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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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9!AMMer 157» Einzelnummer iLPf, Sonntags 15 Pf.

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Sonntag, 6» Inli 1924.

Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf. 14» IaHkgÄtt

Streit vor der Londoner Konferenz.

Die Belastung.

Deutschland als Beute der Alliierten.

Die deutsche Regierung ist gegcnwär- ftg an der Arbeit, die Gesetzentwürfe ser- ttgzustellen. die die Grundlage für die Durch­führung -er Sachverständigen-Gut- achten fein sollen. Und zwar soll ihre Be­ratung im Reichstag so beschleunigt werden, daß sie noch vor der Londoner Konferenz verabschie­det werden, denn, so erklären die Alliierten, die Konferenz werde nur stattftnden, wenn Deutsch­land die absolute Gewähr für die Durchführung der Gutachten gegeben habe. Darin liegt wieder ein unerhörter Zwang, wie ihn nur Erpresser ausüben. Deutschland soll sich erst verpflichten, zu allem Ja und Amen zu sagen, dann steht es noch im Belieben der Alliierten, genau ge­sagt: Frankreichs, ungewiffe Aenderungen vorzu­nehmen. Aber es scheint, daß wir schon so Wil­lenlos sind, daß wir mit Vorbehalt alle feind­lichen Forderungen annehmen und schließlich auch die Vorbehalte fallen lassen, so wie die Alliierten es befehlen. Und das alles, um un­fern guten Willen darzutun. Nachdem wir die Gutachten durchzusühren versprachen, haben wir auf Frankreichs Forderung bte V.'r röter im besetzten Gebiet sreigegeben und schließ­lich auch die Schikane der verschärsten Willi ör« kontrolle aus uns genommen. Wenn wir nun glauben, endlich die maßlose Gier der Franzosn gestillt zu haben, dann kommt von Paris die Meldung, Deutschland entziehe sich noch immer seinen Verpflichtungen, denn Versprechungen seien noch keine Garantie, und die Franzosen müßten sich selbst ihre Sicherheit schassen, das heißt, Deutschland noch mehr a u s p r e s s e n.

Frankreichs Maßlosigkeit, die trotz der sozia­listischen Regierung Herriot ebenso weitgehend ist wie un er Poincare. fällt den Engländern schwer auf die Nerven. Nicht etwa, weil man in London um das deutsche Volk besorgt wäre, sondern weil England die Vorherrschaft Frank­reichs in Europa als gefährlich ansieht. Durch die ' Veranstaltung von Konferenzen suchen die Beiden sich gegenseitig in Schach zu halten Als jetzt die Einladungen zur Londoner Kon ferm; versandt wurden, bat das britische Auswärtige Amt den Mächten außer Frankreich die Einlrduu- gen gesandt und daneben den britischen Vwi ce­tera ein M emorandum zugehen lasten, um sie vom Zweck der Londoner Konferenz zu unterrichten. Darüber ist man in Paris sehr erbost, weil man darin eine einseitige Beeinflussung erblickt. Die Engländer erklären aber, sie hatten die Ein­ladung an Frankreich zu senden nicht für nötig gehalten, weil ja Herciot den Ansichten Macdo­nalds in Cheguers zu gestimmt habe. Es ist nicht zu verkennen, daß bereits eine englisch- franzölsische Spannung vorhanden «ft, zumal in dem englischen Memorandum von einemneuen Organismus" die Rede ist, der unabhängig von der Reparationslommission im Falle einer Versäumnis die Verschuldung Deutschlands feststellen soll".

Die Franzosen geb erd en sich noch wilder alS vorher und sie erdenken sich alle möglichen Schi­kanen, die sie dem deutschen Volke alsFesseln anlegen können. Dabei erheben sie ein großes Geschrei, daß Deutschland keinen Versöhnungs- Willen zeige. Mau mag sich auf einen sehr weit- herzigen demokratlschen Standpunkt stellen und wird doch vergebens danach suchen, was Frank­reich getan hat, um eine Verständigung herbei- Mführen. Mit billigen Phrasen, Monsieur Her­riot. ist nichts getan! In Wirklichkeit tut Frank­reich alles, umunS zufchaden. Die Verkä.t- gerung des Micumabkommens ist darauf gerich­tet, die Industrie im besetzten Gebiet völlig zu­grunde zu richten. Denn die deutschen Jnvu- striellen dieses Zwangsabkommen, das soeben nft erneuert wurde, schon wieder zum 31. Juli ge­kündigt haben, bann geschah es aus der erschöpf­en Lage Herons. Die angekündtgte Rückkehr der AuSg--wiesencn, die heuchlerisch vom »binett Herriot als Beweis der Menschlichkeit ons- posaunt wurde, wird durch das brutale Vor- gehen der französischen Besatzungstruppen un­möglich gemacht. Wohnungen werden fortgrnom- men und von den Zurnckkehrenden wird ein Eid XTfangt, der sie zum Gehorsam der Besatzung gegenüber verpflichtet. Weiter wird dann die Feier des französischen Nationaltaaes (am 14. Juki) im besetzten. Gebiet am bombastische Aus- rtachung zur Verherrlichung der Unterdrücker in­szeniert.

Auf diese Weise treiben die Franzosen das deutsche Volk zur Verzweiflung. Man fragt sich, wie lange die Schmach noch dauern soll. Wun- iern muß man sich über die U n t ä t i g k e i t der Snglänber, die das französische Kriegsrusten chne Einwand geschehen Ionen. Auch sic müssen och erkennen, daß die von Paris vorgetä-sch e ft vor deutschen Angriffen nur plumpe Svie- aelfedjtciei ist. Da Deutschland in seinem völlig

der Hand, daß Frankreichs Rüstuntgseifer nur bezweckt, gegen englische bewaffnete Einmischung gesichert zu sein. Das Opfer dieser Politik 5ft äber Deutschland. Wenn auch bte Londoner Konferenz an diesen Tatsachen blind vorüber- geht, dann ist sie eine ebenso frevelhafte Komödie wie die früheren. K. F. D.

Der Entente-Verdruß.

Um das britische Memorandum. (Telegraphische Meldung.)

PES, 5. Juli.

Zur Frage deS englischen MeuUtnndums über die Londoner Konferenz schreibtMatrn", wenn b«S französische und englische Kabinett nicht da­zu gelangten, ihre Ansicht vor der Konferenz auszugleichtn, dann würden sie bei devKonferenz sicherlich nicht dazu gelangen, vielmehr setze sich Frankreich der Gefahr eines Kullert iv- btudeS und einer Art Isolierung aus. Dann sei die augenblicklich Lage vorzuziehen. London und Paris sollten sich daher entweder schon fetzt einigen oder die Konferenz au eine bessere Zeit vertagen. Obwohl die Ver­tagung der Konferenz ungelegen käme, fei eS noch bedenklicher, die augenblickliche Politik fort» Metzen und die ganze Wett zum Schauspiel ei­nes neuen französisch-englischen Bruches ein­zuladen. Frankreich müsse für den Fall einer deutschen Verfehlung Garantien erhalten, bevor es die Pfänder aufgebe, die es in Händen halte. Eine dieser Garantien sei dir von Mar- donald in Ehegueres angebotene Hilfe aller britischen Kräfte, wenn Sanktionen notwendig würden. Die Forderung desMatin" klingt aus, die Sachverständigen und die Diplomaten beider Mächte massen sich bis zum 16. Juli juf eine gemeinsame Formel einigen und zunächst eine Vorkonferenz stattfinden lassen. An­dernfalls sei es überflüssig, auf einem öffentli­chen Platz ein öffentliches Rededuell und einen vollständigen Bruch zu organisieren.

MHr grsunvrn.

Paris, 5. Juli. (Telegraphische Meldung.) Ministerpräsident Herriot hat im vereinigten Kammerausschuß für auswärtige Angelegenhei­ten und Finanzen gestern nachmittag erklärt, dass er nach Schluß beS gestern vormittag abgehal- tcnen Ministerrats eine Rote an hie englische Re­gierung gerichtet habe des Juhans, die fran- zvsische Regierung betrachte sich nicht gebunden durch die Anregungen, die die englische Regierung gleichzeitig mit der Einla- düng zur Londoner Konferenz an die alliierten Regierungen gesandt habe.

Das GMachten-VroMsm.

Fragen im französischen Kammerausschuß. (Telegrcchhische Meldung.)

PariS, S- Juli.

Als gestern Ministerpräsident Herriot im KammerauSfchuß seinen Standpunkt über die auswärtige Politik und daS Sachverständigen- Gutachten dargelegt hatte, wurden ihm verschie­dene Fragen gestellt, in erster Linie von dem Abgeordneten Klotz, der nähere Angaben über den rechtlichen Charakter der Verpflichtungen aus dem Dachverständigenbericht verlangt. Fal­len diese Verpflichtungen nach der französischen Auffaffnng unter den Rahmen des Friedensver­trages oder nicht. Welckes Organ soll die etwai­gen Verfehlungen Deutschlands feststellen und welche Santtionen werden diese Verfehlungen *ur Folge haben. In welchem Zeitpunkt begin. neu (!) die Besetzungsfristen für das linke Rheinufer zu lausen? Herriot erklärte, er wolle in einer späteren Sitzung auf diese Fragen ein­gehen, wenn die Senatsdebatte über die aus­wärtige Politik seine Zeit nicht mehr in An- sprach nehme. Briand ersuchte, Herriot, die Verhandlungen von Cannes über den Abschluß eines Garantiepaktes wieder aufznnehmen. Her­riot antwortete, er habe Anstrengungen in die­sem Sinne gemackit. Aber man müßte bedenken, daß sich die politische Lag? seit 1931 wesentlich geändert hafte. Franklin Bouillon wies barattf hin, daß ein etwaiger Garantiepatt sich nicht auf hie Westgrenze Deutschlands beschränken dürfte, sondern das gesamte europäische Statut ejn- chließlrch Polen garantieren müsse.

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2hn 1. Oftvder in Äraft ?

Paris, 5. Juli. lPrivattflegramm) Wie der _®latin" meldet, ist mit hem Inkrasttre­

ten der Sachverständigenberichte in Deutschland erst zum 1. Oktober zu rechnen. Der vom deutschen Reichskanzler empfangene Sena­tor M e y e r - H a r d i n g gab dem Vertreter der World« Mitteilungen über seine Unterredungen im Kanzler-Balais. Der Senator erklärte sich von dem unbedingten Erfüllungswillen Deutschlands überzeugt, der Kanzler habe aber die Befürchtung geäußert, daß wenn Deutschland die Leistungen der Sachverständigen- Gutachte» nicht erfüllen könne, auch der letzte Rettungsanker vergebens aufgeworfen wäre. Das deutsche Ratioualvermögen sei heute ungefähr auf den Stand vom Jahre 1865 zurückgegangen.

Hochverrats-Verfahren.

Die Durchsuchung der kommunistischen Räume.

(Eigener Drahtberichi.l

Berlin, 5. Juli.

Neber das Ergebnis der polizeilichen Durch­suchung der kommunistischen Fraktions­räume im Reichstag und im Preußischen Land- tag (siehe zweite Seite) hat noch gestern abend der in Berlin eingetroffene Reichc-anwalt dem RcichSirrstizminister Bericht erstattet. Wie verlau­tet, schweben zurzett beim Reichsgericht über vierzig Hochverratsversahren gegen kommunistische Parteiführer, die soweit vorge­schritten sind, daß gegen eine ganze Anzahl Reichstagsaftgeordnetcr das ArrSliefernngs- begehren des Reichsgerichts beim Pleniun des Reichstages bevorsteht. In Verbindung mit dem Vorgehen gegen die kommunistische Reichs tags- und Landtags-Fraktion ist seit gestern eine strenge Kontrolle der nach dem Osten fahren­den Züge und ebenso derFlugverftinv « n- gen nach dem Osten ei,«geführt. Auf den Ber­liner Flugplätzen erschienen gestern nachmittag Beamte der politischen Polizei, um die nach dem Osten bestimmten Flugzeuge vor ihrem Aufstieg auf die Anwesenheit von kommunistischen Fahr­gästen zn kontrollieren. Rach einer heute srüh aus Leipzig vorliegenden privaten Meldung han­delt eS sich bei allen Fällen, die zu der Durch­suchung im Reichstag und im Landtag geführt haben, nicht um den Versuch des Hochverrats, sondern um vollendeten Hochverrat.

Die Anfcvuivigungen.

Berlin, 5. Juli. (Telegraphische Meldung) Anläßlich der Durchsuchung der kommunistischen Fraktionsräume wird in parlamentarischen Krei­sen daran erinnert, daß der ReichStagsabgeord- nete Löbe als Berichterstatter des Grschäftsord- nungS-AuSschusses in der Vollsitzung des Reichs­tages vom 3. Juni eingehend über das Straf- verfahren wegen Hochverrats gegen die Mitglieder der Zentrale der K. P. D. berichtet hat. Rach biefem Bericht ist ber Gegenstand der Anschuldigungen im wesentliihen folgen- bet: Bildung proletarischer Hundert- ch a ft c n in allen Teilen deS Reiches zur Durch- ühning eines bewaffneten Umsturzes, Sicherstellung von Waffen, Sprengstoffen und Handgranaten Vorbereitung von Sprengstoff- Ättentaten, Einrichtung von Entgleisungs­kolonnen, Zersetzung von Reichswehr und Polizei, Bildung von Terrorgruppen in allen Teilen des Reiche- zur Durchführung eines bewaffneten Umsturzes, und Einrichtung der br- rettS in Tättgkeit getretenen Mordorgani- ationTscheka" zwecks Beseitigung von Par- eiverrätern und prominente» Gegnern. Auf Grund dieses Materials hat der Reichstag sei­nerzeit die Anträge auf Haftentlassung der lom munistischen Abgg. Pfeifer und Lindau abgelehut.

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Beschlagnahmte« Material.

Berlin, 5. Juli. (Privatteleqraimn.) Die Blätter veröffentlichen eine Mitteilung, wonach die Durchsuchung der kommunistischen Fraktions­zimmer tut Landtag vom Untersuchungsrichter icS StaarsgcrichtshofeS, Landgerichtsdirektor Bogt, persönlich geleitet wurde, während sie im Reichstag von einem Landgerichtsrat überwacht wurde. Das im Verlaufe der zweistündigen Durchsuchung beschlagnahmte Material besteht hauptsächlich aus Briesen von teilweise ehr erheblicher Länge, dir anschemend bestimmte Berichte aus den verschiedenen Bezirken und Ant­worten auf die Anweisungen der Patteizentrale und der Moskauer Instanzen enthalten. Tie Prü­fung der zahlreichen beschlagnahmten Schrift­stücke durch Landgerichtsdirektor Vogt dürste ge­raume Zeit in Anspruch nehme«.

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DieBktklrbSkgt?" protestieren.

Kerlia, 5. Juli. (Privattelegramm.) Die Zentrale der ©erhner Betriebsräte har für Montag nachmittag eine Sitzung der Berliner Betriebsräte einberufen zur Besprechung über eine gemeinsame Aktion gegen das polizeiliche Vorgehen im Reichstag und im Landtag. Roch gestern abend forderten in den Industrievierteln Handzettel das Proletariat auf, zum Protest o"f die Sttaß: zu gehen. Die Verteiler der Zettel wurden polizeilild feftaetteflt

Russisches Glend.

Das furchtbare Los der Frau.

Ser ruffifchc Schri.rfteUer Fett- «<t»6 Sffe#- dowsth schildert in feinem neuen -Stich Schatten des Dunzien Osten«-- die schreck­lichen sozialen Zustände. Wie die grau un­ter »ent «ommunismus ent e'r/ct und »ist. handelt wird, geht au« einem Kaufte! hervor. Jetzt, da die Frau während der Sowjetregie, rung dieRechte eines Menschen und Bürgers" erhalten hat, ist sie aus dem Rahmen ihres Fa­milienlebens gerissen, mitsamt dem Manne zu schwerer Arbeit gezwungen, in den Strudel hineingeworfen, in welchem die Män­ner die Achtung vor dem Weibe immer mehr verlieren und sie allmählich zu einer sozialisierten Frau werden lchscn. Das Dekret über dieSozialisierung des Weibes", das die Sowjetregierung nicht veröffentlichte, ist von selbst ins Leben, das die Sowjets geschaffen haben, getreten. Die Frau, ber Familie, der moralischen Obhut des Vaters, Mannes oder Bruders beraubt, ist gezwungen, ihre Kinder, da sie keine Mittel und Zeit bat, sie selbst zu er­ziehen, in die Kindererziehungs-An­stalt der dritten Internationale zu geben, wird allmählich über die veraltete Lehre der Moral enttäuscht,

verliert die Achtung vor der Frauenwürde, imterwirst sich den Vorschriften des unveröft'ent- lichten Dekrets, dessen Bestehen die ganze Welt em Dörte und in Aufruhr versetzte. Die Welt Weih aber nicht, daß dieses Dekret in der vollsten Genauigkeit praktisch in das russische Leben ein- geführt war Auf dem Lande wiederum sehen wir ein fürchterliches Benehmen der betrun­kenen oder halbwilden Männer rh-cn Frauen gegenüber, wobei die abscheulichsten Schimpfworte, Schlägereien, die manchmal töd­lich verlaufen, an der Tagesordnung sind. So siebt das Leben der bäuerlichen Frau in Ruß­land auS! Die Kinder verlieren dabei jede Achtung vor ber Mutter, wollen ihre moralische Würde und Uebermacht nicht an­erkennen, und, erwachsen, pflegen sie die Mutter zu beschimpfen und manchmal zu schlagen, so wie­sle es vom Vater, dem Oberhaupt der Familie und ihrem Herrn, wahrend des ganzen Lebens gesehen haben. Man muß doch bemerken, daß nirgends em so großer Zwiespalt zwischen Kindern und Eltern bestehl, rote es in Rußland der Fall ist. AlS ich im zaristischen und dann in Sowjetrußland lebte, hatte ich mrnche Gelegenheit, diesen

moralischen Verfall der Jugend zu beobachten. Keine Worte stehen mir zur Vtt- fügung. um dieses fürchterliche, verbrecherische Leben dieser Jugend, voll niedrigen Schmutzes, welches für die russische und die ganze Mensch­heit so gefährlich ist, zu beschreiben, dieser Ju­gend, die einmal die jetzige Generation in Ge­sellschaft und SAmtsleben vertreten wird. Die ruffiime Regierung hat sich nie Mühe gegeben, in die Tiefe der Dolksmassen einzudrtngen. Fast wie eine Anekdote mutet es an, wenn man den Artikel des bekannten russischen Publtztston Kon- durischkin liest, ber im Jabre 1917 sensationelle Nachrichten über die Z u st ä n b e tn ben Dör­fern und Siedlungen im europäischen Rußland und Sibirien brachte, wo man bis da­hin noch keinen Vertreter ber Regierung, ebenso­wenig wie ber Kirche gesehen hatte. So geschah cs denn, baß aus diesen Dörfern und Siedlungen uralter Aberglauben, Vorurteile, Verherungen bei den im allgemeinen unwissenden Und zu

Mystizismus neigenden Volksmaffen rasch an Verbreiung gewannen und sich festsetz» ten, damit ben Anschein mittelalterlicher, elemen­tarer Romantik mit ihren primitiven unchrist- lichen unb unkulturellen Formen erweckend. Wie können wir sonst solche Ereignisse verstehen, an die ich mich genau aus meinen Jugenbjahren er­innere? Im kleinen Städtchen Borowitsch im Rowgoroder Gouvernement lebte ein alter Mann, Picfla mit Namen, von Geburt ein Idiot, mit einer religiösen Manie behaftet. Dieser alte, magere Greis pflegte ©Omaner und Winter in einem alten, schmutzigen Leinenanzug herumzugehen, ohne Schuhe und ohne Hut, und lundenlang vor jeder Kirche hin und her zu wandein, sich vor jedem Heiligenbilde zu bekreu­zigen, dabei irgend welche spaßhaften Liedchen sinaenb unb mit ein paar Holzstücken, die er sich in die langen verwirrten Haare am Kopfe itnb in ben Bart 6ineinaei"fec?t batte, spielend. Scha­ren von Buben unb Mädchen Hfl'en ihm immer, zupften an seinem Barte und an den Kleibern, bewarfen ikin mit Steinen und lachten ihn aus. Pietm lief den Kinbern davon unb belustigte sie noch mehr durch seine hohen Sprünge, sie damit zu immer größeren, manchmal zu boshaften und oronft.men Späßen veranlassend. Eines Tage? fief Bictia, um seinen jungen Quälgeistern zu entkommen. aus ber Stadt und verbarg sich in einem großen Heuschaber, aus welchem er Laute eines heulenden Hundes von sich aab. Da die Kinder Pietia zum Verlassen des Heuschober? nicht zwingen könn en, sind sie eines nach dem anderen in die Mitte des Heuschobers hineincn-