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Meier Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Son«tag, 27. Juli 1924.

besonders!c ®efd)äft8fte!

Nummer 175. Einzelnummer 10 Pf.. Sonntags 15 Pf.

Ginylninmnet 10 Pf . Sonntags 15 Pf. 14. Jahrgang

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London im Schlepptau Amerikas.

Goll und haben.

Unsere Aussichten für dir Londoner Konferenz.

Die Blicke der ganzen Welt sind aus des welthistorische Schauspiel auf der Londoner Bühne gerichtet, von dessen Ausganz, man kann {ap sagen der Anbruch eines neuen weltwirt- chttstlichen Zeitalters erwartet wird. Leider bat in den fast zwei Wochen, seit der Vorhang sich hob, der hohe Rat der Staatsmänner die aus den Fugen geratene Welt noch nicht tni gering­sten einzurenken vermocht und sitzt schon jetzt nach den ersten Anläufen bis über die Ohren im ... Keldprodlem fest, das ja für Volk, Staat und Bürger noch immer das newus rerum und aller Weisheit Anfang und Ende ist. Soviel steht heute bereits fest, daß nicht, wie trotz fünf- zähriger Enttäuschungen immer noch harmlose Geinüter annahmen, zwei edle Seelen sich in Herzinnigkeit und tiefgewurzelter Einheitlichkeit der Auffassungen darüber unterhalten, wie man höchstes Gluck der Menschenkinder beraufführen könne. Ans der Bühne der Wirklichkeit stehen, durch die Weltanschauungsschminke und die ide­ologischen Mäntelchen nur unvollkommen ver­hüllt, die Vertreter zweier Völker mit sehr entgegengesetzten Bedürfnissen und Zielen Die Namen haben sich gewandelt, die Einstellung ist dieselbe geblieben.

Schon heute droht die Konferenz an dem zu Grunde zu gehen, woran sie vom ersten Tage gekrankt hat: an dem Fehlen auch nur der ge­ringsten gemeinschaftlichen Verbandlungsbasis. Allein der Zwang der Weltwirtschaft und die Verantwortung vor der drohenden Katastrophe eines chaotischen Zusammenbruches hat diesen letzten Versuch der Staatsmänner zur Einigung erzwungen. Sie alle sind svb über die Folgen dieses Zusammenbruches im klaren und darum spielen sowohl die wirtschaftlichen wie auch po­litischen Interessen letzte Energien gegeneinan­der aus.

Die Enthüllung der französischen Ansprüche bat nur bestätigt, daß die Konserenz auch heute noch keinen einzigen Schritt über den famosen moralischen Pakt hinausgeschritten ist, daß un­ter dem Zwang wirtschaftlicher Notwendigkeit'n selbst die frischgeleimte englisch-französische Freundschaft wieder in die Brüche zu gehen droht. Aber das eine Gute hat die Entwicklung doch gehabt: sie hat den Besprechungen der Alli­ierten ein ganz klaresProgramm gegeben: die Frage der Räumung, das Recht zu in­dividuellen Sanktionen und das Belassen einer belgisch-französischen Eisenbahner­truppe im Rheinland. Das sind die drei Punkte, in denen sich England, Frankreich and Amerika bisher noch nicht haben einigen können, und in denen eS einer etwa nach London be­rufenen deutschen Delegation möglich sein könnte, als Verhandlungsteilnehmer aktiv gestaltend mitznwirken. In allen anderen Fragen und das muß immer wieder betont werden, weil sie die nur für Deutschland wichtigsten sind i st die Einigung erzielt. Diese Einigung sollte nach der Berechnung der Politiker restlos erfolgt sein, aber durch eine vorzeitige Veröffrat- lichung der Beschlüsse des ersten Komitees sind die Finanzleute hellhörig geworden, haben die ganze Angelegenheit in die Oeffentlichkeit ge­zerrt, und dadurch die Diplomaten in die Zwangslage versetzt, aus den Entscheidungen für die beteiligten Länder Prestigefragen zu machen. Um aber wenigstens das Erreichte der Gesamtkonferenz unter Dach und Fach zu brin­gen und das ist im wesentlichen alles das, was die faktischen Leistungen Deutschlands in ihrem gesamten Umfange anbetrifft, so hat man durch die Formackfuristen einen Aus­weg finden lassen, der die Verhandlungen mit Deütfchland in zwei Abschnitte teilt.

Der juristische Ausschuß bat festgestellt welche Vorschläge der Sachverständigen mit dem Fne- densvertrag in Einklang zu bringen sind, und welche über die Bedingungen deS Versailler Ver­trages hinausgehen. Für die ersteren robb Deutschland eine .Mitteilung der Reva- rationskommission", also ein sogenann­tes Diktat zu erwarten haben, für die wei­tergehenden Beschlüsse ist die Unterschrift der deutschen Regierung erforderlich, und ledig­lich deshalb wird man Deutschland eine arg be­schnittene Diskussion dieser Fragen erlauben. Das ist der Sinn der neuen Einiqungsformel über die Einladung Deutschlands, daß es nicht nach London kommen solle,lediglich um em Diktat entaegenzunebmen*. Wenn das deutsche Reick wirklich als gleichberechtigter Ver­treter an der Konferenz teilnebmen soll, und das ist im Interesse seines guten Willens unbedingt erforderlich und schafft allein das Vertrauen für die Zeichner der deutschen Anleihe, so muß dos deutsche Reick nickt nur das Reckt baden, einige herausgesnchte Puntte nntergeordnet.'r Natur erörtern zu dürfen fmtbctn es muß die Freiheit haben, mit einem offenen Wort die Ker». Probleme des gesamten VerhandlunqS- komvleres von seinem Standpunkt aus zu be­leuchten und seinerseits seine Auffassung zur

VerhandlungsdiAkussion zu stellen. Dazu gehört vor allen Dingen auch die Frage: Geht der Sach- verständigenplan. der ja nur als Ganzes an­genommen oder abgelehnt werden kann, über den Versailler Vertrag hinaus oder nicht. Im zu­treffenden Falle hat dann Deutschland das un­bestreitbare Recht, den Sachverständigenplan als ein unteilbares Ganzes in Erörterung zu ziehen und braucht nicht die schwerwiegenden Teile des­selben als Diktat cmzunehmen.

Die Frage aber, w i e w e i t der Sachverstän- digenbericht über das Versailler Friedensinstrn- ment hinausgeht, kann ebenso wenig allein von dem Verhandlungsgeoner beantwortet werden, weil auch das bereits einem Diktat für den Gang der Verhandlung gleichkommt. Einefreiwillige Annahme" ist wie jede Wiederherstellung des europäischen Wirtschasts- und Staatensystems nur in aktiver Mitwirkung Deutschlands erreich­bar, nicht aber dadurch, daß man es nun ein­fach vor vollendete Tatsachen stellt.

Amerikas VermiMerroKe.

Staatssekretär Hughes rettet die Konferenz.

(Eigene Drahimesdung.s

Rotterdam, 26. Juli.

Der Amsterdamer Telegraf meldet ans Lon­don vom Freitag abend: Den ganzen Tag hin­durch hatten die Finanzlente der Konferenz B e - sprechungen mit den Bankiers Am Abend war in den Konferenzkreisen ein unge­wöhnlicher Optimismus festzustellen. Mit großem Interesse werden die Aktionen de-s Staatssekretärs Hughes verfolgt, den man trotz seiner Beteuerungen, mit der Konfe­renz nichts zu tun zu haben, für den gegenwär­tig wichtigsten Mann in London hält, und dem man das Serbien ft znfchrcibt, die Kon­ferenz gerettet zu haben. Staatssekretär Hughes wird das Wochenende mit Mardonald ver­bringen. Hughes hat nicht nur an der Don­nerstag-Besprechung sondern auch an der Frei­tag-Abendsitzung der alliierten Minister teil- genommen. Die

Aktivität Amerikas macht sich in steigendem Matze geltend.

Die amerikanischen Finanzsachverständigen ha­ben bereits die Zuziehung weiterer Finanzlente aus Amerika und den alliierten Ländern in der Konferenz beantragt, um der Anleihe an Deutsch­land eilte breitere Basis zu schaffen.

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Bas Gksomtdiid am Wocyenfchluß.

L o n b o n, 26. Juli. (Eigene Drahtmeldung) lieber die allgemeine Atmosphäre auf der inter­nationalen Konferenz erfährt Reuter unter an­derem: Gestern abend herrschte in verantwort lichen Kreisen daS Gefühl einer behutsamen Zuversicht. Es wird erklärt, dah die Kon­ferenz bereits einen grotzen Teil ihrer Aufgabe» erledigt hat und datz alle Arbeiten, die ihr ob­liegen, so gut wie beendet find. Mo jetzt noch übrig bleibt, sind politische und haUpolt- tische Fragen, deren Behandlung den Dele- gationschess überlassen bleiben mutz. Zwei Fra­gen müssen noch geregelt werden. Die erste und wichtigste ist die der Haltung der Ban- kiers gegenüber den Bedingungen für die Aus­gabe einer deutschen Anleihe. Die zweite Frage betrifft die Eisenbahnen, deren Re­gelung jcooch als sicher gilt. Was die Dauer derKonferen, betrifft, fo besteht starke Hoff­nung, datz der schwerste Teil der Arbeit am Montag über acht Tage erledigt sein wird. Rach Ankunft der Deutschen wird noch eine Woche notwendig fein, bevor es möglich ist, irgend ein Abkommen zu erreichen.

©le lassen mit sich reden.

Genf, 26. Juli. (Eigener Drahtbericht.)! Gestern abend lagen in Paris Informationen vor, nach denen die Bankiers auf der Lon-! doner Konferenz unter Umständen für ein ge- wisfes Rachgeben seien. Namentlich sollen die Bankiers die französischen Forverunge» nicht mehr so schroff ablebnen wie bisher. Jedoch ist eine neue Entwicklung der augenblick­lichen Lage in London vor den nächsten Tagen nicht zu erwarten. Anfangs nächster Woche begeben sich führende französische Ban­kiers nach London, um ihren Finanzminister bei seinen Verhandlungen mit den englischen und den amerikanischen Finanzlentrn zu unterstützen.

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Auf vorgkfchodenem Vollen.

Basel, 26. Juki (PrlvatkelegraMM l Die Baseler Nachrichten melden aus London: Am Freitag abend war bai Gesamtbild der Konfe­

renz insofern geklärt, alS weder Herriot noch TheuniS den Sonntag über Eng­land verlassen werden. Dadurch >st die Aussicht auf eine grundsätzliche Verstau, digung biS zur Vollsitzung am SDlontaa ge­geben. Die neuesten Börsenschwankun. gen des Frankenkurses nach unten führt man auf die Haltung der französischen Dele­gation zurück. Herriot hat einem Korrespon­denten gegenüber erklärt, erstehe unverändert auf dem Standpunkte der Rechte der Reparations- kommWcn auf Grund des Versailler Vertrages.

Deutschland atmet aus.

Die Einladung gebilligt .. Zur Verständigung. (Eigener Drahtbericht.z

Parks, 26 Juli

Der Sonderberichterstatter der Agence Havas in London meldet, der aus einem französischen und einem englischen Rechtssachverständigen zu­sammengesetzte Ausschuß (Fromageot und Sir Eeril Hurst), der ein Gutachten über die Hinzu­ziehung deutscher Bertreter erstatten soll, hat feftgestellt, daß die Deutschen berufen und zu gewissen Modalitäten der Dnrchfüh- runa des Sachverständigenplanes Stellung nehmen müssen. Auch die Londoner Meldung, wyn-ich die

deutsche Regierung ausgefordert worden ist, eine Delegation für London bereitzuhaltcn, trifft tatsächlich zu. Diese Aufforderenng ist aber lediglich in einer inoffiziellen Mitteilung enthal­te», a»S der auch hervorgehl, datz Deutschland alS gleichberechtigtes Vorhand- lungsmitglied zur Konferenz znyelaffen werden soll. Die Regierung Marx-Streseman». deren innerpolitische Position in den letzten Wo­chen nuf§ schwerste gefährdet war, ist nunmehr von einer ernsten Sorge befreit. Reichskanzler Dr. Marx, der die Führung der deutschen De­legation in London übernehmen soll, wenn nicht unvorhergesehene innerpolitifche Schwierigkeiten feine Anwesenheit in Berlin erfordern, Hali cs für dringend notwendig, in London eine

Verständigung über die Durchführung des Gutachtens zu erzielen, damit endlich der Instand dauernder Spannun­gen und Konflikte beendet werden kann. Ein Scheitern der Londoner Konferenz wäre nicht nur für Deütfchland, sondern für ganz Europa ein Unglück. Die deutsche Delegation werbe allerdings von den grundsätzlichen Forderungen Deuffchlanbs nicht ab- gehen können, da diese ein Mindcstpro- »ramm darstellen. Man könne schon jetzt vor­aussehen, daß es große Schwierigkeiten gebe.

Sie Äowesnefrtz? im 3te!d)6tag.

Berlin, 26. Juli. (Privattelegramm.) Ter Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses hatte gestern eine einstündige Unterredung mit dem Reichskanzler. Der Reichstag wird nach ben Dispositionen des Aeltestenausschrifses programmäßig bis spätestens 10. August die Dawesgesetze verabschieden, von denen die Regierung immer noch annimmt, daß sie eine Mehrheit im Reichstag finden Die Reparationskommission Hit in ihrer gestrigen Sitzung sich mit den Gesetzentwürfen zu den deutschen Industrie - Obligationen in Höhe bis zu fünf Milliarden Goldmark befaßt Der Tert dieses GesetzentwurseS muß von der Kommission geprüft werden, bevor er dem Reickstag zvgeht, um dann erst Gesetzes- kraft zu erlangen. Genau so verhält es sich mit den übrigen Gesetzentwürfen zur Goldmark­bank und zur deutschen Ersenbahn, die bis zum 15 August verabschiedet werde» sollen.

Sine aussichtslose Frage

Berlin, 26. Juli (Eigene Drabtmeldung.) Von deutschnationaler Seite ist an die Reichs- regierung die Anregung ergangen, in London den amerikanischen Vorschlag anzunehmen und den alliierten Regierungen nahezulegen, sich auch über die E n dsu mm e der Reparativ ns- Zahlungen, die von dem Sachverständigen- Gntachten nickt berührt werden, zu einigen. Die Reichsr^gierung hält jedoch diesen amerika­nischen Vorschlag für undiskutabel, weil die französische Regierung von vornherein mir unter der Bedinanng an der Konferenz teil« genommen hat, daß über die Endsumme und die damit verquickte Schuldfrage nickt gesprochen wird Es würde also Deutschlands Position sehr verschlecktern, wenn die deutschen Delegier­ten den aussichtslosen Versuch machen würden, diese Frage in Loudon anzufchneiden.

Träumer Tschitscherin.

Sven Hedins Audienz im Kreml.

Sn seinem soeben erilhelnensen Werk«Bon Peking nach Moskau" berichtet Sven A-dtn, der unerschrockene Forscher und Borkämpser der Wahrheit «nd treueste Deutschenfreund, in plastischen, eindruckSooUen Kapiteln Land «nd Lent« tm östlichen Europa utiB stellt zugleich dir überragende eftal« unter den Sotvjet- Machthabern, Tschitscherin, in einem meister­haften Portrüt vor UNS hin. SS heitze n. a.:

Ein Wachthabender in bis zum Hals zuge­knöpfter Nationalbluse, mit Gürtel um den Leib und in hohen Stieseln, empsicg mich, schreibt Hedin, und führte mich in ein Wartezimmer. An der Tür des Empfangszimmers stand ein Soldat in Mantel und Mütze mit Gewehr bei Fuß. Er stand unbeweglich, ohne nach mir zu sehen und ohne mit den Augen zu zucken. Ich iveiß nicht, ob er atmete. Ich glaubte, er s« von Papiermachee. aus einem Panovtikum ge­holt und als Dekorationsfigur aufgestellt.

Der Wachthabende ging hinein und rneldete mich an. Er kam gleich wieder heraus und ließ die Tür offen:

Bitte, treten Sie ein.*

Tschitscherin saß an seinem Schreibtisch, der offensichtlich nach der Arbeit des Tages von Aktenstücken gereinigt war. Er hieß mich lie­benswürdig willkommen und wir ließen uns jeder an einer Seite des Schreibtisches nieder. Nun begann ein Gespräch, das volle zwei Stun» den dauerte. Es drehte sich um ven Welt­krieg im allgemeinen und um bte euro­päische Politik im besonderen. Der Volks­kommissar für auswärtige Angelegenheiten fragte mich nach meinen Eindrücken aus Amerika, Ja­pan, China und der Mongolei und teilte meine Bewunderung für die hohe und alte Kultur der Chinesen. Ei hoffte, die Vereinigten Staaten würden ihre Bedenken lallen fafftn und im Hinblick auf die Vorteile, bte sie selbst davon haben könnten. Rußland anerkennen Mit auffallendem Interesse hielt er sich bei Tibet ans und er zeigte sich bemerkenswert gut be­wandert in den geographischen, ethnologischen und religiösen Verhältnissen des geheimnisvol­len Landes. Dabei äußerte er auch seine An­sichten über die wahrscheinliche politische Ent­wicklung Tibets, bte burch beffen Lage zwischen Ebina unb Vritisch-Jnbien bedingt werde. Alles, was er sagte, war

durchaus taktvoll und leidenschaftslos.

Er machte nicht den geringsten Versuch, mich von der Vortrefflichkeit der Sowjetrepubliken oder den Vorteilen des Bolsckewismus zu überzeugen, sondern er überließ es ganz und gar mir selbst, Schlüsse zu ziehen, die mir beliebten. Ich hotte volle Freiheit, zu sehen, was ick wollte. Er be­dauerte nur, daß ich nicht länger als eine Woche bleiben konnte. Es schien ihn auch nicht im ge­ringsten zu interessieren, welche Ansichten ich selbst über den Bolsckewismus als sol­chen hatte, geschweige denn über die Aussichten seiner zukünftigen Verbrcitnng in der Welt. Wir sprachen Deutsch: er beherrschte die deutsche Sprache mit größter Leichtigkeit Fran­zösisch und Englisch spricht er gleichfalls fließend. Seine Bildung stand auf der Höhe des Wissens, das man bei einem Diplomaten erwarten kann. Aber er ist ja auck ein Mann aus den Tag?» des alten Regime, dessen diplomatischem Korps er angehörte. Er stammt von altem rujsiichcm Abel ab. lieber bie Stellung, bie ich während des Krieges eingenommen batte, war er sehr gut unterrichtet und er sand sie natürlich. Er

sympathisierte merklich mit Deutschland, wenn er auck mehrere der Mißgriffe hervorhob, die die Deutschen begangen hatten, vor allem in Bre st- Lilows k. Seinem Aeußeren und seinen Worten nach machte Tschitscherin nicht den Eindruck, mehr Bolschewik zu sein als -ch Das sagt vielleicht nickt viel, denn auch in rein bol­schewistischen Kreisen habe ick nur nette und anständige Leute getroffen, nnd ick brachte meh­rere Male einige Stunden mit den ergebensten Jüngern der neuen Lehre ohne daß ein Wort in bolschewistischem Geiste geäußert wurde. Auf mich machte Tschitscherin den

Eindruck eines gelehrten Philosophen, eines Denkers und Träumers, der durch bie Mackt der Umstände in äußerst nahe Berührung mit fürchterliche» Realitäten gekommen «st. Er war ruhig und beherrscht, sprach nicht hitzig und gehässig von irgend je- man®, sondern schien eher ein großes Vergnügen darin zu finden, die Menschen und ihre Wege, die Wett und ihren Gang zu studieren. Aber hinter dieser ruhigen Oberfläche verbarg sich auch eine Werfftätte, die Tag und Nacht arbei­tete und ihre ZukunstSziele vollkommen klar vor sich batte. Georgtj Wastljewiffch Tschitscherin ist ein ziemlich stattlicher, kräftig gebau» ter Mann. Seine Augen sind groß, klug und freundlich, sein BNck durchdringend >mb for- lchend. Die Stirn ist hochgewölbt, die Nase kräf- tig und etwas gebogen, die Lippen lächelnd. Er trägt einen Schnurrbart und einen fieinen Kinn- bart. Im Jahre 1918 wurde er Volkskommissar