort 2/, Pfennig, Reklamen die Zeile 60 Pfennig, Offertgebühr 10 Pfennig (bet Zusendung der Offerten 20 Pfennig), Rechnungsbeträge find innerhalb fünf Tagen zu bezahlen. Maßgebend ist der Kurs Les Zahlung - ta ges. Kür die Richtig­keit aller durS eralprecher aufgeae >enen Anzeigen, orote mr Äufnahmedaten und Pläne kann nicht garantiert werden. Für Anzeigen mit besonders schwierigem Satz hundert Prozent Aufschlag Druckerei: Schla hthoMraße 28/00. Geschäftsstelle Kölnische Straße b, gegenüber der Spohrstraße. Fernsprecher Nr. 951 und 952.

Nummer 128. Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf. Sonntag, L Juni 1924. Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf. 14. Jahrgang

Tie Kasseler bleuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal nach« ttags. Ter Ähor.nt- mentSpreis beträgt für den Monat Mat 2,00 Mark bei freier -luOeliuiu ms Sau' in der GeschafiSstelle abgetzoli 1.80 Mark. Durch di- Bost monatlich '.' 00 Mark -inschl/fiustellnngs- gebühr. «erlag und Redaltion: Lchlachthofstr. 28(30. Feinsprecher 951 und 952.' . ut unverlangt eingesandte Beiträge kann die Redaktion eine ioerantworiung oder Gewahr in keinem Fall- übernehmen. Rückzahlung des BezugsgekdeS oder Ansprüche wegen etwaiger nicht ordnungsmäßiger Lieferung ist ausgeschloffen. Postscheck­konto Frankfurt a.W. Nummer «SSL

Weitere Vemühmgen um das Kabinett.

Kuckuckseier.

Der verwilderte Reichstag.

DaS Kuckucksei ist der Störenfried vieler friedlicher Vogelnester. Arglos wird es mit ausgebrütet, und wenn der junge Kuckuck ausge- schlüpft ist, macht er sich bald in unliebsamer und uirbcrechtigter Weise breit und w.rst schließ, lich, wenn er kann, seine Mitbewohner nach -Raufboldmanier aus dem Nett. Der deutsche jReichstag hat in seinem Maien-Nest einen Haufen solcher Kuckuckseier ausarbrütet, und die Neulinge geberden sich wie die schlimmsten ihrer Art. Wenn die Kommunisten genug Selbster­kenntnis und Witz besäßen, würden sie ihren Sowjetstern mit einem Kuckuck verzieren. Nuit meinen vielleicht viele Leute, der Reichstag sei eine ernst; Körperschaft, mit der man reine Scherze treiben dürfe O nein. Die Kommu- nisten bemühen sich ja täglich, dem deutschen Michel zu zeigen, daß der Reichstag nicht ernst zu nehmen ist, nachdem sie in verbrei­teter Front eingezogen sind.» Wenn in dem einstmalshohen Hause" Katzenkonzerte veran­staltet werden, wenn Trillerpfeifen zwitschern, Kindertrompeten mit Autohuppen wetteifern, wenn Gebrüll aus likörbefeuchteten Kehlen dröhnt und Pultdeckel in rhythmischem Donner klappern, dann kann von Ernst keine Rede mehr sein. Sie geben ja selbst zu, daß sie ein er­sprießliches Arbeiten unmöglich machen wollen. Deshalb hintertreiben sie jede ver­nünftige Absicht aus Prinzip, sogar wenn dieses Verhalten ihnen und dem Teile des Volkes, den sie zu vertreten behaupten, Schaden bringt Kein Wunder, denn sie Han- dein im Auftrage fremder Elemente, auf Befehl der Sowjetrussen

Einst wurde im Reichstage auf gute Sitte und Anstand gehalten, und der p a r l a m e n - <arischeTon war Maßstab für gutes Beneh­men in der Oefkentlichikeit. Mit der Revolution ist auch diese Tradition Wer Bord geworfen worden imd die arme Republik krantt nun an der .freiheitlichen" Errungcnfchaft, hi- den Parlamentarismus zu Grunde rich­tet. Das ist eine Tragik. Die Idee, die etwas Besseres erstrebte, zerreißt an der eigenen Neber- spannung. Hal sich der Reichstag schon in der lebten Session durch die Parteizersvlitterung als arbeitsunfähig erwiesen, und haben die Neu­wahlen darin keine wesentlich« Aenderung ge­bracht. so tritt als weitere? Hindernis die Stö- rimgsrokonne hinzu. ES ist wohl selbstverständ­lich, daß die Arbeiterschaft, die eine wirkliche Bestenina der Verhältnisse wünscht, mit bei Radanszenen im Reichstage nicht einverstanden ist. Denn auf diese Weise wi'd das. was die kommunistischen Führer vor den Wahlen ver­sprochen haben: Brot kür die Armen, Bekämp- fintfl der Arbeitslosigkeit, nicht erreicht. Jrn sittgenteil, je mehr die zersetzenden Elemente im Reichstag» das ernste parlamentarische B e r a - ten und Schaffen hindern, desto grö- 6er wird die Rot der Volkes.

Man stelle sich nur die Folgen vor. Wir sind in unserer Wiedeoausbauarbeit in weitestem Maße vom A u s la n d e abhängig und brauchen daS Vertrauen der ausländischen Anleihegeber. Dvs können wir ftber nur erringen durch Be­kundung des ernsten Willens zu schöpferischer Tätigkeit. durch Ordnung im Innern. DaS Ausland gibt aber keinen Pfennig, torm eS sieht, daß der Reichstag nicht imstande ist, onsbauende Arbeit zu leisten. Da sitzen nun die fremden Diplomaten in ibren Reichstags­logen und sind Zeuge widerlicher Sienen. wie sie frKber nur in Parlamenten unkultivierter Staaten vorkamen Rach ihren Berichten bildet sich die Volksmeinnng in den fremden Ländern, tmd ko kommt zu dem Vertrauensmangel noch der Spott Wer da?unmündige deutsche Parla­ment". In ausländischen Zeitungen sind schon verächtliche Aeußerunaen zu lesen. Man be- mertt dort auch mit Mißfallen daß dem Reichs­tag eine gewisse Reike fehlt. In frühe­ren Reichstagen war festzikstellen, daß etwa Zweidrittel der Abgeordneten daS fünfzigste Le- t>ens!abr überschritten batten, wogegen der ietzige Reichstag in der Mehrheit aus jüngeren Abgeordneten besteht. Mag man sich in man­chen Lebenslagen und in manchen öffentlichen Einrichtungen über eine Verjüngung freuen, so ist sie in solchem Ausmaß, wie eS jetzt offenbar wird, in einer Körperschaft, die die oberste Ver- tretimn des Volkes ist und das Allgemeinwohl berbeisühren und wahren soll, nicht angebracht, denn die Unbesonnenheit bat jetzt die Oberhand. Auch diese Entwicklung hängt mit dem Zeitgeist zusammen, der der Unerfahrenheit der Jugend zu viel Spielraum gelassen falt

Durch das .Besserwissen" und die Resvekt- losigkeit der Jugend ist aber in den letzten Jah­ren so viel verdorben worden, daß sich bereits eine Umkehr und ein Selbstbesinnen im deutschen Volke stark zur Geltung bringt. Der fchäumende trübe Most ist schon am Vergären, "nd eS beginnt eine Klärung, die doch zu neuen Hoffnungen berechtigt. Tie natürliche Entwick­

lung gleicht alles wieder aus. Schädliche Ueber- treibungen werden wieder auf ein vernünftiges normales Maß zurückgeführt, und so ist auch da­mit zu rechnen, daß die rauhen Unebenheiten im parlamentarischen Getriebe, die den geregel­ten Gang stören, mit der Zeit abgefeilt werden. Erweist sich das störende Material als zu hatt, dann müssen stärkere Feilen angewendet werden. Das Räderwerk der Zeit steht nicht still, und mtt der Zeit schreitet die Vernunft l K. F. D.

Noch keine neue Negierung.

Weitere Besprechung bei Reichspräfidenten.

(Eigener Drahtberichl.)

Berlin, 31. Mai.

Durch den Verzicht der Deutschnationalen, in ein Kabinett Marx einzutreteu, ist die innen» Politische Krise wieder auf ihren Stand vor acht Tagen zurückqebracht. Den in inrlamen- iarisch und demokratisch regierten Staaten üb­lichen Weg. der dem Führer der stärksten Partei ohne weiteres die Regierung überläßt, wie es jetzt auch in Frankreich geschieht, wird Reichs- prüstdent Ebert nicht gehen. Eine Rechtsregie- rung würde sofort, wie aus der Rede des frühe­ren Justizministers Emminger in Wtünchen tt> sichtlich ist, die Rechtsgültigkett der Reichspräsi­dentschaft Eberts nachprüfen und wahrscheinlich verneinen. Wie um Mitternacht gemeldet wird, hat Reichspräsident Ebert für heute vormit­tag den Führer der Zentrumspartei, Fehlen- bad), zu einer Besprechung bitten lassen.

JJarx sucht UrtfUr.

Berlin, 31. Mai. (Privattelegramm.) Mit der deutschnationalen Entschließung. von der Reichskanzler Dr. Marx sofort in Kenntnis ge­fetzt wurde, sind die Verhandlungen zwi­schen ihm »nd den Deutschnationalen auf Bil» düng eines großbürgerlichen Kabi­netts als endgültig gescheitert anzusehen. Gleichwohl betrachtet Dr. Marx seinen Auftrag nicht als erledigt. Er hat für heute auch Vertre­ter der Sozialdemokratie zu sich geladen. Von Zentrumsseite wird betont, daß der Auftrag des Reichspräsidenten an Dr. Marx allge­mein auf Bildung eines Kabinetts lautet und nicht auf ein solches ans bürgerliche» Parteien.

*

Sin voWvarMllitzrr Vorschlag.

Berlin, 31. Mai. (Eigener Drachtberilbt.) Nach einet Meldung desLokalanzeigers" hat sich der Führer der volksvarteilichen Fraktion, Dr. Scholz, gestern spät abends mit dem Reichskanzler Dr. Marr zusammen zum Reichs­präsidenten Ebert begeben, und diesem den Bor- srlssag gemacht, daß Herr Ebert nunmehr ein Mitglied der deutschnationalen Fraktion selbst mit der Res'.ernngsbildung betrauen möge. Eine Mitteilung irgendwelcher Art über diese streng vertrauliche Unterredung ist nikA erfolgt. DarauS ist zu schließen, dtß die Unterredung im wesent- lichen einen rein orientierenden Charakter getra­gen hat, daß aber nochkeinBeschluß gefaßt ist und Marx seine Bemühungen fortsetzt.

Frankreichs Kabinettsfrag e.

Um die Beteiligung der Sozialisten.

(Telegraphischer Berickft)

Paris, 31. Mai.

Der Vorstand deS qeschäftssührenden Aus- kchuffes der radikalen Partei hat gestern beschlos­sen, noch heute durch einen Brief an Lson Blum die sozialistische Partei auszufor­dern. sich an der Regierungsbildung zu b e t e i l i g e n. Menn die sozialistische Partei daS Angebot annehme, wird ein Minimal-Pro­gramm festgelegt werden, daS unter anderem auch die Aufnahme der Beziehungen zu Rußland, vor allem aber die Berteidigung des französischen Franken enthalten werde. Falls Herriot die Mi- nisterpräfidentschast übernehmen sollte, wird er persönlich an der Bökkerbundversammiung im September teilnehmen. Die sozialjstisch- republikanische Partei (Paiulevo-Briandj hat gestern beschlossen, in eine enge Gemeinschaft mit der rechtsstehenden sozialistischen Pattei (Brunet) zu treten. Die Pattei Briand wird an der gemeinsamen Sitzung der Linkspatteien am Sonntag mittag teilnehmen. Sie ist gewillt, sich den Beschlüssen, die im Laufe diese Be­ratungen gefaßt werden, zu fügen.

Herriot und Millerond.

Paris, 31. Mai. (Telegraphisch: Meldung) Der Abgeordnete Herriot hat zu der Frage Mil­lerand bereits am 21. Mai in der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses der radikalen Pattei unter anderem erklätt: Ich bedauere, daß gegen Millerand eine so heftige Kampagne be­trieben wird. Es ist verlangt worden, daß ich mit Millerand nicht in Verbindung trete und

daß ich c8 ablehnen sollte, mit ihm zu verhau, dein. Ich stehe auf einem ganz anderen Stand­punkt. Wenn Millerand mich mit der Kabinetts­bildung betraut, werde ich diese Aufgabe über­nehmen. Dir Frage Millerand kann nicht durch einen Partei-Kongreß unter völligem Ausschluß von Kammer und Senat gelöst werden.

Krrsis Japan-Amerika.

Zunehmende Erregung in Japan.

(Eigener Drahtbertcht.j

London, 31. Mai.

DieTimes" melden aus T o k j o: Die Lage hat durch die nach Washington gegangene japa­nische Note eine bedenkliche Verschärfung erfahren In Tokio finden Volksversamm­lungen statt, in denen in stürmischer Weise der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Amerika gefordert wird. Die Nichtveröffent­lichung der in Washington überreichten Note läßt auf ihren außerordentlich ernsten Inhalt schlie­ßen. Tic Manöver des Heeres und der Flotte in Japan sind abgesagt, die Einbe­rufungen werden jedoch fortgesetzt. Das Kabinttt hat den Führern der ReichStagspatteien Erklärungen abgegeben, wonach das ameri­kanische Einwanderungsgesetz eine Bedrohung Japans darstelle und wonach in Washington die vorläufige Sistierung des Gesetzes als japanische Mindestsorderung be- kaimtgegeben worden sei. Man sieht die Sage alS unverändert gespannt an, da em Nachgeben Japans nicht mehr in Frage kommen könne. Der japanische Kriegsministers hat am 26. Mai die beiden letzten Jahr es kl assen zu mili­tärischen Uebüngen einberufen. Auch der Moriittm.-iister hat alle Urlaube in der Flotte zurückgezogen. In Tokio ist cs am Dienstag zu ernsten Demonstrationen vor dem amerikanischen Botschaftsgebäude gekommen. Der japanische Reichstag tritt am 6. Juni zusammen.

* töt

Der japanische Einspruch.

P a r i s, 31. Mai- (Telegraphische Meldung) Havas veröffentlicht ein Telegramm ans Tokio, demzufolge das japanische Kabinett am 28. Mai beschlossen hat, bei der Regierung der Bereinigten Staaten in folgender Form offiziell Einspruch zu erheben: ..Japan hat mehr als zehn Jahre hindurch die Bestimmungen des Gentleman-AbkommenS «nd die Einschrän­kung japanischer Auswanderung nach Amerika praktisch und sehr streng durch­geführt. Die Vereinigten Staaten haben nun­mehr auf Grund deS netten Ei-twandernngs Ge­setzes nicht nur die obengenannte Konvention auf­gehoben, sondern die Zulassung der Japaner na-ff Amerika auch völlig verboten. Das stellt offen- knndig eine Rechtsverletzung der Bestim­mungen des HandelsvettrageS zwischen Japan und Amerika, sowie der auf der Washingtoner Konferenz unterzeichneten Betträge dar." Bot­schafter Hanibara wird nach lieberreichimg düfes Protestes an die amerikanifche Regieninq die Er­laubnis erhalten, in seine Heimat zurückzukehren.

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Amerika verstürkt feine Flosse.

London, 31. Mai. (Telegraphische Mel­dung.) Aus Washington wird gemeldet: Das Repräsentantenhaus hat gestern nach einer hef­tigen Debatte gegen den Widerstand der vazifisti- ftgen Mitglieder des HauseS die von dem Abge­ordneten Butler beantragte Marinevorlage angenommen. Durch dieses Gesetz werden 111 Millionen Dollars für den Umbau von sechs Schlachtschiffen, den Bau von acht Kreuzern und sechs Flußkanonenbooten be­willigt. Die Bottage geht jetzt an den Senat.

Die Bergarbeiter arbeiten.

Kur die Kommunisten weigern sich noch. (Telegraphische Meldung.)

Bochum, 31. Mai.

Die vier Bergarbeitervcrbände erlassen einen Aufruf an die Bergarbeiter beS Ruhrreviers, in dem diese aufgefordett werden, die Arbeft ge­schlossen wieder aufzunehmen. Unter Hinweis auf die von den vier Bergarbeiterverbänden zu- rückgewiesene Generalstreiftmrole der Kommuni­sten und der Unionisten werden die Bergarbeiter «mahnt, auch in Zukunft nur de» von den Or­ganisationen ausoegebrnen Parolen zu folgen. Für die Fortsetzung des Streiks treten nur noch die Kommunisten ein. Nach einer Mittei­lung der Zechenverwaltung hat sich fast überall schon die Hälfte der Belegschaften zur Arbeit ge- meldtt. Die gestern abend stattgefundene Sitzung der Betriebsräte des Ruhrkohlenreviers in Essen hat auch den neuen Ruhrschiedsspntch abgelehnt. Die Gewerkschaften wollen Dienstag dazu Stellung nehmen. In Essen, Duisburg und Hamborn wiederholten sich gestern abend die Zusammenstöße der Polizei mit den kommuni­stischen Demonstranten.

eommerfrlfcöen.

Die Kinderhilfe des Auslandes.

Da sich in den kommenden Monaten di« Frrienreikea wieder mehren, ist es be­achtenswert, datz viele Länder im Süd. oste» und Norden dentsche Kinder znm Erhoiungsansenthalt aufnehmen.

Nach einem barbarisch kalten Winter wan- dem jetzt mit den warmen Tagen die Gedanken in die Zeit dergroßen Ferien", diesen für di« Erwachsenen tote für die Kinder schönsten Teil des Jabres. Das WunderwortReisen" öffnet die Seelen und füllt sie mit Sonne. Licht und Lust. Ist es nicht die wahre Kinderzeit, wenn die Vergrämten, Müden, Matte» all den All­tagsdruck abfchütteln und frei, für ein paar Wo­chen frei, wieder leben dürfen, wie sie es möch­ten und wenn die Kinder, die in Schulbänke und Häufermaucm der Großstadt eingepfercht waren, hinausziehen an die See und ins Ge­birge ? Das Rote Kreuz vermittelt die Aus­sendung deutscher Kinder ins Ausland, Dieser Aufenthalt dauert in der Regel für je­des Kind drei Monate und erstreckt sich über das ganze Jahr. Am lebhaftesten betätigte sich in der letzten Zeit für die Aufnahme deut­scher Kinder unser Bruderland Oesterreich. Der Drang, sich an der Kinderhilfe tatkräftig zu beteiligen, setzte hier so stürmisch ein, daß man die eigenen Energien und Mittel doch wohl überschätzt hat. Von Ottobec 1923, aI8 Oesterreich mit der Aufnahme deutscher Kinder begann, bis Ende 1923 wurden etwa sechstau­send Kinder, seitdem durch dasRote Kreuz" achttausendfünfhunndertzweiundflinszjg Kinder, in Oesterreich untergebracht. Die Gesamtzahl der nach Oesterreich- ge*'-# idten Kinder ist aber überhaupt nicht «e.räu feststellbar, weil die Auf­nahme ;uni Teil durch private Organisationen sich vollzieht, und sicherlich sind noch bedeutend mehr Kinder als durch die genannte Zahl erfaßt werden, in Oesterreich zur Erholung gewesen oder noch drüben. Der Vorgang, der zur Auf­nahme führt. läuft meist in der Form ab, daß entweder die Regierung selbst (zum Beispiel die niederösterreichische Landesregierung) oder be­stimmte charitative oder berufliche Verbände sich an die entsprechende Organisation in Ber­lin wenden mit der Mitteilung, datz eine be­stimmte Zahl von Familien Kinder amzunehmen wünscht; damit wird in dec Regel eine Angabe verbunden, wie alt, welchen Geschlechts und welchen Herkommens das Kind sein möge. ES kommt auch der Fall vor, daß die Wunsche bet ausnehmenden Familien noch weitergehen, et­wa dahin, der Vater deS KindeS sollte rom gleichen Beruf sein, tote ihn der Pflegevater ausübt, eine Forderung, die ost nicht leicht zu cintUcn ist, zum Beispiel wenn das Kind ein Mädchen, neun Jahre alt und tunlichst Tochter eines Weichenstellers fein soll. (Derartiges ist jungst tatsächlich voraekommen.) Auch. Sa eS gilt, die Kinder unseres ganzen Vaterlandes gleichmäßig zu verteilen, stößt man zuweilen auf Hemmungen; zum Beispiel wollen die Oe­ster r e i ch e r am liebsten . . . Berliner Kinder; offenbar, weil das lebhafte, zutrau­liche Wesen (mitsamt dem etwas vordringlichen Munde) des Berliner Kindes im Tempeva« ment deS Wieners am meisten Anklang findet. Dänemark, wo das Faelleskomitee in Ko­penhagen unter der Leitung des Reichstagsabge­ordneten I. P. Nielsen seit Kriegsende in vorbildlicher Weise für die deutschen Kinder tätig ist, hat bisher etwa vierzigtausend Kinder ausgenommen. Im ersten Vietteljahr 1924 wur­den allein dreitausend Kinder hinübergeholt (im ganzen Jahre 1923 hingegen fünftausend Kinder!). Mit den großen Ferien wird ein neuer Transpott Eingeladener nach Dänemark ziehen. Schweden hatte in den letzten Jah­ren, offenbar eine Folge wirtschaftlicher Schwie­rigkeiten im Lande, keine Einladungen mehr ergehen lassen. Neuerdings ist aber das schwe­discheRote Kreuz" mit der gleichen Organisa­tion in Deutschland wegen der Neuausnahm« von Kindern in Verbindung getreten. Es darf angenommen werden, daß sich die Einladungen auf fünfhundert bis tausend Kinder erstrecken. Daneben laufen die Einladungen einzelner Kin­der, dir bereits früher in Schweden waren. Nach Rumänien, und zwar nach den deutschen Kolonien des Banats, konnten im vorigen Jahre zwölfhundert württembergifche Kinder mit bestem gesundheitlichen Erfolge geschickt werden. In diesem Jahre liegen über viertau­send Einladungen vor; es ist indessen noch un­sicher, ob ein so großer Transport auf eine der­artige Entfernung Zweckmäßig fein wird. DaS gleiche gilt für mehrere tausend Einladungen aus Jugoslawien. Der vom Verein für das Deutschtum im Auslande ein­gerichtete Kindettransvott nach Siebenbür­gen ist daneben ein besonderes Werk der Kasseler Abteilung. Die Vorbereitungen für die diesjährige Fahrt sind jetzt wieder im Gange. Nach Holland werden durch Ver­mittlung der .Niederländischen Zentrale für